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Glaubensexperimente

Jim Crace: «Die Versuchung in der Wüste»

von Jörg Häntzschel

Es vergeht einige Zeit, bis in Jim Craces Roman «Die Versuchung in der Wüste» eine Gestalt am Horizont auftaucht, die Jesus heisst. Erst werden die Hauptfiguren eingeführt: der despotische, aber todkranke Händler Musa und seine schwangere Frau Miri, die von der Karawane, der sie angehörten, als hinderlicher Ballast mitten in der Wüste zurückgelassen wurden. Mit vier anderen Pilgern trifft Jesus auf das gestrandete Händlerpaar – barfuss, ohne Proviant und Wasser. Er wünscht dem Sterbenden beiläufig gute Genesung, bedient sich an dessen Wasservorrat und verschwindet wieder. Zeit, sich weiter um den Mann zu kümmern, hat er nicht, er muss ja fasten! – Das soll Jesus sein? Es scheint so, denn am nächsten Morgen erhebt sich Musa gesund vom Sterbebett, und das Grab, das seine Frau – in der Hoffnung, sie wäre endlich von ihm befreit – schon ausgehoben hat, füllt sich mit Wasser.

Realität contra Metaphysik

Was bringt den britischen Schriftsteller Jim Crace, dessen Roman letztes Jahr für den Booker- Preis nominiert wurde, dazu, die Episode der vierzigtägigen Fastenzeit Jesu und seiner Versuchung durch den Teufel heute neu zu erzählen? Warum sich einmal mehr an dieser Figur und ihrer menschlich-göttlichen Ambiguität abarbeiten? Nichts läge dem erklärten Atheisten Crace ferner als ein belletristisches Heiligenbildchen, eine heroische oder frömmelnde Illustration der knappen Sätze aus dem Matthäus-Evangelium. Geht es also, trotz dem braven Titel, um Subversion, wie die versteckt ironische Schilderung der Wunderheilung zunächst vermuten lässt? Oder geht es darum, die Bibel in aufklärerisch-szientistischer Manier an einer exemplarischen Passage richtigzustellen, wie das Motto nahelegt, das dem Roman vorangestellt ist? Ein Mensch, so heisst es dort, kann mehr als 30 Tage totalen Fastens nicht überleben – und nach dieser Zeit lässt Crace seinen Jesus schliesslich auch sterben.

Nein, Crace spielt ein Spiel, führt ein Experiment durch. Er wendet ein naturalistisches Modell an, um einen Vorgang darzustellen, der sich dem Naturalismus zunächst völlig zu widersetzen scheint. Crace lässt seine Poetik des Konkreten und Realen gegen das metaphysische Sujet anlaufen – und wartet dann ab, was passiert.

Die vier Pilger richten sich, zusammen mit Jesus, in der bühnenartigen Zone in der Wüste ein, die das Händlerpaar abgesteckt hat. Die vier sind gekommen, um fastend das Leid ihres früheren Lebens hinter sich zu lassen – Krebs, Unfruchtbarkeit, Wahnsinn. Jesus, stolzer und fanatischer als die anderen, ein wenig pubertär fast, will sein Menschsein niederzwingen und Gott herausfordern, sich zu offenbaren. Nicht nur Wasser und Nahrung versagt er sich, auch alle menschlichen Kontakte. Er sucht sich die unzugänglichste Höhle und ist für die anderen nur momentelang von ferne sichtbar wie ein Engel – oder ein Gespenst. Doch ihre Gedanken kreisen ständig um diesen Verrückten, der anwesend und abwesend zugleich in seiner Höhle langsam verdurstet. Ist er wirklich der «Heiler», auf den sie warten, wie Musa täglich beteuert? Und wenn ja, warum hat er den fetten, gewalttätigen Unterdrücker gerettet, dem selbst die eigene Frau den Tod wünscht, und nicht sie, die sich der ernsten Prüfung des Fastens unterziehen?

Grosse Hoffnungen, kleine Wunder

Crace ist ein Erzähler des Uneindeutigen und Unausgesprochenen. Seine Sprache (glänzend übersetzt von Walter Ahlers) lehnt sich an den lakonischen Ton der Bibel an, doch nicht um des literarischen Effekts willen, sondern um das Bewusstsein von Menschen darzustellen, die nicht durch die zivilisatorische Schule der letzten 2000 Jahre gegangen sind. In immer neuen Konstellationen führt er sie zusammen und tastet sich vorsichtig an die Sorgen und Begehren heran, mit denen sie in die Wüste gekommen sind. Wenige sparsame Andeutungen – etwa zu den Strategien, die Jesus helfen, Hunger und Durst auszuhalten – sagen hier mehr als psychologische Kategorisierungen. Je weiter die Fastenzeit fortschreitet, ohne dass sich die erhofften Wunder eingestellt hätten, desto grösser wird bei den Pilgern die Sensibilität für Geräusche, Gerüche, Licht, Farben, Wetter und Temperatur. Sie alle könnte Gott als Medium benutzen. Crace beschreibt eine Spiritualität, die noch kaum etablierte, eingeschliffene Formen kennt und deren kultische Handlungen von den praktischen Techniken des Überlebens noch ungeschieden sind. Einen Vogel zu fangen und ihn zu opfern sind zwei Praktiken, die sich ihrem Wesen nach nicht wirklich unterscheiden. Solche Techniken mit ethnographischer Genauigkeit und poetischer Wirkung darzustellen, wie das Tang-Ernten in «Der Mann, der die Welt verbessern wollte» oder das Feuerstein-Handwerk in «Das Ende der steinernen Welt», ist seit seinem Début mit dem Erzählband «Der siebte Kontinent» zur Spezialität Craces geworden.

Seit 2000 Jahren treibt ein Bedürfnis nach Konkretheit, nach Bildern die Gläubigen um, das die Bibel nicht befriedigt. Die volkstümlichen und naiven Lesarten und Aktualisierungen biblischer Texte in Legenden, auf Kirchenfenstern und an Klostermauern zeugen davon. Crace, der eine Religion im Werden beschreibt, greift auf diese Tradition zurück. Die angestrengten Versuche, die Manifestationen Gottes zu erkennen und richtig zu deuten, und die Hoffnungen, Missverständnisse und Enttäuschungen, die sich dabei ergeben, sorgen für einen Grossteil der Dramatik und Komik dieses Romans. Der kranke Musa hält Jesus für einen Wasserdieb, kaum gesund, preist er ihn als Heiler. Jesus wiederum rettet, zumindest scheint es so, einem Mann durch Handauflegen das Leben, den er später als Teufel zu erkennen glaubt, doch auch darin irrt er sich. Und was er für einen Engel hält, ist der Kadaver eines Esels, den die Pilger in eine Schlucht werfen.

Nichts läge Crace allerdings ferner, als sich über diese erratischen Manifestationen von Spiritualität lustig zu machen. Seine Figuren mögen nach Gott suchen, Crace sucht nach dem Menschlichen.

Jim Crace: Die Versuchung in der Wüste. Aus dem Englischen von Walter Ahlers. Verlag Karl Blessing, München 1998. 320 S., Fr. 37.–.

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