Pressespiegel

Kirche-Religion-Gesellschaft


Direkt zur Online-Ausgabe der NZZ

Aargauer Zeitung

Basler Zeitung

Berner Zeitung

Freiburger Nachrichten

Neue Luzerner Zeitung

Neue Zürcher Zeitung

St.Galler Tagblatt

Tages-Anzeiger

Sonntagszeitung

Weltwoche

Wochenzeitung

 

Europa und der Islam &endash; Distanz und Nähe

Von Jacques Waardenburg, Religionswissenschafter mit Schwerpunkt Islam, Universität Lausanne*

Islambilder illustrieren Unterschiede zwischen europäischer und muslimischer Kultur, sie geben Einsicht in die Beziehungen zwischen Europäern und Muslimen einst und jetzt. Das gängige Bild zeigt eine Ambivalenz. Einerseits verrät es Angst vor etwas Fremdem. Andererseits erregt es Neugier und lädt dazu ein, Neues zu entdecken und dazu in Beziehung zu treten. Vielfach erschwert das gängige Islambild aber den unverkrampften Zugang zu Muslimen. Der Autor beschreibt Europa und den Islam als zwei Kulturbereiche, die vor allem über das Mittelmeer eine gemeinsame Geschichte haben. Den herrschenden Stereotypen setzt er eine offene, nüchterne Sicht auf muslimische Gesellschaften und den Islam gegenüber. Er empfiehlt die Pflege europäisch-islamischer kultureller Beziehungen und einen besseren Umgang mit Muslimen als Mitbürgern in Europa.

Vom Anfang hat die von Muhammad ausgelöste islamische Bewegung sich als «anders» bezeugt im Vergleich zu den vorgefundenen älteren Kulturen. Dieses Andere, das bei den von Arabern und später von Türken unterworfenen und bedrohten Völkern Angst und Befremden hervorrief, lag nicht nur in der ausgeübten Macht, sondern auch und vor allem in der Religion der neuen Machthaber. Ein Prophet, der eine neuartige Gesellschaftsordnung durchzusetzen imstande war, war eine ungewöhnliche Erscheinung. Und so war auch das Buch seiner prophetischen Worte, denen absolute Autorität zuerkannt wurde. Die Anhänger wiederum beriefen sich auf eine eigene endgültige Offenbarung und waren sich ihrer Eigenart sowie der Unterschiedlichkeit ihrer Religion sehr wohl bewusst.

Europäische Emanzipation

Der Islam ist älter als Europa; letzteres existierte im 7. Jahrhundert noch nicht. Für das weitere Verhältnis Europas zum Islam ist das 11. Jahrhundert entscheidend gewesen. Nach dem grossen Schisma zwischen Ost- und Westkirche (1053) wurden Toledo (1085) und Sizilien (1090) erobert.

1097 sagte der Papst mit seinem Kreuzzugaufruf dem Islam offen den Kampf an und mobilisierte Kirche und Gesellschaft dafür. Dieser Kampf, von beiden Seiten aufgenommen, ist in der Folge mit verschiedenen Mitteln geführt worden und hat schliesslich das koloniale Abenteuer in muslimischen Gegenden moralisch unterstützt.

Der Gegensatz zwischen europäischer und muslimischer Kultur ist wesentlich und nachhaltig durch diese antagonistischen religiösen Stellungnahmen geprägt worden, wenn auch später an der europäischen Seite das Aufklärungsdenken ihm neue Formen gegeben hat. Es waren nicht der Handel, die Philosophie oder die Wissenschaft, sondern die katholische und die orthodoxen Kirchen und die mit ihnen verbundenen Monarchien, welche den Antagonismus zwischen Islam und Europa steuerten. Sie waren es auch, welche die Mohren aus Spanien, die Tataren aus Russland und die Türken aus dem Balkan zurückdrängten. In dieser viele Jahrhunderte dauernden «Befreiungsbewegung», die christliche Gebiete aus muslimischer Herrschaft entreissen sollte, ist Europa als eigenständige Grösse zumindest teilweise als Gegenpart zum Islam konstruiert worden.

Religiöse, kulturelle, soziale Stereotypen

Viele der älteren in Europa gängigen Stereotypen über den Islam sind als eine erste Ausprägung eines wachsenden europäischen Selbstbewusstseins zu deuten. Die Überlegenheit der arabischen Technik, Wissenschaft und Philosophie wurde bis ins 14. Jahrhundert anerkannt; dagegen wurde aber der Islam als Religion lächerlich gemacht. Alles Denkbare und Undenkbare wurde gemacht, um Muhammad und seine prophetischen Ansprüche abzuwerten, ja zu beschimpfen, und den Islam zu dämonisieren. Es ging darum, die Möglichkeit jeglicher neuer, nachchristlicher Offenbarung mit allen Mitteln auszuschliessen.

Die Kirche verabsolutierte die offizielle Fassung der eigenen Religion nicht nur den Muslimen, sondern auch den Juden und den Häretikern gegenüber. Man kann die älteren Stereotypen, mit denen der Islam bis ins 18. Jahrhundert belastet wurde, als einen religiösen Diskurs im Rahmen der Emanzipation Europas und des Zurückdrängens muslimischer Herrschaft deuten.

Im Schatten der Aufklärung

Eine zweite Welle europäischer Stereotypen über den Islam ist in der Kolonialzeit entwickelt worden, also im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Jetzt wird der Islam weniger religiös-moralisch als sozial-kulturell lächerlich gemacht. Im Schatten der Aufklärung werden ihm Traditionalismus und Autoritätsgläubigkeit vorgeworfen, und im Zeichen kolonialer Interessen stellt man ihn als eine für Unterentwicklung, Despotismus und Fatalismus verantwortliche Kultur dar. Abgelehnt wird mit dem Islam eine Kultur mit sozialer Tradition und religiös begründetem Gesetz.

Eine dritte Kategorie von fixen Vorstellungen über den Islam hat sich in den letzten Jahrzehnten herausgebildet. Man denke an Bilder von Ölscheichen mit dem Koran in der Hand, von Khomeiny und der islamischen Revolution oder an die reiche Auswahl von Ansichten über Fundamentalismus und Integrismus, über Radikalismus und Terrorismus in der muslimischen Welt.

Anderer Art sind jene Stereotypen, die sich unmittelbar auf muslimische Immigranten beziehen und wesentlich eine Diskriminierung einschliessen. Im Namen des Säkularismus oder der Rationalität, der Menschenrechte oder des Feminismus sind Verleumdungskampagnen geführt worden, die zum Beispiel auch eine Islamwissenschafterin wie Annemarie Schimmel trafen. In diesem wesentlich ideologischen Kampf ist der Begriff des «Fundamentalismus» letztlich zum Schimpfwort geworden, das religiöse muslimische Strömungen schlechthin bezeichnet, ein Etikett für «unaufgeklärte» Muslime. Dieses hat letztlich weniger mit dem Islam als Religion oder als Kultur zu tun als mit Säkularisierungsideologien, Volkstumsgefühlen oder einfach Fremdenangst. Auch wenn jene, die diese abwertenden Bezeichnungen im Munde führen, sich angeblich für die Humanität einsetzen, legen sie im Grunde innere Konflikte europäischer Gesellschaften bloss, bei denen die Muslime bestenfalls eine Aussenseiter- rolle spielen.

Zukunftsfrage: Isolation oder Integration?

Das sich im Spätmittelalter formierende Europa scheint das Vermögen gehabt zu haben, Selbstkritik zu üben und mit der Entwicklung neuer Paradigmen die eigenen Grenzen zu übersteigen. Dabei war es fähig, Fremdes zu entdecken und sich damit auseinanderzusetzen. Renaissance, Aufklärung und die Erforschung anderer Kulturen bedeuten unter anderem einen Gang vom Eigenen zum Fremden.

Auch heute steht Europa vor der Alternative, ob es &endash; unter ganz anderen Umständen &endash; eine ähnliche Bewegung nach aussen wagen soll oder ob es seinen Elan preisgibt und sich weiter mit seinen eigenen Problemen befassen will, ohne sich allzusehr um den Rest der Welt zu kümmern. Die gegenwärtige Herausforderung wird verschärft durch die Frage, ob eine solche Öffnung Europas nach aussen auch die umliegenden muslimischen Gebiete betreffen kann, die jahrhundertelang als Gegenspieler des Westens galten und dann von europäischen Ländern kolonisiert wurden.

Vorstellen liesse sich eine Art von Partnerschaftsstruktur, die sich vom Mittelmeer aus entwickeln könnte. Einzubeziehen wären zunächst jene muslimischen Gebiete, die Europa unmittelbar umgeben: Nordafrika, Ägypten, der arabische Osten (Maschrik) und die Türkei. In einem zweiten Kreis wäre an Gebiete wie Tatarstan, Turkmenistan, Aserbeidschan, Iran, den Sudan und Westafrika zu denken.

Europa könnte auf Dauer tatsächlich daran gelegen sein, sich diesen Ländern nicht zu verschliessen, sondern mit ihnen Austauschbeziehungen in Handel, Kultur und anderen Bereichen zu fördern. Umgekehrt gibt es in diesen Ländern Gruppen von Intellektuellen, die nach einem erweiterten Austausch mit Europa verlangen; für sie bedeutete es geradezu eine Bedrohung, wenn Europa sich gegen sie abschlösse. Um eine kluge Politik der guten Nachbarschaft verfolgen zu können, sollte sich Europa vermehrt mit den muslimischen Gesellschaften und ihrem Islam bekannt machen. Und dieses Interesse sollte sich von der Idee lösen, man habe es mit einem potentiellen Feind zu tun.

Dabei sollen drei Faktoren ins Auge gefasst werden. Erstens ist es an der Zeit, die Geschichte zwischen Europa und der muslimischen Welt, die bisher meistens aus europäischer Optik geschrieben worden ist, zu revidieren. Mit einer kritisch überarbeiteten gemeinsamen Geschichte wird es leichter sein, zusammen die Zukunft anzugehen. Zweitens könnte Europa, das heute keine politische Weltmacht mehr ist, vielleicht in muslimischen Ländern eine bessere Aufnahme finden, wenn es nicht mehr als politische und militärische Bedrohung gesehen werden muss.

Muslime in Europa

Schliesslich hat &endash; drittens &endash; die Anwesenheit muslimischer Migranten in Europa eine gewisse Relevanz für dessen Beziehungen mit muslimischen Ländern. Es ist den europäischen Ländern daran gelegen, die Immigranten in ihre Gesellschaften aufzunehmen. Sollte dieses Unternehmen scheitern, würde das auf Dauer ernsthafte Probleme für Europa selbst wie für seine Beziehungen zu den Ländern, die es umgeben, schaffen. Falls Europa aber zeigen kann, dass seine nichtmuslimischen Gesellschaften auch für Muslime offenstehen, dann wird dies positiv wirken. Gerade kleinere Länder, wie die Niederlande und die Schweiz, könnten in dieser Hinsicht Modellcharakter haben. Soll dies gelingen, brauchen wir vor allem eine klare und offene Sicht auf den Islam, auf muslimische Gesellschaften und auf die Beziehungen muslimischer Länder zu Europa. In der Praxis brauchen wir auf beiden Seiten die Förderung interkultureller Kompetenz. Voraussetzung für die Pflege europäisch-muslimischer Beziehungen ist ein korrektes Verhalten auf beiden Seiten. So sollte man in Europa nicht leichtsinnig und ohne Rücksichtnahme auf hier lebende Muslime die eigenen Ideen über Islam und Islamismus äussern, sondern sich um ein vertieftes Verständnis bemühen.

Förderung interkultureller Kompetenz

Gelegenheiten zur lokalen Begegnung in den Räumen islamischer und anderer Vereine sollen genutzt werden. Unter Mitarbeit von Muslimen lässt sich über die Medien gute Information über das alltägliche Leben verschiedener Gruppen von Muslimen in europäischen und anderen Gesellschaften geben. Im Sinn der Zuschauerbildung lassen sich «modellartige» Begegnungen zwischen den Kulturen im Fernsehspiel zeigen.

Auf internationaler Ebene liesse sich kultureller Austausch vermehrt anregen, etwa mittels Europa-Stipendien an muslimische Intellektuelle, Autoren, Künstler usw. In muslimischen wie europäischen Ländern können Workshops organisiert werden, in denen bestimmte Themen diskutiert werden. Wissenschafter, Autoren und Künstler aus Ländern rund um das Mittelmeer können schliesslich dazu eingeladen werden, für bestimmte Projekte zusammenzuarbeiten und ihre Erfolge oder Errungenschaften zu veröffentlichen und in konkreten Projekten zu zeigen. Die Förderung interkultureller Kompetenz geschieht am besten in kleinen, motivierten Kreisen. Ziel ist es, ein Interesse zu wecken, das sich selbständig weiterentwickeln kann. Die Weitergabe positiver Erfahrungen und positiven Wissens an jüngere Generationen soll vorrangig sein. Das europäische Interesse an Muslimen ist nicht notwendigerweise ein Interesse am Islam. In der Praxis des Umgangs auf Grund gemeinsamer Interessen kommt der Islam als solcher oft kaum zur Sprache. Die Abwesenheit eines vorgefassten Islambildes kann die Kommunikation nur fördern.

* Vom Verfasser ist erschienen: Islam et Occident face à face. Regards de l'histoire des religions. Labor et Fides, Genf 1998.

 

© Neue Züricher Zeitung - 30.04.1999

Recherche
Links
Archiv
Suchen
Impressum

Nach oben