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Ostdeutsche Jugendweihe ohne Sozialismus

Der Abschied von der Kindheit als populäres Familienritual

Die Jugendweihe als Alternative zu Konfirmation oder Kommunion hat ihre Popularität über das Ende der DDR hinaus behalten. Ihre freidenkerischen Wurzeln sind fast vergessen, aber als ostdeutsches Familienfest ist sie fest etabliert. Rund hunderttausend Jugendliche haben sich in diesem Frühjahr zu Weihe oder Feier angemeldet.

hau. Berlin, im April

Schon die Scheinwerfer sorgen dafür, dass die Jugendlichen in den ersten sieben Reihen immer wieder aus dem Halbdunkel des grossen Saales herausgehoben werden. Ausserdem werden sie namentlich aufgerufen, stehen auf, drehen sich um und lächeln dann leicht verlegen ihre Familien und Freunde im Publikum an. Gleichzeitig erscheint ihr vergrössertes Bild auf einer Bühnenleinwand. An diesem Sonntagmittag im Friedrichstadtpalast in Ostberlin sind die durchweg Vierzehnjährigen kleine Stars in einem Ritual, das den Untergang der DDR überlebt hat. Je nach Ausrichter heisst es Jugendfeier oder Jugendweihe und ist ein symbolischer Abschied von der Kindheit. Der Tradition dieses Gebäudes entsprechend, wird er als musikalische Revue inszeniert, mit Worteinlagen, die Wünsche und Probleme der Heranwachsenden widerspiegeln.

Rund 100 000 Anmeldungen

Zustimmung belohnt die Sprecher, wenn sie stellvertretend von den milde lächelnden Eltern das Recht einfordern, Geheimnisse haben zu dürfen oder die Frisur selbst zu bestimmen. Bejubelt wird die Formulierung: «Ich brauche mehr Taschengeld.» Viel Beifall auch für die Bitte: «Nehmt mich so, wie ich bin.» Rockmusik und Rap trennen die Sketche und Reden, die Phänomene wie Liebe, Gewalt, Ausländerfeindlichkeit und Generationenkonflikt handfest vorstellen und friedliche Lösungen suggerieren. Die mehr als 200 Mädchen und Knaben gehen sichtbar mit und zeigen Anwandlungen von Schüchternheit erst, als sie nach anderthalb Stunden auf die Bühne gebeten werden. Dort wedeln sie zu einem schmalzigen Beatles-Aufguss mit ihren Blumensträussen in der Luft und fühlen sich zögernd als Mittelpunkt des Programms. Anschliessend, noch auf der Bühne, werden sie aber wieder Kinder, albern herum oder versuchen ein paar Tanzschritte.

Was hier geschieht, wird in diesen Wochen rund zweitausendmal nachgeahmt. Meist in kleinerem Rahmen und selten in Westdeutschland. Doch in vielen Städten Ostdeutschlands melden sich ganze Schulklassen zu solchen Feiern an, so dass die diesjährige Zahl von 100 000 Teilnehmern nicht übertrieben scheint. Mehr als die Hälfte der Schulabgänger östlich der Elbe folgt damit einer Tradition, die ihren Ursprung in den freireligiösen Gemeinden hat, die Mitte des vergangenen Jahrhunderts eine Alternative zur Konfirmation suchten.

Ideologischer Zwangsritus der DDR

Aufgegriffen wurden die Jugendweihen von der Arbeiterbewegung, die sich von religiösen Bindungen zu befreien suchte und eine proletarische Festkultur entwickelte. Mit viel Pathos wurden materialistische Ideen zu einer Ersatzreligion hochstilisiert und von Sozialdemokraten wie Kommunisten gefördert. Zu einer Massenbewegung entwickelten sich diese Feiern allerdings erst in der DDR. Um den Einfluss der protestantischen Kirche zurückzudrängen, adoptierte die SED die Jugendweihe und verband sie mit ideologischer Impfung. Die Achtklässler mussten gleich viermal geloben, für den Sozialismus zu arbeiten, zu kämpfen und «das revolutionäre Erbe des Volkes in Ehren zu halten». Registriert wurde, wenn jemand an der theoretisch freiwilligen Veranstaltung nicht teilnahm. Das konnte später den begehrten Studienplatz kosten, so dass in den letzten Jahren der DDR mehr als 95 Prozent aller Vierzehnjährigen zur Jugendweihe gingen.

Ethische Normen gesucht

Der Zwangscharakter dieser für Jugendliche durchaus attraktiven Veranstaltung wurde von den Familien meist ignoriert. Sie bejahten den festlichen Rahmen des Kulturprogramms, hörten weg, wenn sozialistische Propaganda zu dick aufgetragen wurde, und genossen den Tag als Treffen von Jung und Alt. Ein schönes Fest sollte es sein, so wie die halbvergessene Konfirmation der älteren Generation, deren kirchlicher Gehalt bei vielen Bürgern nie Wurzeln geschlagen hatte. Essen und Trinken war wichtig &endash; und für die Jugendlichen natürlich die Geschenke.

Als es die DDR nicht mehr gab, erwies sich bald, dass die Jugendweihe im Bewusstsein der ostdeutschen Eltern weiterlebte. Die erzwungenen Treuegelöbnisse zu Staat und Sozialismus vermissten zwar nur wenige, aber die Kinder sollten sich von der Kindheit «würdig» verabschieden. Hinter dieser oft missbrauchten Vokabel versteckte sich der Wunsch nach einem nützlichen Orientierungspunkt für die jungen Menschen. Religion sei etwas Verstaubtes, hiess es nicht selten, doch seien die ethischen Lehren der Zehn Gebote eine gute Sache &endash; wenn auch ohne Bezugnahme auf Gott. Manche Eltern erklärten sich mit den humanitären Zielen der Kirchen durchaus einverstanden, doch könnten sie nicht mehr an einen Gott glauben und wollten nach ihren Erfahrungen der letzten zehn Jahre auch nirgendwo mehr Mitglied sein. Gleich zwei Organisationen boten sich mit einem Ausweg an: Tradition ohne Politik und ohne verpflichtendes Gelöbnis.

Die erste entstand aus dem Zentralen Jugendweiheausschuss der DDR, der sich schon im Juni 1990 in «Interessenvereinigung für humanistische Jugendarbeit und Jugendweihe» umbenannte, aber viele Strukturen und Personen übernahm. Sie gibt sich betont offen für alles Gute in der Welt und stellt in ihren Angeboten die Vermittlung solcher Werte heraus, die in der Gesellschaft stabilisierend wirken. Die zweite, der «Humanistische Verband Deutschlands», knüpft an die Tradition der Freidenker an und distanziert sich deshalb von jeder Religion. Auch er will dabei helfen, Jugendlichen den Sinn des Lebens zu erklären. Man wolle ihnen nahebringen, dass Werte wie Selbstbestimmung, Verantwortung und Toleranz für ihr Dasein wichtig seien. Bis zu 140 Mark pro Anmeldung lassen sich die Anbieter für ihre Hilfestellung bezahlen. Sie sind Dienstleister geworden, die insgesamt Millionen einnehmen und eng mit Sponsoren zusammenarbeiten.

Beide Organisationen bieten Vorbereitungskurse an, die beispielsweise Modetips geben und die Drogengefahr erläutern, in Drucktechnik oder Theaterspiele einführen und letztlich Themen präsentieren, die Jugendliche interessieren könnten. Über das Gemeinschaftserlebnis sollen sie in die Welt der Erwachsenen finden. Das gehört zwar zur Jugendarbeit, doch fehlt den Projekten anscheinend ausreichende Kontrolle und der zum Erfolg notwendige lange Atem, so dass staatliche Förderung nur im Einzelfall gewährt wird.

Für die Kirchen in der DDR waren Konfirmation und Kommunion mit der Jugendweihe unvereinbar. Die ablehnende Haltung hat sich seither nicht geändert. Die in Ostdeutschland stark zurückgegangene kirchliche Bindung der Bevölkerung ermutigt kaum zu grösserer Toleranz, und Katholiken wie Protestanten wettern gegen die Politiker, die als Redner an Jugendweihen oder Jugendfeiern auftreten und demokratische Ideale anpreisen. Die Minister und Abgeordneten wiederum glauben, jede Gelegenheit nutzen zu müssen, den Jugendlichen einige Grundsätze des freiheitlichen Rechtsstaates vorzustellen, statt das staatsbürgerliche Feld der allzeit willigen PDS zu überlassen.

Mehr Form als Inhalt

Wenn statt Politiker Verbandsfunktionäre das Wort ergreifen, ziehen sie gern eine soziologische Linie von den bei Geschlechtsreife üblichen Riten archaischer Völker bis zur Jugendweihe von heute. Sie ermahnen und wünschen Glück. Für alle Knaben und Mädchen gibt es eine Urkunde und ein Buchgeschenk &endash; wie schon zu Zeiten der DDR. Hinter der zuweilen eindrucksvollen Form stecke in dem Bühnenritual zuwenig Inhalt, klagen die Kritiker. Die Vierzehnjährigen im Ostberliner Friedrichstadtpalast haben der Aufforderung, bewusst erwachsen zu werden, ohnehin nur mit halber Aufmerksamkeit gelauscht. Nachdem sie von der Bühne herab in die Arme ihrer Familien entlassen worden sind, klicken die Kameras. Geschenke werden übergeben, Omas und Mütter vergiessen eine Träne der Rührung. Wen es nicht zum Galaessen im Restaurant drängt, der lässt die Sektkorken knallen, und ein improvisiertes Photostudio produziert das obligatorische Familienbild. Auch an dieser Tradition hat sich seit den Zeiten des letzten Kaisers offensichtlich wenig geändert.

© Neue Züricher Zeitung - 16.04.1999

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