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Wiens Erzbischof auf nächtlichem Lehrpfad

Verpatzte Entlassung des Generalvikars durch Schönborn

Der Erzbischof von Wien, Kardinal Schönborn, hat sich bei der Absetzung seines Generalvikars so merkwürdig benommen, dass er sich bei diesem schliesslich entschuldigte. Der Kardinal beteuert, aus eigenem Antrieb gehandelt zu haben. Die Angelegenheit lässt erkennen, dass Schönborn und sein Gegenspieler, der Bischof von St. Pölten, Krenn, im Grunde dasselbe wollen. Das Kirchenvolk reagiert mit vermehrten Austritten.

B. A. Wien, 26. Februar

Der Wiener Erzbischof, Christoph Kardinal Schönborn, hat mit der Absetzung seines Stellvertreters, des Generalvikars Helmut Schüller, ein eigentliches Fiasko erlitten. Er musste alsbald eingestehen, falsch gehandelt und «die Reihenfolge vertauscht» zu haben. Er hatte sich offenbar gescheut, seinem engsten Mitarbeiter ins Gesicht zu sagen, dass er entlassen sei; der Kardinal wählte den schriftlichen Weg. Dies ist um so mehr befremdlich, als der Begriff «Dialog» seit ein paar Jahren im Zentrum mancher Bemühung steht, die zerstrittene österreichische Kirche zu einen. Nun stellt sich heraus, dass der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Schönborn, nicht einmal mit seinem Generalvikar redet, ehe er ihn vor die Tür setzt. Apropos Tür: Schüller fand den Kündigungsbrief – so wird unwidersprochen kolportiert – frühmorgens vor dem Eingang zu seiner Wohnung im Palast des Erzbischofs. Es wirkt fast wie eine Selbstdemontage, dass der Kardinal Anlass zur Vorstellung gibt, er treibe sich nächtens in den Fluren seines Palastes herum und lege dem Personal Instruktionen oder Schlimmeres auf die Fussmatte.

Kein Druck von aussen?

Abgesehen von seiner spirituellen Rolle ist der Bischof einer Diözese auch der Chef einer Organisation, die im Falle Wiens sehr gross ist. Die Funktion des Managers fiel weitgehend Schüller zu. Schönborn will laut eigenen Angaben selbst mehr Führungsaufgaben übernehmen. Bei einem derartigen Einstand bestätigt der Kardinal seinen Ruf, für derlei ganz und gar ungeeignet zu sein; Schönborn räumt ein, er habe noch viel zu lernen. Im Priesterrat brandete ihm unverblümte Kritik entgegen. Der Priesterrat, ein gewähltes Gremium, das den Bischof zu beraten hat, hielt fest, dass sich der Herr Kardinal bei Generalvikar Schüller für die Vorgangsweise bei der Abberufung entschuldige. Der Priesterrat duckte sich gegenüber Schönborn nicht. Dies lässt sich an der Formulierung erkennen, der Herr Kardinal habe «mehrfach glaubhaft deutlich» gemacht, dass nicht Druck von aussen seine Entscheidung verursacht habe.

Das Echo in den Medien ist fast schon vernichtend. Die Absetzung Schüllers wird überwiegend als Anzeichen eines Kurswechsels kommentiert. Dies bedeute, dass der «Dialog für Österreich» zwischen Kirche und Kirchenvolk einseitig für beendet erklärt sei. Schönborn widerspricht dem zwar; doch was gilt sein Wort? Er vermochte die Absetzung seines Generalvikars nicht überzeugend zu begründen. Der Kardinal dringt auf spirituelle Erneuerung. Der Priesterrat besteht demgegenüber darauf, dass Schüller weder einer Modernisierung der Strukturen der Kirche im Wege stehe noch «einer tiefen, evangeliumsmässigen Spiritualität».

Schönborn baut im Zuge der auch vom Papst viel beredeten Neu-Evangelisierung auf sogenannte Movimenti, konservative Bewegungen, die sich als Eliten verstehen. Schönborn ist der Ansicht, die Kirche stehe an einem Wendepunkt von der Grosskirche zur «bekennenden Kirche»; beim Übergang von einer zur anderen geht es anscheinend darum, die Spreu vom Weizen zu trennen. Nicht jede Suche nach Fundamenten sei schon Fundamentalismus; mit diesen Worten nimmt Schönborn die «Movimenti» gegen den Vorwurf in Schutz, sie verengten die Kirche und handelten wie Sekten.

Mehr Austritte aus der Kirche

Die Amtsenthebung Schüllers erscheint wie ein Triumph des Bischofs von St. Pölten, Kurt Krenn. Vor kurzem noch rief Schüller öffentlich den Vatikan dazu auf, Krenn, Schönborns Gegenspieler in der Bischofskonferenz, Einhalt zu gebieten und notfalls abzusetzen. Das Ergebnis: Krenn bleibt, Schüller geht. Selbst wenn Krenn mit Schüllers Sturz nichts zu tun haben sollte, hat Schönborn doch eine Runde im Zweikampf verloren. Wichtiger allerdings ist die Bestätigung, dass Krenn und Schönborn zwar um die Vormacht ringen mögen, in der Sache aber eigentlich ein Herz und eine Seele sind. Schönborn zählt sich offenbar – wie Krenn – zu jenen, die wegen des Dialogs für Österreich ein tiefes Unbehagen empfänden, bei so viel Zeitgeist und so wenig «Vertrauenkönnen». Viele Laien, die von ihren Bischöfen hoffnungsfroh drastische Reformen verlangen, werden erkennen, dass sie naiv waren, dass ihr Vertrauen falsch investiert ist. Wie es heisst, haben die Austritte aus der Kirche in dieser Woche spürbar zugenommen.

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