Ein Ritter ohne Preisgeld
Gibt Peter Handke den Büchner-Preis
zurück?
Der Bruder, der die Laudatio halten sollte, kam nicht
zur Sache; Kinder lärmten während der
Feierlichkeit, und als dem zu Ehrenden einfiel, dass er
seine Festansprache noch gar nicht geschrieben hatte
&endash; da erwachte er. Erwachte aus seinem Traum von
der Verleihung des bedeutendsten deutschen
Literaturpreises, einer Verleihung, die sich in der
Realität dann zwar doch etwas anders ausnahm (ohne
störende Kinder und mit dem Journalisten Rolf
Michaelis als Laudator), deswegen aber nicht die
Traumbotschaft, das Traumgefühl des Dichters,
korrigierte: Der Büchner-Preis versprach kein reines
Glück. So hat es Peter Handke vorab geträumt
damals, 1973, als ihn die Deutsche Akademie für
Sprache und Dichtung zum Preisträger erkoren hatte,
und mit dementsprechendem Missmut hat er hinterdrein
Traum und Ehrung kommentiert: Das sei, erklärte er
in einem Interview, «halt auch ein Beispiel
dafür, wie leicht man sich selber fremd wird, wenn
man jetzt so institutionalisiert wird. Ich kann das
eigentlich nicht akzeptieren.»
Dieser Tage hat Peter Handke eine neuerliche
Institutionalisierung erfahren, eine ihm akzeptable, wie
es scheint, denn von Bedenken des Autors gegen den Schlag
zum «Serbischen Ritter», erteilt durch die
Akademie der Wissenschaften und Künste in Belgrad,
ist nichts bekannt. Der Titel, im Kriegsjahr 1993
für Personen eingeführt, denen
«ausserordentliche» Taten zum Wohle des
serbischen Volkes bescheinigt werden, soll Handke nach
Akademieverlautbarungen für seine
«Tapferkeit» auszeichnen, mit der er die
Tragödie Serbiens angesichts der «bestialischen
und brutalen» Nato-Aggression erläutere. Mit
dem Georg-Büchner-Preis von 1973 aber will Serbiens
neuer Ritter nichts mehr zu schaffen haben. Oder sollten
wir vorsichtiger formulieren: den pekuniären Nutzen
will er rückgängig machen, nicht aber die
Würde? In einem Brief an das österreichische
Magazin «News» kündigt er die
Rückgabe des Preisgeldes an («zum Glück
waren's damals nur 10 000 DM» &endash; nicht 60 000,
wie heute); ausserdem erklärt er seinen Austritt aus
der «momentanen katholischen Kirche», da deren
Osterbotschaften «den Allrohrüberfall der Nato
gegen ein kleines Land» nicht verurteilten.
Mag Handkes Begründung des Kirchenaustritts
hinreichend klar formuliert und nachvollziehbar sein, so
stellen seine Anmerkungen zum Büchner- Preis die
Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung vor ein
Rätsel. In dem Brief, dessen Echtheit
«News» nicht anzweifelt, heisst es, die
Rückgabe sei «symbolisch» und sie
geschehe, «um meine ÐGlaubwürdigkeit nicht
zu verlierenð». Schlusssatz Handke: «Einem
jeden seine Glaubwürdigkeit.»
Ist's trübe Ironie, ist's Sarkasmus? Peter
Handkes Gänsefüsschen verraten: Diese
Begründung operiert mit Phrasen, sie repliziert
Phrasen &endash; aber warum ist die Darmstädter
Akademie der Adressat? Deren Präsident Christian
Meier, informiert nicht vom Dichter selbst, sondern von
DPA und «FAZ», tappt im dunkeln. Der einzig
mögliche Vorwurf, den der Preisträger der
Akademie machen könne, sei, dass sie sich nicht mit
ihm solidarisiert habe &endash; wozu es freilich auch
nicht kommen werde, wie Meier durchblicken lässt.
Vielleicht aber halte ja Handke den Büchner-Preis
irrigerweise für einen Staatspreis und wolle so die
deutsche Politik treffen? Vermutungen, keine
Gewissheiten. Solange Peter Handke sich nicht
präziser äussert, wird man glauben müssen,
er dementiere mit der Rückgabe des Preises auch
dessen Sinn. Die Verleihungsurkunde der Akademie fasste
ihn seinerzeit so: «Aus dem Spiel der sich
anziehenden Wörter hat er auf vielfältige Weise
die Kraft der Dichtung gewonnen.» Derzeit scheint
es, als setze Handke viel daran, seine dichterische Kraft
für ein fehlgeleitetes Politisieren zu missbrauchen.
Joachim Güntner
© Neue Züricher Zeitung -
09.04.1999