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Muslime als Gefahrenquelle für die Demokratie?

Konstruktion und Wandel eines Feindbildes

Von Yahya Hassan Bajwa, TransCommunication, Baden*

Fragt man Rekruten in der Armee, welches Feindbild sie heute haben, so wird oft der Islam genannt. Man müsse schliesslich, so die Antwort, Atomkraftwerke und andere neuralgische Punkte der eigenen Gesellschaft vor den islamischen Terroristen schützen. Unlängst wurde an einem Podiumsgespräch diskutiert, ob man Muslime überhaupt Militärdienst leisten lassen soll. Offenbar traut man selbst Schweizern mit muslimischem Glauben nur bedingt und zweifelt deren Loyalität zum Staat an. Wie entsteht ein solches Feindbild? Die Antwort muss auf zwei Ebenen, der theologischen und der historischen, gesucht werden. Interessant ist die Tatsache, dass sich ein Feindbild im Laufe der Zeit ändert &endash; im Schema Gut - Böse waren die Muslime nicht immer die Bösen. Das Bild des Islams bzw. der Muslime hat sich auch in der Schweiz gewandelt.

Im westlichen Denken bildet sich das Feindbild vom Islam auf zwei Ebenen. Auf der ersten Ebene fühlt sich die innere, d. h. die seelische Sicherheit angegriffen, auf der zweiten Ebene die äussere, d. h. die politische. Anhand von zwei Thesen soll diese Problematik aufgezeigt werden.

Religiöse und historische Begründungen

Die erste These lautet, dass die Angst theologisch bedingt ist. Die drei Buchreligionen &endash; Judentum, Christentum und Islam &endash; stammen alle aus der gleichen Gegend. Nicht nur die geographische, auch die theologische Nähe nährt die Angst, etwas zu verlieren. Die Propheten aus der Tora sind auch die Propheten der Christen, und auf sie berufen sich auch die Muslime: z. B. Abraham, Moses oder David. Ein Muslim anerkennt Jesus als einen nicht gesetzbringenden Propheten, und Mutter Maria wird im Koran als ein Vorbild für alle muslimischen Frauen genannt.

Wie soll man als Christ mit Menschen umgehen, die zwar eine andere Religion haben, in der sich aber viele Parallelen zum eigenen Glauben finden? Da ist eine neue Religion entstanden, die der älteren die eigenen Propheten und das Wort Gottes streitig macht.

Wie ist das Christentum mit dem Judentum umgegangen? Das «Judenproblem» wurde auf eine sehr krasse Weise gelöst. Die Juden galten lange als «Jesusmörder» und wurden als solche geächtet, aus der Gesellschaft und aus bestimmten Berufen ausgeschlossen. Ghettos bildeten sich, und sie waren immer wieder Zielscheiben von Pogromen, sei dies im Mittelalter, während der Kreuzzüge oder in Nazi-Deutschland.

Neben der theologisch begründeten Angst besteht die historisch bedingte Angst. Der gewaltsam ausgetragene Konflikt mit islamischen Staaten war für die christliche Welt lange äusserst schmerzvoll, und erst durch den endgültigen Sieg gegen diese äussere Bedrohung gebannt. Mit den Kreuzzügen versuchten die Christen im Mittelalter die Gefahr des Islams, repräsentiert durch die Araber, zu bannen. In den Türkenkriegen verkörperten die Osmanen das Feindbild. 1541 schrieb Luther in seiner «Vermahnung zum Gebet wider den Türken»: «Und wenn ihr nun gegen den Türken zieht, so seid ja gewiss und zweifelt nicht daran, dass ihr nicht gegen Fleisch und Blut [ . . . ] streitet; denn des Türken Heer ist eigentlich der Teufel Heer» (Martin Luther, Schriften, Band IV, Insel-Verlag, Frankfurt 1990). Der Teufel erscheint in der Gestalt des Türken. Angesichts der türkischen Belagerung Wiens ist das verständlich. Gleichzeitig sah man in Muhammad den Antichristen, den es zu bekämpfen galt zur Rettung der christlichen Welt.

Erst mit dem Untergang des Osmanischen Reiches und der Kolonialisierung grosser Teile der islamischen Welt war die politische Sicherheit wieder gewährleistet. Missionare strömten in diese Gebiete, um die Ungläubigen zum wahren Glauben zu führen. Die theologische und politische Überlegenheit der christlichen Welt wurde auf diese Weise wiederhergestellt.

Je nach Optik

Weshalb der Mujahedin ein Freund ist und der Taliban ein Feind, bedarf der Erläuterung. Der Kommunismus stellte für den Westen lange Zeit eine ideologische Gefahr dar. Mit dem Einmarsch der Sowjettruppen in Afghanistan 1979 wurden alte Ängste wieder wach. Unter Zar Alexander II. erreichten 1868 russische Truppen zum erstenmal die Grenzen zu Afghanistan und bedrohten somit British India. Als vor bald 20 Jahren die Mujahedin, die Freiheitskämpfer, ihre Waffen gegen die Sowjetmacht zum Dschihad &endash; dem Heiligen Krieg &endash; erhoben, war es der Westen, der diese militanten Muslime mit Waffen ausrüstete und dafür sorgte, dass die finanzielle Hilfe nicht versiegte.

Zur gleichen Zeit wurde in Pakistan der Militärdiktator Zia ul-Haq unterstützt, der seinerseits die Verteilung der Waffen und Devisen aus den USA und dem Westen, die z. T. über Saudiarabien lief, an die unter sich verfeindeten Mujahedin übernahm. Devisen und Waffen gingen auch an militante muslimische Gruppen, die heute das Leben in Pakistan schwermachen und aus denen später die Taliban hervorgingen.

Unterschätzte ideologische Dimension

Die Fundamentalisten in Pakistan und Afghanistan wurden gezielt unterstützt in der Annahme, dass ein Islamist niemals Kommunist werden kann. Diese Rechnung ging zwar auf, doch die Islamisten machten sich selbständig und entwickelten eigene Ideologien, die sich mit westlichem Gedankengut nicht deckten. Die Unterschiede spielten so lange keine Rolle, bis die Sowjets Afghanistan verliessen. Nun betonte der Westen wieder sein Bekenntnis zu demokratischen Tugenden, und die Mujahedin wurden fallengelassen, da man sie nicht mehr benötigte. Aus dem einstigen Freund wurde ein rückständig denkender Turbankämpfer, auferstanden aus dem finsteren Mittelalter.

Der Krieg gegen die Sowjets wurde durch einen Bürgerkrieg zwischen verschiedenen Clans und Ethnien abgelöst. Als sich die Sowjetunion auflöste und Afghanistans Nachbarn zu finanziell lukrativen Gebieten für den Abbau von Erdöl, Erdgas und weiteren Mineralien wurden, wachte das Interesse für das geschundene Land wieder auf. Wie sollte es befriedet werden, damit die Ausbeutung der Ressourcen beginnen konnte? Wie aus dem Nichts entstanden die Taliban &endash; die Schüler, die aus den Medressen direkt mit dem Gewehr in den Krieg gegen die ungläubigen Mujahedin zogen. Innerhalb kurzer Zeit eroberten die gut bewaffneten Taliban-Truppen grosse Gebiete und befriedeten sie &endash; auf ihre Weise. Die Bilder der siegreichen Taliban benötigen keinen Kommentar. Interessant ist aber die Frage, woher das Geld für Bewaffnung, Infrastruktur und Logistik kommt. Einen Hinweis auf die Geldquelle gibt das Verhalten der Taliban, als sie Kabul eroberten und gleich ein Regime einführten, das stark an Saudiarabien erinnerte.

Auswechselbare Etiketten

Ein weiteres Beispiel für die Wandlungsfähigkeit des Feindbildes aus derselben Region sind die Freiheitskämpfer in Kaschmir. Erst kürzlich weigerten sich die Vereinigten Staaten während Gesprächen mit der indischen Regierung, diese Islamisten als Terroristen zu bezeichnen, und dies, obwohl bekannterweise viele von ihnen in Afghanistan gekämpft hatten.

Begriffe wie «Islamist», «Fundamentalist», «islamischer Terrorist», «Freiheitskämpfer», «Feind» oder «Freund» können mitunter dieselben Personengruppen bezeichnen. Ausschlaggebend sind Ort und Zeit ihres Auftretens. Die politischen Sachzwänge entscheiden, ob man als «Feind» oder «Freund» deklariert wird, und solche Entscheide sind zu jeder Zeit reversibel.

Islam-Angst in der Schweiz?

Es ist äusserst unangenehm, wenn man als Muslim Militärdienst leistet und von den eigenen Kameraden als potentieller Feind betrachtet wird. In einer Diskussion wurde die Angst geäussert, dass es bei einem Angriff seitens eines islamischen Terroristen unklar sei, auf welche Seite sich der Schweizer Muslim stelle, ob er auf den Terroristen oder auf die eigenen Leute zielen würde. Die Antwort eines anwesenden Muslims bestärkte sogar das Misstrauen, denn dieser meinte zögernd, dass es für ihn schwer sei, auf einen Glaubensgenossen zu schliessen.

Die richtige Antwort wäre, dass man als Muslim seinem Staat gegenüber absolut loyal sein muss. Dies wurde durch den Propheten Muhammad festgelegt, und es gilt auch für Muslime, die in einem nichtislamischen Land leben. Kriminelle Muslime werden selbstredend in einem islamischen Rechtsstaat genauso zur Rechenschaft gezogen wie hier.

Es muss wohl noch ein langer Weg zurückgelegt werden, bis das Misstrauen, mit dem westliche Gesellschaften Muslimen begegnen, überwunden ist. Sogar über die eigene Religion als Fachmann zu sprechen ist schwierig, denn als Muslim steht man im Verdacht, nicht objektiv zu sein. Ein Rabbi kann an der Universität über seinen Glauben einen Vortrag halten, ein Christ über seine Glaubensauffassung referieren. Geht es darum, den Islam zu erklären, wird ein Orientalist bevorzugt, dessen Wissen hier nicht in Frage gestellt werden soll. Erst allmählich erkennt man jedoch, dass Informationen aus erster Hand genauso wichtig sind wie die Darstellung des Orientalisten. Ein Problem liegt wohl auch darin, dass die Medien oft nicht in der Lage sind, komplexe Informationen weiterzugeben. Für die Hintergründe, die die Komplexität auflösen, fehlt meist der Platz.

 

* Der Autor ist Schweizer, Muslim und leistet Militärdienst. Er ist Mitverfasser von verschiedenen Schulbüchern zum Thema «interkultureller und interreligiöser Dialog» und leitet das Büro TransCommunication in Baden. Yahya Bajwa ist Mitglied der Human Rights Commission of Pakistan, freier Mitarbeiter am Institut für Kommunikationsforschung in Meggen und im Bundesamt für Flüchtlinge.

 

© Neue Züricher Zeitung - 30.04.1999

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