Europa und der Islam &endash;
Distanz und Nähe
Von Jacques Waardenburg, Religionswissenschafter
mit Schwerpunkt Islam, Universität Lausanne*
Islambilder illustrieren Unterschiede zwischen
europäischer und muslimischer Kultur, sie geben
Einsicht in die Beziehungen zwischen Europäern und
Muslimen einst und jetzt. Das gängige Bild zeigt
eine Ambivalenz. Einerseits verrät es Angst vor
etwas Fremdem. Andererseits erregt es Neugier und
lädt dazu ein, Neues zu entdecken und dazu in
Beziehung zu treten. Vielfach erschwert das gängige
Islambild aber den unverkrampften Zugang zu Muslimen. Der
Autor beschreibt Europa und den Islam als zwei
Kulturbereiche, die vor allem über das Mittelmeer
eine gemeinsame Geschichte haben. Den herrschenden
Stereotypen setzt er eine offene, nüchterne Sicht
auf muslimische Gesellschaften und den Islam
gegenüber. Er empfiehlt die Pflege
europäisch-islamischer kultureller Beziehungen und
einen besseren Umgang mit Muslimen als Mitbürgern in
Europa.
Vom Anfang hat die von Muhammad ausgelöste
islamische Bewegung sich als «anders» bezeugt
im Vergleich zu den vorgefundenen älteren Kulturen.
Dieses Andere, das bei den von Arabern und später
von Türken unterworfenen und bedrohten Völkern
Angst und Befremden hervorrief, lag nicht nur in der
ausgeübten Macht, sondern auch und vor allem in der
Religion der neuen Machthaber. Ein Prophet, der eine
neuartige Gesellschaftsordnung durchzusetzen imstande
war, war eine ungewöhnliche Erscheinung. Und so war
auch das Buch seiner prophetischen Worte, denen absolute
Autorität zuerkannt wurde. Die Anhänger
wiederum beriefen sich auf eine eigene endgültige
Offenbarung und waren sich ihrer Eigenart sowie der
Unterschiedlichkeit ihrer Religion sehr wohl bewusst.
Europäische Emanzipation
Der Islam ist älter als Europa; letzteres
existierte im 7. Jahrhundert noch nicht. Für das
weitere Verhältnis Europas zum Islam ist das 11.
Jahrhundert entscheidend gewesen. Nach dem grossen
Schisma zwischen Ost- und Westkirche (1053) wurden Toledo
(1085) und Sizilien (1090) erobert.
1097 sagte der Papst mit seinem Kreuzzugaufruf dem
Islam offen den Kampf an und mobilisierte Kirche und
Gesellschaft dafür. Dieser Kampf, von beiden Seiten
aufgenommen, ist in der Folge mit verschiedenen Mitteln
geführt worden und hat schliesslich das koloniale
Abenteuer in muslimischen Gegenden moralisch
unterstützt.
Der Gegensatz zwischen europäischer und
muslimischer Kultur ist wesentlich und nachhaltig durch
diese antagonistischen religiösen Stellungnahmen
geprägt worden, wenn auch später an der
europäischen Seite das Aufklärungsdenken ihm
neue Formen gegeben hat. Es waren nicht der Handel, die
Philosophie oder die Wissenschaft, sondern die
katholische und die orthodoxen Kirchen und die mit ihnen
verbundenen Monarchien, welche den Antagonismus zwischen
Islam und Europa steuerten. Sie waren es auch, welche die
Mohren aus Spanien, die Tataren aus Russland und die
Türken aus dem Balkan zurückdrängten. In
dieser viele Jahrhunderte dauernden
«Befreiungsbewegung», die christliche Gebiete
aus muslimischer Herrschaft entreissen sollte, ist Europa
als eigenständige Grösse zumindest teilweise
als Gegenpart zum Islam konstruiert worden.
Religiöse, kulturelle, soziale Stereotypen
Viele der älteren in Europa gängigen
Stereotypen über den Islam sind als eine erste
Ausprägung eines wachsenden europäischen
Selbstbewusstseins zu deuten. Die Überlegenheit der
arabischen Technik, Wissenschaft und Philosophie wurde
bis ins 14. Jahrhundert anerkannt; dagegen wurde aber der
Islam als Religion lächerlich gemacht. Alles
Denkbare und Undenkbare wurde gemacht, um Muhammad und
seine prophetischen Ansprüche abzuwerten, ja zu
beschimpfen, und den Islam zu dämonisieren. Es ging
darum, die Möglichkeit jeglicher neuer,
nachchristlicher Offenbarung mit allen Mitteln
auszuschliessen.
Die Kirche verabsolutierte die offizielle Fassung der
eigenen Religion nicht nur den Muslimen, sondern auch den
Juden und den Häretikern gegenüber. Man kann
die älteren Stereotypen, mit denen der Islam bis ins
18. Jahrhundert belastet wurde, als einen religiösen
Diskurs im Rahmen der Emanzipation Europas und des
Zurückdrängens muslimischer Herrschaft deuten.
Im Schatten der Aufklärung
Eine zweite Welle europäischer Stereotypen
über den Islam ist in der Kolonialzeit entwickelt
worden, also im 19. und in der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts. Jetzt wird der Islam weniger
religiös-moralisch als sozial-kulturell
lächerlich gemacht. Im Schatten der Aufklärung
werden ihm Traditionalismus und
Autoritätsgläubigkeit vorgeworfen, und im
Zeichen kolonialer Interessen stellt man ihn als eine
für Unterentwicklung, Despotismus und Fatalismus
verantwortliche Kultur dar. Abgelehnt wird mit dem Islam
eine Kultur mit sozialer Tradition und religiös
begründetem Gesetz.
Eine dritte Kategorie von fixen Vorstellungen
über den Islam hat sich in den letzten Jahrzehnten
herausgebildet. Man denke an Bilder von Ölscheichen
mit dem Koran in der Hand, von Khomeiny und der
islamischen Revolution oder an die reiche Auswahl von
Ansichten über Fundamentalismus und Integrismus,
über Radikalismus und Terrorismus in der
muslimischen Welt.
Anderer Art sind jene Stereotypen, die sich
unmittelbar auf muslimische Immigranten beziehen und
wesentlich eine Diskriminierung einschliessen. Im Namen
des Säkularismus oder der Rationalität, der
Menschenrechte oder des Feminismus sind
Verleumdungskampagnen geführt worden, die zum
Beispiel auch eine Islamwissenschafterin wie Annemarie
Schimmel trafen. In diesem wesentlich ideologischen Kampf
ist der Begriff des «Fundamentalismus»
letztlich zum Schimpfwort geworden, das religiöse
muslimische Strömungen schlechthin bezeichnet, ein
Etikett für «unaufgeklärte» Muslime.
Dieses hat letztlich weniger mit dem Islam als Religion
oder als Kultur zu tun als mit
Säkularisierungsideologien, Volkstumsgefühlen
oder einfach Fremdenangst. Auch wenn jene, die diese
abwertenden Bezeichnungen im Munde führen, sich
angeblich für die Humanität einsetzen, legen
sie im Grunde innere Konflikte europäischer
Gesellschaften bloss, bei denen die Muslime bestenfalls
eine Aussenseiter- rolle spielen.
Zukunftsfrage: Isolation oder Integration?
Das sich im Spätmittelalter formierende Europa
scheint das Vermögen gehabt zu haben, Selbstkritik
zu üben und mit der Entwicklung neuer Paradigmen die
eigenen Grenzen zu übersteigen. Dabei war es
fähig, Fremdes zu entdecken und sich damit
auseinanderzusetzen. Renaissance, Aufklärung und die
Erforschung anderer Kulturen bedeuten unter anderem einen
Gang vom Eigenen zum Fremden.
Auch heute steht Europa vor der Alternative, ob es
&endash; unter ganz anderen Umständen &endash; eine
ähnliche Bewegung nach aussen wagen soll oder ob es
seinen Elan preisgibt und sich weiter mit seinen eigenen
Problemen befassen will, ohne sich allzusehr um den Rest
der Welt zu kümmern. Die gegenwärtige
Herausforderung wird verschärft durch die Frage, ob
eine solche Öffnung Europas nach aussen auch die
umliegenden muslimischen Gebiete betreffen kann, die
jahrhundertelang als Gegenspieler des Westens galten und
dann von europäischen Ländern kolonisiert
wurden.
Vorstellen liesse sich eine Art von
Partnerschaftsstruktur, die sich vom Mittelmeer aus
entwickeln könnte. Einzubeziehen wären
zunächst jene muslimischen Gebiete, die Europa
unmittelbar umgeben: Nordafrika, Ägypten, der
arabische Osten (Maschrik) und die Türkei. In einem
zweiten Kreis wäre an Gebiete wie Tatarstan,
Turkmenistan, Aserbeidschan, Iran, den Sudan und
Westafrika zu denken.
Europa könnte auf Dauer tatsächlich daran
gelegen sein, sich diesen Ländern nicht zu
verschliessen, sondern mit ihnen Austauschbeziehungen in
Handel, Kultur und anderen Bereichen zu fördern.
Umgekehrt gibt es in diesen Ländern Gruppen von
Intellektuellen, die nach einem erweiterten Austausch mit
Europa verlangen; für sie bedeutete es geradezu eine
Bedrohung, wenn Europa sich gegen sie abschlösse. Um
eine kluge Politik der guten Nachbarschaft verfolgen zu
können, sollte sich Europa vermehrt mit den
muslimischen Gesellschaften und ihrem Islam bekannt
machen. Und dieses Interesse sollte sich von der Idee
lösen, man habe es mit einem potentiellen Feind zu
tun.
Dabei sollen drei Faktoren ins Auge gefasst werden.
Erstens ist es an der Zeit, die Geschichte zwischen
Europa und der muslimischen Welt, die bisher meistens aus
europäischer Optik geschrieben worden ist, zu
revidieren. Mit einer kritisch überarbeiteten
gemeinsamen Geschichte wird es leichter sein, zusammen
die Zukunft anzugehen. Zweitens könnte Europa, das
heute keine politische Weltmacht mehr ist, vielleicht in
muslimischen Ländern eine bessere Aufnahme finden,
wenn es nicht mehr als politische und militärische
Bedrohung gesehen werden muss.
Muslime in Europa
Schliesslich hat &endash; drittens &endash; die
Anwesenheit muslimischer Migranten in Europa eine gewisse
Relevanz für dessen Beziehungen mit muslimischen
Ländern. Es ist den europäischen Ländern
daran gelegen, die Immigranten in ihre Gesellschaften
aufzunehmen. Sollte dieses Unternehmen scheitern,
würde das auf Dauer ernsthafte Probleme für
Europa selbst wie für seine Beziehungen zu den
Ländern, die es umgeben, schaffen. Falls Europa aber
zeigen kann, dass seine nichtmuslimischen Gesellschaften
auch für Muslime offenstehen, dann wird dies positiv
wirken. Gerade kleinere Länder, wie die Niederlande
und die Schweiz, könnten in dieser Hinsicht
Modellcharakter haben. Soll dies gelingen, brauchen wir
vor allem eine klare und offene Sicht auf den Islam, auf
muslimische Gesellschaften und auf die Beziehungen
muslimischer Länder zu Europa. In der Praxis
brauchen wir auf beiden Seiten die Förderung
interkultureller Kompetenz. Voraussetzung für die
Pflege europäisch-muslimischer Beziehungen ist ein
korrektes Verhalten auf beiden Seiten. So sollte man in
Europa nicht leichtsinnig und ohne Rücksichtnahme
auf hier lebende Muslime die eigenen Ideen über
Islam und Islamismus äussern, sondern sich um ein
vertieftes Verständnis bemühen.
Förderung interkultureller Kompetenz
Gelegenheiten zur lokalen Begegnung in den Räumen
islamischer und anderer Vereine sollen genutzt werden.
Unter Mitarbeit von Muslimen lässt sich über
die Medien gute Information über das
alltägliche Leben verschiedener Gruppen von Muslimen
in europäischen und anderen Gesellschaften geben. Im
Sinn der Zuschauerbildung lassen sich
«modellartige» Begegnungen zwischen den
Kulturen im Fernsehspiel zeigen.
Auf internationaler Ebene liesse sich kultureller
Austausch vermehrt anregen, etwa mittels
Europa-Stipendien an muslimische Intellektuelle, Autoren,
Künstler usw. In muslimischen wie europäischen
Ländern können Workshops organisiert werden, in
denen bestimmte Themen diskutiert werden. Wissenschafter,
Autoren und Künstler aus Ländern rund um das
Mittelmeer können schliesslich dazu eingeladen
werden, für bestimmte Projekte zusammenzuarbeiten
und ihre Erfolge oder Errungenschaften zu
veröffentlichen und in konkreten Projekten zu
zeigen. Die Förderung interkultureller Kompetenz
geschieht am besten in kleinen, motivierten Kreisen. Ziel
ist es, ein Interesse zu wecken, das sich
selbständig weiterentwickeln kann. Die Weitergabe
positiver Erfahrungen und positiven Wissens an
jüngere Generationen soll vorrangig sein. Das
europäische Interesse an Muslimen ist nicht
notwendigerweise ein Interesse am Islam. In der Praxis
des Umgangs auf Grund gemeinsamer Interessen kommt der
Islam als solcher oft kaum zur Sprache. Die Abwesenheit
eines vorgefassten Islambildes kann die Kommunikation nur
fördern.
* Vom Verfasser ist erschienen: Islam et Occident
face à face. Regards de l'histoire des religions.
Labor et Fides, Genf 1998.
© Neue Züricher Zeitung -
30.04.1999