Neid als kollektive Verirrung
Wie Missgunst die Wirtschaft
lähmt
G. S. Auf die Frage, was seine erste Amtshandlung
wäre, wenn er wider Erwarten zum Bundeskanzler
gewählt würde, antwortete der FDP-Vorsitzende
Wolfgang Gerhardt 1998: «Ich würde den Neid
abschaffen.» Mit dieser Szene beschliesst Bernd
Ziesemer sein anregendes, wenn auch etwas
geschwätziges Buch «Die Neidfalle». Er
versucht darin, den Neid als kollektive Verirrung
sichtbar zu machen, als Wurzel fast aller Übel.
Darin liegt wohl seine grösste Schwäche.
Ziesemer will das Thema enttabuisieren. Das tut er. Aber
er mythisiert es zugleich, indem er die deutsche
Krankheit &endash; warum nicht auch die schweizerische?
&endash; etwas gar monokausal mit dem Neid erklärt.
Gewiss, ein Staat, der seinen Bürgern nur noch einen
geringen Teil des Bruttoverdienstes belässt, setzt
die Leistung unter Generalverdacht und erzeugt damit
Neid, wie Ziesemer schreibt, aber dennoch gäbe es
zur Steuerbelastung wohl anderes und wichtigeres
anzumerken.
Interessant ist die Behauptung, nicht so sehr die
«Superreichen» würden beneidet, sondern
jene, die nicht zu weit vom Neider entfernt sind. Deshalb
sei der Neid eine Aufstiegsbremse für alle, die mit
Fleiss und Talent vorwärtskommen wollen. So trage
der Neid zur Lähmung der Gesellschaft bei. Er sei
letztlich gegen den Wandel gerichtet und stehe damit im
Gegensatz zum Unternehmertum, das nach Veränderung
strebe. Neidische Menschen versuchten, jeder
Wettbewerbssituation auszuweichen, da sie darin nur die
Gefahr witterten, zu verlieren. Diese Risikoaversion
trage zu einer wachsenden Ungleichheit der Vermögen
bei, weil jene, die ihr Geld unter die Matratze legen,
à la longue schlechter fahren als jene, die in
Aktien und höher verzinsliche Wertpapiere
investieren.
Mit guten Argumenten setzt sich Ziesemer gegen
Sondersteuern auf Luxusgütern, auf alles, «was
den Reichen Spass macht», zur Wehr. Der
Statuswettbewerb, den man als Ausfluss des Neids
interpretieren könne, sei kein Nullsummenspiel, wie
der amerikanische Ökonom Paul Krugman behaupte.
Vielmehr sei er ein wichtiger Antriebsmotor der
Gesellschaft und ein gesundes Ventil für
Aggressionen. Gefährlich sei nicht die
Neidbewältigung durch Überflügeln in der
Leistung und im Konsum, sondern nur der destruktive Neid,
der es einzig darauf abgesehen habe, dass es dem
Beneideten schlechter gehe.
Eine der fragwürdigeren Thesen des Buches,
basierend auf der Erfahrung des Autors als Korrespondent
in Tokio und Moskau, lautet, manche Völker seien
weniger neidisch als andere. Die Sowjetunion war für
ihn «die wohl neidischste Nation der Welt»,
China sei deutlich weniger missgünstig, Japan und
die USA stehen noch besser da. Deutschland nimmt dagegen
in dieser Skala einen schlechten Platz ein, Schweden erst
recht. Dass der Neid und die Art, wie er umgesetzt wird,
möglicherweise weniger eine Frage des
Volkscharakters ist als vielmehr eine der
Rahmenbedingungen, kommt dabei zu kurz.
An Mitteln gegen den Neid hat der Autor, was ihm nicht
zu verargen ist, nicht viel zu bieten. Schliesslich ist
der Neid so alt wie die Menschheit und zählt im
Christentum nicht umsonst zu den sieben Todsünden.
Die wesentliche Strategie lautet, öffentlich
über den Neid und seine Folgen zu reden, das Tabu
«Neid» zu brechen. Ausserdem seien viele
Begriffe zurechtzurücken. Der Begriff
«Besserverdienende» etwa habe eine
«neidische Suggestivkraft». Schliesslich redet
Ziesemer der Aufwertung der Eliten das Wort sowie der
Erziehung zur Leistungsbereitschaft bei gleichzeitiger
sozialer und politischer Ächtung des Neids.
Bernd Ziesemer: Die Neidfalle. Wie Missgunst unsere
Wirtschaft lähmt. Campus-Verlag, Frankfurt/New York
1999. 240 S., Fr. 38.80.
© Neue Züricher Zeitung -
14.04.1999