Predigt über Genesis 11, 1-9: Der Turmbau zu Babel   

Pfarrerin Angelika Obert (D), Ökumenische Jury 2010

Man vermutet, dass auch heute noch mehr als 4000 Sprachen gesprochen werden. Es gibt dafür keinen plausiblen Grund, denn die Sprechorgane sind bei allen Menschen ähnlich. Warum unterscheiden wir uns dann so sehr in der Art, wie wir sie benutzen? Die Geschichte vom Turmbau zu Babel erklärt uns das Rätsel als Gottes Strafe für menschlichen Übermut.

Aber dass wir überhaupt sprechen können, ist etwas, was uns mit Gott verbindet. Es konstituiert unser menschliches Bewusstsein: Nur weil wir Sprache haben, können wir die Welt benennen, können wir uns selbst erkennen und in Beziehung setzen, können wir uns auch selbst überschreiten und von Gott wissen. Dank der Sprache sind wir verbunden mit denen, die vor uns waren, und verbunden auch mit dem, was nicht ist, aber sein könnte oder sein sollte. Wir können uns das Gewesene und das Mögliche erzählen.

Aber immer bleibt etwas Unsagbares übrig, in uns und um uns, von dem wir geschieden bleiben, weil uns unsere Sprache da nicht herankommen lässt. Schlimmer noch: Unser Sprechen ist auch geeignet, uns in Täuschungen festzuhalten. Die Sprache, durch die wir einander erreichen, stärken und ermutigen können, sie dient uns auch dazu, uns zu kränken und zu demütigen. Sie ist das Mittel der Verständigung, an dem wir immer wieder scheitern. Davon erzählt uns die Geschichte vom Turmbau: Das Geheimnis der Vielfalt der Sprachen wird als eine Strafe Gottes erklärt – als etwas, was uns vom Ursprung trennt. Jenseits von Eden, aber auch jenseits von Babel finden wir uns vor: nicht im Reinen mit Gott, nicht im Reinen mit seinem Logos. Doch seit Pfingsten glauben wir, dass wir der Sprachverwirrung, die die Menschheit zerreisst, nicht ausgeliefert sind. Seit Pfingsten leben wir mit der Verheissung, dass sie heilbar ist, wo der Geist Gottes sich mitteilt. Wir leben nicht nur zwischen Babel und Pfingsten, sondern eigentlich immer: mit Babel und Pfingsten.

Heute, in unserer globalisierten Welt, sieht es manchmal so aus, als würden wir es schaffen, Gott zu überlisten. Heute ist die Menschheit nah dran, alles zu tun, was sie sich vorgenommen hat, und sie hat auch längst Wege und Mittel gefunden, Sprachbarrieren zu überwinden. Zu welcher Zerstörung die Menschheit fähig ist, weil sie nahezu alles tun kann, was sie sich vornimmt, haben wir in diesem Frühjahr mit Grauen erlebt: Es war nun kein allzu hoher Turmbau, aber eine allzu tiefe Öl-Bohrung auf dem Meersgrund, die plötzlich nicht mehr beherrschbar war. Manchmal wünschte man sich, Gott wollte auch heute noch hernieder fahren, um zu hindern, dass alles getan wird, was Menschen sich so vornehmen.

Aber es gibt auch Erfahrungen, die uns ahnen lassen, dass uns die eigene Sprache, Kultur und Religion nicht mehr unüberwindbar von Anderen trennen: Wenn wir uns aus aller Herren Länder zu einem internationalen Filmfestival treffen, erleben wir diese Nähe und Verbundenheit oft in einer besonders schönen Weise. Und das verdanken wir dem Film, der uns mit seinen besonderen Möglichkeiten wirklich hilft, unsere Sprachbarrieren zu überwinden. Wenn wir die fremde Sprache auch nicht verstehen können, so können wir die Bilder aus der fremden Welt doch lesen – wir werden gemeinsam angerührt.

Gewiss ist die Filmsprache nicht die Sprache des heiligen Geistes, nicht wahrheitsfähiger als sonst irgendeine Sprache. Im Gegenteil. Mit ihren komplexen Möglichkeiten können Filme uns erst recht verführen, täuschen und manipulieren – und sie können sogar da scheitern, wo sie sich um Wahrhaftigkeit bemühen. Sie sind wie alles Menschwerk – irgendwo zwischen Babel und Pfingsten.

Und doch: Wenn wir im Film immer wieder mitfühlen mit Kindern aus Mexiko und Frauen in China, mit Obdachlosen in Deutschland und sogar mit russischen Mafiosi – dann mag es sein, dass wir doch immer sensibler werden für die Täuschungen, mit denen wir uns so oft gegeneinander wappnen. Auf dass wir pfingstlicher werden: offener füreinander und manchmal auch fähig, ein versöhnendes, ein heilendes, ein befreiendes Wort zu sprechen.

Sonntag, 8. August 2010, 13:41