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Gekreuzigt für uns – zum Heil der Welt?

Die christliche Opfertheologie und ihre unheilsamen Folgen

Von Regula Strobel, Theologin, Freiburg i. Ue.*

Die Kreuzigung Jesu wurde theologisch ganz verschieden interpretiert. In der westlich-abendländischen Theologie wurde eine der Deutungen, die Opfertheologie, bevorzugt und von den christlichen Kirchen weiterverkündet. Sie hat in der Folge Denkstrukturen der gesamten Kultur mitgeprägt und begegnet uns deshalb in säkularer Form auch im Bereich der Wirtschaft und der Politik. Sie bereitet – zumindest mental – den Boden dafür, dass Opfer für grosse Ziele als normal betrachtet und fraglos in Kauf genommen werden.

Die Kreuzigung Jesu durch die römische Besatzungsmacht war ein massiver Einschnitt im Leben seiner Freundinnen und Freunde und ihrer gemeinsamen Hoffnung auf die Herrschaft Gottes in dieser Welt – eine Herrschaft, die sich durch Gerechtigkeit, Respekt, Menschenwürde, «Leben in Fülle» für alle auszeichnet. Die Jüngerinnen und Jünger suchten nach einem Weg, Jesu Hinrichtung in ihr Leben zu integrieren, und wählten dafür verschiedene theologische Interpretationen: Die einen verstanden Jesu Kreuzigung als Schicksal, wie es verschiedene Prophetinnen und Propheten in der Konfrontation mit den Mächtigen erfahren hatten. Andere waren überzeugt, dass die römische Besatzung Jesus zwar gekreuzigt, aber Gott ihn auferweckt hat. Wieder andere interpretierten Jesu Kreuzigung als von Gott geplante Heilstat: Aus Liebe habe Gott seinen einzigen Sohn ans Kreuz dahingegeben, um die Menschen von ihren Sünden zu erlösen.

Diese Interpretation wurde von den christlichen Kirchen als richtige (orthodoxe) Kreuzestheologie durchgesetzt. Sie wird auch heute noch – mit gewissen Nuancen – verkündet, wie verschiedene liturgische Texte und Lieder aller christlichen Konfessionen deutlich machen. Neben einem sehr problematischen Gottesbild wird mit dieser Opfertheologie eine Entlastung der schuldigen Herrscher verbreitet. Denn ihre Gewaltausübung wird als Wille Gottes deklariert.

Betäubende Wirkung

Die Opfertheologie wird in zwei Varianten ausformuliert, aber Ausgangspunkt ist immer die Sünde der Menschen. Sie macht das Opfer, Jesu Kreuzigung, notwendig, um die Menschen aus den Klauen des Teufels loszukaufen (Variante 1) oder um bei Gott die Wiedergutmachung zu erwirken (Variante 2). In beiden Varianten ist es Gott, der die Folgen der menschlichen Sünde tilgen und die Menschen erlösen will. Jesus führt diesen göttlichen Heilsplan aus. Er ist gehorsam und gibt – in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes – sein Leben am Kreuz dahin, zum Heil und zur Rettung der Menschen.

In dieser Opfertheologie lässt sich eine klare Struktur erkennen: Einer hegt ein grosses Ziel und bestimmt einen anderen, der dieses Ziel unter Einsatz seines Lebens realisieren soll. Von diesem seinem Instrument wird gehorsame Ausführung seines Willens erwartet und noch besser die totale Hingabe an die Ziele und die Identifikation mit dem Projekt, in diesem Fall dem Heilsplan Gottes. Das Opfer erbringt Jesus, profitieren davon tun andere – wir alle.

Feministische Theologinnen kritisieren diese theologische Interpretation der Kreuzigung Jesu. Erstens, weil die Kreuzigung, eine qualvolle Hinrichtungsmethode des römischen Regimes, in eine Heilsgeschichte entrückt und dadurch idealisiert wird. Zweitens, weil diese Art von Kreuzestheologie die Akzeptanz von Denk- und Handlungsstrukturen fördert, die immer wieder Menschen zu Opfern machen. Die Opfertheologie bereitet den Boden dafür, dass diese Strukturen problemlos installiert werden können und meist kritiklos fortbestehen. Wer soll denn die Bluttat der Herrschenden kritisieren, wenn wir dadurch erlöst werden? Diese Opfertheologie wirkt betäubend, weil sie als normal und gut erscheinen lässt, dass einer (Gott-Vater) einen andern (Jesus) dazu bestimmt, sich aus Liebe für das Heil der Menschen zu opfern. Menschen werden so daran gewöhnt, dass wichtige Ziele nur durch Opfer zu erreichen sind, und es wird selbstverständlich, dass einer entscheidet, wer sich wofür zu opfern hat. In dieser Gewöhnung und Selbstverständlichkeit liegt das Narkotisierende, weil die Frage gar nicht mehr aufkommt, ob es überhaupt ein Ziel geben kann, für das Menschen geopfert werden dürfen.

Prägung auch nicht Kirchentreuer

Die Opfertheologie prägt viele kirchlich sozialisierte Menschen und lässt sie gar nicht wahrnehmen, wie stark dieselbe Grundstruktur in unserm Alltag präsent ist. Denn die Folgen dieser Theologie reichen weit über das kirchliche Milieu hinaus in säkulare Bereiche, wo wir dies nie erwarten würden. Die Grundstruktur der Opfertheologie hat unsere abendländische Kultur und Gesellschaft durchwoben, und davon sind auch all jene betroffen, die sich von den Kirchen schon längst verabschiedet haben.

Es gilt in vielen Bereichen – in der Politik und Wirtschaft ebenso wie in privaten Beziehungen – als selbstverständlich, dass Opfer erbracht werden müssen, wenn gewisse Ziele erreicht werden wollen. Die Ziele müssen uns nur erstrebenswert scheinen oder plausibel gemacht werden. Meist wird dazu der Nutzen für alle hervorgehoben und dabei vertuscht, dass von den Opfern immer andere profitieren, nicht aber die Betroffenen selbst. Solange es andere sind, die auf dem Weg zum Ziel als Opfer auf der Strecke bleiben, stimmen wir dieser Grundstruktur meist zu, weil wir an sie gewöhnt sind, weil sie schon längst nicht mehr begründet werden muss, sondern in der Gesellschaft als gegeben anerkannt wird.

Christliche Opfertheologie kann sicher nicht allein für diese Grundstrukturen in unserer Gesellschaft verantwortlich gemacht werden. Damit würden die Entscheidungsträger(innen) in Wirtschaft, Politik und Kirche, die andere instrumentalisieren wollen, um die eigenen Ziele zu verfolgen, zu schnell entlastet. Aber die lange Tradition und weite Verbreitung der Opfertheologie hat ein Klima der Akzeptanz geschaffen, sowohl bei den Opfern oder potentiellen Opfern wie auch auf Seite der Entscheidungsträger(innen), das das Durchschauen dessen, was abläuft, zumindest erschwert. Zudem verhindert diese Gewöhnung an Opfer im Interesse eines höheren Zieles und deren religiöse Überhöhung als Erlösung meist ein Ausbrechen aus diesen Strukturen. Dies sei an zwei Beispielen kurz skizziert.

Akzeptanz sexueller Gewalt an Kindern

Täter(innen) und Opfer von (sexueller) Gewalt bewegen sich beide auf diesem Boden der oben beschriebenen Akzeptanz der Opferstruktur – aber je mit anderen Auswirkungen. Für Täter(innen) ist es selbstverständlich, dass sie für ihre Interessen andere, Kinder, instrumentalisieren. Sie erkennen darin gar nichts Verwerfliches. Sie nützen das (auch emotionale) Gefälle in Beziehungen zu Kindern aus, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen, um ihre Machtposition völlig umfassend, d. h. auch im sexuellen Bereich, zu demonstrieren und immer wieder zu festigen. Nicht selten wird zudem versucht, das eigene Handeln so darzustellen, als sei es im Interesse des Kindes oder zumindest nicht zu seinem Schaden erfolgt. Die Kinder seien nämlich auch schon sexuelle Wesen, hätten Lust auf Sex und würden darunter sicher nicht leiden.

Mit solchen Äusserungen versuchen Täter(innen) das Opfersein der Kinder zu vertuschen und zu suggerieren, die Kinder hätten diese sexuellen Kontakte ja auch gewollt, sonst hätten sie Nein gesagt oder wären auf dem Sofa nicht so nahe zu ihnen gerückt. Das Ganze sei im Interesse von beiden geschehen. Einige gehen so weit, zu behaupten, die Kinder hätten die Initiative ergriffen. In solchen Argumenten spiegeln sich die gegenwärtigen Interpretationen der Opfertheologie, die betonen, nicht nur Gott habe Jesus ans Kreuz dahingegeben, sondern Jesus selbst habe sich für uns in den Tod gegeben. Damit wird suggeriert, das Opfer sei nicht fremdbestimmtes Objekt, sondern selbst entscheidendes Subjekt, was die Täter(innen) entlastet und die Opfer für die Situation selbst verantwortlich macht.

Die betroffenen Kinder sind in die gleiche Normalität eingebunden. Sie sind daran gewohnt, dass andere über sie bestimmen. Sie schweigen meist über das, was geschehen ist, nicht nur aus Gehorsam, sondern auch weil sie den Täter/die Täterin lieben. Sie leiden selbst, um ihn/sie nicht in Schwierigkeiten zu stürzen und die Familie zusammenzuhalten. Und sie werden darin von der Opfertheologie unterstützt, die solches Verhalten (aus Liebe leiden/sterben für andere) als Erlösung ausgibt.

Verzweckung anderer

Auch wenn in solchen Situationen von sexueller Gewalt an Kindern kaum je explizit von Opfertheologie die Rede ist, gelten dieselben Grundstrukturen. Sowohl die Täter(innen) wie die Kinder bewegen sich auf diesem Boden. Solange das Christentum die Verzweckung anderer für die eigenen Ziele – Gehorsam, Opfer, Hingabebereitschaft, Leiden für andere – als normale, als ideale, ja erlösende Verhaltensweisen verkündet, leistet es aktive Beihilfe zur Gewalt gegenüber Kindern (und Frauen). Es stellt keinerlei Ressourcen dafür bereit, dass Kinder als eigenständige Persönlichkeiten respektiert werden, sondern hält ihnen ihr Opfersein als Erlösung vor Augen.

Ähnlich lassen sich zwischen Opfertheologie und gegenwärtig gängigen Maximen im Wirtschaftsbereich Parallelen aufdecken. Auch in diesem Lebensbereich bereitet die Opfertheologie den Boden dafür, dass Verhaltensweisen als normal, ja als heilbringend für alle deklariert werden können.

Opferbereitschaft im Wirtschaftssektor

Eingeübt in das Denken, dass Menschen für grosse und wichtige Ziele geopfert werden dürfen, entscheiden die Machthaber, wer für welche Ziele geopfert wird. Mit dem Ziel der Profitmaximierung wurden die Arbeitenden im Laufe der Geschichte zunächst angehalten, immer mehr zu leisten, sich auszugeben, bis sie durch noch schneller arbeitende Maschinen oder durch Restrukturierungen schliesslich ganz überflüssig werden. Im Interesse, den Börsenwert der Papiere eines Unternehmens zu steigern, müssen die Lohnkosten gesenkt, das heisst meistens auch Entlassungen vorgenommen werden. Die Restrukturierer bestimmen, welche Angestellten nur noch auf Abruf arbeiten können und welche ganz aus dem Betrieb verschwinden. Und jene, die nicht entlassen werden, sind bereit, noch mehr – auch Überzeit, bezahlt oder unbezahlt – zu leisten, um ihren Arbeitsplatz behalten zu können. Dass einige andere der Restrukturierung zum Opfer fallen, ist bedauerlich, aber lässt sich leider nicht verhindern, will man am Ziel «Erhaltung des Betriebs» oder «Steigerung des Börsenwertes» festhalten.

Nun ist selbstverständlich nicht die christliche Opfertheologie schuld an den gegenwärtigen Entscheidungen im Wirtschaftssektor. Die Verantwortung dafür tragen allein jene, die diese Entscheidungen fällen und/oder verordnen. Aber die Opfertheologie ist mitbeteiligt daran, dass diese Entscheidungen auf so breite Akzeptanz bauen können, dass kaum Widerstand gegen sie erwächst. Das oben beschriebene Verhalten wird nicht nur von den Machtzentren als normal betrachtet, auch die Opfer stimmen zu. Christliche Opfertheologie verhindert ein Ausbrechen aus diesen Denk- und Handlungsstrukturen und hält die Opfer dazu an, sich weiterhin für die Rettung und das Wohl der andern hinzugeben.

Ein neues Reden von Erlösung

Wollen wir christliche Theologie vom Vorwurf der Herrschaftsstabilisierung befreien, ist ein grundsätzlich anderes Reden vom Kreuz und von Erlösung angesagt. Solange das Kreuz als Ort des Heilshandelns Gottes bezeichnet wird, beschönigen und idealisieren wir die Gewalttaten der Herrschenden unweigerlich. Das Kreuz, Folter-, Hinrichtungs- und Repressionsinstrument der römischen Herrschaft, hat nichts mit einem göttlichen Heilsplan und der Erlösung der Menschen zu tun. Es ist vielmehr das Zeichen, das die Gewalttaten der Mächtigen sichtbar macht und die Leiden vieler Frauen und Männer auch heute vor dem Vergessen und Verdrängen bewahrt. Es ist wichtig, dass die Gewalt der Herrschenden offengelegt wird und deren Opfer nicht namenlos irgendwo verscharrt werden. Nur so finden sich Menschen, die die Mächtigen für ihre Gewalt zur Rechenschaft ziehen und Anklage erheben.

Das Heilshandeln Gottes, sein oder ihr Solidarischsein mit den Menschen auch in schwierigen Situationen, bringen andere biblische Erzählungen viel deutlicher und tragfähiger zum Ausdruck als die Passionsgeschichten und die theologischen Interpretationen der Kreuzigung Jesu. Da sind z. B. die Heilungserzählungen, die deutlich machen, dass Menschen unter der Herrschaft Gottes aufrecht gehen und in die Tischgemeinschaft integriert sind. Da ist die Überlieferung von der Befreiung des Volkes Israel aus der ägyptischen Sklaverei oder die Überzeugung, dass Gott die ins babylonische Exil verschleppten Frauen und Männer nicht allein lässt.

Erlösung und Befreiung ist in diesen Texten kein einseitiges Geschehen mehr, das einer oder eine für die anderen erwirkt. Erlösung gibt es nicht im Delegationssystem, in dem unbeteiligte Zuschauer(innen) davon profitieren, was andere – grosse Frauen und Männer, Heldinnen und Helden, Erlöser(innen), Befreier(innen) – für sie erledigt haben. Erlösung ist ein Prozess, in den alle mit einbezogen sind. Für das Mitwirken an diesem Prozess brauchen wir keine perfekten Menschen, keine Heldinnen und Helden zu sein. Wir sind, so wie wir sind, gut genug, einander solidarisch beizustehen und uns auch immer wieder befreien zu lassen von andern. Erlösung ist kein einmaliges Geschehen, sondern ereignet sich immer wieder in gegenseitigen Prozessen – heute schon und morgen.

 

* Die Autorin schreibt an einem Buch zur Kreuzestheologie und arbeitet auf der Frauenstelle der katholischen Gesamtkirchgemeinde Biel.

 

© Neue Züricher Zeitung - 03.04.1999

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