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Vietnams gestörte Beziehungen zum Vatikan  

Besuch eines päpstlichen Emissärs in Hanoi  

Ein Vertreter des Vatikans hält sich derzeit in Vietnam auf, um mit den kommunistischen Machthabern in Hanoi nach Möglichkeiten zu suchen, wie das äusserst frostige Verhältnis zwischen den beiden Seiten verbessert werden kann. Kaum ein anderes Land behandelt seine Katholiken ähnlich harsch wie Vietnam, wo die katholische Gemeinschaft ungefähr acht Millionen Gläubige zählt. 

sdl. Singapur, 16. März

In der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi ist dieser Tage ein Emissär des Vatikans zu Gesprächen mit den kommunistischen Machthabern des Landes eingetroffen. Bei dem kirchlichen Gast handelt es sich um Monsignore Celestino Migliore, Untersekretär bei der Sektion für die Beziehung mit den Staaten beim Staatssekretariat des Vatikans. Wie schon bei ähnlichen Besuchen in der Vergangenheit dürfte es auch dieses Mal zur Hauptsache darum gehen, nach Möglichkeiten zu suchen, wie das äusserst frostige Verhältnisse zwischen den beiden Seiten verbessert werden kann. Kaum ein anderes Land behandelt seine Katholiken ähnlich harsch wie die kommunistischen Herrscher in Hanoi. Vietnam weist mit ungefähr acht Millionen Gläubigen nach den Philippinen die zweitgrösste katholische Gemeinschaft in Südostasien auf. Optimistische Kreise hoffen, dass auch über die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen zwischen Hanoi und dem Vatikan gesprochen wird; wichtiger ist allerdings zunächst, die Hindernisse wegzuräumen, die einem solchen Schritt im Wege stehen. Wenig Hoffnungen dürften auch hinsichtlich eines baldigen Besuchs des Papstes bestehen, der im letzten Jahr seinen Wunsch bekundet hat, eine Reise nach Vietnam anzutreten, falls dazu aus Hanoi eine Einladung an ihn ergehe. 

Liberalisierung seit Mitte achtziger Jahre

Auch wer den kommunistischen Machthabern gegenüber kritisch eingestellt ist, hat allerdings zuzugeben, dass sich das Verhältnis zwischen religiösen Institutionen sowie den Gläubigen auf der einen und dem Regime in Hanoi auf der anderen Seite bei allen Schwierigkeiten ungefähr seit Mitte der achtziger Jahre spürbar verbessert hat. Kirchliche Kreise sind heute wesentlich freier als Mitte der siebziger Jahre, als Priester und Mönche in Umerziehungslager gesperrt und Gläubige bei der Religionsausübung schwer behindert wurden. Heute begeben sich die Vietnamesen in Scharen in die Kirchen und Pagoden ihres Landes, und während der Sonntagsgottesdienste in der Notre- Dame-Kathedrale von Ho-Chi-Minh-Stadt oder in der Kathedrale in Hanoi sind die Kirchenbänke jeweils bis auf den letzten Platz belegt. In der Praxis ist es so, dass Priester, Mönche und Gläubige, die sich aus der Politik heraushalten - oder aus dem, was die kommunistischen Herrscher darunter verstehen -, bei der Religionsausübung kaum Probleme haben. Wenn die Verantwortlichen in Hanoi indessen auch nur im entferntesten politische Umtriebe wittern, verhärtet sich ihre Haltung. Sie vermögen in religiösem Aktivismus in der Regel nur ein Vehikel für politische Opposition zu erkennen, welcher sie umgehend einen Riegel schieben wollen. 

Strenge Kontrolle der Kirchenhierarchie

Aus diesem Grunde werden die verschiedenen Religionsgemeinschaften staatlich zwangsorganisiert, und das kirchliche Leben wird im Detail reglementiert. Religiöse Aktivitäten sind bewilligungspflichtig, und die Bischöfe haben für ihre Reisen im Lande bei den Behörden eine Genehmigung einzuholen. Die Schikanen gehen so weit, dass Priester den Text ihrer Sonntagspredigt auch heute noch bei der örtlichen Polizei vorzulegen haben und, wenn sie bis Sonntag keinen Bescheid erhalten, ihre Predigt im Prinzip nicht halten dürfen. Die staatlichen Organe schreiben den Religionsgemeinschaften vor, wer zum Priester oder Mönch ausgebildet und schliesslich geweiht oder zugelassen werden darf und auf welchem Weg dies zu geschehen hat. Viele Seminaristen müssen jahrelang darauf warten, geweiht zu werden. Hanoi besteht ferner darauf, über Ernennungen innerhalb der kirchlichen Hierarchie bestimmen zu können, worunter namentlich die katholische Kirche leidet. So ernannte Rom zum Beispiel 1975 einen Kirchenmann namens Nguyen Van Thuan, einen Neffen des Diktators Diem, zum Stellvertretenden Erzbischof von Saigon. Nachdem die Kommunisten die Macht an sich gerissen hatten, hinderten sie den Bischof daran, seinen Posten anzutreten. Die Angelegenheit konnte schliesslich erst nach Jahren geregelt werden, als die Machthaber endlich bereit waren, einen anderen Vorschlag Roms zu akzeptieren. 

Bei alldem hat Vietnams herrschende Kommunistische Partei aber eigentlich nie einen rabiat atheistischen oder antikirchlichen Kurs gesteuert, doch die Genossen in Hanoi waren in ihrem Machtbereich stets darauf bedacht, sowohl die buddhistische Hierarchie wie auch die katholische Kirche streng zu kontrollieren. Die Kommunisten griffen zu diesem Zweck je nach Bedarf zu repressiven Methoden oder zwangen die religiösen Gemeinschaften in staatlich gelenkte Organisationen. Zu den wichtigeren gehören etwa die Vietnam Buddhist Church (VBC) sowie das Committee for the Solidarity of Vietnamese Catholics oder die Union of Patriotic Priests. Alle diese Vereinigungen unterstehen dem Patronat der Vietnam Fatherland Front, die ihrerseits ganz nach kommunistischer Praxis der Partei als Sammelbecken der sogenannten Massenbewegungen dient. Von den mehr als 70 Millionen Vietnamesen dürften um die 80 Prozent Buddhisten sein - wenn viele auch nur dem Namen nach -, und etwa 10 Prozent gehören der katholischen Kirche an, der Rest verteilt sich auf protestantische Gemeinschaften sowie die Sekte der Hoa Hao und Cao Dai. Die Machthaber in Hanoi begegnen den Katholiken bis heute mit Misstrauen, und zwar weil sie diese mit den früheren französischen Kolonialherren in Verbindung bringen sowie wegen der guten Beziehungen, welche die Katholiken mit dem Regime im einstigen Südvietnam pflegten. Mitte der fünfziger Jahre hatten überdies um die 800 000 Katholiken von einem Passus im Genfer Abkommen von 1954 Gebrauch gemacht und sich aus dem Norden Vietnams in den Süden des Landes abgesetzt. 

17. März 1999 - Neue Zürcher Zeitung

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