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Leserbriefe zu "Gekreuzigt für uns - zum Heil der Welt?"

 

Kreuzigung, Strafe, Opfertheologie

Der Beitrag von Regula Strobel: Gekreuzigt für uns – zum Heil der Welt? (NZZ 3./4. 4. 99) hebt sich wohltuend ab von den gedankenlos wiederholten Leerformeln und gekünstelten Aktualisierungsversuchen von Kreuzopfertod und Auferstehungsbotschaft. Es erstaunt mich allerdings, dass eine in der offiziellen katholischen Kirche ihr Brot verdienende Theologin solche Überzeugungen äussert. Und es erstaunt mich erst recht, dass die NZZ den Mut hat, solche Äusserungen als «Osterartikel» zu publizieren.

«Jesu Kreuzigung als von Gott geplante Heilstat» in Frage zu stellen heisst ja nicht nur, sich aus der Orthodoxie der grossen christlichen Bekenntnisse zu emanzipieren. Es führt noch einen Schritt weiter: es bedeutet auch Emanzipation aus der Schrift des Neuen Testamentes selber, in dem sich die Grundthese von der Erlösung und Rechtfertigung des Menschen vor Gott durch die Kreuzesopferung des Gottessohnes Jesus Christus wie ein roter Faden hindurchzieht. «So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn für sie dahingegeben hat . . .» (vgl. u. a. Röm. 3, 23–25 und 5, 6–10; Eph. 5, 1–2; Tit. 2, 13–14; Hebr. 7, 26–28 und 9, 13–14; 1. Joh.-Br. 4, 10 usw.).

Der Rechtfertigungs- und Kreuzesopfer-Mythos wurde nicht erst nachneutestamentlich durch kirchliche Theologen konstruiert, er ist eine durchgehende Konstruktion innerhalb der Schriften des Neuen Testaments selber, wo damit die Gestalt des Propheten Jesus von Nazareth ins Göttliche überhöht wird. Es mag im Neuen Testament Ansätze von anderen Interpretationen der Gestalt Jesu geben, aber konsequent ausgearbeitet wurde im Neuen Testament nur diese mythische Interpretation Jesu als am Kreuz geopferter Sohn Gottes Jesus Christus. Diesem absolute Exklusivität fordernden Mythos verdankt es die kleine jüdische Splittergruppe um Jesus von Nazareth, dass sie zu einer Weltreligion geworden ist. Hätten die ersten Jünger Jesu diesen einfach als geliebten, charismatischen religiösen Führer verehrt, der seinen konsequenten Weg bis in den provozierten Tod hinein ging, so hätten sie sich nicht aus dem Judentum herauslösen müssen. Aber bewahrheitet rückwirkend die phänomenale «Erfolgsstory» einer Weltreligion diesen Mythos des Opfertodes und der Auferstehung eines Gottmenschen? Ein Gott, der für mich wegen einer mythisch hochdramatisierten Schuld, für die ich mich nicht einmal verantwortlich fühle, seinen einzigen Sohn am Kreuz opfert, erscheint mir so als höchst befremdliche Konstruktion.

Die christliche Weltreligion bereitet sich auf die 2000-Jahr-Feier ihres Bestehens vor. Gleichzeitig realisiert sie aber nicht, dass der Absolutheitsanspruch ihres alleinseligmachenden Erlösungsmythos, dem sie ihre universale Ausdehnung verdankt, für viele Menschen, die sich in ihrem Alltagsleben der Liebe Gottes anvertrauen, nicht mehr glaubhaft erscheint.

Hans Rickenbach (St. Gallen)

 

Hoffnung in einer kriegerischen Zeit

Zu einer so mutigen Auseinandersetzung mit der Opfertheologie möchte ich Frau Theologin Strobel gratulieren. Dieser Text ist etwas vom Mutigsten und Ehrlichsten, das ich je gelesen habe über diese Thematik. Zu hoffen bleibt, dass diese Auslegung der Opferhaltung endlich einen Weg in unsere Köpfe findet und ein Umdenken möglich macht. Damit immer mehr Menschen den Mut finden, nicht als Opfer, sondern als wache, mündige und selbständig denkende Menschen zu handeln. Damit wir erkennen und akzeptieren, dass jede Gewalttat die Entscheidung des einzelnen Individuums ist und nicht in die Verantwortung eines Kollektivs oder einer Institution gebracht werden kann. Wo Gewalt herrscht, gibt es Opfer, und wo Opfer sind, gibt es Täter. Die Veröffentlichung dieses Textes zum Christlichen Osterfest sei auch der NZZ verdankt. Solche Gedanken geben Hoffnung, in einer Zeit, in der erneut ein Völkermordkrieg möglich ist.

Sandra Sibiglia (Zürich)

 

Jesus war kein Insurgent

In der Osternummer der NZZ präsentiert eine christliche Theologin Jesus als Insurgenten gegen Rom. Das ist seit einiger Zeit üblich, stimmt aber trotzdem nicht. Ich bin an meinem neuen – und letzten – Buch, in welchem ich das verlässlich darlege.

Jesus, politisch restlos desinteressiert, war ein naiver Wanderprediger, der (an sich mit Recht!) die enormen Tempeleinnahmen durch seinen Angriff auf die Geldwechsler im Tempelvorhof zwar nur indirekt und symbolisch, aber spektakulär kritisierte, worauf ihn die in ihrem «Geldgeschäft» gestörte Priesterschaft als angeblichen Rebellen an den Statthalter Pilatus denunzierte. Darauf stand die Kreuzesstrafe. Hätte Martin Luther seine Kritik am kirchlichen «Ablasshandel» an die Vatikanspforte statt im fernen Wittenberg angeheftet, dann wäre er zwar nicht gekreuzigt worden – das war nicht mehr üblich –, aber man hätte ihn lebendig verbrannt, was auch nicht angenehmer ist.

Eine jüdische Mitschuld an Jesu Kreuzigung gab es also tatsächlich – aber nicht des jüdischen Volkes, sondern des Sanhedrin (etwa: des jüdischen Vatikans).

Die neutestamentliche Behauptung dagegen, dass ein jüdischer Pöbel den ach so jesusfreundlichen Pilatus, der sogar die Psalmen kennt und auswendig zitiert («Ich wasche meine Hände in Unschuld», Ps. 26,6) und der lieber einen gleichfalls angeklagten Barabbas anstelle von Jesus kreuzigen möchte, sogar unter Drohungen zur Verurteilung Jesu zwingt, beruht auf einem Missverständnis der Evangelisten und auf ihrer judaistischen Ignoranz: «Bar-Abba» ist aramäisch und bedeutet: «Sohn des Papa». So nannte sich Jesus in seinen Gleichnissen, und unter «Papa» verstand er Gott. Die Juden flehten also (vergeblich) um die Freigabe Jesu! Es wäre an der Zeit, dass man das von christlicher Seite zur Kenntnis nähme.

Und was Pilatus angeht, so verurteilte er tagtäglich bis zu 50 angebliche jüdische Insurgenten zum Kreuzestod, darunter sicher auch falsch Denunzierte, es war ihm restlos egal. Mit Jesus hat er sich bestimmt nie unterhalten – zudem: In welcher Sprache? Jesus konnte weder Latein, noch Griechisch; Pilatus sicher nur fragmentarisch aramäisch!

Salcia Landmann (St. Gallen)

 

Positive Opferbereitschaft

Es gibt zwar keinen Zweifel, dass der Opferbegriff auch missbraucht werden kann (NZZ vom 3./4. April). Es ist jedoch ein grosser Unterschied, ob ich mich selber oder andere opfere. Anlässlich von Personalentlassungen von notwendigen Opfern zu reden, tönt im Munde derer, die von einer Restrukturierung profitieren, hohl und verlogen.

Junge Soldaten, die für ihren «Führer» freiwillig in den Tod gingen, waren verführt und litten einen sinnlosen Tod. Bekannt ist, dass es Frauen gibt, die sich für ihre Kinder oder Ehemänner opfern, ihre eigenen Bedürfnisse während Jahrzehnten zurückstellen und am Ende allein und erschöpft zurückbleiben. Kinder und Ehemänner danken ihnen für dieses Opfer häufig nicht, werfen es ihnen zuweilen sogar vor. Feministische Autorinnen haben recht, wenn sie diese Opferideologie kritisch hinterfragen und ihre Schwestern zum Widerstand aufrufen. Es lässt sich auch nicht in Abrede stellen, dass gewisse Weisen der christlichen Verkündigung derartige Fehlentwicklungen sogar gefördert haben.

Jedoch: Unsere Gesellschaft leidet heute teilweise auch unter zu wenig Opferbereitschaft. Es gibt sinnvolle Weisen von Verzicht. Wenn die christliche Theologie schon früh den Opferbegriff verwendete, dann war das ein Deutungsmodell neben anderen. Es erwies sich aber oft als hilfreich. Wichtig ist, dass Jesus den Tod bewusst auf sich nahm, obschon er ihm auch hätte aus dem Weg gehen können. Auch war sich die klassische Christologie darüber einig (was heute teilweise in Vergessenheit geraten ist oder nicht mehr verstanden wird), dass Jesus «wahrer Mensch und wahrer Gott» ist. Das heisst: Der Gott des christlichen Glaubens opfert nicht bequem einen anderen, sondern er springt selber in die Lücke.

Martin Luther fand für dieses Geschehen behaltenswerte Formulierungen. «Es war ein wunderlich Krieg, da Tod und Leben rungen. Das Leben behielt den Sieg, es hat den Tod verschlungen», dichtete er in einem Osterlied. «Die Schrift hat verkündet das, wie ein Tod den andern frass; ein Spott der Tod ist worden.» Durch die Partizipation Gottes selbst wurde der Tod, dem alle ausgeliefert sind, qualitativ verändert. Er verlor seine Schrecken.

Frank Jehle (St. Gallen)

Christsein heisst für Befreiung sein

Regula Strobel behauptet in ihrem Artikel «Gekreuzigt für uns – zum Heil der Welt?» (NZZ 3./4. 4. 99), dass durch diese Opfertheologie die qualvolle Hinrichtungsart Kreuzigung idealisiert werde, was wiederum zur Folge habe, dass Unterdrückungsstrukturen «problemlos installiert werden können und meist kritiklos fortbestehen». Der Christ kann jedoch sehr wohl unterscheiden zwischen dem Kreuz als Symbol für das Leiden seines Erlösers und der Hinrichtungsart Kreuzigung. Gerade durch die Erlösung wächst ihm der Mut und die Kraft zu, sich gegen jene zu erheben, die ihre Macht missbrauchen, wie das Beispiel Befreiungstheologie zeigt. Und sind es nicht ausgerechnet die Kirchen und ihr nahestehende christliche Kreise, die dafür einstehen, dass wirtschaftliche Umbrüche möglichst schonend vonstatten gehen?

Die Opfertheologie soll auch dort mitbeteiligt sein, wo sexuelle Gewalt gegenüber Kindern ausgeübt wird. Wirklich? Die Zeiten liegen noch nicht weit zurück, wo das Bibelzitat: «Wer einem dieser Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, dem wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde» (Mt 16,8 mit Parallelen bei Mk und Lk) einseitig auf sexuelle Übergriffe an Kindern ausgelegt wurde. So gilt auch heute noch für einen verantwortungsbewussten Christen eine solche Handlung als ein schweres Vergehen. Natürlich mag es auch Menschen geben, bei denen im Sinne von Frau Strobel die Opfertheologie eine Rolle spielt. Solche haben allerdings das Christsein total missverstanden, denn Christsein heisst immer gegen Unterdrückung und für Befreiung sein.

Willi Birri (Hornussen)

 

© Neue Züricher Zeitung - 19.04.1999

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