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Spuren der Bettelmönche

Die Prediger in Zürich – eine Ausstellung in vier Stationen

Die Bettelorden errangen im 13. Jahrhundert enorme Popularität und konnten zeitweise eine Elite von jungen Leuten an sich ziehen. Überdies nahmen sich die Dominikaner der «Frauenfrage» an. Unter dem Titel «Wenn Bettelmönche bauen» ist im Baugeschichtlichen Archiv, in der Predigerkirche, der Helferei Grossmünster und im Landesmuseum eine Ausstellung über die wenig bekannte Geschichte und Bedeutung des Zürcher Predigerordens zu sehen.

pi. Die Ursprünge des Predigerordens gehen auf eine Person zurück, auf den später heilig gesprochenen Dominikus (um 1170–1221). Der in den zwanziger Jahren des 13. Jahrhunderts entstandene Dominikanerorden – parallel zum losbrechenden «Kreuzzug» gegen die Albigenser in Südfrankreich – ist einerseits eine Antwort auf die tiefgreifende religiöse Krise der Kirche, anderseits eine planmässige Gründung zur Wiedergewinnung der Sekten (Bernd Moeller). Das Papsttum beauftragte die Dominikaner mit der Missionierung, die bis zur Inquisition reichte. Der Orden, der zur strikten Armut und zum Broterwerb durch den Bettel verpflichtete und die Wanderpredigt, die Verkündigung des Evangeliums, als seine einzige Aufgabe festsetzte, verbreitete sich in kurzer Zeit in ganz Europa, vor allem in den Städten. Der Erfolg des neues Ordens ist unter anderem auf zwei Ziele zurückzuführen, denen sich die Dominikaner von Anfang an widmeten: der «Frauenfrage» und der Beschäftigung mit der theologischen Wissenschaft.

Ein anregendes Kapitel

Die Dominikaner fanden ihren Weg auch nach Zürich und kamen 1230 in eine aufstrebende Stadt: Wirtschaftskraft, Wohlstand und Bevölkerungsdichte nahmen ständig zu. Brüder aus Strassburg gründeten den neuen Konvent an der Limmat. Die Stadtzürcher Bevölkerung brachte den Predigern grosses Vertrauen entgegen, weil sie die christliche Botschaft mit viel Überzeugungskraft verkörperten, durch lebensnahe Predigten in der Volkssprache das einfache Volk erreichten und auf Grund ihrer hochstehenden theologischen Bildung zu gesuchten Gesprächspartnern der städtischen Oberschicht wurden.

Eine Ausstellung unter dem Titel «Wenn Bettelmönche bauen» versucht, einen Abschnitt der Zürcher Stadt- und Kirchengeschichte aus baugeschichtlicher, theologisch-spiritueller, sozialer und kultureller Perspektive darzustellen: den Zürcher Predigerorden vom Mittelalter bis zur Reformationszeit. Die Initianten des Projekts schlagen ein höchst anregendes, weitgehend brachliegendes historisches Kapitel auf; nach Ausführungen von Koordinatorin Ines Buhofer von der Helferei Grossmünster ist bisher wenig getan worden, um das Erbe der vorreformatorischen Zeit in Zürich anzurühren, obwohl Interesse und Neugier wachsen. Für das Projekt konnte eine breit abgestützte Trägerschaft gefunden werden, in der das Baugeschichtliche Archiv und das Büro für Archäologie der Stadt Zürich, die Kirchgemeinde zu Predigern, die Helferei Grossmünster, der Dominikanerorden Zürich, das Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte der Theologischen Fakultät der Universität Zürich, das Landesmuseum und die Zentralbibliothek vertreten sind.

Älteste Siedlung für alleinstehende Frauen

Das Thema «Bettelorden in Zürich» ist dermassen umfassend, dass es inhaltlich und räumlich in vier Blöcke beziehungsweise vier Stationen unterteilt werden musste. Der Rundgang beginnt im Baugeschichtlichen Archiv, in dem die Ergebnisse der Grabungen bei der Predigerkirche im Zusammenhang mit dem Neu- und Umbau der Zentralbibliothek zwischen 1990 und 1996 präsentiert werden. Im Zentrum steht die virtuelle Rekonstruktion der ersten, ab 1231 errichteten, noch vollständig romanischen Kirche mit dem Konventsgebäude und dem Kreuzgang. Anhand von verschiedenen Stationen wird der Wandel sichtbar: der hoch aufragende gotische Chor, nur rund 100 Jahre später errichtet, aber erst im 19. Jahrhundert so gestaltet, wie wir ihn heute sehen, verdeutlicht, dass der Bettelorden inzwischen alle Zurückhaltung bezüglich Architektur seiner Kirchen aufgegeben hatte. In der Predigerkirche, die einen Einblick in die Geschichte des ehemaligen Predigerklosters und dessen Bedeutung als Spital, Seelsorgezentrum und Theologische Hochschule gibt, stellen die Dominikaner ihren Orden vor. Gerade wegen ihrer zentralistischen Verfassung und der Abschaffung der Standesunterschiede in ihrer Mitte sprengten die Dominikaner das traditionelle mittelalterliche Kirchenwesen.

In der dritten Station steht die «Frauenfrage» im Zentrum. Die Dominikaner nahmen im frühen 13. Jahrhundert verschiedene soziale Impulse auf, so den Protest der Sekten (Katharer und Waldenser), der sich mitunter gegen die Kirche als Männergesellschaft richtete. Die Predigerbrüder standen auch in Zürich in enger Beziehung zu den religiösen Frauengemeinschaften und förderten diese. In der Helferei Grossmünster wird die Geschichte der Frauengemeinschaften nachgezeichnet. Im Oetenbachkloster, das sich auf dem Gebiet der Amtshäuser befand und 1902 abgerissen wurde, wurden Frauen aus den wohlhabenden Geschlechtern standesgemäss aufgenommen. Alleinstehende Frauen, Witwen und Töchter, die weniger begütert waren, konnten ins kleine Kloster St. Verena in der heutigen Froschaugasse eintreten, aus der sich eine Gemeinschaft der Beginen entwickelte, die sich durch tätige Barmherzigkeit leidender und sterbender Menschen annahmen. In der Ausstellung wird diese Institution nicht zu Unrecht als Zürichs ältestes Sozialsiedlung für alleinstehende Frauen bezeichnet.

Zeit zum Nachdenken

Die letzte Station, das Landesmuseum, ist der Buchproduktion und den Handschriften in den Zürcher Dominikanerklöstern gewidmet. Erstmals ausgestellt ist eine Gruppe lateinischer Codices aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, darunter die älteste Handschrift des «Compendium theologicae veritatis», verfasst vom Begründer und langjährigen Prior des Zürcher Predigerkonvents, Hugo Ripelin aus Strassburg. Aus dem Frauenkloster Oetenbach sind die «Offenbarungen» von Elsbeth Oye und das Schwesternbuch zu sehen, deren beide Teile nach 400 Jahren in der Ausstellung wieder vereint sind.

Die stille, unspektakulär inszenierte Ausstellung richtet sich primär an ein historisch interessiertes Publikum. Auf den graphisch schön gestalteten Stellwänden gibt es viel Text zu lesen. Dazwischen verwöhnen Photographien, Abbildungen und Karten die Augen. Es ist schade, dass zur Ausstellung, zum Predigerorden und den Dominikanern in Zürich kein Katalog mit wissenschaftlichen Beiträgen erschienen ist. Die sorgfältig verfassten Ausstellungstexte regen zum Nachdenken an und provozieren etliche weiterführende Fragen. Dafür wird in den kommenden Wochen eine ausführliche Publikation erscheinen, welche die Resultate der zwischen 1990 und 1996 gemachten archäologischen Untersuchungen zur Baugeschichte der Predigerkirche erläutert.

Baugeschichtliches Archiv, Predigerkirche, Helferei Grossmünster, Landesmuseum, bis 29. Mai.

4. März 1999 - Neue Zürcher Zeitung

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