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Welche Zukunft wollen wir?

Diskussionsbeiträge zur ökumenischen Konsultation der Kirchen

Die Auseinandersetzung mit dem Dokument «Welche Zukunft wollen wir?» der ökumenischen Konsultation der Kirchen (NZZ 31. 12. 98) hat erwartungsgemäss eine Fülle von zum Teil sehr heftigen positiven und negativen Reaktionen ausgelöst. In ihrer Mehrheit zeigten sich die Leserbriefschreiber einig mit der NZZ. Wir veröffentlichen im folgenden einige gekürzte Stellungnahmen, die über blosse Ausdrücke des Dankes, der Begeisterung, der Verärgerung oder der Pauschalkritik hinausgehen. (Red.)

Theologiefremde Abwehrreflexe gegen den Markt

Der Austausch von Waren und Leistungen ist eine Lebensäusserung jeder organisierten Gesellschaft. Zu den frühesten Texten des alten Orients gehören Handelsdokumente (Archive vom Mari Amarna). Die grossen Kulturzentren von Mesopotamien, Kleinasien und Kreta, aber auch Ägypten, Südarabien und Indien waren zugleich wichtige Handelszentren. Kleinere Völker vermochten auf Grund ihrer geographischen Lage Schlüsselpositionen im Zwischenhandel einzunehmen. Zu diesen durch die Umstände bevorzugten Ländern gehörte seit 1000 v. Chr. auch Israel. Obwohl vom Seehandel abgeschnitten, lag Palästina im Bereich wichtiger Karawanenstrassen (z. B. der Königsstrasse, 4. Mose 20, 17). Die israelitischen Stämme interessierten sich zunächst nicht für den Handel und überliessen die Versorgung der Karawanen und die daraus resultierenden Gewinne den kanaanäischen Stadtstaaten. Der «Kanaanäer» (eigentlich «der mit rotem Purpur Handelnde») wurde so zum Inbegriff des Händlers. Erst im 10. vorchristlichen Jahrhundert gelang es Salomo, sich in den Welthandel einzuschalten; er tat es nach altorientalischem Vorbild durch staatliche Handelsunternehmungen. – «Das Gold aber, das bei Salomo alljährlich einging, wog 666 Talente, ausser dem, was einging von den Abgaben der Krämer und von den Zöllen der Kaufleute, von allen Königen Arabiens und den Statthaltern des Landes» (1. Könige 10, 14). Das salomonische Herrschaftssystem war allerdings nicht von langer Dauer. Nach seinem Zerfall füllten die Aramäer und die Phönizier sowie zunehmend der Privathandel das Vakuum aus.

Der Stellenwert des Handels in der Bibel

Der hohe Stellenwert des Handels hat sich in den Heiligen Schriften in Form von ethischen Zielsetzungen niedergeschlagen: «Du sollst in deinem Beutel nicht zweierlei Gewichtssteine haben, einen grösseren und einen kleineren. Du sollst in deinem Haus nicht zweierlei Hohlmasse haben, ein grösseres und ein kleineres. Volles und richtiges Gewicht sollst du haben, volles und richtiges Mass sollst du haben, auf dass du lange lebest in dem Lande, das der Herr, dein Gott, dir geben will» (5. Mose 25, 13–16) – «Schnellwaage und Waagschale sind des Herrn, alle Gewichtssteine sind sein Werk» (Sprüche 16, 11). – Auch der Protest der Propheten gegen Missbräuche lässt erahnen, wie verletzlich die Fairness im Handel war (Amos 8, 4 ff.). Trotz diesen Vorbehalten werden jedoch der Handel und der Marktbetrieb nirgends pauschal verurteilt. Sie bleiben vielmehr eine zentrale Stütze der israelitischen Kultur und der Bemühungen um Auskommen und Wohlstand. Das gilt auch für das spätere Judentum, besonders in der Diaspora. Im Evangelium zieht Jesus Handels- und Marktvorgänge als Metaphern heran (Anvertraute Gelder, Matthäus 25, 14–30; Schatz und Perle, Matthäus 13, 44 ff.; Gericht, Lukas 12, 57 ff.; Unbarmherziger Knecht, Matthäus 18, 23 ff.; Arbeiter im Weinberg, Matthäus 20, 1–16). Die Gleichnistauglichkeit beweist, dass der Bereich Markt, Arbeitsmarkt und Handel völlig ins Alltagsleben integriert war. Ebenso zentral sind indessen auch für das Neue Testament die ethischen Rahmenbedingungen. Sie sprechen für eine solide Ordnungspolitik und für das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen, nicht aber gegen den Handel an sich.

Absage an Utopien

Der theologische Befund bestätigt somit die kritische Beurteilung von G. S. Im ökumenischen Arbeitspapier wird die Realität an einer Utopie gemessen. Die Alternative zur Marktwirtschaft ist jedoch nicht die keimfreie Utopie, sondern der Kollektivismus mit überbordender Staatsquote. Ist den kirchlichen Sozialethikern entgangen, dass kollektivistische Systeme im 20. Jahrhundert gigantische Hungersnöte und Kriege ausgelöst haben? Und dass die Wertschöpfung überall, wo sich solche Systeme halten konnten, schwer behindert und die Armut deshalb schwer zu überwinden ist? Einige kurzfristige Nebenwirkungen des freien Marktes trüben offenbar manchen Leuten den Blick für die mittel- und langfristigen Erfolgsaussichten. Die Armut dieser Welt ist weder mit christlich aufgekochtem Marxismus noch mit moralischer Arroganz zu lindern, wohl aber durch Öffnungen und eine solide Ordnungspolitik.

Pfr. Peter Ruch (Schwerzenbach)

 

Wenn die Arbeit ausgeht

Auf einer ganzen Textseite zieht G. S. gegen eine Schrift vom Leder, von der er annehmen muss, dass sie den wenigsten Lesern im Detail bekannt ist. Er übt massive Kritik an einer Auseinandersetzung mit einer ungebremsten Weiterentwicklung von Marktwirtschaft und Globalisierung und deren absehbaren negativen sozialen Folgen und mokiert sich dabei über Leute, denen Begriffe wie Gerechtigkeit und Menschenwürde mindestens ebenso wichtige Anliegen sind wie anderen wirtschaftliche Freiheit und Gewinnmaximierung.

Shareholder value über alles?

Unbestritten bewegt sich das Konzept des Shareholder value seit etwa zehn Jahren auf einem beispiellosen Erfolgskurs. Es wurden Buchwerte geschaffen wie noch in keiner Epoche der Menschheitsgeschichte. Die meisten durch Rationalisierung, konkret durch Elimination von Arbeitsplätzen. Bisher wurde dieser Erfolg durch keine sehr einschneidenden Folgewirkungen beeinträchtigt, mindestens nicht aus Sicht der Gewinner. Den arbeitslos Gewordenen ging es materiell in der Regel nicht allzu schlecht. Und ein grosser Teil der zum alten Eisen geworfenen Frühpensionierten konnte mit grosszügigen Abfindungen bei Laune gehalten werden. Die im Arbeitsprozess Verbliebenen machen mit, auch wenn viele im Innern verunsichert sind. Schliesslich wurden sie noch aufgezogen in einer Umgebung, in der Werte wie Arbeitsethos und Pflichterfüllung grossgeschrieben wurden.

Doch was passiert mit den nachfolgenden Generationen? Was, wenn man davon ausgehen muss, dass Arbeitskraft und Arbeitswille nicht mehr Garant sein können für einen ehrbaren Lebensunterhalt aus eigener Kraft? Und wenn die Schere zwischen wirtschaftlich Erfolgreichen und weniger Erfolgreichen sich weiter öffnet? Viele «einfache» Jobs wurden bereits wegrationalisiert. Noch viele, darunter auch «nicht mehr so einfache», werden zwangsläufig folgen müssen. Doch Leute, die nicht mit besonderen Gaben gesegnet sind, wird es auch in Zukunft geben. Im Vergleich zum Rest sogar mehr davon. Denn die Anforderungen des Arbeitsmarktes werden weiter steigen, und bessere Ausbildungsmöglichkeiten greifen nur dort, wo auch die entsprechenden persönlichen Voraussetzungen gegeben sind.

Neue Allokationsmechanismen

Es würde den Herolden der Globalisierung und des ungebremsten wirtschaftlichen Fortschrittes gut anstehen, sich rechtzeitig Gedanken darüber zu machen – und Lösungen zu finden –, wie eine künftige Verteilung des Wohlstandes zu bewerkstelligen sei, wenn den traditionellen Allokationsmechanismen mittels körperlicher oder geistiger Arbeitsleistung durch die fortschreitende Rationalisierung mindestens zum Teil die Grundlage entzogen sein wird. Was soll dann mit den nicht oder nicht mehr in den Arbeits- und Erwerbsprozess Eingliederbaren geschehen? Wie sollen sie Selbstverantwortung übernehmen, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen? Sollen sie zu Almosenempfängern degradiert oder gar an den Rand gedrückt werden? Werden die so Betroffenen auch Menschenwürde und Gerechtigkeitsempfinden dem Begriff der wirtschaftlichen Freiheit unterzuordnen wissen?

Soll das soziale System nicht aus den Fugen geraten, wird es wohl ohne freiwillige Selbstbeschränkung der Wirtschaft und ohne von irgendwelchen Autoritäten verordnete Lenkungs- oder gar Umverteilungsmechanismen zugunsten der weniger Glücklichen nicht gehen, wenn der Verdrängungswettbewerb von der Ebene der Firmen mit all seiner voraussehbaren Härte auf die Ebene der einzelnen Individuen übergegriffen haben wird. Es ist daher billig, diejenigen anzugreifen, die sich um Lösungen bemühen, wo man selbst auch in Ansätzen keine vorzuweisen hat.

Peter Aemmer (Wettswil a. A.)

 

Problematische «Reich-Gottes-Verträglichkeit»

Von «Reich-Gottes-Verträglichkeit» zu sprechen ist meines Erachtens nicht nur aus ökonomischer, sondern auch aus theologischer Sicht problematisch. Man suggeriert damit wohl zu Unrecht, das Reich Gottes stelle einen moralischen Bezugspunkt dar, der argumentativ ohne weiteres in Anspruch genommen werden könne. Damit wird man weder dem Heilshandeln Gottes noch dem auf seine spezifischen Bedürfnisse orientierten Handeln des Menschen gerecht. Die Wahrnehmung und Thematisierung menschlicher Bedürfnisse kann nur im Rahmen eines bestimmten Kontexts erfolgen. Diese kontextuelle Umwelt ist als bestimmende Wirklichkeit vorgegeben, wird aber durch das spezifische Sich-in-Beziehung-Setzen des handelnden Subjekts auch selbst immer wieder neu geschaffen. Was ihre inhaltliche Bestimmung anbelangt, ist die Umwelt darum eine durch und durch variable Grösse.

Individuelle Lebensentwürfe

Der Mensch ist in seinem Handeln aber nicht nur von seiner Umwelt, sondern ebenso von einer individuellen Beziehung zu sich selbst bestimmt, die man nicht a priori mit dem moralisierenden Etikett des verwerflichen Egoismus versehen kann. Die individuelle Willenskundgebung steht natürlich einer riesigen Palette von konkurrierenden Meinungs- und Willensäusserungen gegenüber. Individualität bildet sich wohl immer da heraus, wo der Mensch sich auf Grund seiner spezifischen Selbstreferenz von seiner Umwelt unterscheidet. Dies wiederum kann nur in einem – durch individuelle Erfahrungsmomente bedingten – Realitätsbezug geschehen.

Der Ruf Jesu im Markusevangelium: «Das Reich Gottes ist nahe, kehrt um!» ist eine Aufforderung, sich auf diese neue Dimension einzustellen. Die Nähe bedeutet aber nicht, dass die Gottesherrschaft nun greifbar oder gar instrumentalisierbar wäre, wie das durch die «Konsultation» geschieht. Die Nähe des Gottesreichs will den Menschen auch für die fundamentale Differenz zwischen menschlicher und göttlicher Herrschaft, menschlicher Um-Welt-Kreation und göttlicher Weltschöpfung, sensibilisieren.

Das Leben existiert nur in individuellen Formen, das Individuum wiederum ist aber auf die Gabe des Lebens angewiesen. Individuelle Selbstverwirklichung ist nur im Rahmen einer umfassenden Lebensperspektive möglich; diese wiederum stellt einen sinnentleerten Begriff dar, wenn sie nicht durch individuelle Lebensentwürfe konkretisiert wird. Der Begriff «Reich-Gottes-Verträglichkeit» überspielt m. E. gerade die fundamentale Differenzierung zwischen göttlichem und menschlichem Handeln. Die Verkündigung von der Gottesherrschaft ist die Aufforderung an das Individuum, seine individuelle Verantwortung gegenüber sich selber und dem Mitmenschen wahrzunehmen.

Postsozialismus

Christus fordert, dass wir uns täglich dieser Aufgabe neu stellen. Wir müssen offen sein für die konkreten Gegebenheiten und dann unsere individuellen Möglichkeiten nutzen. Die «Konsultation» hat sich leider mit ihrer plakativen Gegenüberstellung von «Reich Gottes» und sogenannten weltlichen «Sachzwängen» nur im Sinne einer diffusen postsozialistischen Ideologie geäussert. Jesu Verkündigung der nahen Gottesherrschaft dagegen ist vor allem auch eine Aufforderung zum kritischen Hinterfragen der Herrschaft von Menschen über Menschen, unabhängig von der jeweils zugrundeliegenden Ideologie.

Pfr. Fredy Gujer (Zürich)

 

«Es liesse sich ziemlich viel umverteilen»

Wenn G. S. derart wütend Sturm läuft gegen die «Konsultation» der Schweizer Kirchen, muss in ihr etwas schmerzlich Wahres stecken. G. S. gibt vor, «ohne Anspruch auf eine irgend geartete Wahrheit» Stellung zu nehmen, meint aber im gleichen Atemzug, die «Konsultation» werde «einem an Freiheit, Selbstverantwortung und der Würde der einzelnen Person orientierten Menschenbild nicht gerecht». Also hat G. S. sehr wohl hinter seinen Argumenten gewisse Apriori von «ökonomischen und moralischen Wahrheiten», vor allem und zuerst sein Grunddogma von der «Unabänderlichkeit ökonomischer Gesetze». Die «Wahrheit» dieser Weltanschauung besteht darin, dass auf Grund «unausweichlicher» Sachzwänge eine durch rücksichtslose Ausbeutung überreich gewordene Oberschicht auf dem geschundenen Rücken der arbeitenden oder arbeitslosen Mehrheit ihr vergeuderisches Leben ausleben kann. Ich pfeife auf die «Würde» von Personen, die ihre Würde durch Entwürdigung ihrer Mitmenschen aufplustern. Genau so, wie der Sonnenkönig und seine Trabanten die absolutistische Monarchie als «Unabänderlichkeit politischer Gesetze» erklärt haben, will man uns heute weismachen, dass die absolutistischen Wirtschaftsmächte «unabänderlichen ökonomischen Gesetzen» unterliegen. Solche Absolutismen werden immer wieder gestürzt, wenn genügend Menschen auf die intellektuellen – und in höchster Not sogar auf die wirklichen – Barrikaden steigen.

Ökonomischer Totalitarismus

Der Autor merkt wohl selber nicht, in welch gefährlicher Nähe zu Auswahlprinzipien von lebenswertem und lebensunwertem Leben er sich mit seinen Gedankengängen bewegt, wenn er schreibt: «Spielregeln, die für alle gleich sind, können sehr wohl zu Gewinnern und Verlierern führen, weil sich nicht alle gleich anstrengen, weil nicht alle gleich geschickt sind und weil das Glück ein unberechenbarer Mitspieler ist.» Ersetzt man den Passus «weil nicht alle gleich geschickt sind» durch «weil gewisse Menschen behindert sind», gehen einem vielleicht die Augen auf, wohin dieses durch keine gemeinschaftliche Kontrolle in Schach gehaltene Spielchen «unabänderlicher ökonomischer Gesetze» führt. Es mündet in einen neuen, weltweiten ökonomischen Totalitarismus.

Es finden sich noch weitere Fragwürdigkeiten in diesem Artikel. Wo stecken zum Beispiel die «Probleme, wenn die Umverteilung den Gesamtwohlstand reduziert, wenn zwar alle ein gleich grosses Stück vom Kuchen erhalten, aber dadurch der Kuchen insgesamt kleiner wird»? Es liesse sich ziemlich viel umverteilen von denen, die unverschämt viel ihr Eigentum nennen, hin zu jenen, die nicht einmal das Existenzminimum besitzen. Es stellt sich auch die Frage, was mehr mit Solidarität und Moral zu tun hat: eine «Ethik des Teilens als Basis einer Wirtschaftsordnung» oder «internationale Finanztransaktionen», die sich um die Besteuerung herumdrücken, aber ihre Profite rücksichtslos aus der Ausbeutung «knapper Ressourcen» oder unterbezahlter Arbeitskräfte und ausgehöhlter Betriebe herauspressen. Um die Folgen für Umwelt und Menschen dürfen sich dann die Gemeinschaften kümmern, denen die Steuern solcher Transaktionen vorenthalten bleiben.

Rohrkrepierer

Je genauer man sich mit der Breitseite gegen die «Konsultation» beschäftigt, desto mehr Rohrkrepierer entdeckt man. Hoffentlich gibt es unter den Verfassern der «Konsultation» einige, die G. S. kräftig mit ihren intellektuellen Spiessen in die Schwachstellen seiner gar zu plump gehaltenen Rüstung stechen!

Hans Rickenbach (St. Gallen)

 

3. März 1999 - Neue Zürcher Zeitung

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