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Gott in Ägypten entdecken

Jan Assmanns Gedächtnisgeschichte des Abendlandes

von Martin Treml

Moses sei Ägypter und die jüdische Religion «die des Ikhnaton, die Atonreligion», gewesen – so Freuds Behauptung in seinem letzten, 1939 veröffentlichten Buch, «Der Mann Moses und die monotheistische Religion». Darin unternahm er nicht nur eine Rekonstruktion der Entstehung von Judentum und Christentum, die die konventionelle Religionsgeschichte weit überschreitet und ins Spekulative geht. Freud wollte auch die «tieferen Motive des Judenhasses» offenlegen und nach der Funktionsweise der religiösen Traditionen des Westens fragen.

Für Altertumswissenschaft und Theologie stellen seine Überlegungen bis heute eine Herausforderung dar, der sich die meisten ihrer Vertreter durch Schweigen entziehen. Zu denen, die sich dagegen von ihr inspirieren lassen und sie produktiv weiterdenken, zählt der Heidelberger Ägyptologe Jan Assmann. Über ein akademisches Publikum hinaus bekannt, stellt er die Phänomene der antiken Religionsgeschichte in neue Zusammenhänge und arbeitet, wiewohl Vertreter eines «Orchideenfaches», an einem Paradigma der Kulturwissenschaften, das sich um den Begriff der Erinnerung zentriert.

Gründungsheroen

Auch im jüngsten Buch, «Moses der Ägypter», verfolgt er sein Ziel: «Es ging nicht darum, Freuds historische Fehler zu korrigieren, sondern sich von ihm an die fundamentalen Fragen erinnern zu lassen, die die Gegenwart an die Vergangenheit richtet.» Erst dann dürfe man hoffen, «nicht von Tag zu Tag zu leben und unerfahren im Dunkeln zu bleiben». Sein Unternehmen hat Assmann den wichtigsten deutschen Historikerpreis, den des Historischen Kollegs, eingebracht.

Assmann versteht sein Buch als einen Beitrag zur Gedächtnisgeschichte. Diese ist nicht auf die Erkenntnis von Ereignissen oder Strukturen der Realgeschichte gerichtet, erforscht weder Mentalitäten noch individuelle Gewissen. Ihr Gegenstand ist allein das, was im Abendland zu den Stoffen der eigenen Vergangenheit gewoben wurde. Bei dieser Tätigkeit ist der Unterschied zwischen Fakten und Fiktion irrelevant. Erinnert wird eine Figur oder ein Ereignis, weil sich an sie oder es ein Zug abendländischer Identität geheftet hat, der bis heute prägend ist. So gelten Moses und Aeneas als die Gründungsheroen Europas, denn in ihren Namen erfolgte der Auszug aus dem Orient: der eine aus Ägypten, der andere aus Troja. Aeneas entflieht, den Vater und die Hausgötter auf den Schultern tragend, der totalen Zerstörung. Moses hingegen bricht mit der Verehrung mischgestaltiger Götter und stiftet die Religion des Einen Gottes.

Diese «mosaische Unterscheidung» entspricht einer Revolution von oben, führt sie in die Religionsgeschichte doch den Unterschied zwischen wahr und falsch ein. Von jetzt an «verkörpert Israel die Wahrheit, Ägypten dagegen Finsternis und Lüge». Der alten Religion der «Weltbeheimatung», die Fremdes in Eigenes übersetzt, steht eine neue diametral gegenüber, die exklusiv sein will. Die Ironie der Geschichte ist freilich die, dass diese Tat ein ägyptischer König beging, Amenophis IV., Freuds Ikhnaton. Durch Gewalt und Zerstörung etablierte er einen neuen, nur ihm zugänglichen Kult, der, nach Meinung seiner Zeitgenossen, das Wohlergehen Ägyptens, ja des Kosmos insgesamt bedrohte. Nachdem bei seinem Tod die früheren Verhältnisse wiederhergestellt worden waren, wurde auch die Erinnerung an ihn ausgelöscht, sein Name aus den Inschriften getilgt. Für die Geschichte tauchten die Spuren des häretischen Pharaos erst 3000 Jahre später wieder auf, bei den Grabungen in Tell el-Amarna, deren Funde Freud wie Thomas Mann zu ihrer Beschäftigung mit Ägypten provozierten.

Im kulturellen Gedächtnis des hellenistischen Ägypten aber nahm Moses den leer gelassenen Platz ein, ein Echnaton redivivus und Anführer der «gottlosen Asiaten». Führt auch keine archäologisch nachweisbare Überlieferungslinie von diesem zu jenem und kann man selbst die blosse Existenz des Moses bezweifeln, so wird doch er zum Erfinder der «Gegenreligion». Zugleich macht aber das ägyptische Bild der Juden diese zum religiösen Feind par excellence und «erweist sich als eine Sache nicht der Erfahrung, sondern der Erinnerung, und zwar als die Wiederkehr der verdrängten Erinnerung an Echnaton».

Ägypten als Faszinosum

Der Gott des Moses erscheint nicht mehr als Wettergott wie Marduk und Zeus, aber auch nicht, wie die Isis der Zeitenwende, als die «allumfassende Gottheit, die alle Gottheiten in sich einschliesst und alle Unterscheidungen aufhebt. Alle Namen, die die Völker ihren höchsten Gottheiten geben, sind ihre Namen.» Jahwe offenbart sich vielmehr als ein eifernd um seine Einzigartigkeit bemühter Gott, dem sich allein der Hohepriester am Versöhnungstag nähern darf, um seinen verborgenen Namen auszusprechen. Freilich entspricht der Toleranz gegenüber den Namen der fremden Götter die Haftung am Elementaren. Dies nicht zum Thema gemacht zu haben trug Assmann den Vorwurf ein, ein «Plädoyer für den Polytheismus» anzustimmen. Wenn überhaupt, dann tat er es aus heuristischen Gründen: Wer das ägyptische Erbe Europas bestimmen will, muss Ägypten selbst als Faszinosum erkennbar machen.

Tatsächlich begegnet man Ägyptens Spuren in den Bibliotheken des Abendlandes in zweifacher Weise, bis ins 18. Jahrhundert hinein. Öffentlich wird die biblische Geschichte erinnert: der Exodus und Moses als der Befreier Israels. Indes haben die Gelehrten der Renaissance und der frühen Neuzeit noch ein anderes Ägypten gekannt, dank der Entdeckung zweier Texte, des «Corpus Hermeticum» und der «Hieroglyphica» des Horapollon. Sie stellten den Inbegriff des Mysteriums dar, in das Hermes Trismegistos initiierte. Doch die epochale Leistung dieser «Ägyptosophen» war es, eine Notiz aus dem Neuen Testament weitergedacht zu haben, nämlich die, dass Moses «kundig aller Geheimnisse Ägyptens» war (Apg 7, 22). So konnte gerade durch ihn der Kompromiss zwischen «Kosmotheismus und Monotheismus, Natur und Offenbarung» geschlossen werden.

Das Wissen darüber war freilich nur den wenigen vorbehalten, deren unterschiedliche Bilder von Ägypten als Ort geheimen Wissens Assmann im zweiten Teil seiner Darstellung deutet. Sie beginnt mit dem englischen Hebraisten John Spencer (1630–1693) und endet mit den Vulgärspinozisten der Goethezeit, als deren Spätling noch Freud erscheint. Die fernsten Enkel dieser Ägyptosophen sind aber heutige Esoteriker, die sich des «Kraftfelds der Pyramiden» bedienen. Allerdings entziehen sie sich der Arbeit an der Geschichte und den Mühen der Deutung, aus der Überzeugung, «immer schon ‹angekommen›» zu sein.

Ohne hier Assmanns Darstellung auch nur in groben Zügen nachzuzeichnen, kann man doch genau bestimmen, worum es den von ihm untersuchten Gelehrten zu tun war. Kraft ihres antiquarischen Wissens stellten sie Spekulationen über den Ursprung der Zivilisation an und verfolgten die Prozesse der Religion, der sie eine Sinngeschichte gaben, die über die biblische Erzählung hinausging. Freilich war es ein Projekt des Christentums. Seinen Gott entdeckten sie in Ägypten und trugen ihre Trouvaille im Begriffspaar von Esoterik und Exoterik vor, beseelt vom Wunsch nach Initiation in ein grösseres, «inneres» Wissen.

Erst die Entdeckung der Hieroglyphen setzte diesem Fortleben Ägyptens im Abendland ein Ende. Durch ihre Lesbarmachung verloren die Texte die religiöse Aura, wurden unverständlich und erstarben. Sie wiederzubeleben ist das Vorhaben, an dem Assmann arbeitet: «Jetzt ist die Zeit reif, den Dialog mit Ägypten wiederaufzunehmen, vorausgesetzt, dass die Fragen, die in den Texten um Antwort ringen, auch die unseren sind.»

Jan Assmann: Moses der Ägypter. Entzifferung einer Gedächtnisspur. Verlag Carl Hanser, München 1998. 350 S., Fr. 46.80.

 

10. März 1999 - Neue Zürcher Zeitung

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