Der verbotene Philosoph
Katholische Nietzsche-Abwehr
Friedrich Nietzsches hoffnungsvolle Befürchtung,
durch ihn werde «die Geschichte der Menschheit in
zwei Theile auseinandergeschossen», hat sich zum
Glück nicht bewahrheitet. Zwar gab es viele
Nietzsche-Leser und -Jünger, die seiner
pathetisch-epochalen Selbsteinschätzung zustimmten.
Aber schon die Rezeptionsgeschichte des Philosophen hat
seinen apokalyptischen Wunsch widerlegt. Sie ist
äusserst vielgestaltig und von pluraler
Widersprüchlichkeit, was angesichts der
Komplexität dieses Denkers und seines Werkes auch
nicht erstaunlich ist: Neben der
revolutionär-konservativen gab es eine
sozialistisch-anarchistische, neben der antisemitischen
eine jüdische, neben der antireligiösen eine
theologische Nietzsche-Rezeption. Mit dem Erscheinen von
Frank Richard Krummels Schrifttumsverzeichnis
«Nietzsche und der deutsche Geist» und seit
Steven Aschheims und vielen anderen
rezeptionsgeschichtlichen Arbeiten sind wir über das
gewaltige Ausmass, aber eben auch über die stupende
Heterogenität der Wirkung Nietzsches gut informiert.
Dass es daneben auch dezidierte Abwehr und
systematische Versuche gab, die Aufnahme von Nietzsches
Philosophie zu verhindern, das zeigt Peter Kösters
Buch zu den Anfängen der katholischen
Nietzsche-Rezeption in Deutschland (1890&endash;1918).
Während man manchen wirkungsgeschichtlichen Studien
gerne das warnende Prädikat «schwer lesbar und
hirnschädigend» gäbe, da sie nach der
Manier der Jäger und Sammler gefertigt sind und also
stoffreich, aber reflexionsarm und todlangweilig
daherkommen, so ist Kösters Untersuchung interessant
und geradezu spannend zu lesen. Dies deshalb, weil sie
von einer präzisen sozial- und
intellektualgeschichtlichen Fragestellung geleitet ist:
Wie formt sich das negative, rezeptionsblockierende Bild
Nietzsches als eines gefährlichen, «verbotenen
Philosophen» im Milieu eines kirchentreuen
Katholizismus? Da die damals bekannten Theologen sich mit
Nietzsche nicht beschäftigt zu haben scheinen, sind
es die volkspädagogisch motivierten Traktate und
Schriftchen geistlicher Oberlehrer, Jesuitenpatres und
Kapläne gewesen, durch die das frühe
Nietzsche-Bild geformt wurde. In ihnen ist Nietzsche als
logische, extreme und katastrophale Konsequenz des
modernen Zeitgeistes dargestellt und abgeurteilt.
Auf dem Hintergrund antimodernistischer,
antiprotestantischer und antiliberaler Abwehrdispositive
war es ungeheuer wirkungsvoll, die von Nietzsche ja
selbst aufgegriffene Assassinen- Parole «Nichts ist
wahr, alles ist erlaubt» als Quintessenz seiner
Philosophie zu nehmen. Zusammen mit dessen
Selbstbezeichnung als «Antichrist» (der
Köster einen erhellenden Exkurs widmet) und mit dem
Begriff des «Übermenschen» &endash;
plakativ als widerchristliches, den Kern der katholischen
Weltanschauung und Lehre angreifendes
«Verbrecherideal» hingestellt &endash; wurde
ein vereinfachtes und verzerrtes, aber effektives und
prohibitives Nietzsche-Bild geprägt.
Kösters Fazit, sorgfältig und präzise
formuliert: Katholische Nietzsche-Rezeption &endash; die
keine Laien-, sondern fast ausschliesslich Kleriker-
Rezeption war &endash; «ist bis zum Ersten Weltkrieg
eher eine Form defensiver Nichtrezeption, sofern
Rezeption bedeutet, dass das Aufgenommene in seinem
Sinnpotential entfaltet und für die eigene Position
fruchtbar gemacht wird. . . . Die schreibenden Kleriker
teilen dabei durchaus die Sozialisation und die
Defensivinstinkte der durchschnittlichen Katholiken: sie
entsprechen einem gefühlten Bedürfnis. Wertende
Polemik aus heutiger Sicht, die aus einer tiefgreifend
veränderten Situation des Katholizismus sich ergeben
würde, ist somit entschieden fernzuhalten. Es geht
hier nicht um ÐPriesterbetrugð oder
ÐEntmündigungð, sondern um die
Konstituierung eines Gruppenurteils. Von hier aus wird
dann noch einmal die katholische Tendenz zur
Ðkanonischenð Nietzsche- Auslegung verstehbar. Es
gibt im zurückliegenden Jahrhundert faktisch fast
immer den katholischen ÐExpertenð, der einen
katholisch Ðbewältigtenð Nietzsche
präsentiert: gewissermassen von Engelbert Lorenz
Fischer bis zu Eugen Biser.» Aufschlussreich sind
Kösters Seitenblicke auf die damalige
protestantische Nietzsche-Interpretation, weil in dieser
weitergefassten Perspektive die religionskulturellen und
kulturkämpferisch-konfessionalistischen Dispositive
und Gruppeneinstellungen sichtbar werden &endash; das
protestantische Pathos moderner Superiorität
gegenüber dem katholischen Credo der Geschlossenheit
&endash;, ohne welche die Geistesgeschichte jener Zeit
nicht zu verstehen ist.
Es ist dem Autor auf eindrückliche Art gelungen,
hermeneutische, rezeptionshistorische und
sozialpsychologische Perspektiven zu einem Ganzen zu
verbinden. In einem 120seitigen Anhang sind viele der
besprochenen, meist schwer zugänglichen Dokumente
katholischer Nietzsche- Rezeption in einem
photoreprographischen Reprint beigegeben, was eine
Überprüfung der Interpretation erleichtert.
Niklaus Peter
Peter Köster: Der verbotene Philosoph. Studien
zu den Anfängen der katholischen Nietzsche-Rezeption
in Deutschland (1890&endash;1918) (= Supplementa
Nietzscheana, hrsg. von W. Müller-Lauter u. K.
Pestalozzi, Bd. 5). Verlag de Gruyter, Berlin 1998. 356
S., Fr. 240.&endash;.
© Neue Züricher Zeitung -
06.04.1999