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«Das Türmchen passt hier einfach nicht hin!»

Eine Moschee als Testfall der multikulturellen Gesellschaft

Der Plan eines türkisch-islamischen Kulturvereins in Recklinghausen, seine eher unscheinbare Versammlungsstätte zu einer eigentlichen Moschee auszubauen, hat in der Stadt im nördlichen Ruhrgebiet eine heftige Kontroverse ausgelöst. Dabei werden verschiedenste Denk- und Verhaltensmuster sichtbar, und zwar auf individueller wie auch auf politischer Ebene. Das Thema multikulturelle Gesellschaft ist hier auf dem Prüfstand.

H. Sf. Recklinghausen, im April

An der Einfahrt zum Gelände des Türkisch- Islamischen Kulturvereins Diyanet hängen die deutsche und die türkische Fahne einträchtig nebeneinander. Jeden Freitagmittag folgen hier die gläubigen Muslime aus einem der südlichen Stadtviertel Recklinghausens dem Ruf ihres Hodscha und versammeln sich in der ehemaligen Lagerhalle eines Getränkevertriebs zum Gebet. Auf der anderen Strassenseite steht die Kirche der Neuapostolischen Gemeinde. Mitten in einem Quartier, in dem früher Bergarbeiter lebten und das jetzt eine bunte Mischung von Wohnhäusern, Büros und kleinen Gewerbebetrieben aufweist, scheint die König-Ludwig-Strasse in der Stadt am Nordrand des Ruhrgebiets ein Anschauungsbeispiel für das Gelingen der multikulturellen Gesellschaft zu bieten.

Protest gegen den Moscheebau

Der Schein trügt. Der Plan des Kulturvereins, das schadhafte Dach seiner Versammlungsstätte nicht bloss zu reparieren, sondern bei der Gelegenheit das sehr schlichte und unansehnliche Gebäude zu einer richtigen Moschee umzubauen, hat den heftigen Protest deutscher Anwohner hervorgerufen. Aus dem unauffälligen Zweckbau des Getränkevertriebs soll ein islamisches Gotteshaus mit fünf Kuppeln und einem 15 Meter hohen Minarett werden. Acht Jahre lang gab es keine Einwände gegen die Arbeit des Vereins, der in dem Gebäude neben dem Betraum auch noch Versammlungslokale für Jugendliche und für ältere Mitglieder unterhält. Jetzt haben über 200 deutsche Nachbarn eine vehemente Ablehnung der Umbaupläne unterschrieben. Fast täglich bringen die Lokalzeitungen kontroverse Leserbriefe mit manchmal schrillen Tönen. Das Fernsehen erscheint am Ort und sucht nach Spuren von bösartigem Ausländerhass. Einige Lokalpolitiker denken an die Gemeinderatswahlen im kommenden September und taktieren. Die aus der Bundespolitik vertrauten Positionen der Parteien erscheinen hier plötzlich seitenverkehrt: Die örtliche CDU unterstützt entschieden den Bauantrag des Vereins, während Sozialdemokraten aus dem Stadtviertel den Protest zu ihrer Sache machen.

Wer sich in der Strasse umhört, könnte den Eindruck gewinnen, dass der Zusammenprall verschiedener Zivilisationen hier vor allem ein Verkehrsproblem ist: «Gucken Sie sich doch mal an, wie am Freitag hier geparkt wird», klagt der Wirt der «Destille». Immer wieder werden die mit den Autos der Gottesdienstbesucher zugestellten Geh- und Radwege und die blockierten Einfahrten beschrieben. Beim Ordnungsamt der Stadt und bei der Polizei weiss man davon allerdings nichts. Auch wiederholter eigener Augenschein zeigte nicht das Parkierchaos, das den Anwohnern angeblich das Leben so schwer macht. Immerhin gehören zum Vereinsgelände auch 150 Parkplätze. «Die reichen nur ein- oder zweimal im Jahr nicht aus, wenn zu den grossen islamischen Feiertagen mehr Besucher kommen», berichtet der Leiter der zuständigen Polizeiwache.

Verletzte Gefühle

Im Vorstand des Türkisch-Islamischen Kulturvereins, der zurzeit 165 Mitglieder hat, versteht man deshalb die Aufregung auch nicht. Der Vorsitzende, Bayram Kerter, der seit 1974 in Deutschland lebt und auch schon lange Bürger dieses Landes ist, erklärt: «Wir bauen doch keine neue Moschee an einer Stelle, wo bisher keine war. Das ist doch bloss ein Umbau. Wir wollen nur in einem schönen Haus beten, so wie die Christen das doch auch wollen!» Er glaubt, dass die nichtmuslimischen Nachbarn Angst vor einem Fall der Immobilienpreise haben und deshalb so unfreundlich reagieren. Hayri Kücükoyuncu, der Vorsitzende des Ausländerbeirats der Stadt, ärgert sich über den Konflikt. Als Inhaber eines deutschen Passes und Mitglied der CDU ist er verletzt: «Ich bin doch Deutscher wie die Nachbarn auch. Ich habe nur eine andere Religion, aber das Grundgesetz garantiert doch Religionsfreiheit.» Er erinnert daran, dass vor wenigen Jahren schon einmal ein ähnlicher Streit zuungunsten der Muslime ausging: Die Stadt verweigerte ihnen damals die Anlage eines Gräberfelds im südlichen Teil der Stadt, in dem sie überwiegend wohnen. Sie müssen ihre Toten jetzt beim Nordfriedhof am anderen Ende Recklinghausens bestatten.

Immer wieder weisen die Vertreter des politisch gemässigt ausgerichteten Vereins darauf hin, dass sie die Angst ihrer Mitbürger vor Fremden verstehen können. Wiederholt haben sie deshalb einen «Tag der offenen Tür» organisiert und alle Nachbarn eingeladen. Um so mehr empfinden sie die Vorschläge einiger Politiker als diskriminierend, die Moschee an einem anderen Standort zu errichten: «Die schlagen uns vor, in ein Gewerbegebiet zu gehen. Das würde man keiner christlichen Kirche zumuten», empört sich Hayri Kücükoyuncu.

Georg Möllers, Fraktionsvorsitzender der CDU, versteht seine Entrüstung: «Kirchen gehören doch in Wohnviertel, dahin also, wo die Menschen leben, die den Gottesdienst besuchen!» Diese Position teilen auch die Pfarrer der christlichen Kirchen der Stadt. Eine öffentliche Erklärung der Pfarrkonferenz der evangelischen Kirche in Recklinghausen weist auf die Christenpflicht zu Toleranz und zum friedlichen Dialog hin, den gerade der Diyanet-Verein pflege.

Streit um Symbole

Zu den Merkwürdigkeiten dieses Konflikts gehört, dass diese Toleranz offenbar nicht durch reale Belästigungen herausgefordert wird, sondern durch Symbole und vage Mutmassungen. «Wissen Sie, so eine Moschee mit so einem Türmchen daneben, die passt einfach nicht in unseren alten Stadtteil», meint ein Nachbar und artikuliert damit eine tiefsitzende Abneigung gegen das Fremde. Peter Rausch vom zuständigen SPD-Ortsverein versteht solche Verunsicherungen im Heimatgefühl. Zwar glaubt er nicht daran, dass der Umbau baurechtlich zu verhindern ist, doch möchte er ihn politisch abwenden: «Der Süden der Stadt ist doch ohnehin schon stark durch die vielen Ausländer, die hier wohnen, belastet. Von den 13 500 Ausländern in Recklinghausen, die schon mehr als 10 Prozent der Bevölkerung ausmachen, leben 6500 in 4 südlichen Vierteln. Wir haben 8 islamische Bethäuser hier. Die wollen bestimmt dann auch ihre Räume zu Moscheen ausbauen. Das verstärkt den Zuzug der Muslime, mit allen Folgeproblemen für Schulen und die Infrastruktur.»

In solchen Befürchtungen der Nachbarn und der sozialdemokratischen Lokalpolitiker, die stolz auf eine Zustimmung von «mehr als 90 Prozent der Bevölkerung» verweisen, wird der Ausbau eines Betraums zur Moschee zum Fanal der Islamisierung eines ganzen Stadtteils. Solange der Gebetsraum optisch kaum wahrnehmbar war, hat man den türkischen Verein hingenommen. Wenn jetzt die andere Kultur sich ein architektonisches Denkmal setzen will, ist die Grenze der Toleranz erreicht. Was die Sprecher des Vereins als Zeichen glückender Integration sehen wollen, stört gerade die trügerische Ruhe eines eher gleichgültigen multikulturellen Nebeneinanders. Für beide Seiten ist damit die Moschee zum Symbol eines Streits geworden, der schwerer zu lösen ist als das Parkproblem an Feiertagen. Die Massenmigration hat Spannungen produziert, die sich ihre Zeichen suchen. Es sind Symptome einer oft hilflosen Immigrations- und Integrationspolitik, die auf Probleme gern mit politisch korrekten moralischen Appellen reagiert. Vor allem nimmt man es in den alten Arbeiterbezirken der Südstadt übel, wenn Mahnungen zu mehr Toleranz aus Stadtvierteln kommen, in denen man nicht einmal einen türkischen Gemüsehändler findet.

Kampf gegen einen Kulturkampf

Bürgermeister Peter Borggraefe möchte die Eskalation des Streits zu einem Kulturkampf verhindern und hofft noch immer auf eine für alle akzeptable Lösung. Diese Hoffnung nährt sich aus der Stadtgeschichte: 1910 waren 26 Prozent der Einwohner Ausländer. Polen und Kaschuben kamen aus dem Osten, um auf den Zechen der Stadt zu arbeiten. Sie machten Recklinghausen zur «polnischsten» Stadt des Ruhrgebiets. Heute sind diese Zuwanderer meist nicht einmal den Namen nach zu erkennen.

 

© Neue Züricher Zeitung - 23.04.1999

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