In der Nachfolge der
Passionsmystiker
Padre Pio vom Papst in Rom
seliggesprochen
Von Victor Conzemius*
Papst Johannes Paul II. hat am Sonntag vormittag in
Rom den italienischen Kapuziner Padre Pio
seliggesprochen. Rund 150 000 Gläubige nahmen an der
von scharfen Sicherheitsvorkehrungen begleiteten
Zeremonie auf dem Petersplatz teil. Padre Pio wird in
Italien sehr verehrt; er ist eine Art
zeitgenössischer italienischer Nationalheiliger.
Unter riesigem Zulauf hat am Sonntag Papst Johannes
Paul II. Padre Pio seliggesprochen. Padre Pio hatte der
Ordensfamilie des Franz von Assisi angehört. Er war
Kapuziner, das heisst ein Mitglied jenes Ordenszweigs,
der sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts von den
Observanten (braune Franziskaner) und Konventualen
(schwarze Franziskaner) getrennt hatte. Die
pyramidenförmige Kapuze des braunen Kleids gab den
bärtigen Ordensmitgliedern und einem beliebten
italienischen Kaffee den Namen.
Friedensgefühl
Padre Pio war als Francesco Forgione am 25. Mai 1887
in Pietrelcina in Süditalien als viertes Kind einer
Kleinbauernfamilie geboren worden. Der religiös
gestimmte Knabe trat im Alter von 16 Jahren bei den
Kapuzinern ein und wurde nach Noviziat und Studium 1910
zum Priester geweiht. Nach wechselnden Posten
bedingt durch seine Tuberkulose und eine labile
Gesundheit wurde er 1916 dem Konvent von San
Giovanni Rotondo am Fusse des Monte Gargano in der Region
Apulien zugewiesen. Er sollte dieses Kloster nicht mehr
verlassen. Am 20. September 1918, einem Freitag, hatte er
nach der Messe eine Erscheinung. Beim Blick auf das
grosse Kruzifix im Chor der Klosterkirche spürte er
ein aussergewöhnliches Friedensgefühl in sich
aufsteigen. Eine Person mit blutenden Händen und
Füssen sei ihm erschienen, berichtete er
später. Er fiel in Ohnmacht. Als er wieder zu sich
kam, bluteten seine Hände und Füsse. Nach dem
ersten Schock und vergeblichen Versuchen, den Blutverlust
zu unterbinden, begannen medizinische Untersuchungen. Sie
konnten nur das Faktum bestätigen. Eine medizinische
Erklärung wurde nicht gefunden. Die blutenden
Wundmale, die einen Durchmesser von 1,5 bis 2 Zentimeter
hatten und durch die man hindurchsehen konnte, blieben
Padre Pio bis unmittelbar vor seinem Tod am 23. September
1978 erhalten. Auf dem Totenbett waren sie verheilt. In
der Nachfolge des Franz von Assisi und der
mittelalterlichen Passionsmystiker, bei denen dieses
Phänomen erstmals überliefert ist, galt Padre
Pio nunmehr als Stigmatisierter. Wie immer auch die
Stigmatisation erklärt wurde als
natürliches Produkt einer intensiven Autosuggestion
oder als direkter übernatürlicher Eingriff
, das Kloster von San Giovanni konnte sich fortan
über mangelnde Besucher nicht mehr beklagen. Die
sichtbare Ergriffenheit, mit der Padre Pio das Messopfer
feierte, seine intensive Zuwendung zu Ratsuchenden, die
sich ihm besonders in der Beichte anvertrauten, das sich
ausbreitende Gerücht von Wundern, die mit seiner
Person in Verbindung gebracht wurden all das trug
dazu bei, ihn als wahren Gottesmann zu verehren.
Natürlich fehlten auch die Besorgten nicht: die
eigenen Ordensbrüder, die Glaubenskongregation in
Rom und naserümpfende Theologen. Zeitweilig war es
Padre Pio verboten, öffentlich die Messe zu lesen,
die Beichte zu hören und sich im Mönchschor zu
zeigen. Besonders eifrige Überwacher installierten
noch in den sechziger Jahren Abhörwanzen im
Beichtstuhl, im Sprechzimmer und in der Zelle des
Kapuziners; die Aufzeichnungen wurden der
Glaubenskongregation zur Verfügung gestellt. Im
Gegensatz zu Theologen, die es verstanden, ein von
kirchenamtlichen Stellen verordnetes Bussschweigen zu
publizitätswirksamer Eigenwerbung einzusetzen, nahm
Padre Pio davon Abstand, die Öffentlichkeit gegen
mitbrüderliche Missgunst zu mobilisieren. Seine Fans
lohnten es ihm mit hartnäckiger, mitunter
überbordender Treue.
Das grösste Wunder des Padre
Auf über fünf Millionen werden die Pilger
geschätzt, die im letzten Jahr in Bussen über
die enge Bergstrasse nach San Giovanni Rotondo
hinaufgebracht wurden. Dort geht es zu und her wie auf
einem Jahrmarkt. Religiöse Inbrunst steht neben
handfestem irdischem Gewinnstreben. Weder mit sauberer,
aber recht dürrer theologischer Begrifflichkeit noch
mit abgewogener Orthodoxie ist dieser Betrieb in Einklang
zu bringen. Die Pilger, die nach San Giovanni
strömen, stammen aus aller Welt. Auch in der Schweiz
gibt es Bruder-Pio-Gebetskreise. In der Hauptsache jedoch
sind Padre Pio und der sich um ihn rankende Kult
italienische Erscheinungen. Er ist der Schutzpatron vor
allem der kleinen Leute, der Barkeeper, Marktfrauen,
Coiffeure und Hausfrauen. Als eine Art
zeitgenössischer italienischer Nationalheiliger
droht er den bewährten Antonius von Padua in den
Schatten zu stellen.
Das grösste Wunder, das Padre Pio bewirkt hat und
das auch kein Freigeist anzweifeln kann, ist der soziale
und wirtschaftliche Aufschwung in San Giovanni Rotondo.
Etwa 50 Prozent der Bevölkerung des kräftig
gewachsenen Ortes leben von den Industriezweigen, die der
Pilgertourismus geschaffen hat. Allein in den
Spitälern, in denen renommierte Ärzte
tätig sind, arbeiten heute 2500 Personen. Wenn im
nächsten Jahr die vom Genueser Stararchitekten Renzo
Piano entworfene Kathedrale vollendet ist, werden zu den
gewöhnlichen Pilgern Architekturbegeisterte
hinzukommen. Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind,
zumal in einer Zeit, da der Himmel der Theologen blass
und farblos geworden ist.
* Der Verfasser ist ein in Luzern lebender
Kirchenhistoriker.
© Neue Züricher Zeitung -
03.05.1999