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Im Dienst von Bildung und Schule

Erinnerung an Johann Caspar von Orelli

von Michele C. Ferrari

«Meine Bibliomanie ist ein Danaidenfass»: von Johann Caspar von Orelli, der vor 150 Jahren starb, ist dieses Selbstzeugnis überliefert, das die Verbindung von hemmungsloser Bücherliebe und erlebter klassischer Kultur auf treffende Weise veranschaulicht. Geboren wurde Orelli 1787 in Zürich als Sprössling einer im 16. Jahrhundert aus Locarno aus konfessionellen Gründen ausgewanderten protestantischen Familie. Vom Emigranten behielt er die innere Unruhe und die Neugier gegenüber dem Fremden und Neuen.

Herausgeber

Nachdem er in Zürich ausgebildet worden war, musste Orelli 1807 eine Pfarrstelle in Bergamo annehmen. Wenige Zeit nach seiner Ankunft beherrschte er die Sprache vollkommen und konnte wichtige Kontakte anknüpfen. Er traf u. a. den jungen Manzoni, den er in Mailand traute, und übersetzte Foscolos Gedicht «I Sepolcri» im Erscheinungsjahr ins Deutsche. Später kam der Dichter, auf der Flucht vor den Österreichern und den Gläubigern zugleich, nach Zürich, wo er 1816 eine vermehrte Auflage der «Ultime lettere di Jacopo Ortis» veröffentlichte. Orelli übersetzte das Werk und schloss damit einen Kreis, war doch Foscolos Briefroman Goethes «Werther» nachempfunden.

Auch für die französische und englische Literatur hatte Orelli, der in bescheidenen Verhältnissen lebte, immer etwas übrig. Das Danaidenfass wurde nie voll: zum Leidwesen seiner Frau erwarb er viel zu viele Bücher, die er teilweise nicht für sich behielt, sondern der Stadtbibliothek weiterschenkte. Heutzutage ist Orelli freilich vor allem als Herausgeber lateinischer und griechischer Autoren bekannt. Schon zu Lebzeiten wurde er für manche Edition kritisiert, welche den modernen Ansprüchen nicht genügte.

Doch von welchem Philologen vor und nach ihm kann man behaupten, er habe Horaz, Phädrus, Persius, Platon, Plinius und Tacitus sowie den gesamten Cicero herausgegeben? Es blieb nicht bei den Klassikern des Altertums, denn Orellis editorischer Eifer nahm enzyklopädisches Ausmass an: seine kommentierte Ausgabe von Dantes «Commedia» blieb zwar ungedruckt (eine «Vita di Dante» auf italienisch erschien 1820), er veröffentlichte aber Werke von Lavater und Tommaso Campanella, mittellateinische Texte und viele Kirchenväter, letztere weitgehend zum Schulgebrauch.

Polemische Wucht

Überhaupt die Schule: Orelli, der 1807 einige Monate bei Pestalozzi in Yverdon verbracht hatte, widmete ihr besondere Aufmerksamkeit, zuerst in Chur, wo er zwischen 1814 und 1819 lehrte, dann in Zürich. Er beteiligte sich massgeblich an der Gründung der Kantonsschule und war die treibende Kraft bei der Entstehung der Universität Zürich im Jahre 1833. Für seine Ideen, die er mit gefürchteter polemischer Wucht zu verteidigen wusste, bezahlte er hart. Als bekannt wurde, dass die Universität den Theologen David Friedrich Strauss berufen wollte, regte sich Widerstand. In einer feurigen «Anrede an die Studirenden der Hochschule Zürich» legte Orelli 1839 ein letztes Mal sein Bekenntnis für eine «freie Staatsschule» im «Freistaat Zürich» ab. Strauss werde als Ausländer abgelehnt, rief Orelli aus, doch «lag das Grundübel unserer frühern Anstalten seit dem 17. Jahrhundert darin, dass kein anderer Lehrer als Züricher und in immer mehr verengerten Kreisen keine andere als Stadtbürger, keine andere als Geistliche angestellt wurden». Er sei dankbar, deutsche Genossen als «Mitstreiter gegen Unwissenheit und Finsterniss» gewonnen zu haben.

Orelli sah seine Schöpfung gefährdet und malte seinen Zuhörern das Schreckgespenst einer Rückkehr zum alten Carolinum aus, wo «mechanische Geistesabrichtung» und «todtes Auswendiglernen der sogenannten Hauptstücke der Religion» geübt wurden. Staat und Kirche sollten vielmehr «vernunftgemäss» die geistige Freiheit in der Schule garantieren. Es half alles nichts. Strauss kam nicht nach Zürich, und Orelli musste die Demütigung hinnehmen, aus dem Erziehungsrat entfernt zu werden. Seine Professur gab er allerdings nicht auf, bis ihn 1847 eine schwere Krankheit an der Ausübung seiner Pflichten verhinderte. Johann Caspar von Orelli, der letzte der grossen Zürcher Aufklärer, starb zwei Jahre später, am 6. Januar 1849.

An J. C. von Orelli wird die Universität Zürich mit einer international besetzten Tagung im November 1999 erinnern. Im Rahmen dieses Anlasses finden auch eine Ausstellung in der Zentralbibliothek und ein Konzert mit Musik aus Orellis Zeit, die in Zürich verlegt wurde, statt (weitere Informationen zu diesen Veranstaltungen: http://www.unizh.ch/mls/orelli.html).

 

11. März 1999 - Neue Zürcher Zeitung

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