Pressespiegel

Kirche-Religion-Gesellschaft


Direkt zur Online-Ausgabe der NZZ

Aargauer Zeitung

Basler Zeitung

Berner Zeitung

Freiburger Nachrichten

Neue Luzerner Zeitung

Neue Zürcher Zeitung

St.Galler Tagblatt

Tages-Anzeiger

Sonntagszeitung

Weltwoche

Wochenzeitung

 

Keine Angst vor dem Islam

Journalistische Analyse eines diffusen Feindbilds

Gleich zwei deutschsprachige Neuerscheinungen haben sich zum Ziel gesetzt, das verbreitete Feindbild Islam abzubauen. Autoren sind der Nahostredaktor der «Frankfurter Allgemeinen», Wolfgang Günter Lerch, und der Journalist Marcel Pott, ehemaliger Leiter des WDR-Hörfunk- Studios in Beirut und Amman. Lerch bemüht sich in seinen Ausführungen um ein abgewogenes Urteil. Einzig im ersten und im letzten Kapitel ist eine gewisse Sympathie für die Prinzipientreue des Islam erkennbar. «Während das christliche Abendland schon lange abgedankt hat und nur noch in Anführungszeichen und mit verschämter Attitüde hier und da einmal Erwähnung findet, beharren die Muslime auf der Islamität ihrer Kultur.» Geistiger Widerstand dagegen sei nicht zu erwarten. In Europa habe das Christentum weitgehend abgewirtschaftet. Potts Buch gerät auf etlichen Seiten ins Nostalgische, wenn der Autor alte Bekannte wieder trifft und in Erinnerungen schwelgt. Der grösste Teil der Ausführungen gilt jedoch aktuellen Problemen der Region. Dabei geisselt der Autor sowohl die arabischen Regime als auch die Politik der USA und seines Schützlings Israel. Netanyahu dient ihm dabei als bequemes Feindbild.

Reformfähigkeit

Die von Lerch auf 200 Seiten ausgebreiteten Fakten über die Ursprünge und die Geschichte des Islam, dessen Philosophie und Rechtssystem vermitteln dem Leser einen differenzierten Einblick. Der Autor zeigt, dass der Islam keine «Wüstenreligion» ist, die erst recht für die «moderne Zivilisation nicht geeignet» wäre. Der Koran sei eines der «wirkmächtigsten Bücher der Weltgeschichte», und Gott und nicht der Prophet stehe in dessen Mittelpunkt. Auch die Fallstudien über die Türkei und Iran lassen die beiden Länder in einem differenzierteren Licht erscheinen als sonst üblich. So existierten in der Türkei nebeneinander ein kemalistisch reformierter Islam, der anatolische sunnitische Volksislam sowie der alewitische Volksislam Anatoliens. Für Iran prophezeit Lerch eine zweite grosszügige Öffnung nach innen und aussen. Trotz den grandiosen Wahlsiegen Präsident Khatamis kann nach Lerch von Veränderungen im Grundsätzlichen noch keine Rede sein. Es seien nur erste Anzeichen dafür, dass das Regime toleranter und konzilianter geworden sei.

Politische Herausforderungen

Pott zeichnet ebenfalls ein wohlwollendes, aber nicht unkritisches Bild der islamischen Welt. Sein Tour d'horizon behandelt Aspekte der Politik in Libanon, Syrien, dem Irak, Iran, Jordanien und Saudiarabien und geht der Frage nach dem «islamischen Fundamentalismus» nach, mit dem man sich «politisch» auseinandersetzen müsse. Dabei macht Pott aus seinem Herzen keine Mördergrube, wenn er die Ursachen für dessen Entstehung klar benennt. Einerseits sei es die völlig fehlgeschlagene Politik der arabischen Regierungen, andererseits seien die USA mit ihrer einseitigen Parteinahme für Israel sowie die fundamentalistischen Regime Saudiarabiens und der Arabischen Emirate mit ihren Transferzahlungen für den Islamismus verantwortlich. Der Autor widerspricht den Horrorszenarios westlicher Intellektueller wie etwa demjenigen Huntingtons. Lerch widmet Huntington ein eigenes Kapitel. Er verwirft seine Thesen nicht in Bausch und Bogen, sondern kritisiert ihn nur wegen seines pauschalen und eindimensionalen Islamverständnisses. Seine Thesen seien zwar zugespitzt formuliert, aber nicht grundsätzlich falsch. Pott kann die von Huntington proklamierten blutigen Grenzen des Islam nirgends ausmachen. Sein Hinweis auf die blutige Geschichte des Christentums überzeugt.

Was empfehlen die Autoren dem Westen? Lerch verweist auf die enorme Anzahl von Orientalisten in den USA; trotzdem gehe das Land mit der orientalischen Frage dilettantisch um. Der Westen müsse mit der islamischen Welt ins reine kommen und seine Beziehungen widerspruchsfrei gestalten. Auf diese heuchlerische Politik der USA weist Pott des öfteren hin, insbesondere wenn es um Israels Rolle im Nahen Osten geht. Beide Autoren fordern ein Ende der doppelten Moral der USA und der Europäer in bezug auf die Politik Israels. Pott ist hier wesentlich radikaler als Lerch. Seine Thesen klingen für deutsche Ohren befremdlich. Wenn Israel das Völkerrecht missachte, Menschenrechte verletze, besetztes Land annektiere, den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichne, die Abmachungen von Oslo missachte, eine «ethnische Säuberung» in den besetzten Gebieten betreibe und dies von seiten der USA mit israelischem Sicherheitsinteresse gerechtfertigt werde, verlangten die arabischen Staaten zu Recht, gleich behandelt zu werden.

Verschwörungsdenken

Pott kritisiert zu Recht das weitverbreitete Verschwörungsdenken in der arabischen Welt. Aber sitzt der Autor nicht dem gleichen Denkmuster auf, wenn er ständig auf den überdimensionierten Einfluss der amerikanisch-jüdischen Lobby hinweist? Wenn er schreibt, dass Israel den Holocaust politisch instrumentalisiere, muss man fragen, welche Politiker welcher Länder sich erpressen liessen. Das Buch enthält ein Glossar der wichtigsten islamischen Begriffe. In einer einprägsamen Sprache bringt der Autor die Probleme der islamischen Welt für jedermann auf den Punkt. Die Ausführungen zeigen, dass man vor dem Islam und dem Islamismus keine Angst zu haben braucht. Lerchs Buch wird durch eine kommentierte Auswahlbibliographie abgerundet. Es trägt zur Entdämonisierung sowohl des Islam als auch seiner fundamentalistischen Variante bei. Der Autor fordert zu mehr Gelassenheit und Verständnis des Westens gegenüber der islamischen Welt auf. Das Feindbild Islam wird durch beide Bücher gehörig erschüttert.

Ludwig Watzal

 

Wolfgang Günter Lerch: Muhammads Erben. Die unbekannte Vielfalt des Islam. Patmos-Verlag, Düsseldorf 1999. 200 S., Fr. 37.–.

Marcel Pott: Allahs falsche Erben. Die arabische Welt in der Krise. Lübbe-Verlag, Bergisch Gladbach 1999. 351 S., Fr. 39.–.

 

© Neue Züricher Zeitung - 05.05.1999

Recherche
Links
Archiv
Suchen
Impressum

Nach oben