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Kirche-Religion-Gesellschaft


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Bekenntnisneutral, nicht wertneutral

Zum Verhältnis von Staat und Kirche

von Michael Mayer

In Zeiten, in denen sich die Zeichen sozialer Desintegration mehren und auch die Kirchen an Einfluss verlieren, scheint guter pädagogischer Rat teuer zu sein. Die Kontroverse um das Schulfach «Lebensgestaltung – Ethik – Religionskunde» in Brandenburg lässt grundsätzliche Aspekte der Problematik erkennen.

Die Verwirrung könnte grösser kaum sein: Nachdem das Oberverwaltungsgericht in Berlin Anfang November letzten Jahres die «Islamische Föderation», der enge Verbindungen zu fundamentalistischen Gruppen nachgesagt werden, als Religionsgemeinschaft anerkannt und ihr de iure damit den Weg geebnet hatte, in den Schulen der Stadt nach eigenem Gutdünken Religionsunterricht zu erteilen, stand die Berliner Schulpolitik vor einem Scherbenhaufen. In Berlin nämlich gilt die sogenannte «Bremer Klausel», Artikel 141 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland: Religion ist hier nicht, wie in Artikel 7b GG festgeschrieben, ein staatlich organisiertes Pflichtfach mit konfessionell ausgerichteten Inhalten, sondern ein auf freiwilliger Basis und in Verantwortung der jeweiligen Glaubensgemeinschaft stattfindendes Wahlfach. Stante pede forderte deshalb die städtische CDU, Religion endlich als ordentliches Unterrichtsfach unter staatlicher Obhut einzuführen und damit auch «Islamische Religion». Den Berliner Sozialdemokraten indes ging das alles zu schnell. Erst wolle man das Urteil des Karlsruher Bundesverfassungsgerichts (BVG) zur Lage im benachbarten Brandenburg abwarten, wo, gleichfalls dank der Bremer Klausel, Religion ebensowenig ordentliches Unterrichtsfach ist; statt dessen aber das umstrittene Fach «Lebensgestaltung – Ethik – Religionskunde» (LER) eingeführt worden war.

Modellversuch

Und da wird man sich noch eine Weile gedulden müssen. Vor Weihnachten bereits verlautete, dass die fürs Frühjahr annoncierte Entscheidung des BVG abermals verschoben worden sei. Derweil macht der Aufbau von LER, von Brandenburgs Bildungsministerin Angelika Peter einmal als eine «besondere Ausprägung des Ethikunterrichts» charakterisiert, rasche Fortschritte. Im August 1996, nach mehrjährigem Modellversuch, als reguläres Schulfach etabliert, wird LER derzeit in insgesamt 1665 Klassen an 276 Schulen in der Sekundarstufe I unterrichtet. Das sind mehr als die Hälfte aller weiterführenden Schulen des Landes. Den Unterricht selbst erteilen zurzeit insgesamt 521 Lehrerinnen und Lehrer. Ihre Lehrerlaubnis erhalten sie kraft eines viersemestrigen Aufbaustudiengangs, der unter der Regie des Weiterbildungsvereins Potsdam durchgeführt wird. In Bälde aber, hört man, soll LER schon als eigenständiger Studiengang an der Universität Potsdam initiiert werden.

In Anbetracht dessen bleiben Proteste von seiten der Kirchen nicht aus. Ohne die Entscheidung des höchsten deutschen Gerichts abzuwarten, heisst es, würden Fakten geschaffen. Die Gereiztheit seiner klerikalen Kritiker lässt indes vermuten, dass in Sachen LER die juristische nur die eine Seite der Medaille darstellt. Es geht um mehr. Nach den etwas grotesken Händeln ums Kruzifix in Bayerns Klassenzimmern stellt die Auseinandersetzung um Brandenburgs neues Schulfach innert kürzester Zeit den zweiten, ungleich ernsteren Fall dar, der das Verhältnis von Kirche und Staat direkt tangiert. Der privilegierte Status, der den grossen christlichen Konfessionen grundsätzlich garantiert wurde, steht ja nicht nur ohnehin in einer gewissen Spannung zum Gebot der Trennung von Staat und Kirche. Offensichtlich wird überdies, dass ihm zunehmend die gesellschaftliche Grundlage wegbricht. In einer sich mehr und mehr säkularisierenden Gesellschaft im allgemeinen, in einem Bundesland wie Brandenburg im besonderen, wo nicht einmal mehr 25 Prozent der Bevölkerung einer der beiden grossen christlichen Glaubensgemeinschaften angehören, beginnt sich die Frage aufzudrängen, ob ein strikter Laizismus nicht die für beide Seiten angemessenere Lösung wäre.

Offensichtlich gilt es, schon die Diskussion darüber erst gar nicht aufkommen zu lassen. Also prügelt man den «Sack» LER und meint den «Esel» Laizismus. Nicht nur, dass dem neuen Fach hartnäckig nachgesagt wird, es stelle nur mehr die konsequente Fortführung der einstigen DDR-Kirchenpolitik dar. Wobei man geflissentlich unterschlägt, dass dessen Anfänge in der DDR-Bürgerrechtsbewegung innerhalb der evangelischen Kirche selbst zu suchen sind: Absicht war, dem Gros der konfessionell nicht gebundenen Schüler ein fachliches Angebot zu machen, sich mit Religion auseinandersetzen zu können.

Wieviel Weltanschauung?

Zudem feiert ein Argument fröhlich Urständ, das schon zu Zeiten des Kruzifixstreits hoch im Kurs stand: dass nämlich ein Staat ohne religiöses, hier: christliches Fundament gegen Totalitarismus wehrlos sei, wie gerade die historischen Beispiele Stalinismus und Hitlerismus lehrten. Waren aber, liesse sich entgegnen, die christlichen Kirchen nicht durchaus auch «verstrickt» in diese Regime? Schwerer noch aber dürfte wiegen, dass unterschwellig mit einer utilitaristischen Legitimationsmatrix, mit einer Nützlichkeitserwägung, für die Existenz von Kirche überhaupt argumentiert wird. Eine Kirche jedoch, die ihr Daseinsrecht aus ihrer Funktion als Wertelieferantin für Staat und Gesellschaft meint beziehen zu müssen, ist womöglich nur eines der Symptome jenes «Nihilismus», den sie zu überwinden trachtet. Es gäbe mithin auch gute theologische Gründe für einen konsequenten Laizismus.

Jenseits solch «kirchenkämpferischer» Exzentrik lohnt aber der kritische Blick auf die Sache selbst. Denn der Versuch einer sogenannten Werteerziehung unter staatlicher Regie bewegt sich notgedrungen auf dünnem Eis (was allerdings nicht nur für dieses Fach, sondern für jeglichen Ethikunterricht gilt). So heisst es in § 11 Abs. 3 des Brandenburgischen Schulgesetzes vom 12. April 1996, dass LER «bekenntnisfrei, religiös und weltanschaulich neutral unterrichtet» werde. Der Unterricht selbst aber soll durchaus Werte vermitteln. LER sei, so das Bildungsministerium, zwar «bekenntnisneutral, nicht aber wertneutral». Der Griffigkeit einer solchen Formel steht die «Ungriffigkeit», stehen die Schwierigkeiten ihrer didaktischen Umsetzung gegenüber.

LER versucht sich aber nicht nur an einem «religionskundlichen» Zugang zur Religiosität wie einer Wertevermittlung ohne konfessionelle und weltanschauliche Vorzeichen. Unterm Aspekt «‹Lebensgestaltung» werden die Lebensprobleme der Schüler selbst zum Thema des Unterrichts. Was sich nobel anhört, birgt allerdings die Gefahr, dass LER wird, was der klassische Religionsunterricht überwiegend schon wurde: ein Fach unverbindlichen Geredes über Befindlichkeiten und haltlosen Lavierens zwischen beliebigen Meinungen. Der «integrative Lernbereich» könnte auch daran scheitern, dass man Schule als quasitherapeutischen Reparaturbetrieb gesellschaftlicher Fehlentwicklungen missversteht und sie damit hoffnungslos überfordert. Wo die vielbeschworenen gesellschaftlichen Bindekräfte schwinden, kann auch sie wenig ausrichten.

Das Fach LER hat wohl nur dann eine Zukunft, wenn es sich um einen verbindlichen Sachkern ausdifferenziert, an dem sich Schüler wie Lehrer abarbeiten können. Überlegungen wie jüngst die von Hans Julius Schneider (Universität Potsdam), dem ein propädeutisches, auf einem philosophischen Ansatz fussendes Schulfach vorschwebt, deuten klar in diese Richtung. Auf die weitere Entwicklung darf man also gespannt sein. Das Brandenburger Experiment, das mit viel Engagement nicht zuletzt von seiten der Lehrerinnen und Lehrer getragen wird, verdient kritische Aufmerksamkeit. Um im Grabenkrieg um etwas angejahrte klerikale Privilegien aufgerieben zu werden, ist es aber zu schade.

3. März 1999 - Neue Zürcher Zeitung

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