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«Das, was sie mehr als alles andere verehren»

Feministische Exegese der Hebräischen Bibel

Von Regine Munz

Feministische Bibelauslegung ist zu einem Forschungszweig unter anderen geworden. Ein Blick in wichtige deutschsprachige Publikationen der letzten Zeit.

Gott sei, so hiess es, «zu ernst und heilig», «zu sehr Mann», um «mit den kleinen Anliegen des täglichen und häuslichen Lebens» belangt zu werden, folglich benötige er für die Bedürfnisse der Frauen ein weibliches Pendant. Wurde der als männlich gedachte Gott Israels mit Staat, Krieg, Politik und Justiz in Zusammenhang gebracht, so verblieb der als «Muttergöttin» bestimmten Himmelskönigin das Zuständigkeitsfeld Geburt und Kohlgarten. Sie liebe «hübsches Gebäck», sinnierten namhafte Exegeten, und erweise sich bei «Masern und Scharlach» als nützlich. Solche Bestimmungen von Geschlechterverhältnissen im theologisch-exegetischen Kontext bleiben heute nicht ohne Widerspruch.

Es gibt inzwischen zahlreiche Theologinnen, die «feministische Bibelauslegung» praktizieren. Wichtigstes Zentrum dafür war lange Zeit Nordamerika: Die in Harvard lehrende Professorin für Neues Testament Elisabeth Schüssler-Fiorenza ist die zurzeit einflussreichste Vordenkerin dieser theologischen Schule. Ihr feministisch-befreiungstheologischer Ansatz strebt danach, historisch- exegetische Rekonstruktion von Frauengeschichte in biblischer Zeit mit aktueller «befreiender Praxis» zu verbinden. Mittlerweile gibt es keine feministisch-theologische Untersuchung zur Rolle der Frau im biblischen Israel oder im Frühchristentum mehr, die ohne Anlehnung an diese «alma mater» feministischer Exegese oder ohne zaghafte Abgrenzung von ihr auskommen könnte. Dennoch hat sich inzwischen im deutschsprachigen Raum, freilich eng an Schüssler-Fiorenza anknüpfend, eine eigenständige Forschungstradition entwickelt. Originelle Beiträge finden sich besonders im Bereich der alttestamentlichen Exegese. Exegetinnen wie die in Amsterdam lehrende Athalya Brenner, die früh verstorbene Fokkelien van Dijk-Hemmes, Silvia Schroer in Bern, Marie- Theres Wacker in Münster, Helen Schüngel- Straumann in Kassel und eine Gruppe von Exegetinnen in Marburg, die sich im Andenken an die Bibelwissenschafterin Hedwig Jahnow konstituiert hat, haben mittlerweile eigenständige Positionen erarbeitet.

Im Zuge der feministisch inspirierten Popularisierung der Matriarchatsforschung interessierten sich besonders jungianisch-esoterisch angewehte Autorinnen für die Suche nach einer massgeblich von Frauen geprägten, «besseren» Gesellschaftsordnung. Diese wurde unter anderem in Israels Frühzeit lokalisiert. Heute ist es jedoch mehr denn je fraglich geworden, ob die Vision einer egalitären Geschlechterbeziehung im frühen Israel nicht lediglich patriarchale Lebensbedingungen verklärt. Überdies hat die Matriarchatsforschung im Umfeld israelischer Frühgeschichte sich als empfänglich für latenten und offenen Antijudaismus erwiesen. Sie imaginierte eine goldene matriarchale Vorzeit mit Verehrung einer kosmischen Göttin und erklärte patriarchale Überformungen der frauenfreundlichen «Urschicht» für israelitisch.

Damit wurde nicht nur der Gott der Bibel als Projektionsprodukt männlichen Machtwillens denunziert, sondern auch die Geschichte Israels hin zum «Gesetzesjudentum» als Verfallsgeschichte beschrieben. Denen, die diese Sicht für ein allgemeines Kennzeichen feministischer Theologie halten, entgegnen viele Autorinnen (mit Recht), dass sie möglichen antijudaistischen Stereotypen ihrer Forschungen inzwischen (seit den achtziger Jahren) selbstkritisch nachgegangen seien. Für die Analyse der Voraussetzungen und Mechanismen, die dem Patriarchat Vorschub geleistet haben, ist ihrer Meinung nach allerdings eine genaue Prüfung des Zusammenhangs zwischen einer patriarchalen Gottesvorstellung und einer männerbestimmten Gesellschaft geboten. Dieses Verhältnis ist nicht einfach gegeben. Es bildet sich allererst heraus in verschiedenen Auseinandersetzungen, unter anderem mit Frauenmacht und Frauenreligion. Aus diesem Grund schenken viele Exegetinnen der Frage nach dem Ort und dem Ausmass der Verehrung weiblicher Gottheiten in Israel nach wie vor grosse Beachtung. Jetzt allerdings mit modifizierter Fragestellung: Wurde der Göttinnenkult lediglich von den Frauen in ihrem jeweiligen familiären Umfeld betrieben, oder wurden zumindest zeitweise Teile dieses Kultes in die Verehrung des Gottes Israels integriert?

Für die Erforschung der Hebräischen Bibel &endash; neben «Erstes Testament» die heute in christlich- theologischem Kontext für politisch korrekt befundene Schreibweise für «Altes Testament» &endash; reicht eine lediglich auf das Neue Testament zugeschnittene Hermeneutik nicht aus. Die Suche nach einer egalitären Urbewegung, wie sie Schüssler-Fiorenza vorderhand erfolgreich im Neuen Testament aufnimmt, ist in der Hebräischen Bibel äusserst mühsam, wenn nicht gar von vornherein zum Scheitern verurteilt. Zwischen einem «Urtext», dessen Wortlaut und sozialgeschichtlicher Hintergrund nur hypothetisch ermittelt werden können, und dem in der «Biblia Hebraica» dokumentierten Text liegen in der Regel eine Vielzahl von redaktionellen Bearbeitungen, kontextuellen Aktualisierungen und mehrere Jahrhunderte. Während für die Erforschung der Stellung der Frau im Urchristentum die schriftliche Quellenlage einigermassen gesichert ist, muss jede Rekonstruktion von Frauengeschichte in alttestamentlicher Zeit sich zusätzlich zur Arbeit an biblischen Texten verschiedenster ausserbiblischer Quellen bedienen.

VEREHRUNG DER HIMMELSKÖNIGIN

Renate Josts sozialgeschichtlich konzipierte Studie macht am Beispiel der Verehrung der «Himmelskönigin» die Beteiligung von Frauen am sozialen und religiösen Leben in biblischer Zeit dingfest. Sie kritisiert sowohl die idealistische Überhöhung altorientalischer Göttinnentraditionen als auch eine vorurteilsbeladene Einschätzung des Himmelskönigin-Kultes. Jost kann bei der Beschreibung dieses Kultes keine «Binnenperspektive» einnehmen, da tradierte Texte aus der Sicht der religionsausübenden Frauen selbst fehlen. Den wenigen am Frauenkult interessierten schreibenden Männern blieb bekanntermassen der Zutritt dazu verwehrt. Das erfuhr schon der antike Autor Pausanias, als er die von Frauen in Korinth ausgeübten Demeter-Riten beschreiben wollte: «Das, was sie mehr als alles andere verehren, das sah ich nicht und auch kein anderer Mann.» Als ebenso realitätsfern erweist sich die Beschreibung der verschiedenen Verehrungspraktiken in den von Jost analysierten Stücken aus dem Jeremia- und Ezechiel-Buch. Jost benötigt darüber hinaus nichtbiblische Quellen, die über die konkreten Lebensbedingungen Auskunft geben; religionsgeschichtliches Material, aus Kulturvergleichen resultierende Analogieschlüsse sowie ikonographische und archäologische Dokumente (z. B. Siegelamulette, Kultgegenstände).

In Juda bzw. Israel, so Jost, sind seit der Frühzeit drei Göttinnen der Familien- und Lokalreligion verehrt worden: Astarte, Aschera und Ischtar. Sie verschmolzen zusammen mit ihren verschiedenen Aspekten zur einen Himmelskönigin &endash; wobei Astarte die kriegerische, Aschera die nährende und Ischtar vorwiegend die «astrale» Funktion verkörperte. Zeitweilig wurde sie neben dem Gott Israels im Jerusalemer Tempel als Nationalgöttin angerufen. Danach konnte sie ihren Einfluss auf der Ebene der Lokal- und Familienreligion beibehalten und auf diese Weise die Zerstörung des Tempels überdauern. Eine Verehrung der Himmelskönigin sei nichts für Juda und Israel Spezifisches, bemerkt Jost, sondern begegne einem von Mesopotamien über Ägypten bis in die westliche Mittelmeerwelt während eines Zeitraumes von mehr als zweieinhalb Jahrtausenden.

Die saubere Trennung in Männergötter und Frauengöttinnen mit jeweils geschlechtsspezifisch ausformulierten Zuständigkeitsbereichen kann also nicht durchgehalten werden. Vielmehr wurde die Göttin von Frauen und Männern verehrt. Überdies widerspricht Jost der Auffassung, wonach der Frauenkult privat und derjenige der Männer öffentlich gewesen sei. Bei der Himmelskönigin handle es sich um eine Göttin mit universalen Zügen, die für alle Bereiche des Lebens wie auch die Politik zuständig gewesen sei. Die Auffassung, dass das Patriarchat matriarchale Kulturen abgelöst habe, ist für Jost ebensowenig richtig wie die Annahme, dass die Verehrung von weiblichen Gottheiten als solche eine verbesserte soziale und politische Situation von Frauen zur Folge gehabt hätte.

FIGURATIONEN DES WEIBLICHEN BEI HOSEA

In einer Erzählung wird im Buch Hosea das Liebesverhältnis zwischen dem Propheten Hosea und seiner als untreue Prostituierte denunzierten Frau, Gomer, beleuchtet. Die Verbindung zwischen dem gehörnten Ehemann und seiner Frau bildet symbolisch &endash; so sehen es zumindest viele Ausleger &endash; das Verhältnis Gottes zu seinem Volk Israel ab. In der problematischen Ehe wird ein Geschlechterantagonismus gezeichnet, in welchem der Frau der menschliche, der Part der allein Schuldigen zukommt, dem Mann aber die Repräsentation Gottes zufällt. Da die Beziehungsstörung massgeblich der Frau angelastet wird und ihr Schuldigwerden in Kategorien des Sexualverhaltens beschrieben ist, wird eine Lektüre nahegelegt, für die weibliches sexuelles Fehlverhalten als Basismetapher der diese Texte leitenden Theologie gilt. Entsprechend bemühte man sich in der Forschungsgeschichte immer wieder darum, die Ehe als strukturierende Kategorie des gesamten Hosea-Buches aufzufassen.

Eingedenk der männlichen Engführungen des Textes geht Marie-Theres Wacker den «Figurationen des Weiblichen im Hosea-Buch» nach. Ihre «Relektüre» achtet auf die verschiedenen literarischen Präsentationen des Weiblichen und diskutiert diese in ihrem jeweiligen religiösen und sozialen Umfeld. Daneben verfolgt sie das Problem des «durchgehenden und nicht reflektierten ÐAndrozentrismusð der Forschungsgeschichte». Dieser männerzentrierte Blick ist, wie angedeutet, schon im Buch Hosea selbst angelegt; in dem biblischen Text also, der eine zentrale Rolle in der Debatte um die entstehungsgeschichtlichen Hintergründe des biblischen Eingottglaubens spielt. Die Grundannahme alttestamentlicher Wissenschaft, der jüdisch-christliche Monotheismus habe sich im Widerspruch zu einem polytheistischen Umfeld herauskristallisiert, ist fraglich geworden. Dennoch wird das Hosea-Buch noch immer als die erste sicher datierbare und fassbare Stimme der «Gott-allein-Bewegung» gelesen, welche alle anderen Götter ausser dem Gott Israels als «Baale» denunziere.

Der Grundkonflikt des Hosea-Buches gestaltet sich für Wacker differenzierter, als es die soziale und religiöse Alternative: hier der Monotheismus Israels &endash; dort die polytheistische, Naturkräfte vergötternde Religion «Kanaans», nahelegt. Die Religionsgeschichte Israels erweist sich &endash; hier stützt sich Wacker auf ein Forschungsergebnis neuerer alttestamentlicher Exegese &endash; als Teil komplexer Verschiebungen des ausgehenden zweiten und beginnenden ersten Jahrtausends v. Chr. im «Fruchtbaren Halbmond» (der Region also, die sich halbmondförmig vom Persischen Golf über das Zweistromland, den Libanon bis an den Rand des Negev erstreckt). Die Beziehung zwischen Gottesbild und Geschlechtermetaphorik gestaltet sich nach Wacker als eine vielschichtige Überlagerung von Göttlichem und Weiblichem. Der Gott Israels werde im Rahmen der Familienmetaphorik als «väterlich-mütterlich» wahrgenommen und mit dem heiligen Baum der Göttin identifiziert; oder er werde als «Eheherr und Versorger» Israels betrachtet, dessen «weibliches» Gegenüber eine Stadt, das Volk Israel als Exodusgemeinschaft oder das Land als mythische Grösse sein könne. In einer erotisch aufgeladenen Beziehung artikuliere sich eine Theologie der «Gotteserkenntnis», welche den intellektuell-kognitiven Bereich überschreite.

Schliesslich aber werde die Beziehung zwischen dem Göttlichen und dem Weiblichen als zutiefst problematisch gesehen: Tritt der Aspekt des Misstrauens gegenüber weiblicher Sexualität markant in den Vordergrund, wird auch die Frage nach der «kultunfähigen» Frau für das Gotteskonzept zentral. Wacker liest die Entstehungsgeschichte des Buches als ein fortgesetztes Diskussionsgeschehen, in dem das Weibliche stets zentral bleibt, jedoch geradezu konträre Bewertungen und Funktionalisierungen erfährt. Die Auseinandersetzung mit der Macht der Göttin steht dabei im Hintergrund.

KOMPENDIUM

Neben der an den unterschiedlichen Formen von Frauenreligiosität und weiblicher Sozialgeschichte interessierten Bibellektüre stellen Exegetinnen feministisch inspirierte Gesamtlektüren der Bibel vor. In den Vereinigten Staaten sind bereits zwei umfassende Sammelbände erschienen: «The Women's Bible Commentary» (ediert von Carol A. Newsom und Sharon H. Ringe; 1992) enthält von nordamerikanischen Frauen verfasste Kurzkommentare zu allen biblischen Büchern. «Searching the Scriptures» (herausgegeben von Elisabeth Schüssler-Fiorenza) bietet methodische Grundlagen und Kurzkommentare zu neutestamentlichen, frühchristlichen und frühjüdischen Schriften und wurde von Frauen aus allen fünf Kontinenten geschrieben. Im deutschsprachigen Raum ist es geglückt, den feministisch-exegetischen Forschungsstand in gebotener Kürze zu präsentieren. Dieses Verdienst ist Marie-Theres Wacker und Luise Schottroff, den Herausgeberinnen des «Kompendiums Feministische Bibelauslegung», gutzuschreiben.

Neunundfünfzig (mit wenigen Ausnahmen deutschsprachige) Exegetinnen setzten sich darin mit sämtlichen kanonischen und verschiedenen nichtkanonischen biblischen Schriften auseinander. Das Schwergewicht der «feministischen Gesamtlesart» liegt dabei auf der Präsentation der Frauen bzw. deren Nichtvorkommen in den entsprechenden Texten. Die Klammer der einzelnen Beiträge, die Maxime nämlich, «dass christlicher Antijudaismus, westlicher Kolonialismus und alle Formen von Rassismus zugleich mit Frauenverachtung bekämpft werden müssen», ist in ihrer Pauschalität zwar nachvollziehbar, doch ihre variantenreiche Repetition in den Beiträgen klingt bisweilen stereotyp und streckenweise leicht verkrampft. Denn nicht immer halten die biblischen Bücher Rezepte für gegenwärtige politische Analysen und Handlungsstrategien bereit.

Die biblischen Texte bleiben allerdings, wie Wacker zu Recht feststellt, «Quelle jenes semantischen Potentials, mit dem Grundoptionen eines menschenwürdigen, solidarischen Lebens buchstabiert werden können». Die Lesefrucht freilich, dass wir die Bibel als humanes Reservoir begreifen können, wird nicht allein Frauen munden.

 

Kompendium Feministische Bibelauslegung. Hrsg. von Luise Schottroff und Marie-Theres Wacker unter Mitarbeit von Claudia Janssen und Beate Wehn. Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1998. 832 S., Fr. 112.&endash;.

Hedwig Jahnow u. a.: Feministische Hermeneutik und Erstes Testament. Verlag Kohlhammer, Stuttgart 1994. 167 S., Fr. 37.&endash;.

Renate Jost: Frauen, Männer und die Himmelskönigin. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1996. 268 S., Fr. 82.80.

Luise Schottroff, Silvia Schroer, Marie-Theres Wacker: Feministische Exegese. Forschungserträge aus der Bibel aus der Perspektive von Frauen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1995. 262 S., Fr. 41.50.

Marie-Theres Wacker: Figurationen des Weiblichen im Hosea-Buch. Herder-Verlag, Freiburg i. Br. 1996. 385 S., Fr. 84.&endash;.

© Neue Züricher Zeitung - 03.04.1999

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