Gesang der Morgensterne
Silja Walter wird 80
Am Rande der Stadt lebt sie, hinter Mauern, gehorcht
Ruf und Regel und übt sich im «Tanz des
Gehorsams»: die Benediktinerin Sr. M. Hedwig, als
«dichtende Nonne» bekannt unter dem Namen Silja
Walter. Sie hat sich 1948, da sie ins Kloster eintrat,
keiner leichten Spannung ausgesetzt: Das Regelwerk des
monastischen Lebens traf auf den Eigenwillen einer
Künstlerin. Vorerst erstickte die radikale Conversio
den dichterischen Impetus. Silja Walter sah sich im
«Niemandsland» und trug während der ersten
Klosterjahre schwer an ihrer Ausdruckslosigkeit. Nach und
nach aber liess die Erfahrung der Stille etwas wachsen,
was wohl nur in diesem «milieu divin» gedeihen
konnte.
Das Ohr des Herzens weit offen, erschrieb sie sich ein
Werk von unverwechselbarer Sprache luzid,
musikalisch geprägt und tänzerisch bewegt. Vor
Jahrzehnten hätte man von einer Vertreterin der
christliche Dichtung gesprochen heute mag Silja
Walter als Stimme aus Gegenwelten bezeichnet werden. Man
hört auf sie mit Skepsis, aber auch mit Respekt und
Aufmerksamkeit. Im denkwürdigen Gespräch mit
ihrem Bruder Otto F. Walter (1983), welches der
Konfiguration «Maria und Marx» entsprach, hat
sie bekannt, im Kloster «die Insel und das Meer
dazu» gefunden zu haben.
Vom Geheimnis des Mönchtums spricht diese Frau
nicht mit der Sprache der Philosophen und Theologen,
sondern mit jener der Dichterin «in heiliger
Unberechenbarkeit» (Kurt Marti). Sie teilt das
Hingerissensein mit, spricht von der Kraft des Feuers.
Aber sie weiss auch um die Armut des Wortes, die
Unzulänglichkeit des Mediums, über Gott reden
zu können. So erhält die Flügelsprache der
Mystik ihr Gegengewicht. Ihre Sammlung «Keine
Messgebete» versteht Silja Walter als «eine Art
Protest» zur liturgischen Sprache jener, die sich
sicher und unangefochten glauben. Ihr Lebensbild indessen
hat sie im Tanz gefunden. Die tanzende Gomer, die
tanzende Salome, die tanzende Scheol dieser Ort
der verstorbenen Gerechten sind Ausdruck einer
grenzensprengenden Kraft: «Tanzen heisst
auferstehen.» So gehen immer wieder Morgensterne
über ihren Gedichten auf.
Mit Recht hat auch Klara Obermüller der
Tanzmetaphorik eine zentrale Rolle innerhalb des Werks
eingeräumt. Ein schön gestaltetes Lesebuch,
welches der Arche-Verlag als Geburtstagsgabe vorlegt,
verlockt zu Entdeckungen in einer dichterischen
Landschaft und zu Wiederbegegnungen mit Prosatexten und
Lyrikbeispielen. Dazu erlauben bis anhin
unveröffentlichte Gedichte aus dem Zeitraum zwischen
1950 und 1998 einen Einblick in die künstlerische
Entwicklung, die nach grösserer Freiheit strebt. Was
aber bleibt, ist die musikalische Grundierung einer
Stimme, die dem heutigen Leser fern und nah zugleich
erscheinen mag.
Beatrice Eichmann-Leutenegger
Silja Walter: Die Fähre legt sich hin am
Strand. Ein Lesebuch. Herausgegeben von Klara
Obermüller. Arche-Verlag AG, Zürich/Hamburg
1999. 242 S., Fr. 38..
© Neue Züricher Zeitung -
23.04.1999