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Kreuzigung als Strafe zur Zeit Jesu

Geschichte des jüdischen Widerstandes und Theologie des Martyriums

Von Luise Schottroff, Theologin, Gesamthochschule Kassel

Kreuzigung als Hinrichtungsart ist vom Römischen Reich zu politischen Zwecken eingesetzt worden. Die Kreuzigung Jesu von Nazareth war Teil der Geschichte des jüdischen Widerstands gegen Rom im ersten Jahrhundert n. Chr. Jüdische Martyriumserfahrungen und -deutungen sind die Grundlage der Christologie und des christlichen Abendmahles. &endash; Die Autorin ist Professorin für Neues Testament an der Universität Gesamthochschule Kassel. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Sozialgeschichte des frühen Christentums und feministische Bibelauslegung.

An einem Freitag im Frühjahr der Jahre zwischen 26 und 36 n. Chr. wurde Jesus aus Nazareth durch römische Soldaten in Jerusalem hingerichtet. Er war zwischen 30 und 35 Jahre alt. Jesus wurde mit Händen und Füssen an ein hohes Holzkreuz genagelt. Das Sterben am Kreuz ist sehr schmerzhaft: langsames Ersticken.

Die politische Bedeutung

Für welche Vergehen wurden Männer und Frauen zur Kreuzigung verurteilt? Es waren Verbrechen wie Desertion, Geheimnisverrat, Anstiftung zum Aufruhr. Im Falle Jesu benennt die Inschrift am Kreuz den Hinrichtungsgrund: «Der König der Juden» (Mk 15, 26). Aus der Perspektive Roms war ein Mensch, der für den Messias gehalten wurde, eine politische Gefahr.

Der jüdische Historiker Flavius Josephus berichtet über zahlreiche jüdische Bewegungen in der Zeit der Herrschaft Roms, die sich um einen Propheten, Vorläufer Gottes oder Messias scharten. Sie warteten auf das Reich Gottes auf der Erde und im Himmel. Sie waren unbewaffnet, entwickelten aber die Perspektiven eines gerechten Zusammenlebens in Freiheit und wurden deshalb von Rom als politische Gefahr angesehen. Obwohl Jesus nicht der Anführer einer antirömischen Aufstandsbewegung war, genügte seine Hoffnung auf das nahe Reich Gottes und die Bewegung der Menschen in seiner Nachfolge, um die Kreuzigung notwendig erscheinen zu lassen.

In der christlichen Geschichtsschreibung findet sich die These, die Kreuzigung Jesu gründe auf einem Missverständnis: das Wirken Jesu sei irrtümlicherweise als politisches Handeln verstanden worden. Doch diese These verkennt die öffentlichen Auswirkungen der Reich-Gottes-Erwartung Jesu. Es ist falsch, die Kreuzigung Jesu als ein Missverständnis Roms anzusehen. Sie gehört in die jüdische Widerstandsgeschichte des 1. Jahrhunderts genauso wie die Massenkreuzigungen, von denen der jüdische Historiker Josephus berichtet. «Die Soldaten aber trieben voller Wut und Hass ihren Spott mit den Gefangenen, indem sie jeden in einer anderen Stellung ans Kreuz nagelten, und bald fehlte es an Platz für die Kreuze und an Kreuzen für die Leiber, so viele waren es.» (Der jüdische Krieg 5, 451)

Diese Strafe wurde zur Unterdrückung politischer Unruhen eingesetzt. Sie galt als eine der brutalsten Tötungsweisen. In den Katalogen der Todesstrafen in römischen Rechtsquellen erscheint Kreuzigung am Ende der Aufzählungen: nach dem Verbrennen und der Verurteilung zur Zerfleischung durch wilde Tiere.

So öffentlich wie möglich

Die Öffentlichkeit der Hinrichtungen, möglichst mit Volksfestcharakter, lag im Interesse der römischen Herrschaft über die damals bekannte Welt. Dieses Sterben, sei es langsam am Kreuz, sei es in der Arena, wo die Verurteilten von wilden Tieren zerfleischt wurden, sollte abschreckend wirken und Zustimmung finden.

Politisch und rechtlich war der römische Statthalter Pontius Pilatus für die Kreuzigung Jesu verantwortlich. Er war von 26 bis 36 n. Chr. Präfekt von Judäa. 1959 wurde in Israel eine römische Inschrift mit seinem Namen gefunden. Solche eindeutigen Belege gibt es für das Leben Jesu aus Nazareth nicht, jedoch ist die Verbindung seines Todes mit dem Namen Pontius Pilatus als historisch zuverlässig zu werten. Der römische Schriftsteller Tacitus (etwa 55&endash;120 n. Chr.) schreibt über die Christenverfolgung zur Zeit des späteren Kaisers Nero (54&endash;68 n. Chr.): Der Name Christianer «leitet sich von Christus ab, der unter der Regierung des Tiberius durch den Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden war. Der für den Augenblick unterdrückte verhängnisvolle Aberglaube (gemeint ist das entstehende Christentum) griff von neuem um sich, nicht nur in Judäa, wo dieses Übel entstanden war, sondern auch in Rom.» (Annalen 15, 44, 2&endash;5)

Das christliche Glaubensbekenntnis, das Apostolicum, sagt über Jesus: «gelitten unter Pontius Pilatus». Damit soll nicht eine Datierung des Todes Jesu genannt werden, sondern der Urheber der brutalen Hinrichtung. Das Recht, Todesurteile zu erlassen und zu vollstrecken, hatte nur der römische Statthalter &endash; im Judäa dieser Zeit wie im gesamten Herrschaftsbereich Roms.

Schuldzuweisung an «die Juden»

Das Christentum hat über Jahrhunderte behauptet, die Juden seien Gottesmörder. Diese Behauptung hat dazu gedient, Pogrome gegen jüdische Menschen zu rechtfertigen. Auf ihr basiert der christliche Antijudaismus. Belegt wurde sie mit Aussagen des Neuen Testaments über die Beteiligung von Männern aus der jüdischen Führungsschicht an der Vorbereitung des Kreuzigungsurteils durch Pilatus. Diese Beteiligung wird historisch zutreffen. Sie sollte aber nicht missbraucht werden, um «das Judentum» schlechthin zu beschuldigen. Vielmehr muss nach den unterschiedlichen politischen Interessen in der jüdischen Führung gefragt werden. Es gab Menschen, die mit Rom kooperierten. Diese Zusammenarbeit hatte bei den herodianischen Königen andere Gründe als bei manchen Hohenpriestern. Die herodianischen Könige waren Nutzniesser der Herrschaft Roms, Kollaborateure, wie die Legende vom Kindermord des Herodes in Bethlehem zeigt.

Im Johannesevangelium (11, 48) wird ein Hoherpriester zitiert, der fürchtet, dass Jesus durch seinen Erfolg im jüdischen Volk den Römern als Bedrohung erscheinen könnte: «Lassen wir ihn so [weitermachen], werden alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns den Ort (gemeint ist wohl der Tempel) und das Volk»; eine durchaus realistische Einschätzung der Verhältnisse, die vom Opportunismus herodianischer Könige zu unterscheiden ist. Eine Schuld des Volkes am Tod Jesu &endash; «Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder» (Mt 27, 25) &endash; ist spätere Deutung aus der Zeit, als die christliche Urgemeinde sich vom Judentum getrennt hatte. Nun wurden viele Texte des Neuen Testaments mit der judenfeindlichen Brille gelesen. Heute wird in den christlichen Kirchen langsam Selbstkritik gelernt, und es wird immer deutlicher gesagt, dass die Behauptung der Schuld des jüdischen Volkes am Tode Jesu Unrecht war. Endlich muss man die Schuld erkennen, die das Christentum durch diese Behauptung auf sich geladen hat. Sie ist bleibendes Erbe.

«Mit Tora und Todesmut»

Die Tora, das Buch der Weisung Gottes, war für das jüdische Volk Richtschnur des Lebens und Quelle der Hoffnung auf Frieden für die ganze Schöpfung. Widerstand hat die jüdische Geschichte über Jahrhunderte geprägt. Die Bevölkerung fühlte sich durch die von Rom auferlegten Zwänge an der Erfüllung des Willens Gottes gehindert. Die Geschichte Judäas in dieser Zeit wird richtig beschrieben unter dem Titel: «Mit Tora und Todesmut».*

Als Dokumente der jüdischen Widerstandsgeschichte, die in der Erde des Landes gefunden wurden, sind etwa Kalksteingefässe zu nennen. Sie wurden von Pharisäerinnen im Haushalt benutzt, um den Reinheitsvorschriften der Tora zu entsprechen. Das Material dieser Gefässe galt, anders als Ton oder Metall, als gegen Verunreinigung gefeit. Durch konsequente kultische Reinheitspraxis sollte Gottes Gegenwart und Hilfe für das Volk sichtbar werden. So wurde die Benutzung dieser Trinkgefässe zum alltäglichen und verbreiteten Ausdruck des Lebenswillens und Widerstandes gegen Rom. In der Zeit des Bar-Kochba-Aufstandes (132&endash;135 n. Chr.) sind viele Menschen in Höhlen am Rande des Toten Meeres geflohen, um der Gewalt der römischen Soldaten zu entgehen. Auch hier fanden sich die Kalksteinbecher.

Die Geschichte des vielfältigen jüdischen Widerstands gegen Herrschaft von aussen hatte religiöse Ursachen, und sie wurde theologisch gedeutet. Eine dieser Deutungen von Martyrien ist die des Sühneopfers. Sie ist durch die spätere christliche Theologie in den Vordergrund gerückt und als Besonderheit des Todes Jesu verstanden worden. Doch war sie dies gerade nicht, denn die Kreuzigung Jesu ist Teil der Leidens- und Widerstandsgeschichte des jüdischen Volkes.

Die Kreuzeschristologie gehört in die Geschichte jüdischer Martyriumstheologie. Der Tod Jesu wurde in Aufnahme jüdischer Traditionen in Ritualen und theologischen Reflexionen als Tod für die Sünde des Volkes gedeutet oder auch als Sühneopfer und Lösegeld für das gefangene Volk.

Schuld vor Gott und alte Opfermotive

Durch die hebräische Bibel und die nachbiblische jüdische Tradition zieht sich diese Deutung der Geschichte Israels: Wenn der Tempel zertreten wird und das Volk nicht mehr mit seinem Gott leben kann, sondern deportiert und misshandelt wird, dann ist das Ausdruck der Schuld vor Gott. Sonst hätten die Feinde keine Macht über das Volk. Ein Beispiel aus der hebräischen Bibel: «Warum lässt du uns, o Herr, so abirren von deinen Wegen? Verhärtest unser Herz, dass wir dich nicht fürchten? Kehre wieder um deiner Knechte, um der Stämme willen, die dein eigen sind. Warum schreiten die Gottlosen durch deinen Tempel, zertreten unsere Feinde dein Heiligtum? Warum sind wir geworden wie solche, die du nie beherrscht hast, die nicht nach deinem Namen benannt sind?» (Jes 63, 17&endash;19)

Ein jüdisch-hellenistischer Text aus dieser Zeit (zwischen Pompejus und Vespasian) hilft, die neutestamentliche Deutung des Todes Jesu als Befreiung des Volkes von den Sünden gegenüber Gott zu verstehen. Dort heisst es über Märtyrer und Märtyrerinnen: «Diese um Gottes willen Geheiligten sind geehrt, nicht nur mit dieser [himmlischen] Ehre, sondern auch dadurch, dass um ihretwillen die Feinde über unser Volk keine Macht mehr hatten, der Tyrann bestraft und das Vaterland geläutert wurde; sie sind doch gleichsam eine Gegengabe geworden für [die durch] die Sünde [befleckte] Seele des Volkes. Durch das Blut jener Frommen und ihren zur Sühne dienenden Tod hat die göttliche Vorsehung das vorher schlimm bedrängte Israel gerettet.» (4 Makk 17, 20 ff.)

Hier werden alte Opfervorstellungen, nach denen das Blut der Opfertiere die Reinigung des Volkes bewirkt, sekundär verwendet und mit ihrer Hilfe die Realität gedeutet: So ist Gott wieder mit seinem Volk vereint, und die Feinde haben keine Macht mehr über das Volk, denn es ist nicht stumm geblieben. Die Rede von der Notwendigkeit der Opfer dient heute der Rechtfertigung von Gewalt. In der Geschichte der jüdischen Märtyrer und Märtyrerinnen, zu denen Jesus gehört, diente sie jedoch der Ermutigung unterdrückter Menschen. Sie lernten aus ihr, das Schweigen und die Resignation vor der Gewalt zu durchbrechen.

Eine neue Sprache der Erinnerung finden

Auch heute werden Menschen genauso brutal gefoltert und umgebracht &endash; nicht nur in Kriegen. Die Erinnerung an die Kreuzigung Jesu muss sorgfältig bedacht werden, da sie inzwischen eine lange Geschichte des Missbrauchs hinter sich hat. Die Sprache des Missbrauchs der christologischen Tradition rechtfertigt Opfer und Gewalt als «leider» notwendig.

Es ist möglich, diesen Missbrauch zu überwinden und eine neue Sprache der Erinnerung zu finden. Sie entsteht dort, wo heute Menschen die Kreuze in ihrer Umgebung, die subtile und offene Gewalt wahrnehmen. Die neue Sprache der Erinnerung ermutigt Menschen, in die Nachfolge Jesu einzutreten, im Widerstand gegen Gewalt und im Kampf für das Leben.

 

* Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Mit Tora und Todesmut. Judäa im Widerstand gegen die Römer von Herodes bis Bar- Kochba, Württembergisches Landesmuseum, Stuttgart 1994.

© Neue Züricher Zeitung - 03.04.1999

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