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Heile Welt in rauher Gesellschaft

Von den Freuden, Sorgen und Wünschen zweier Grossfamilien

von Katharina Fontana

Die Familie von Josef und Angela von Reding aus dem aargauischen Kaisten ist eine Bauernfamilie aus dem Bilderbuch, genau so, wie sie nach den romantischen Vorstellungen einer Städterin zu sein hat. Mit ihren sechs Kindern, das jüngste fünf, das älteste sechzehn Jahre alt, wohnen von Redings auf einem stattlichen Hof, der fernab vom Dorf idyllisch auf einem Hügel thront. Einen wunderbaren freien Ausblick hat man hier, sanft geschwungene Matten, so weit das Auge reicht. Von Redings sind Biobauern. Der Kuhstall für ihre 20 Milchkühe und ebensoviel Jungvieh wurde vor wenigen Jahren vom Sockel bis zum Dach umgebaut und ist nun des Vaters ganzer Stolz. Zurzeit befindet sich der temperamentvolle Bauer aber «im Kampf», wie er sagt, mit den Behörden, die ihn mit ihren Mäkeleien an seinem Stall in Rage bringen.

Kennengelernt haben sich die 44jährige Angela und der 48jährige Josef von Reding über den Katholischen Bekanntschaftsring, einen Klub, der gemeinsame Bildungsabende, Wanderungen und Ferien für Heiratswillige veranstaltet. Josef, als Ältester von zehn Geschwistern zum Nachfolger auf dem elterlichen Anwesen bestimmt, war bereits seit einigen Jahren auf Brautschau, als er auf einem Maibummel vor nun achtzehn Jahren Angela kennenlernte, die als junge Krankenschwester am Unispital in Zürich arbeitete. Sie wurden sich schnell einig. Nach einem Jahr Bekanntschaft läuteten bereits die Kirchenglocken, und Angela zog von Zürich in ihr neues Heim auf dem Land. Und wieder ein Jahr später kam das erste Kind auf die Welt.

Eine grosse Familie zu gründen war ihrer beider Wunsch. Nur wie gross, da gingen die Vorstellungen der Ehepartner doch ziemlich auseinander. Während sich Josef von Reding mindestens acht Kinder wünschte, wären vier an der Zahl für seine Frau genug gewesen. Nach der Geburt des dritten und vierten Kindes war sie gesundheitlich angegriffen, und nur dank dem aufmunternden Zureden ihres Mannes brachte sie die Kraft auf, die zwei weiteren Schwangerschaften durchzustehen. Nach der Geburt der kleinen Barbara war das Thema Nachwuchs dann endgültig vom Tisch.

Keine Sonderwünsche

Die Rollen im Alltagsleben des Bauernpaars sind klar verteilt: Was zum Bauernhof gehört, fällt in seinen Aufgabenbereich, Kinder und Haushalt sind ihre Domäne. Während der Woche wird die Familie von einer Hausangestellten unterstützt, einer ehemaligen Wirtin, die im Stall wie im Haus mit anpackt. An den Wochenenden und in den Ferien helfen die Kinder im Betrieb mit. Freiwillig, wie die Eltern betonen, und jedes nach seiner Vorliebe. So ist Annemarie, die Älteste, dem Vater im Stall eine grosse Hilfe. Die Begeisterung für die Landwirtschaft und die Liebe zum Familienbetrieb sind ihr anzumerken. Sie könnte sich schon vorstellen, später einmal den elterlichen Hof zu übernehmen, erklärt sie uns in vernünftigem Ton, «doch wir haben auch noch einen Buben in der Familie».

Bei unserem Besuch ist deutlich zu spüren, dass von Redings alle am selben Strick ziehen. Platz für Sonderwünsche ist nicht da. Bei dieser «Familienphilosophie» erstaunt es auch nicht, dass die Eltern mit der Erziehung ihres grossen Nachwuchses keine Schwierigkeiten haben. Nach ihrer Erfahrung fällt es zudem leichter, eine grosse Kinderschar aufzuziehen als nur ein oder zwei Kinder. Denn in einer Grossfamilie beschäftigten sich die Kinder in erster Linie untereinander und erzögen sich zum Teil; die Eltern spielten da oft nur die zweite Geige. In einer Kleinfamilie dagegen müssten die Eltern ihrem Nachwuchs ungleich mehr Zeit und Aufmerksamkeit schenken, und die Gefahr, die Kinder zu stark zu verwöhnen, sei entsprechend grösser.

Über ihre finanzielle Situation können und wollen Josef und Angela von Reding nicht klagen. Sicher, sie müssten «strampeln», um finanziell über die Runden zu kommen, betont der Vater, doch für ihre Bedürfnisse sei ausreichend Geld vorhanden. Der Hof wirft genug ab, und für einen Zusatzverdienst sorgt auch die Mutter, die an zwei, drei Abenden pro Woche im Altersheim in Frick arbeitet. Dank der Tierhaltung und dem Gemüsegarten kann sich die Familie zudem zur Hälfte selbst versorgen. Auch die Kinder haben nicht das Gefühl, zu kurz zu kommen – in einem Dorf auf dem Land, wo ein grosser Teil der Kinder aus Bauernfamilien stammt, liegen die Bedürfnisse klar anders als in städtischen Gebieten. Parties gebe es bei ihnen im Dorf kaum, und Inline-Skates und solche Dinge brauchten sie nicht, geben die Kinder Auskunft. Hingegen muss die Familie auf gemeinsame Ferien verzichten. Nicht des Geldes wegen, vielmehr lässt es der Betrieb nicht zu. So besuchen die Kinder in den Schulferien meist ihre Verwandten, während Mutter und Vater getrennt verreisen – wenn überhaupt –, denn schliesslich muss immer ein Erwachsener auf dem Hof sein. Vielleicht, bis in ein paar Jahren, werden sie einmal gemeinsam Ferien machen, hoffen die beiden.

Bewährungsprobe für die Partnerschaft

Eine Frage drängt sich da unweigerlich auf: Wo bleibt bei sechs Kindern, bei Hof und Haushalt die Zeit für traute Zweisamkeit? Ein wunder Punkt, stellt sich heraus. Ihre Partnerschaft leide schon etwas darunter, dass sie nur selten Zeit füreinander hätten, meint die Mutter verlegen. Das Ehepaar schafft es kaum, das Wichtigste unter vier Augen zu bereden. Immer ist jemand zugegen, stets muss man sich um etwas kümmern, oder dann ist man schlicht zu müde. Neben den gemeinsamen bleiben natürlich auch viele eigene Bedürfnisse auf der Strecke, Hobbies, für die man im «früheren» Leben Zeit hatte. So träumt die Mutter davon, wieder einmal einen ganzen Nachmittag lang völlig ungestört lesen zu können. Doch die täglichen Pflichten erlauben das nicht. Sie fühle sich schon sehr ausgelastet, manchmal von den vielen Aufgaben überfordert, gesteht sie, und man merkt ihr die Erschöpfung an.

Josef von Reding dagegen macht einen äusserst energischen und munteren Eindruck. Im Laufe unseres Gesprächs kommt der Bauer in Fahrt und holt zu einem Rundumschlag gegen die heutige Gesellschaft aus. Der sogenannt modernen Lebensweise kann er rein gar nichts abgewinnen, und so hat er denn – nach seiner Einstellung befragt – für amüsierfreudige Singles und doppelverdienende Paare, die um keinen Preis Kinder wollen, auch nur ein Kopfschütteln übrig. Diese Menschen sind auf der Flucht vor der Wirklichkeit, ist der Familienvater überzeugt. Heutzutage gingen die Menschen viel zu leichtfertig und ohne jede Verantwortung Liebesbeziehungen ein, protzten mit grossen Autos und würfen ihr Geld für teure Ferien zum Fenster hinaus. Konsum bis zum Wahnsinn, und wenn man schliesslich merke, dass diese oberflächlichen Vergnügungen dem Leben keinen Sinn gäben, komme das schlimme Erwachen.

Auf die Forderung nach einer Kinderrente angesprochen, die er zusammen mit seiner Frau unterzeichnet hat (siehe Kasten), gibt sich Josef von Reding zurückhaltend. Es zeigt sich, dass er von der Idee einer solchen Rente nicht wirklich überzeugt ist. Denn nicht die finanzielle Unterstützung fehlt ihm, sondern «irgendeine» Form von Anerkennung der Grossfamilien, von Anerkennung ihrer beachtlichen Leistungen. Schliesslich brauche unsere Gesellschaft gesunde und ausgeglichene Mitglieder, rechtfertigt er sein Anliegen. Und aus Kindern, die aus einer Grossfamilie stammten und von klein auf lernten, sich anzupassen und zugunsten ihrer Geschwister zurückzustecken, würden ohne jeden Zweifel sozialere und verträglichere Erwachsene. Menschen, die im Leben zu etwas zu gebrauchen seien und die sich nicht zu solch rücksichtslosen Egoisten entwickelten, wie sie die Gesellschaft heute zuhauf kenne.

«Kinder sind das wirkliche Leben»

Mehr Wertschätzung der Grossfamilien wünscht sich auch Hans Reiser, der zusammen mit seiner Frau Martha, beide 48, und den sechs Kindern in einem verwinkelten Häuschen am Fusse des Zürichbergs wohnt. Auch er tritt für eine Kinderrente ein. Das sei nicht mehr als recht, denn Familien würden eine unerlässliche Aufgabe in der Gesellschaft wahrnehmen, die allen anderen auch zugute käme. «Doch das wird überhaupt nicht verdankt», meint der Familienvater bitter. Heute, wo die individuelle Selbstentfaltung dominiere, zählten die Familien nicht mehr viel und würden oft sogar belächelt. Die Abkehr von der Institution Familie, das Bedürfnis der Menschen nach Selbstverwirklichung und den Drang, alles und jedes auszuprobieren, versteht Hans Reiser nicht. Da jagten die Leute ständig dem Sinn des Lebens nach und gäben sich nie mit dem Erreichten zufrieden – mit dem Ergebnis, dass sie schliesslich gar nichts in den Händen hielten und das wirkliche Leben an ihnen vorbeiginge.

Das «wirkliche Leben», das sind für Hans und Martha Reiser ihre zwei Mädchen und vier Buben. Ihre Kinder sollten es ganz einfach schön haben, geben uns die Eltern zur Antwort, als wir fragen, warum sie sich eine Grossfamilie wünschten. Reisers wollen ihre Kinder, wie sie sagen, nicht mit einem «Ersatz» wie Spielgruppen oder Pfadfinderlager abspeisen, sondern ihnen das wirkliche Leben bieten. Und fünf Geschwister zu haben, das ist in den Augen der Eltern eben das wirkliche Leben. Das gilt auch für sie selber. Sie brauchen keine Fernsehunterhaltung zur Ablenkung, keine Seminarien zur Selbstfindung, keine Ferien in exotischen Landen – ihr Leben ist prallvoll mit sechs Kinderschicksalen. Die Frage, ob sie sich nicht etwas mehr Zeit für sich als Paar wünschten, verneinen beide. Auf ihren abendlichen Spaziergängen, wenn die Kinder im Bett sind, pflegen sie den Tag Revue passieren zu lassen. Auch besuchen sie «ab und zu» zu zweit ein Konzert oder gehen ins Theater – wobei der letzte Kinobesuch der erste in sechs Jahren war. Man lebt eben nicht als Paar mit Kindern, sondern zusammen als eine Familie.

Und als Familie mit sechs Kindern schränkt man sich ein. Der Vater, Lehrbeauftragter an der Universität Zürich, winkt beim Thema Finanzen ab. Klar sei der finanzielle Spielraum für eine achtköpfige Familie mit nur einem Einkommen eng, sehr eng sogar. Das lässt es auch nicht zu, dass sich die Familie eine grössere Wohnung nimmt. Die Kinder störe dies nicht, meinen die Eltern, und die Wünsche ihrer Sprösslinge könnten sie meist auf dem einen oder anderen Weg erfüllen. Einzig beim Thema Ferien wird Unbehagen spürbar. Reisers können ihren Kindern punkto Ferien nicht das bieten, was diese gerne hätten und von dem alle Klassenkameraden erzählen. Denn nur selten bringen die Eltern das nötige Geld für solche Extravaganzen auf. Zudem sind ihre Erfahrungen mit Familienferien zwiespältig. Hans und Martha Reiser haben dabei deutlich zu spüren bekommen, dass kinderfreundliche Menschen dünn gesät sind. Einmal auf der Fahrt durch Deutschland haben sie eine wahre Odyssee durchgemacht. Kein Hotel, keine Pension wollte sie aufnehmen, die Besitzer winkten alle ab, als das dritte und vierte Kind aus dem Wagen krabbelte. Zu guter Letzt verbrachten die Reisers die Nacht auf dem Parkplatz einer Autobahnraststätte...

«Überhaupt ist wenig Hilfsbereitschaft von der Umgebung zu erwarten», beklagt sich Hans Reiser. Zwar gibt es auch immer wieder nette Erlebnisse, wenn die Reisers mit ihren sechs Kindern in der Stadt unterwegs sind. Doch mehr als ein «Wie herzig» ist nicht zu erwarten. Auch im Bekanntenkreis verhält man sich eher zurückhaltend, nach dem Motto «Wer jemandem den kleinen Finger reicht . . .». Reisers haben keine fürsorglichen Grosseltern in der Nähe, keine Verwandten, die in der Not einmal einspringen würden. So vertrauen sie darauf, dass nichts Unvorhergesehenes passiert, das ihren eingespielten Tagesablauf durcheinanderbringt. Als Grossfamilie werden Reisers auch nur noch selten eingeladen – wer will sich schon zwei Erwachsene und sechs Kinder aufs Mal aufhalsen? So kommt es, dass die Familie recht isoliert und auf sich selbst gestellt ihr Leben verbringt. Und der Eindruck entsteht, dass Hans und Martha Reiser aus der Not eine Tugend gemacht haben und den Kontakt mit der Aussenwelt gar nicht mehr recht suchen. Ein eigener, untrennbarer Verband, wo die Familie alles bedeutet und der Rest der Welt draussen vor der Türe bleiben soll.

 

6. März 1999 - Neue Zürcher Zeitung

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