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zum Filmfestival Locarno 2012

Ursprünge der kirchlichen Jurys an Filmfestivals

Die Präsenz an Filmfestivals mit eigenen Jurys der Internationalen Organisation für Katholische Kommunikation SIGNIS und der Internationalen Organisation Kirchlicher Filmarbeit INTERFILM hat ihre eigene Geschichte. Während SIGNIS (bzw. OCIC) bereits 1948 in Venedig und seit 1952 auch in Cannes mit einer eigenen Jury präsent war, richtete die 1955 gegründete INTERFILM erst 1969 in Cannes eine Jury ein. Zuvor hatten sich beide Organisationen im deutschsprachigen Raum schon anfangs der 60er Jahre fast gleichzeitig mit je eigenen Jurys an den Filmfestivals Berlin, Mannheim und Oberhausen etabliert. INTERFILM war in diesem Kontext in Locarno bereits 1965 mit einer Jury präsent; allerdings war angesichts der damaligen Festivalpolitik keine Fortsetzung dieses Engagements möglich.

Inzwischen ermöglichten gemeinsame Tagungen der beiden internationalen Filmorganisationen OCIC und INTERFILM 1971 in Gwatt am Thunersee und 1973 in Wien verbindliche bilaterale Gespräche, die im Kontext des damaligen ökumenischen Aufbruchs der Schweizer Kirchen geeignet waren, auf die Einladung des seit 1972 in Locarno wirkenden Festivaldirektors Moritz Hadeln zur Bildung einer Ökumenischen Jury positiv zu reagieren. Was genau die Gründe und das Interesse für diese historische Einladung war, wird er im Rahmen eines Roundtable am 7. August um 14h30 in der «Magnola» auf der Piazza Grande selber berichten.

Pioniere: Ambros Eichenberger und Dölf Rindlisbacher

Leider können die damals aktiven kirchlichen Funktionsträger darüber selber nicht mehr erzählen; zum Teil, weil sie verstorben sind: Ambros Eichenberger, damaliger Filmbeauftragter des Katholischen Mediendienstes, sowie Dölf Rindlisbacher, damaliger Filmbeauftragter der Reformierten Medien; oder weil sie aus andern Gründen daran verhindert sind wie Maurice Terrail, ehemaliger Verantwortlicher des Office Protestant de Cinéma in Lausanne, sowie Yvan Stern, ehemaliger Kommunikationsverantwortlicher des Bistums Lausanne-Genève-Fribourg.

Locarno hat Cannes und viele andere Festivals inspiriert

Die erste ökumenische Juryerfahrung 1973 in Locarno hat dazu geführt, dass OCIC und INTERFILM in Absprache mit der Festivaldirektion 1974 auch in Cannes eine Ökumenische Jury einrichteten. Die guten Erfahrungen führten schliesslich dazu, dass im Laufe der Jahre sukzessive an weiteren Film Festivals ökumenische Jurys eingerichtet wurden, zum Teil auch an Festivals, die nicht mit dem Glamour von Cannes glänzen können und doch wichtig sind für die Vermittlung des unabhängigen und kulturell wertvollen Filmschaffens: 1979 in Montréal, 1990 in Leipzig, 1994 in Karlovy Vary, 1998 in Fribourg, 1999 in Kyiv und Cottbus, 2000 in Zlin, 2007 in Yerevan, 2010 in Warsaw und zuletzt 2011 im ungarischen Miskolc. Am Festival Visions du Réel in Nyon ist die früher bestehende Ökumenische Jury nach einem längeren Unterbruch im Jahr 2005 durch eine Interreligiöse Jury abgelöst worden. Gleichzeitig wurden getrennt geführte Jurys ökumenisch zusammengelegt (Berlin seit 1992, Mannheim seit 1995, Oberhausen seit 2000). Es gibt Ökumenische Jurys wie diejenigen in Moskau (1989-1993), Petersburg (1994-1997) und Bratislava (2001-2009), die aus unterschiedlichen Gründen nicht von Dauer waren. Zudem haben SIGNIS und INTERFILM an einigen Festivals unabhängig voneinander eine eigene Jury. Insgesamt kann man die Zusammenarbeit der beiden Organisationen im Bereich der Festivalpräsenz und des Dialogs über Kirche und Film als eine ökumenische Erfolgsgeschichte bezeichnen.

Kriterien für den Preis

Von Zeit zu Zeit evaluieren und modifizieren SIGNIS und INTERFILM gegebenenfalls im gemeinsamen Gespräch die den Jurys zugrunde liegenden Richtlinien und Kriterien für die Beurteilung der Filme und die Wahl eines Festival-Preisträgers. Kurz zusammengefasst lauten die Kriterien:
«Die Ökumenische Jury verleiht ihren Preis (evtl. auch eine Lobende Erwähnung) im Internationalen Wettbewerb des Festivals an den Film eines Regisseurs, dem es mit wirklicher künstlerischer Begabung gelingt, ein menschliches Verhalten oder Zeugnis zum Ausdruck zu bringen, das mit dem Evangelium im Einklang steht, oder die Zuschauer/den Zuschauer für spirituelle, menschliche oder soziale Frage und Wert zu sensibilisieren. Sie schenkt ihre Aufmerksamkeit qualitativ herausragenden Werken, welche spirituelle Aspekte unserer Existenz berühren und Werte wie Menschenwürde, Gerechtigkeit, Respekt gegenüber der Umwelt, sowie Frieden und Solidarität ansprechen. Solche Werte, die allen Kulturen gemeinsam sind, entsprechen auch jenen des Evangeliums. In ihren Entscheidungen zeigt die Ökumenische Jury eine Offenheit gegenüber kulturellen, religiösen oder sozialen Unterschieden.»

Diese Leitlinien gelten für kirchliche Filmjurys weltweit. Auch die Jury von Locarno orientiert sich daran und sucht nach dem besten Film im internationalen Wettbewerb.

Ereignisse am Festival del film Locarno 2012

  • Samstag, 04.08.2012, 21.00 Uhr, La Sala: Vorführung des Preisträgers «Iluminacja», Regie: Krzysztof Zanussi, Polen 1973 (siehe auch Festivalprogramm)
  • Sonntag, 05.08.2012, 11.15 Uhr: Ökumenischer Gottesdienst in der «Chiesa Nuova» Locarno
  • Sonntag, 05.08.2012, 14.30 Uhr: Roundtable (Leitung: Charles Martig) mit der diesjährigen Jurypräsidentin Julia Helmke, dem Filmkritiker Michael Sennhauser, dem ehemaligen Festivaldirektor Moritz de Hadeln und dem Spezialgast Krzysztof Zanussi, in der «Magnola», Spazio RSI/Piazza Grande
  • Samstag, 11.08.2012, Nachmittag: Preisverleihung der unabhängigen Jurys, Spazio Cinema

Informationen

Ökumenische Jury Locarno: www.kirchen.ch/filmjury
Medientipp: www.medientipp.ch/film
Festival del film Locarno: www.pardo.ch
Themendossier «Kirche & Film» von kath.ch: www.kath.ch/index.php?&na=12,0,0,0,d,67962

Fotos für Medien

Regisseur K. Zanussi bei Dreharbeiten und Filmstills aus dem Preisträger «Iluminacja»: www.kirchen.ch/filmjury/foto

Mittwoch, 11. Juli 2012, 10:29