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Christlichsoziale in der sozialen Erosion

100 Jahre Katholische Arbeitnehmerbewegung

C. W. Die Katholische Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerbewegung (KAB) hat in Gossau – im Kanton St. Gallen, wo sie ihren Ursprung hat – ihr 100jähriges Bestehen gefeiert. Die von fast 500 Delegierten und Gästen aus der weitverzweigten christlichsozialen Familie besuchte Versammlung unter dem Kopräsidium von Josef Egli und Margrit Küchler zeigte noch klare Spuren der «fast unglaublichen Erfolgsgeschichte», von der im Rückblick die Rede war. Im Hintergrund stand allerdings die Frage, ob dieses Verbandswesen nach dem Zerfall des Milieukatholizismus noch genügend Nachwuchs und eine klare Rolle habe.

Die Erfolgsgeschichte: Die KAB, die auf die Deutschschweiz beschränkte Dachorganisation der katholischen Arbeitervereine, war ein sehr produktiver Stamm im nicht ganz leicht durchschaubaren Wald der christlichsozialen Organisationen, zu denen ausserdem hauptsächlich die CNG-Gewerkschaften, die Parteigruppe (CSP) und die Selbsthilfeinstitutionen gehören. Gesellschaftspolitisch ging es um eine nichtsozialistische Antwort auf die sozialen Probleme der Industrialisierung, und dabei hat die (Laien-)Bewegung neben den bürgerlichen Vereinen die schwächere Konfession gesellschaftlich organisiert. Dem ersten katholischen Arbeiterverein und dem ersten Arbeiterinnenverein, die acht Jahre nach der Sozialenzyklika «Rerum novarum» gegründet wurden, folgten rasch weitere, und es folgten, bis Ende der fünfziger Jahre, Vorsorgeeinrichtungen wie die heutige Krankenkasse CSS, die Familienhilfe, Konsum- und später Wohnbaugenossenschaften, Heime, Ferienhäuser, Bildungszentren und eine Reiseorganisation. Die Bewegung hatte die «Konkordia» als ihre Druckerei und brachte Zeitungen und zahlreiche andere Publikationen heraus. Schliesslich schuf sie die «Brücke der Bruderhilfe», die 1995 mit dem Hilfswerk des CNG zur «Brücke – Cecotret» fusionierte. Kein Erfolgsbeispiel ist die ausländerpolitische «Mitenand»-Initiative, die 1981 massiv verworfen wurde.

Die Situation heute: Die Zahl der Mitglieder (1960: 28 600) ging innert zehn Jahren um 4000 auf 14 000 zurück. Die KAB braucht laut einem Artikel im Verbandsorgan eine Blutauffrischung. Vielerorts sei sie «eine reine Freizeitbewegung mit kirchlicher Ausrichtung» geworden; die Sektionen veranstalten unter anderem Vorträge und Bildungsabende, Wallfahrten und Ausflüge. Die aus der KAB und ihrem Umfeld hervorgegangenen Institutionen sind, soweit sie noch existieren, selbständig. Traditionelle Sozialgeflechte, konfessionelle Bindungen und die Vereinstätigkeit verlieren generell an Bedeutung. Und die trotz Wohlfahrtsstaat bestehenden sozialen Probleme – ihrerseits oft Folgen einer Erosion von Strukturen – sind schwierig zu fassen.

Die Perspektive? Am Festakt wünschte sich Ivo Fürer, Bischof von St. Gallen, den Milieukatholizismus nicht zurück. Indessen betonte er die Bedeutung von Gruppen und Gemeinschaften, in denen Menschen den Glauben aus persönlicher Erfahrung weitergeben und ihn darüber hinaus in der Gesellschaft lebendig werden lassen. Für die KAB wiesen Stichworte wie neue Armut oder Flüchtlingsaufnahme auf aktuelle Aufgaben hin. CNG-Präsident Hugo Fasel meinte, nicht die Christlichsozialen hätten Legitimationsprobleme, weil ihnen der Klassenkampf abhanden gekommen sei. Und der Katholische Frauenbund hat nach Darstellung seiner Präsidentin Rösy Blöchliger eine politische Öffnung, auch auf neue Koalitionspartner, geschafft.

Für die KAB sind in einem Teil der Jubiläumsschrift verschiedene konkrete Anregungen zusammengestellt: Bildung von Gesprächsgruppen für Eltern und Alleinerziehende oder für kirchliche Grenzgänger, Vermittlung von Personen für ehrenamtliche Tätigkeiten, Beratung Freiwilliger bei der Altersbetreuung, Aufbau von Tauschringen und neuartigen Genossenschaften, zum Beispiel zur Vermittlung von EDV-Geräten und -Kenntnissen. Eine dominante Linie zeichnet sich noch nicht ab. Als immer noch wegweisend gelten indessen die Prinzipien der Solidarität, der Subsidiarität und der Personalität, wobei die Eigenständigkeit gegenüber staatlichen Strukturen betont wird.

 

© Neue Züricher Zeitung - 21.04.1999

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