Von der Shoah zur Solidarität
Sigi Feigel vor der Neuen Helvetischen Gesellschaft
Zürich
sbu. Dass die Geschichte des Völkermordes an den
Juden nicht einfach Vergangenheit sein kann, ist rasch
deutlich geworden am Mittwoch abend im Zürcher
Zunfthaus zur Zimmerleuten. Sigi Feigel, als
Ehrenpräsident der israelitischen Kultusgemeinde
Gastredner bei der Neuen Helvetischen Gesellschaft
Zürich (NHG), lenkte die Aufmerksamkeit der rund 100
Zuhörerinnen und Zuhörer im Saal nicht nur auf
die Geschichte der Shoah und auch nicht nur zurück
auf die Gehässigkeiten der Auseinandersetzung um die
nachrichtenlosen Vermögen, sondern ebenso auf die
heutige internationale Politik und die Zukunft der
Solidaritätsstiftung.
Bei der Betrachtung der Themen «Wiedergutmachung
und Solidarität» blieb Feigels Blick
während seiner Ausführungen mehrmals beim
gegenwärtigen europäischen Krieg und dem
Eingreifen der Nato hängen. Dass die Nato-Mitglieder
gegenüber einem Kriegsverbrecher nicht mehr zu
endlosem Wegschauen bereit seien, wertete er als Beleg
dafür, dass die nötigen Lehren aus der
Geschichte gezogen wurden. Auch wenn er &endash; einer
bewährten jüdischen Tradition folgend &endash;
der Frage, ob Luftschläge als Mittel geeignet seien,
mit einer Anekdote auswich.
In seiner Bilanzierung der Auseinandersetzung um die
nachrichtenlosen Vermögen zeigte sich der
«Schweizer auf Bewährung» als
glühender Patriot. Feigel erinnerte ein weiteres Mal
daran, dass er sich immer gegen erpresserische Methoden
gewehrt habe, und diagnostizierte bei den Schweizern
einen Mangel an Solidarität. Industrie, Banken und
Politiker &endash; jeder sei sich selbst der Nächste
gewesen, und nie sei es zu einem Zusammengehen gekommen.
Erneut von der Gegenwart ausgehend, zeigte sich Feigel
erfreut über das stolze Sammelergebnis der
Glückskette und folgerte, dass das Schweizervolk
viel grosszügiger und weitherziger sei, als
gemeinhin von Politikern geglaubt werde. Damit war Feigel
bei seinem Hauptanliegen angekommen: dem Thema der
Solidaritätsstiftung. Anders als der Vergleich mit
den Grossbanken sei die Idee der Stiftung nicht das
Resultat zuweilen erpresserischer Forderungen. Als Gott
die Schweiz schuf, habe er einen guten Tag gehabt,
verkündete er als stolzer Patriot. Von der Stiftung
erhofft sich Feigel eine Belebung des Selbstbewusstseins
der Schweizerinnen und Schweizer. Es brauche eine neue
helvetische Gemeinschaft.
Er warnte vor einer Politik mit dem Rechenschieber im
Kopf sowie davor, die Diskussion durch kollektive
Verdächtigung der angeblich geldgierigen Juden zu
vergiften. Sowenig wie die angeblich geldgierigen
Schweizer eine Kollektivschuld gegenüber den Juden
trügen, sowenig habe es bei den vergangenen
Auseinandersetzungen eine Kollektivschuld der Juden an
den Problemen der Schweiz in den USA gegeben. Alfonse
D'Amato sei kein Jude, erinnerte Feigel seine
Zuhörer und zeigte sich zugleich erleichtert
darüber, dass die derzeit am heftigsten
angefeindeten Schweizer Unternehmer dank christlichen
Wurzeln nicht dazu taugten, den Antisemitismus erneut zu
schüren.
Feigel forderte eine innereidgenössische
Solidarität, die auch das Elend im Rest der Welt als
Verpflichtung anerkenne, und schloss sein Referat vor der
NHG und dem «Verein zur Erneuerung der
eidgenössischen Gemeinschaft» mit dem Satz,
dass noch nie ein Staat zu Schaden gekommen sei, weil er
zuviel Gutes getan habe.
© Neue Züricher Zeitung -
15.04.1999