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Spione in Australiens katholischen Kirchen

Vorwürfe aus dem Vatikan &endash; Zu viel Streben nach Toleranz?

gd. Sydney, 29. März

In den katholischen Kirchen Australiens gehen vor Ostern Spione um. Mit Schreibblock und Kugelschreiber bewehrt führen die als normale Kirchgänger auftretenden Personen genaues Protokoll über den Ablauf der Messe. Ihr besonderes Augenmerk gilt der Frage, ob der jeweilige Priester die Massenabsolution zelebriert oder ob er sich an die strikten Weisungen des Vatikans, nur die persönliche Beichte abzunehmen, hält. Der Papst hatte Ende des vergangenen Jahres deutlich zu verstehen gegeben, dass er mit seinen australischen Seelsorgern gar nicht zufrieden sei. Nach der Synode für Ozeanien veröffentlichte der Vatikan im Dezember ein Dokument, in dem der katholischen Kirche in Australien vorgeworfen wird, dass sie sich zu viele Freiheiten herausnehme. Das australische Streben nach Toleranz könne leicht zur «Gleichgültigkeit» führen, heisst es darin. Der Hang der Australier, die Gleichheit aller Menschen zu betonen, dürfe nicht dazu führen, dass der Priester seiner Autorität beraubt werde, warnte der Vatikan. Zudem wurde auf die zunehmende Zahl von Australiern hingewiesen, die sich keiner Religion anschliessen wollen.

Gespaltener Klerus

Viele Katholiken haben auf diese Aussagen mit Entrüstung reagiert. Andere jedoch schritten zur Tat. Eine Gruppe hat es sich zur Aufgabe gemacht, die «rebellischen Priester und Bischöfe» zu überwachen und deren Verhalten schriftlich zu rapportieren. Sie stützt sich dabei auf ein päpstliches Schreiben, in dem die Bischöfe aufgefordert wurden, in Sachen Doktrin, Moral und Kirchendisziplin keine Fehler mehr zu dulden. Am meisten Sorge scheint die «dritte Form» der Beichte zu bereiten, in deren Rahmen die Gläubigen gemeinsam beichten, ohne dass der einzelne Kirchgänger nachher noch zusätzlich eine persönliche Beichte ablegen muss. Der Erzbischof von Adelaide führt diese Form von Beichte trotz scharfer Kritik weiter &endash; unter anderem mit dem Hinweis darauf, dass es gar nicht mehr genügend Priester gebe, um alle individuellen Beichten abnehmen zu können.

Priester, Nonnen und Laienbrüder protestieren gegen das Vorgehen des Vatikans. In einem in seiner Art einmaligen Treffen haben sie die Forderungen des Vatikans «negativ und nicht hilfreich» bezeichnet. Der Nationale Rat der Priester analysierte und kommentierte im Namen der rund 12 000 Angehörigen verschiedener Orden das päpstliche Dokument zuhanden der Bischöfe. Der Rat dankte dabei ausdrücklich jenen Bischöfen, die sich für die Priesterehe, für eine wichtigere Rolle der Frauen im Rahmen der Kirche und für die Wiederverheiratung nach der Scheidung einsetzen.

Roms Problem mit der Distanz

Die grossen räumlichen Distanzen, die in Ozeanien zu überwinden sind, und die damit verbundene Isolation machen es zunehmend schwieriger, die von Rom gewünschten Priester alten Stils zu finden. Der Vatikan hat bisher zu einer Lösung wenig beigetragen, und die scheinbare Rückkehr zu konservativeren Werten wird das Problem nicht einfacher machen. Australien und der Vatikan scheinen vor Ostern weiter auseinanderzuliegen als je zuvor.  

31. März 1999 - Neue Zürcher Zeitung

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