Ein politischer Prälat
Kardinal Mercier als Patriot
Désiré Mercier (18511926), seit
1906 Erzbischof von Mecheln, ist eine Symbolgestalt
belgischer Identität und ihrer inneren Spannungen.
Im positiven Sinn wurde er es durch seinen Widerstand
gegen die deutsche Besetzung im Ersten Weltkrieg. Zur
negativen Verzerrung seines Bildes trug vor allem das
Unverständnis bei, das der gebürtige Wallone
der flämischen Frage entgegenbrachte. Der Mythos
überstieg die Proportionen, und dem entsprachen die
Verwerfungen. Seine Anprangerung der Verletzung der
belgischen Neutralität durch den Okkupanten liess
ihn noch während des Krieges zu einer nationalen
Lichtgestalt werden; hartgesottene belgische und
französische Antiklerikale zollten ihm ihren Tribut.
Seine Reise nach Amerika nach dem Krieg war ein
Triumphzug. Sie schlug sich in beachtlichen
amerikanischen Hilfeleistungen unter anderem für den
Wiederaufbau der zerstörten
Universitätsbibliothek Löwen nieder. Die
Hagiographie bemächtigte sich seiner und legte sein
Bild auf den «defensor patriae» fest.
Vielseitiger Anreger
Doch als nach dem Zweiten Weltkrieg die flämische
Frage nationale politische Brisanz gewann, wurde Mercier
zur Negativfigur der französisch-wallonischen
Kulturdominanz. In Löwen, wo er als
Universitätslehrer gewirkt hatte, konnte man
Totenköpfe an Häuserwänden sehen, womit
Mercier als Totengräber flämischer Grundrechte
und als nationale Unheilsgestalt karikiert wurde. 1971
zogen die französischsprachigen Professoren aus und
begründeten die Universität Louvain-la- Neuve.
Inzwischen haben sich die beiden Universitäten, die
flämische und die französischsprachige, zu
einer vernünftigen Zusammenarbeit durchgerungen.
In diesen Jahren erfuhr das Bild Merciers zahlreiche
Retuschen. Aus den übermenschlichen Höhen, in
die man ihn hinaufgejubelt hatte, wurde er in die
Wirklichkeit zurückgeholt. Er war wohl keine
aussergewöhnliche Persönlichkeit, wirkte aber
auf vielen Gebieten ungewöhnlich anregend (R. Van
den Hout). Durch die Gründung des Instituts für
Philosophie (1889) und einer entsprechenden Zeitschrift
bewahrte er den belgischen Weg des Thomismus vor
scholastischer Engführung. Auf seinem Fachgebiet,
der Psychologie, suchte er die Auseinandersetzung mit
neuzeitlichen Richtungen. In der im Modernismusstreit
190812 für die katholische Theologie
angebrochenen «stalinistischen» Epoche gelang
es ihm, Löwen aus der Schusslinie einheimischer
römischer Gegner herauszunehmen und die
Universität für intellektuelle
Auseinandersetzung offenzuhalten.
Den Protestantismus lernte er erst auf seiner
Amerikareise kennen. Er war gleich bereit, das Patronat
über die von Lord Halifax angeregten Mechelner
Gespräche (192125) mit den Anglikanern zu
übernehmen. Selber kein Theologe und in seiner
Frömmigkeit traditionellen Formen verbunden, war er
zugänglich für neue Initiativen. Das schloss
nicht aus, dass er privaten «Offenbarungen»
allzu gläubiges Vertrauen entgegenbrachte. Die
katholische Partei hielt er für den rechten Arm der
Kirche, stellte sich jedoch 1925 einer Koalition mit den
ungeliebten Sozialisten nicht entgegen.
Die Redimensionierung des historischen Profils von
Mercier ist vor allem das Verdienst von Roger Aubert, der
an den Universitäten Leuven und Louvain-la-Neuve
lehrte. In seinem jüngsten Werk geht er auf die
Konflikte des Kardinals mit den deutschen
Besetzungsbehörden ein. Beim Konklave, in dem
Benedikt XV. 1914 zum Papst gewählt wurde, war
Mercier erstaunt über die Sympathien, die der
deutsch-österreichischen Seite an der Kurie
entgegengebracht wurden. Nach seiner Rückkehr nach
Belgien protestierte er in Privatbriefen an
Generalgouverneur von der Goltz gegen die Massaker an der
Zivilbevölkerung beim deutschen Einmarsch.
Zunächst schien es, als ob ein gewisser Modus
vivendi zwischen den Besetzungsbehörden und der in
einer starken Position befindlichen katholischen Kirche
dem protokollarischen Rang nach folgte der
Erzbischof von Mecheln direkt dem König
erreicht werden könne. Zumal die deutsche Verwaltung
den Kölner Kardinal von Hartmann einschaltete und
Mercier Zusicherungen machte, man wolle alles
daransetzen, um der katholischen Kirche Genugtuung zu
geben. Mercier liess sich davon nicht beeindrucken und
liess unter grössten Vorsichtsmassnahmen zu
Weihnachten 1914 einen Hirtenbrief drucken, in dem er in
ganz direkter Sprache nicht nur die Verletzung der
belgischen Neutralität verurteilte, sondern auch die
Hunderte von barbarischen Akten anprangerte, deren Opfer
die Zivilbevölkerung geworden war. Das in allen
Pfarreien der Diözese Mecheln verlesene Schreiben
«Patriotisme et Endurance» schlug wie eine
Bombe hinter der deutschen Front ein.
Alleingang im Episkopat
Es ist bezeichnend, dass es Mercier nicht gelang, die
anderen belgischen Bischöfe zur Unterzeichnung zu
bewegen. So sehr sie grundsätzlich in der
moralischen Berechtigung des Schreibens
übereinstimmten, führten sie für ihre
Enthaltung die speziellen regionalen Verhältnisse
ins Feld. Im Alleingang führte Mercier den Kampf mit
einer für einen Kirchenmann erstaunlichen
Schärfe weiter. Einerseits in Protestschreiben an
die deutschen Besetzungsbehörden, andererseits in
Aufmunterung des Widerstandswillens der Belgier und in
Appellen an ihren nationalen Stolz. Mit grosser
Entschiedenheit nahm er Stellung gegen die Requisition
belgischer Arbeiter durch den Okkupanten. Bis Herbst 1916
hielt er an einem durch die Siegermächte diktierten
Frieden fest, rang sich aber dann mit Rücksicht auf
die Leiden der Zivilbevölkerung zur Idee eines
Verhandlungsfriedens durch, freilich ohne Erfolg.
Der aktuelle Ertrag der auf neuen Archivquellen
beruhenden Studie von Aubert liegt in Merciers
Begründung seines Widerstandsrechtes und in der
Hartnäckigkeit, mit der er auch von deutschen
Katholiken ein Schuldbekenntnis einforderte. So reicht
diese Publikation direkt in die heutigen Diskussionen
über die Stellung von Kirchenführern zwischen
nationaler Bindung und moralischer Verpflichtung hinein.
Victor Conzemius
Le cardinal Mercier (18511926). Un
prélat d'avant-garde. Hommage au professeur Roger
Aubert. Presses universitaires de Louvain 1994.
Roger Aubert: Les deux premiers grands conflits du
cardinal Mercier avec les autorités allemandes
d'occupation. (Université de Louvain, Recueil de
travaux d'histoire et de philologie, 7e série,
fasc. 6). Louvain-la-Neuve 1998. 351 S., fFr. 900..
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20.04.1999