Feindbild Islam
Bis ins 14. Jahrhundert haben die europäischen
Eliten die Überlegenheit der arabischen Technik,
Wissenschaft und Philosophie anerkannt. Verachtet und
seit dem 11. Jahrhundert aktiv bekämpft wurde jedoch
der Islam als Religion, die sich darauf berief, dass
sechs Jahrhunderte nach der christlichen eine weitere
Offenbarung stattgefunden habe, und deren heiliges Buch
zugleich Anleitung für eine neue
Gesellschaftsordnung mit fremden Werten und Ritualen sein
wollte.
In der Abwehr des neuen Feindes emanzipierte sich
Europa erst zur einheitlichen Macht. Über
Jahrhunderte verfestigte sich die Konstruktion eines
Gegensatzes zum Christentum, wobei Gemeinsamkeiten
&endash; Monotheismus, Ethik des Teilens und der Caritas,
mystische Strömungen &endash; zunehmend ausgeblendet
wurden. Expansionsbewegungen von sich zum Islam
bekennenden Herrschern wurden für Europa bisweilen
existenzbedrohend. Der Feind erschien bald als Tatare,
bald als osmanischer Türke, stets aber als Vertreter
von Rückständigkeit und Barbarei.
Auch im 20. Jahrhundert, nach der Emanzipation aus dem
Kolonialdasein, sorgte «der Islam» für
Irritationen. Ideologische und ökonomische
Orientierungen verführten dazu, die muslimische Welt
in zuverlässige und bedrohliche Staaten zu
unterscheiden, wobei die Zuordnung durchaus oszillieren
kann. Revitalisierungsbewegungen innerhalb der
islamischen Welt unter nicht nur destruktiver Absetzung
vom «Westen» liessen die Ängste anwachsen,
insbesondere dann, wenn eine radikale Hinwendung zum
Fundamentalismus auch ausserhalb der eigenen
Bevölkerungen Opfer forderte.
Dass nicht der Islam als solcher eine Bedrohung
für die Demokratie darstellt, sondern einzelne
seiner Exponenten &endash; wie das für
fundamentalistische Sekten anderer Kulturen, von Japan
bis Amerika, gilt &endash;, ist eine bekannte Tatsache.
Sie wird aber gerne ausgeblendet bei der Wiederbelebung
eines mitunter willkommenen antiislamischen Feindbildes.
Obwohl Millionen von Muslimen in europäischen
Demokratien bereits seit mehreren Generationen als
Einwanderer leben, tut sich Europa noch immer schwer mit
dem Islam. Das Argument der kulturellen
Unverträglichkeit findet sich nicht zuletzt in der
Diskussion um die Ausländer- und
Flüchtlingspolitik und etikettiert einzelne
bedrängte Gruppen negativ. Dies ist lange Zeit den
Bosniaken und Kosovaren widerfahren.
Die Fatwa gegen Salman Rushdie hat ihrerseits dem
Feindbild Islam erneut Nahrung gegeben. Die Vermischung
politischer und kultureller Argumente schlug sich in der
Kontroverse um die Orientalistin Annemarie Schimmel
nieder, die Verständnis für die Kränkung
der islamischen Gemeinschaft durch die «Satanischen
Verse» zeigte. Verstellt wird durch solche
Verteufelung jener, die dem Islam Achtung
entgegenbringen, der Blick auf dessen interne Vielfalt
und damit auf jene Mehrheit seiner Anhänger, denen
die Extremisten am meisten Schaden zufügen.
He.
© Neue Züricher Zeitung -
30.04.1999