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Ein Leben im Bann der Kirche

Zum 200. Geburtstag Ignaz von Döllingers

von Victor Conzemius

Der Münchner Kirchenhistoriker Ignaz von Döllinger ist die Symbolgestalt des kirchlichen Rebellen im neuzeitlichen Katholizismus. Für die einen ist er der Abtrünnige, der 1870/71 mit seiner Kirche aus professoraler Hybris brach, für andere hingegen die Verkörperung eines freiheitlichen, wissenschaftlich orientierten Katholizismus, der an römischem Machtanspruch und Gewissenszwängerei zerbrach. Zwischen diesen beiden Polen schwankte sein Bild bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Dann lockerten sich die festgefahrenen Kategorien. Döllinger war weit mehr Mann der Kirche geblieben, als sein Einspruch gegen die Papstdogmen – Stich- und Reizwort Unfehlbarkeit – und der 1871 gegen ihn ausgesprochene kirchliche Bannfluch es vermuten liessen.

In seinem langen, das 19. Jahrhundert umspannenden Leben gab es Übergänge, die die Brüche verhüllten. Man hat gemeint, sein Leben in drei Teile zerlegen zu können: Kampf für die Kirche, Kampf mit der Kirche und schliesslich Kampf gegen die Kirche. Das ist eine sehr äusserliche Sicht, die der inneren Einheit dieses Lebens nicht gerecht wird. Die Kirche blieb der einheitsstiftende Mittelpunkt seines Lebens, auch in den Phasen des Widerspruchs und der Isolierung. Es war stets die Kirche, für die der 1826 zum Professor für Kirchengeschichte an der Universität ernannte Ignaz Döllinger sich einsetzte. Der Görres-Kreis formte den jungen Dozenten zum politischen Theologen. Joseph von Görres, der sich vom Jakobiner zum Antiaufklärer gewandelt hatte, war sein Lehrmeister. In seinem Haus in der Schönfeldstrasse liefen die Fäden katholischer Publizistik und der Einmischung in kulturpolitische Tagesfragen zusammen. Mit jungen Franzosen der Nachrevolutionsgeneration wollte Döllinger eine alliance intime bilden, eine Art Wissenschaftskolleg auf privater Basis.

Ultramontanismus und Demokratie

Der Görres-Kreis zielte bewusst auf Wirkung in der Öffentlichkeit. Er verstand sich als freiheitlich-demokratische Bewegung und war sich seiner Wurzeln im Volke bewusst. Er war königstreu, scheute jedoch die Auseinandersetzung mit dem Staatskirchentum nicht. In den Jahren 1815–50 war Rom der stärkste Rückhalt gegenüber der einschnürenden Domestizierung der Kirche durch die Ministerialbürokratie. Dafür nahmen die deutschen Ultramontanen das autoritäre Kirchenregiment des römischen Partners nicht so genau unter die Lupe. Der junge Döllinger wünschte sich tatkräftige Männer im Episkopat, nicht solche, die sich duckten bei staatlichen Eingriffen. Draufgängerische Selbstüberschätzung war mit der Bewegung verbunden. Das bekamen besonders die Protestanten in Bayern zu spüren, aber auch die katholischen Aufklärer. Der guten Sache zuliebe hielt Döllinger es nicht für ehrenrührig, der Münchner Nuntiatur als Informant zu dienen und bei Bischofswahlen zu intrigieren.

Ein Höhepunkt dieser Jahrzehnte war sein Auftreten in der Paulskirche 1848. Seine aus dem Stegreif gesprochene Rede über Kirche und Staat verteidigte die Kirche als Anwältin der Freiheit. Diese Rede ging in die Erklärung der Frankfurter Nationalversammlung über die Religionsfreiheit ein. Nach 1848 lockert sich die Identifikation Döllingers mit der römischen Kirchenpolitik. Einmal, weil eine Reihe von Zielen des frühen Ultramontanismus erreicht waren. Das Staatskirchentum alten Schlages war auf dem Rückzug. Die katholische Öffentlichkeit war in zunehmendem Masse für die eigene Sache sensibilisiert.

Die Jahre nach 1850 sind für ihn Jahre ruhigen wissenschaftlichen Schaffens. In dieser Periode entstehen seine wissenschaftlichen Hauptwerke: «Hippolytus und Callist» (1853), «Heidentum und Judentum» (1857), «Christentum und Kirche» (1860). Den römischen Paradigmenwechsel unter Pius IX., der heute gerne – höchst unzutreffend – als Kampfansage an die Moderne bezeichnet wird, hat er sehr spät zur Kenntnis genommen. Eigentlich nur dann, wenn die Ungleichzeitigkeit der theologischen Entwicklungen in Deutschland und Italien zu Spannungen in der Setzung kirchlicher Prioritäten führte. So 1860 in der Frage des Kirchenstaates, 1863 in der Forderung nach ökumenischer Orientierung der katholischen Theologie, schliesslich anlässlich der vom römischen Kurienkardinal Graf Reisach betriebenen Pläne, die Theologen weg von den theologischen Fakultäten in kasernenartige Priesterseminare zu verlegen.

Konzentration auf das kirchliche Eigenleben und Abschottung nach aussen – gewissermassen eine Kompensation für den nicht haltbaren Kirchenstaat – waren die Signatur des vom Revolutionstrauma gezeichneten Pius IX. So unmodern war diese Kirchenpolitik keineswegs. Sie verstand all das zu nutzen, was die innere Straffung und kirchliche Globalisierung beförderte. Die Ausweitung des Primates und die Unfehlbarkeitserklärung auf dem Ersten Vatikanischen Konzil lagen ganz auf der Linie der Autoritätsstraffung und der Modernisierung.

Zwischen den Fronten

Döllinger war Ende der sechziger Jahre mit der Abfassung eines grossen Werkes über das Papsttum beschäftigt. Dabei entdeckte er die mittelalterlichen Fälschungen und ihre Auswirkungen auf die Entwicklung des Papalsystems. Doch sein Schluss, dass das ganze System auf fein von Rom gesponnenen Fälschungen beruhe, war ein Trugschluss. Er übersah, dass spätere Theorien, ob Fälschungen oder nicht, einen faktischen Zustand legitimierten. Vollends überschätzte er die Möglichkeiten des Historikers, die Auswirkung von Fälschungen genau festzulegen, ja die Wucherungen rückgängig zu machen. Als er dann während des Konzils aus dem reichen Arsenal seines Wissens schweres Geschütz gegen die infallibilistische Richtung aufzog, verhedderte er sich in einem polemischen Journalismus. Der Beifall kam von einer Seite, die die Motive seines Einsatzes nicht verstand. Dafür verscherzte er sich die Sympathien des keineswegs geschlossen infallibilistisch denkenden Episkopats.

Es war sein eigener Bischof, Erzbischof Gregor von Scherr, der am 17. April 1871, zum Teil unter dem Druck des Seelsorgeklerus, der eine grössere Abspaltung in München befürchtete, die grosse Exkommunikation über den «Ajax» des Ultramontanismus aussprach. Döllinger schloss sich der im Altkatholizismus sich organisierenden Protestbewegung nicht an. Er warnte davor, Altar gegen Altar zu stellen. Nicht aus Altersschwäche, wie orakelt wurde, sondern aus innerster Überzeugung, aus Treue zu seinem Kirchenideal. Er widerstand ebenso beharrlich allen Versuchen, sich mit der römischen Gemeinschaft auszusöhnen. Er hatte sich ein ruhiges Gewissen erkämpft. Als er am 10. Januar 1890 starb, bereitete die Stadt ihrem Ehrenbürger ein feierliches Begräbnis. Seine Nichte, die ihn in den letzten Tagen gepflegt hatte, bedauerte, dass im Trauerzug zwar die Vertreter aller in München aktiven Kirchen, akademischen Korporationen und des Staates schritten, nur nicht diejenigen der Gemeinschaft, welcher er sich immer noch zurechnete. Die Kirche, die ihn mit dem Bann belegt hatte, hat es verstanden, ihn in ihrem Bann zu halten.

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