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Nach Emmaus

«Doch wer ist das an deiner andern Seite?»

Im letzten Teil des Gedichts «The Waste Land» lässt T. S. Eliot das Bild zweier Wanderer erscheinen, die von der ungewissen Gegenwart eines Dritten beunruhigt werden. «Wenn ich zähle, sind nur du und ich beisammen, doch sooft ich voraus und die weisse Strasse entlang schaue, geht noch ein anderer neben dir her . . .» Und in einer Anmerkung gibt der Autor zwei «Quellen» zu diesem Passus an: den «Gang nach Emmaus», von dem im letzten Kapitel des Lukas-Evangeliums erzählt wird, und den Bericht über eine Antarktis-Expedition, bei der es den völlig erschöpften Forschern immer wieder so vorkam, als sei einer mehr dabei, als sie zählen konnten.

Dieses «einer mehr» wäre also das eine Mal ein heilsgeschichtliches Ereignis, das andere Mal eine Halluzination. Aber wie sicher können wir da unterscheiden? Die heilige Johanna, der man vorhält, es sei ihre Phantasie, die sie Stimmen vernehmen lasse, bestätigt das seelenruhig: «Wie könnte denn Gott zu mir sprechen, wenn nicht durch meine Phantasie?» Die beiden Jünger, die von Jerusalem nach Emmaus wandern &endash; eine Wegstunde, nach der Angabe bei Lukas &endash;, sind nicht durch physische Erschöpfung, aber durch seelische Bedrängnis wohl darauf eingestimmt, die Präsenz eines Dritten &endash; des Dritten &endash; wahrzunehmen.

«Wahrnehmen» sagt man: ein gutes Wort. Wir nehmen Wahrheit auf, sehend und hörend &endash; durch die Sinne, wie denn sonst; das «Übersinnliche» kann sich nicht anders mitteilen; die Sprache der Mystik ist voller Anschauung: erst in der Schau wird wahr, was sich mitteilen will. So auch auf dem Weg nach Emmaus, in der Begegnung, die dem Erzählgang nach eine letzte und doch schon die erste ist: die erste Begegnung mit dem Auferstandenen &endash; nicht mit Jesus, den dort, wo er gerade war, jeder sehen konnte, sondern mit Christus, der überall sein kann, wo sich die Wahrnehmung für ihn bereit hält.

Wo die Bereitschaft zur Wahrnehmung teilbar und mitteilbar wird, beginnt Kirche zu entstehen. Es mussten zwei nach Emmaus wandern, um Zeugen der Gegenwart Christi zu werden, nicht jeder für sich, sondern jeder zugleich als Zeuge für das, was der andere wahrnahm. Auch auf die Vision eines Einzelnen müssen andere eingestimmt sein, damit sie zum Zeugnis wird; und die Legenden erzählen immer wieder von Heiligen, die ihre Visionen verheimlichen wollten &endash; aus Demut, wie gesagt wird, vielleicht aber aus einem Zweifel: ob die Gemeinschaft bereit sei, sich anzueignen, was ihnen zuteil wurde. Dank den nur ihnen gewährten Wahrnehmungen konnten sie Lichtgestalten der Kirche werden und in ihr doch Aussenseiter bleiben.

Zwei also, die unterwegs sind in ein Dorf, und der Dritte gesellt sich zu ihnen, und zuerst legt er ihnen, von Mose über die Propheten, «in allen Schriften aus, was von ihm handelt», und in dem Dorf dann sitzt er mit ihnen zu Tisch, und «beim Brechen des Brotes» erkennen sie ihn. Dass ihnen so, durch Lehre und Mahl, «die Augen aufgetan wurden», ist die kürzeste Formel für das, was von da an Kirche sein sollte. Doch kam alsbald manches dazu: Verdeutlichendes wie Verhüllendes, Theologie und Verfassung. Und der Gang nach Emmaus hat es nicht abwenden können, dass eines Tages die «Realpräsenz» Christi zu einer Streitfrage wurde.

Das Fest der Auferstehung wird als leuchtender Abschluss einer dunklen Geschichte gefeiert; doch dieses Ende verknüpft sich mit dem Beginn einer neuen Geschichte, deren Leuchtkraft schwankt. Die Gewissheit, dass «der Herr auferweckt worden ist», folgt erst auf jenen Gang &endash; jenen Vorgang: dass zu den Zweien der Dritte hinzutritt. Sie folgt auf ihn und bleibt an ihn gebunden. Nichts kommt für ihn auf; kein Ritus, kein Credo ersetzt die Bereitschaft zur Wahrnehmung, macht die Gegenwart Christi gewisser, als sie es für die «zwei oder drei» sein kann, die (nach Matthäus 18, 20) «in meinem Namen versammelt sind».

Mit einer Erleuchtung also beginnt die nachösterliche Geschichte des Christentums: der Auferstandene wird erkannt. Und durch die bewahrende, aber auch verdunkelnde Hülle der Kirchlichkeit muss immer wieder das Licht dieses Ursprungs brechen. Soll nicht der Kern in der Schale verkümmern, bedeutet Kirche am Ende nur dies: nicht mehr fragen zu müssen, wer das wohl sei, der ausser den Zählbaren mitgeht.

Hanno Helbling

© Neue Züricher Zeitung - 03.04.1999

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