Die Fabel der Welt
Ovid, Dante und Proust oder:
Zeitlichkeit und Ewigkeit
Von Karlheinz Stierle
Was haben die «Metamorphosen» des Ovid,
Dantes «Divina Commedia» und Marcel Prousts
Roman &endash; wenn es ein Roman ist &endash; «A la
recherche du temps perdu» miteinander zu tun? Alle
drei Werke reflektieren in einem besonderen Mass und in
einer besonders signifikanten Weise ihr Verhältnis
zur Kunst; sie reflektieren damit sich selbst.
In einer kurzen Betrachtung über den schwankenden
Boden unserer wissenschaftlichen Gewissheiten will
Friedrich Nietzsche vor Augen führen, «wie die
wahre Welt zur Fabel wurde». Die Fabel der Welt ist
bei Nietzsche eine zweideutige Vorstellung. Einerseits
ist sie der Inbegriff des menschlichen Selbstbetrugs, und
doch ist Nietzsche nach Vico und Rousseau bereit, der
Fiktion ein eigenes Wirklichkeitsrecht zuzuerkennen:
«Warum sollte die Welt, die uns betrifft, keine
Fiktion sein?» Aber wenn unsere Welt zur Fabel
wurde, können wir sie dann anders darstellen als
eben mit Hilfe von Fabeln und Fiktionen? Nietzsche
öffnet mit seiner radikalen Skepsis den Weg zur
einer poetischen Annäherung an die Welt, die
zugleich Akt des Philosophierens wäre. Es gibt so
viele Fabeln, wie es Blicke auf die Welt gibt. Aber eine
Fabel der Welt selbst zu schaffen in der Totalität
aller ihrer Erscheinungen, dies müsste ein
ungeheures Projekt sein und für die Dichtung ihre
höchste Herausforderung.
In der literarischen Tradition Europas gibt es eine
Konfiguration von drei ausserordentlichen Werken, die man
in einem strengen Sinne Fabeln der Welt nennen
könnte: Ovids «Metamorphosen», Dantes
«Divina Commedia» und Marcel Prousts «Auf
der Suche nach der verlorenen Zeit». Zwischen diesen
drei Werken aus unterschiedlichen literarischen Epochen
gibt es mehr Verbindungen als zwischen jedem von ihnen
und allen Werken der jeweils eigenen Epoche. Jedesmal
sind sie das Mass dessen, was Dichtung erreichen kann,
wenn sie die Welt zur Fabel machen will.
VERWANDLUNG INS ZEITLOSE
Die Welt zur Fabel zu machen heisst zunächst, das
Erzählen bis an die Grenzen seiner
Möglichkeiten zu treiben. Die Erzählung, ob
Mythos, Geschichte oder Roman, erfasst immer nur einen
Ausschnitt der Welt. Dagegen muss eine Fabel der Welt die
radikale Frage nach ihrer Zeitlichkeit und Ewigkeit
stellen. In dieser Perspektive verweigert sich aber jede
Erzählform. Die Fabel der Welt wird zur Krise der
Erzählbarkeit. Sie muss Zeit und Ewigkeit
gleichermassen beschwören. So sind die
«Metamorphosen» Ovids zugleich Aufgipfelungen,
Dramatisierungen der Zeit und Geschichten der Verwandlung
ins Zeitlose. Das schönste Beispiel einer
Metamorphose der Zeit in Zeitlosigkeit ist die Geschichte
der Liebe Apolls zu Daphne und ihrer Verwandlung in den
Lorbeer. Wir sehen den von Begierde entflammten Gott und
die fliehende Nymphe, die im Augenblick, wo Apollon sie
zu besitzen glaubt, sich ihm entzieht, indem sie die
zeitenthobene Gestalt des Lorbeers annimmt:
Kaum hat sie solches gebetet, da fällt eine
schwere Erlahmung
Ihr auf die Glieder, die schwellende Brust
überzieht sich mit feiner Rinde; es wachsen
die Haare zu Blättern, zu Zweigen die Arme;
Auch die Füsse, soeben so rasch noch, sie
hangen in trägen
Wurzeln, das Haupt wird Wipfel, was bleibt,
ist die glänzende Schönheit.
Diese Gleichzeitigkeit von Bewegung und
Bewegungslosigkeit ist der Augenblick der Metamorphose.
Dantes «Göttliche Komödie» ist eine
Fabel der Welt, in der der Bezug zu Ovids
«Metamorphosen» immer wieder ausdrücklich
wird. Doch ist das Verhältnis von Zeit und
Ausserzeitlichkeit hier unendlich viel komplizierter.
Für die im Inferno verdammten Seelen ist es die
tiefste Strafe, dass sie ewig ihr zeitliches Leben noch
einmal durchleben müssen, vor allem den Augenblick,
der ihnen jede Hoffnung auf das Jenseits geraubt hat. Die
schlechte Ewigkeit ihrer unerlösten Fixierung durch
die Zeit wird ein immer wechselndes Schauspiel, das
Dante, den Weltenwanderer, tief berührt. Jeder
Verdammte ist als Erscheinung eine Charade seiner
Zeitlichkeit, bevor diese sich zu einer Erzählung
verdichtet. Dante geht aus der Welt der in Ewigkeit
erstarrten Zeitlichkeit fort und steigt auf bis zu jenem
Zustand höchster Glückseligkeit, wo er im
Paradiso das Auge Gottes erblickt, die absolute
Erscheinung der Ewigkeit selbst. Aber gerade in diesem
Augenblick der höchsten Intensität verliert
Dante das Bewusstsein und kehrt in eine Welt der
Zeitlichkeit zurück, in der ihm nur eine unbestimmte
Erinnerung an seine unerhörte Erfahrung bleibt. Wenn
die zeitliche Welt im Inferno sub specie aeternitatis
erschien, so jetzt die Ewigkeit sub specie temporis.
Dante auf der Suche nach der verlorenen Ewigkeit wird zum
Dichter, der im Imaginären nach der
ausgelöschten Erinnerung sucht.
Wie die «Divina Commedia» Dantes auf Ovids
«Metamorphosen» antwortet, so antwortet Prousts
«Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» der
«Göttlichen Komödie». Zeit sub specie
aeternitatis, Ewigkeit sub specie temporis, dieser
Chiasmus der Danteschen Erfahrung verwandelt sich bei
Proust zur subjektiven Ewigkeitserfahrung der in der
Erinnerung wiedergewonnenen Zeit. Für die Erinnerung
verwandelt sich die lineare Zeit in eine
Gleichzeitigkeit, die als Realität des Bewusstseins
keine Entsprechung zur äusseren Wirklichkeit mehr
hat.
WILLE ZUM WERK
Die Fabel der Welt versteht die Welt als Werk, sei es,
wie bei Ovid und Dante, als das Meisterwerk eines
schöpferischen Gottes oder, wie bei Proust, als
Schöpfung der Erinnerung. Doch will das poetische
Werk, in dem die Fabel der Welt zu ihrer
Ausdrücklichkeit kommt, nicht nur die Welt als Werk
darstellen, sie will vielmehr ihr konstruktives Ebenbild
sein. Deshalb finden wir bei Ovid ebenso wie bei Dante
und Proust einen Willen zum Werk, der vom Werk das
Höchste verlangt. In Ovids «Metamorphosen»
kommt das Werk erstmals zum Bewusstsein seiner selbst. Im
ersten Buch lässt der Dichter uns teilhaben an dem
Augenblick, wo ein Gott dem Chaos der Welt eine Form gab,
ehe Prometheus den Menschen nach dem Bild der Götter
aus Lehm erschuf.
Es folgt die lange Geschichte der Metamorphosen, des
Übergangs von Form zu Form, von den frühesten
Menschen bis zu Ovids eigener Gegenwart. Immer ergreift
die Metamorphose einen Menschen in der Singularität
seines Namens und verwandelt ihn in die Gattungsgestalt
der Elemente, der Vögel, Blumen, Bäume und
Tiere. Die Fabel der Welt erinnert in einem Zeitalter der
Worte das Zeitalter der Namen. Dazu bedarf es der Poesie.
Und schliesslich bedarf es einer neuen Metamorphose,
damit die Fabel der Welt zum poetischen Werk wird und die
Ewigkeit der Dauer sich in die Ewigkeit des Werks
verwandelt, das die Zeitlichkeit der Metamorphose in sich
aufhebt. Die Dichtung wird zur höchsten Fiktion, die
der ursprünglichen Fiktion des erschaffenden Gottes
antwortet. Ovid beginnt sein «ewiges Lied»
(perpetuum carmen) mit der grossen Geste des Gottes, der
das Chaos der Welt ordnet, und er endet mit der
triumphalen Geste des Autors, der ein poetisches Werk
erschaffen hat, dessen Dauer selbst noch für Jupiter
eine Herausforderung sein wird:
Und jetzt hab ich vollendet ein Werk, das nicht
Jupiters Zornwut,
Feuer und Schwert, die zehrende Zeit nicht
zu tilgen vermögen.
Auch bei Dante gewinnt die Idee des Werks eine
emphatische Bedeutung. Den drei Regionen der jenseitigen
Welt, Hölle, Purgatorium und Paradies, entsprechen
die drei Teile der «Commedia»; und diese
Dreiheit bestimmt auch noch die einfachsten poetischen
Bewegungen in der Form der Terzine. Das Werk ist hier
erneut eine Fiktion im doppelten Sinn: Fabel der Welt und
eine Konstruktion, die aus einem rationalen Willen zur
Konstruktion hervorgeht. Ovids perpetuum carmen wird
jetzt zum heiligen Gedicht (sacro poema). Dante, der
Dichter, hat die Erinnerung an die unerhörte
Erfahrung der Ewigkeit verloren und muss versuchen, sie
mittels poetischer Korrespondenzen wiederzufinden.
So ist in gewissem Sinne die ganze
«Komödie» Dantes nichts als die Geschichte
seiner Berufung. Der letzte Augenblick der
«Komödie» ist der erste Augenblick ihrer
Ins-Werk-Setzung. Proust oder vielmehr Marcel, der sich
auf die Suche nach der verlorenen Zeit begibt, aber auch
auf die Suche nach seiner Berufung als Schriftsteller,
wird das Modell Dantes auf der Suche nach der Ewigkeit
übernehmen. Wie bei Dante fallen in der
«Recherche» Werk und Vorgeschichte, Suche und
ihr Objekt zusammen. Nach langen Umwegen wird die Suche
nach der verlorenen Zeit zu jenem entscheidenden
Augenblick finden, wo die wiedergefundene Zeit sich als
die eigentliche Aufgabe für das zu schaffende Werk
erweist, das eben jenes ist, das wir gerade durchlaufen
haben. Das Werk ist der Ort, wo die Intuition eines
Augenblicks eine ewige Form gewinnen kann, wo die
Ausserzeitlichkeit als Erfahrung der sich selbst
reflektierenden Erinnerung sich verwandelt in die
immanente Ewigkeit des Werks.
Wenn das Werk der Ort ist, wo die Fabel der Welt zu
ihrer Erscheinung kommt, so ist es auch der Ort, wo die
Kunst sich selbst zum Vorschein bringt. Dies ist der
dritte Aspekt einer erstaunlichen Konvergenz.
DIE SCHÖNEN KÜNSTE
Die Ovid-Forschung hat, so scheint es, eines der
grossen Themen der «Metamorphosen» zuwenig
beachtet: die Geburt der Künste. Im Zeitalter der
Namen werden jene Künste geboren, die im Zeitalter
der Worte allein noch das Zeitalter der Namen
vergegenwärtigen können, dem sie entsprungen
sind. Ovid nimmt den umgekehrten Weg: er geht vom
Zeitalter der Worte zurück zum Zeitalter der Namen,
um bei dem Augenblick anzukommen, wo die Künste
geboren werden. So ist Prometheus, der den Menschen
formt, der erste Künstler im elementarsten Sinne.
Prometheus verdoppelt sich in Pygmalion; das
unglückliche Paar von Narziss und Echo gibt uns die
Erfahrung zweier Künste, die in der Reduktion des
Mediums geboren werden. Als Narziss sich im reinen Wasser
der Quelle betrachtet, sieht er sich als losgelöstes
Bild, das auf der Oberfläche des bewegten Wassers
schwebt. Dies ist eine Urszene der Malerei. Echo
anderseits wird reiner Klang, Musikalität, die sich
von ihrer Körperlichkeit gelöst hat. Apoll wird
Dichter im Moment, wo Daphne sich ihm entzieht und auf
ihre Bitten in einen Lorbeer verwandelt wird. Syrinx, die
Nymphe, die Pan flieht, wird in ein Rohr verwandelt; und
die Stimme des Rohrs wird zur Flöte. Pan erfindet
die Musik, um mit Hilfe des in eine Flöte
verwandelten Rohrs die in ein Rohr verwandelte Syrinx zu
vergegenwärtigen. Die Kunst macht gegenwärtig,
was Abwesenheit geworden ist.
Dante hat sich erneut an Ovid inspiriert, indem er
seiner Fabel der Welt die Form eines Werks gibt, das alle
Möglichkeiten künstlerischer Darstellung selbst
reflektiert. Während aber in den
«Metamorphosen» die Geschichten von der Geburt
der Künste im Ganzen des Werks verteilt sind, ist
Dantes Begegnung mit den unterschiedlichen
Manifestationen der Kunst der mittleren Sphäre des
Purgatoriums vorbehalten, das sich ebenso der
Unveränderlichkeit der Hölle wie der Ewigkeit
des Paradieses entgegensetzt. Dante begegnet hier dem
erinnerungsweckenden Zauber der Musik, er erfährt
die Kraft des visibile parlare in den von Gott selbst
gehauenen Basreliefs mit den Szenen christlicher Demut,
an denen die Hochmütigen gesenkten Haupts
vorüberziehen müssen. Er begegnet den Dichtern
und reflektiert im Gespräch mit ihnen über das,
was die Kraft seiner eigenen Dichtung ausmacht. Gibt es
einen Grund, weshalb Dante in so ausdrücklicher
Weise die schönen Künste, ihre Einheit und ihre
Unterschiede, auf der Läuterungsinsel
zusammenführt? Die Läuterungsinsel ist der Ort
des Übergangs zwischen zwei Welten, in denen alles
für immer festgelegt ist, der Hölle und dem
irdischen Paradies. Aber ist nicht auch die Kunst ein
Übergang? Und wäre sie demnach nicht eine
grosse Metapher des Purgatorio, wie dieses eine Metapher
der Kunst ist?
Wie in den «Metamorphosen» und in der
«Göttlichen Komödie» gibt es in der
«Recherche» eine massive Anwesenheit der
Künste: Musik, Malerei, Skulptur, Poesie,
Architektur, Bühnen- und Gartenkunst. Die
Künste und ihre Beziehung zur Erinnerung stehen im
Zentrum dieses Romans. Marcel auf der Suche nach seiner
poetischen Berufung muss erst das Wesen der Künste
begreifen, bevor er seine eigene Kunst finden kann. Kein
anderer moderner Roman bezieht sich auf so viel Werke der
Dichtung, der Malerei, der Musik, der Architektur, der
Bühnenkunst, der Textilkunst und selbst noch der
Landschaftskunst wie «A la recherche du temps
perdu». Der Roman ist in gewisser Hinsicht ein
imaginäres Museum. Die Welt ist zur Fabel geworden,
wenn sie sich zur Ausserzeitlichkeit verwandelt, aber
diese Fabel will in einer Metamorphose ihrer selbst zum
Werk werden. Was ist also die Rolle der Künste und
der Werke für eine Erinnerung, die, um sich zu
verwirklichen, selbst Werk werden will?
ERINNERUNG
Im letzten Teil des Romans, «Die wiedergefundene
Zeit», kehrt Marcel nach langer Abwesenheit nach
Paris zurück. Im Hof des Palais der Guermantes, in
das er eingeladen ist, stösst er gegen einen
Pflasterstein, und plötzlich erfasst ihn ein
intensives Glücksgefühl, dessen Ursprung ihm
verborgen bleibt, ein Gefühl, das ihn einst schon in
dem Augenblick durchdrungen hatte, wo eine in
Lindenblütentee getauchte Madeleine ihm die
verlorene Welt seiner Kindheit in Combray eröffnet
hatte. Jetzt, nach einer grossen Anstrengung seines
Bewusstseins, entringt er seiner Erinnerung ein kleines
vergessenes Detail seines Aufenthalts in Venedig: eine
Ungleichheit im Pflaster vor dem Baptisterium von San
Marco. Der Grund des empfundenen Glücks ist, dass
diese beiden Augenblicke, die in sich absolut kontingent
sind, plötzlich in eine Gleichzeitigkeit treten, die
sie den Kontingenzen der Zeit enthebt. So wird der Stein
von Venedig zum Schlussstein eines «immensen
Bauwerks der Erinnerung».
Es gibt bei Proust eine tiefe Verwandtschaft zwischen
der Ausserzeitlichkeit der Erinnerung und der
Ausserzeitlichkeit des Werks. Aber dies ist nicht alles.
Es scheint, dass bei Proust Kunstwerke eine besondere
Rolle spielen, um die erlebten Augenblicke für ihre
Wiedererstehung als Erinnerung vorzubereiten. Ist einmal
eine Verbindung hergestellt, die eine vergessene
Vergangenheit wieder in Bewegung setzt, so sind es diese
von der Erfahrung des Kunstwerks imprägnierten
Augenblicke, die sich um den Kern der wiedergefundenen
Erinnerungen oder der «der Zeit entzogenen Fragmente
der Existenz» versammeln. Es ist die
Ausserzeitlichkeit des Werks, die den erlebten Augenblick
imprägniert und ihn aus der Serie der
flüchtigen Erscheinungen heraushebt. Das Werk macht
sie transparent für den Augenblick: Aber gerade
diese Amalgamierung zwischen dem Augenblick und dem Werk
und seiner Ausserzeitlichkeit rettet den Augenblick
für seine Wiedergeburt in der Erinnerung. Diese aber
verlangt erneut danach, zum Werk zu werden.
In jeder der Erinnerungswelten, die Proust in seinem
gewaltigen Werk eine nach der anderen entstehen
lässt, spielen Kunstwerke der unterschiedlichsten
Art eine bedeutende Rolle. In der ersten geschlossenen
Welt der Erinnerung, aus der alle anderen hervorgehen
werden, dem Combray von Marcels Kindheit, ist der
Augenblick des Gute-Nacht-Kusses umgeben von zwei
Erscheinungen von Kunst, die diesem kleinen Ereignis eine
tiefe Bedeutung verleihen. Der Augenblick, der dem
Zu-Bett-Gehen vorausgeht, ist jeden Abend der Laterna
magica und ihrer Projektion der Geschichte von Golo und
Geneviève von Brabant vorbehalten. Die Laterna
magica ist das einfache Modell jener dritten Dimension,
die aus der Überlagerung von Kunstwerk und erlebtem
Augenblick entsteht. Die Erinnerung an den Abend, an dem
die Mutter Marcel zum erstenmal nicht den gewohnten
Gute-Nacht-Kuss gibt, verbindet sich unauflöslich
mit der Erinnerung daran, dass die Mutter, um das
verstörte Kind zu beruhigen, ihm die ganze Nacht
durch George Sands Roman «François le
Champi» vorliest und Marcel so zum erstenmal das
tiefe Glück der Korrespondenz des Augenblicks mit
dem Imaginären einer Lektüre erfährt. Aber
auch Marcels erste Bekanntschaft mit der Welt ist
vermittelt durch von der Grossmutter geschenkte
Postkarten mit der Reproduktion gemalter Städte und
Landschaften, darunter ein Venedig-Bild Tizians, das die
früheste Sehnsucht nach der Stadt weckt, der Marcel
so spät erst begegnen wird.
Eine neue Dimension der Erinnerung und ihrer tiefen
Verbindung mit der Welt der Kunstwerke öffnet sich
in dem Augenblick, wo durch das profane Wunder des Tees
und der Madeleine sich ein neues Combray eröffnet,
das jetzt schon in der Zeit fortgeschritten ist. Wie die
Laterna magica ein Katalysator für die Erinnerung
kindlicher Ängste war, so wird die Kirche, die die
kleine Stadt überragt, jetzt zur Metapher für
die Ausserzeitlichkeit der Erinnerung und ihrer
Metamorphose ins Werk. Die Kirche als Form der Zeit ist
eine Transzendenz der Zeit in der Zeit selbst. Combray
wird illuminiert durch Marcels Lektüren, vor allem
durch die ersten Lektüren des Dichters und
Romanciers Bergotte. In der Welt von Combray wird Marcel
mit Giottos Allegorien der Tugenden und Laster aus der
Arenakapelle vertraut dank den Postkarten, die Swann bei
seinen regelmässigen Besuchen mitbringt. Mit Tizians
Ansicht von Venedig werden sie zur Quelle von Marcels
Venedigsehnsucht, die als eines der grossen Themen den
ganzen Roman durchzieht. Giottos Darstellungen der
Tugenden und Laster sind eine erste profane Lektion, dass
in beiden immer schon die Gegenseite gegenwärtig
ist. Kunstwerk und Wirklichkeit durchdringen sich, wenn
Swann von der Caritas Giottos spricht und dabei eines der
Küchenmädchen im Haus der Grossmutter meint.
Die Welt von Combray legt die Grundlagen für den
Bau der Erinnerung und gibt Literatur, Malerei,
Architektur und Skulptur eine zentrale Rolle für die
Auferstehung der verlorenen Zeit. Mit der Darstellung der
Welt Swanns und seiner Liebe zu Odette de Crécy,
die seine Frau werden wird, hält die Musik ihren
triumphalen Einzug in die Welt der Erinnerung. Es ist die
Sonate des Komponisten Vinteuil, die sich so
unauflöslich mit der Existenz Odettes verbindet,
dass diese, nachdem Swanns Liebe zu ihr schon lange
erloschen ist, immer wieder beim Vernehmen von Vinteuils
Sonate aufersteht. Wie Casellas Lied in Dante die
tiefsten Erinnerungen wachruft, so Vinteuils Sonate bei
Swann.
VENEDIG &endash; DER SCHLUSSSTEIN
Der Welt von Combray, der Welt von Swann folgt die
Ablösung der Welt der Namen durch die Welt der
auralos gewordenen Worte, die ihren Fokus hat in der
zweifachen Begegnung Marcels mit Odette de Crécy
in jenem Bois de Boulogne, der sich dadurch zur
mythischen Landschaft vertieft, dass in seiner
Akazienallee der Myrtenwald der «Äneis»
lebendig zu werden scheint. In dieser Verwandlung
fällt ein irreales Licht über jene
Schönheiten, die schon die Schatten ihrer selbst zu
sein scheinen, noch ehe eine neue Gegenwart sie zu
Schatten von Schatten macht. Immer neue Erinnerungswelten
folgen, und immer sind es Kunstwerke, in deren
Zeitenthobenheit sich die verlorene Zeit rettet, um in
ihnen ihrer Auferstehung entgegenzusehen. Die Welt
Balbecs, wo Marcel Albertine begegnet, steht erneut im
Zeichen der Malerei und insbesondere im Zeichen des
venezianischen Malers Carpaccio, aber auch jenes
Textilkünstlers Fortuny, der die gemalten
Brokatgewänder Carpaccios ins Leben zurückholt.
Das gemeinsame Leben mit Albertine, die schmerzende,
verzweifelte Eifersucht, mit der Marcel ins Geheimnis von
Albertines verborgenen lesbischen Neigungen einzudringen
sucht, machen ihn offen für die tiefsten Erfahrungen
der Kunst, die sich ihm in der Gestalt von Vinteuils
postumem Septett offenbart, so wie wenig zuvor der
Dichter Bergotte im Anblick eines Bildes von Vermeer van
Delft die Erfahrung des Absoluten der Kunst und damit
seines eigenen Scheiterns macht, ehe er in der
Ausstellung tot zusammenbricht.
Nach der Flucht Albertines und ihrem Tod beim Sturz
vom Pferd kann Marcel endlich seinen so lange schon
gehegten Traum einer Venedigreise verwirklichen. Venedig
ist die letzte der Erinnerungswelten oder besser: sie ist
der Schlussstein des Gebäudes der Erinnerung. Diese
Stadt von unwirklicher Schönheit wird der Ort der
Erinnerung mit ihren Schichten und Überlagerungen.
Venedig, selbst ein Kunstwerk, gibt das Gefühl, der
Zeit enthoben zu sein und doch die Zeit in sich zu
bannen. Die Entsprechung zwischen der Ausserzeitlichkeit
des Werks und der Ausserzeitlichkeit der Erinnerung
findet in Venedig ihren Höhepunkt. Venedig erinnert
an Combray und Balbec und enthüllt sich für
Marcel als ihre imaginäre Synthese. Aber Venedig
wird auch ein imaginäres Theater oder eine Laterna
magica, die die Schatten der Vergangenheit erweckt. Indem
er Carpaccios «Patriarchen von Grado, wie er einen
Besessenen heilt» betrachtet, entdeckt Marcel den
Fortuny-Mantel, den Albertine trug, bevor sie sich von
ihm trennte. In Padua, in der Arenakapelle, sieht er
endlich jene Bilder der Tugenden und Laster Giottos, die
ihm seit so langer Zeit schon vertraut waren. Indem er in
die Kapelle eintritt und das tiefe Blau ihres gemalten
Himmels sieht, erinnert er sich an Albertine, ohne es zu
wissen. Überall sprechen Kunst, Architektur und
Stein von Erinnerung. Und Marcel antwortet darauf mit
einer äussersten Geste: Er will seine Gegenwart
verwandeln, so dass sie zur zukünftigen Erinnerung
in der Zeitenthobenheit des Werks wird. Seiner Mutter,
die ihn begleitet und die in ihrer Trauer der heiligen
Ursula Carpaccios gleicht, gibt Marcel, um ihr Bild vorm
Vergessen zu retten, in San Marco einen «ihr
vorbehaltenen und unbeweglichen Platz wie ein
Mosaik».
Als seine Mutter beschliesst abzureisen, will Marcel
allein in Venedig bleiben. Aber im Augenblick der Trauer
macht er die Erfahrung eines Venedig, das sich aus einer
Stadt im Zeitalter der Namen in die Banalität eines
beliebigen Orts verwandelt, wo es statt der Namen nur
noch Worte gibt. «Seine Persönlichkeit, sein
Name schienen mir wie trügerische Einbildungen, die
ich nicht mehr wagte, den Steinen aufzuerlegen.»
Jetzt hört er die banale und verführerische
Melodie eines «O sole mio», das die Schwelle
zwischen den beiden Venedig bezeichnet. Marcel, vor der
Ruine seines Venedig, flieht und erreicht noch seine
Mutter. Mit ihr kehrt er im an Padua und Verona
vorbeifahrenden Zug nach Paris zurück.
Lange später löst ein Stein im Hof der
Guermantes jene Erschütterung aus, deren es bedarf,
damit aus dem Vergessen sich der Stein von Venedig
löst, der der Schlussstein der Architektur der
Erinnerung ist, die ohne sein Wissen sich schon in ihm
errichtet hat und die ein anderes Werk, jenes des
Schriftstellers, der endlich seine Berufung gefunden hat,
an den Tag bringen muss. Aber der Augenblick nach dem
Augenblick seiner Illumination wird zu einem tiefen
Schock: Er tritt in den Salon ein, wo sich seine alten
Freunde und Freundinnen versammelt haben, und
erfährt die schreckliche Lehre jenes «Balls der
Köpfe», jenes Karnevals der von der Zeit
verschlungenen Zeit, der ironischen und grausamen
Metamorphosen, die in der Reihe jener Ovids und Dantes
stehen. Der triumphus temporis, der Triumph der Zeit, ist
aber nicht das letzte Wort. Die Fabel der Welt, die in
sich die Ausserzeitlichkeit der Erinnerung und ihr Bild,
die Ausserzeitlichkeit des Werks, vereinigt, triumphiert
über diesen. Marcel, im Wettlauf gegen die Zeit,
wird mit der Arbeit beginnen. Er wird schreiben: Lange
Zeit habe ich mich zu früher Stunde schlafen gelegt
&endash; Longtemps je me suis couché de bonne
heure.
© Neue Züricher Zeitung -
30.04.1999