Pressespiegel

Kirche-Religion-Gesellschaft


Direkt zur Online-Ausgabe der NZZ

Aargauer Zeitung

Basler Zeitung

Berner Zeitung

Freiburger Nachrichten

Neue Luzerner Zeitung

Neue Zürcher Zeitung

St.Galler Tagblatt

Tages-Anzeiger

Sonntagszeitung

Weltwoche

Wochenzeitung

 

Feindbild Islam

Bis ins 14. Jahrhundert haben die europäischen Eliten die Überlegenheit der arabischen Technik, Wissenschaft und Philosophie anerkannt. Verachtet und seit dem 11. Jahrhundert aktiv bekämpft wurde jedoch der Islam als Religion, die sich darauf berief, dass sechs Jahrhunderte nach der christlichen eine weitere Offenbarung stattgefunden habe, und deren heiliges Buch zugleich Anleitung für eine neue Gesellschaftsordnung mit fremden Werten und Ritualen sein wollte.

In der Abwehr des neuen Feindes emanzipierte sich Europa erst zur einheitlichen Macht. Über Jahrhunderte verfestigte sich die Konstruktion eines Gegensatzes zum Christentum, wobei Gemeinsamkeiten &endash; Monotheismus, Ethik des Teilens und der Caritas, mystische Strömungen &endash; zunehmend ausgeblendet wurden. Expansionsbewegungen von sich zum Islam bekennenden Herrschern wurden für Europa bisweilen existenzbedrohend. Der Feind erschien bald als Tatare, bald als osmanischer Türke, stets aber als Vertreter von Rückständigkeit und Barbarei.

Auch im 20. Jahrhundert, nach der Emanzipation aus dem Kolonialdasein, sorgte «der Islam» für Irritationen. Ideologische und ökonomische Orientierungen verführten dazu, die muslimische Welt in zuverlässige und bedrohliche Staaten zu unterscheiden, wobei die Zuordnung durchaus oszillieren kann. Revitalisierungsbewegungen innerhalb der islamischen Welt unter nicht nur destruktiver Absetzung vom «Westen» liessen die Ängste anwachsen, insbesondere dann, wenn eine radikale Hinwendung zum Fundamentalismus auch ausserhalb der eigenen Bevölkerungen Opfer forderte.

Dass nicht der Islam als solcher eine Bedrohung für die Demokratie darstellt, sondern einzelne seiner Exponenten &endash; wie das für fundamentalistische Sekten anderer Kulturen, von Japan bis Amerika, gilt &endash;, ist eine bekannte Tatsache. Sie wird aber gerne ausgeblendet bei der Wiederbelebung eines mitunter willkommenen antiislamischen Feindbildes. Obwohl Millionen von Muslimen in europäischen Demokratien bereits seit mehreren Generationen als Einwanderer leben, tut sich Europa noch immer schwer mit dem Islam. Das Argument der kulturellen Unverträglichkeit findet sich nicht zuletzt in der Diskussion um die Ausländer- und Flüchtlingspolitik und etikettiert einzelne bedrängte Gruppen negativ. Dies ist lange Zeit den Bosniaken und Kosovaren widerfahren.

Die Fatwa gegen Salman Rushdie hat ihrerseits dem Feindbild Islam erneut Nahrung gegeben. Die Vermischung politischer und kultureller Argumente schlug sich in der Kontroverse um die Orientalistin Annemarie Schimmel nieder, die Verständnis für die Kränkung der islamischen Gemeinschaft durch die «Satanischen Verse» zeigte. Verstellt wird durch solche Verteufelung jener, die dem Islam Achtung entgegenbringen, der Blick auf dessen interne Vielfalt und damit auf jene Mehrheit seiner Anhänger, denen die Extremisten am meisten Schaden zufügen.

He.

 

© Neue Züricher Zeitung - 30.04.1999

Recherche
Links
Archiv
Suchen
Impressum

Nach oben