Pressespiegel

Kirche-Religion-Gesellschaft


Direkt zur Online-Ausgabe der NZZ

Neue Zürcher Zeitung

Tages-Anzeiger

Neue Luzerner Zeitung

 

Das Gericht der Liebe

Zum 80. Geburtstag von Franz Fassbind

von Beatrice von Matt

Am 7. März feiert Franz Fassbind, ein Grandseigneur unter den Schweizer Autoren, seinen 80. Geburtstag. Es ist ihm zu wünschen, dass er an diesem Tag einen Augenblick frei nimmt und sein eindrucksvolles Œuvre betrachtet. Selbst ein erklärter Christenmensch wie er dürfte darüber so etwas wie Stolz empfinden.

Mit einer Arbeitsdisziplin, die ihresgleichen sucht, hat er ein Leben lang Tag für Tag seinem Werk gewidmet, nicht nur dem literarischen, er hat stets auch komponiert. Als er 1981 in Einsiedeln den Innerschweizer Literaturpreis entgegennahm, hat er erfreut dafür gedankt und zugleich die Festgemeinde darum gebeten, ihn bald wieder an seinen Schreibtisch zurückkehren zu lassen. Wenn er heute zurückblickt, so hat er insofern mehr Glück als andere, als er das Geschaffene real anschauen kann. Eine neue zwölfbändige Werkausgabe liegt vor, liebevoll ediert von Peter Wild.

Darin sind die Romane versammelt, die Dramen und Hörspiele, die so besonderen, eigenwilligen Gedichtbücher, zu denen auch die dantesken Terzinengesänge der «Hohen Messe» zu zählen sind. Es kommt ein riesiges Konvolut von publizistischen Beiträgen hinzu, von denen viele, von 1943 bis 1969 insbesondere auch Radiokritiken, in dieser Zeitung erschienen sind. Ein breites Spektrum!

Hohes christliches Ethos zeichnet es aus. Franz Fassbind hat mit seiner Glaubenstradition nicht gebrochen wie viele seiner Kollegen. Er vertritt diese Tradition sogar in einem ausgeprägten Mass. Wie auf ihre Weise etwa die gleichaltrige Dichterin Silja Walter im Kloster Fahr. Es ist eine katholische Welt, in der der Schwyzer aufgewachsen ist, auch wenn er schon im Alter von fünf Jahren zu Zeiten von Not und Wirtschaftskrise mit seinen Eltern ins Zürcher Industriequartier gezogen ist. Seine literarische Welt ist mit Namen wie Claudel oder Bernanos, Giraudoux oder Anouilh angedeutet. Bergengruen und Reinhold Schneider, Gertrud von Le Fort und Edzard Schaper dürften dazugehören.

In den vierziger und fünfziger Jahren war Fassbind, unter dem Eindruck von Krieg und Nachkrieg, an der Wiederbelebung alter geistlicher Dichtung gelegen. Das eindringliche Stück «Poverello» (1952), das Franz von Assisi in den Mittelpunkt stellt, bedeutet einen Zenit innerhalb dieser Bestrebungen. Der Heilige redet in Alexandrinern, während seine Umgebung, die umbrischen Bürger, der Papst und die Bischöfe, allen voran das allegorische Mädchen P (Paupertas), sich mit Prosa begnügen müssen. Gegenläufig zur Sprache entwickeln sich die Figuren: Franziskus versinkt in Armut und Krankheit, während Paupertas immer strahlender und schöner wird und «von Gott ein Glanz» von ihr ausgeht. Erst wenn Franziskus sich anschickt zu sterben und «das Licht über den Gestalten des Sonnengesanges langsam erlischt», feiern die beiden ein mystisches Hochzeitsfest.

«Die Hohe Messe», ein «Gleichnis» in Terzinen auf gut 180 Seiten, betrachtet der Schriftsteller als sein Hauptwerk. In neun Jahren, von 1943 bis 1952, ist das fromme «Weltgedicht», wie es früher hiess, entstanden. «Der mir den hohen Auftrag gab, war Dante», sagt Fassbind. Trotzdem unterlaufen Witz und Bosheiten den erhabenen Ton, «ein Gran Faust und ein Gran Mephisto», hat Werner Weber dazu gesagt. Nicht weniger theologisch lassen sich Fassbinds Erzählwerke lesen, etwa der Roman «Von aller Welt geehrt», wo der Protagonist, der opferbereite Arzt Steiner, ein Bild von Christus abgibt, oder «Der Mann», der von einem handelt, der, äusserlich erfolgreich und innerlich ausgepowert, einem «Gericht der Liebe» vorgeführt und so neu geboren wird.

Franz Fassbind schreibt antizyklisch und wird vom gegenwärtigen Literaturbetrieb nicht verwöhnt, doch hat er viele, die ihn lesen. Auf diese muss es ihm ankommen.

 

6. März 1999 - Neue Zürcher Zeitung

Recherche
Links
Archiv
Suchen
Impressum

Nach oben