Keine Angst vor dem Islam
Journalistische Analyse eines diffusen
Feindbilds
Gleich zwei deutschsprachige Neuerscheinungen haben
sich zum Ziel gesetzt, das verbreitete Feindbild Islam
abzubauen. Autoren sind der Nahostredaktor der
«Frankfurter Allgemeinen», Wolfgang Günter
Lerch, und der Journalist Marcel Pott, ehemaliger Leiter
des WDR-Hörfunk- Studios in Beirut und Amman. Lerch
bemüht sich in seinen Ausführungen um ein
abgewogenes Urteil. Einzig im ersten und im letzten
Kapitel ist eine gewisse Sympathie für die
Prinzipientreue des Islam erkennbar. «Während
das christliche Abendland schon lange abgedankt hat und
nur noch in Anführungszeichen und mit
verschämter Attitüde hier und da einmal
Erwähnung findet, beharren die Muslime auf der
Islamität ihrer Kultur.» Geistiger Widerstand
dagegen sei nicht zu erwarten. In Europa habe das
Christentum weitgehend abgewirtschaftet. Potts Buch
gerät auf etlichen Seiten ins Nostalgische, wenn der
Autor alte Bekannte wieder trifft und in Erinnerungen
schwelgt. Der grösste Teil der Ausführungen
gilt jedoch aktuellen Problemen der Region. Dabei
geisselt der Autor sowohl die arabischen Regime als auch
die Politik der USA und seines Schützlings Israel.
Netanyahu dient ihm dabei als bequemes Feindbild.
Reformfähigkeit
Die von Lerch auf 200 Seiten ausgebreiteten Fakten
über die Ursprünge und die Geschichte des
Islam, dessen Philosophie und Rechtssystem vermitteln dem
Leser einen differenzierten Einblick. Der Autor zeigt,
dass der Islam keine «Wüstenreligion» ist,
die erst recht für die «moderne Zivilisation
nicht geeignet» wäre. Der Koran sei eines der
«wirkmächtigsten Bücher der
Weltgeschichte», und Gott und nicht der Prophet
stehe in dessen Mittelpunkt. Auch die Fallstudien
über die Türkei und Iran lassen die beiden
Länder in einem differenzierteren Licht erscheinen
als sonst üblich. So existierten in der Türkei
nebeneinander ein kemalistisch reformierter Islam, der
anatolische sunnitische Volksislam sowie der alewitische
Volksislam Anatoliens. Für Iran prophezeit Lerch
eine zweite grosszügige Öffnung nach innen und
aussen. Trotz den grandiosen Wahlsiegen Präsident
Khatamis kann nach Lerch von Veränderungen im
Grundsätzlichen noch keine Rede sein. Es seien nur
erste Anzeichen dafür, dass das Regime toleranter
und konzilianter geworden sei.
Politische Herausforderungen
Pott zeichnet ebenfalls ein wohlwollendes, aber nicht
unkritisches Bild der islamischen Welt. Sein Tour
d'horizon behandelt Aspekte der Politik in Libanon,
Syrien, dem Irak, Iran, Jordanien und Saudiarabien und
geht der Frage nach dem «islamischen
Fundamentalismus» nach, mit dem man sich
«politisch» auseinandersetzen müsse. Dabei
macht Pott aus seinem Herzen keine Mördergrube, wenn
er die Ursachen für dessen Entstehung klar benennt.
Einerseits sei es die völlig fehlgeschlagene Politik
der arabischen Regierungen, andererseits seien die USA
mit ihrer einseitigen Parteinahme für Israel sowie
die fundamentalistischen Regime Saudiarabiens und der
Arabischen Emirate mit ihren Transferzahlungen für
den Islamismus verantwortlich. Der Autor widerspricht den
Horrorszenarios westlicher Intellektueller wie etwa
demjenigen Huntingtons. Lerch widmet Huntington ein
eigenes Kapitel. Er verwirft seine Thesen nicht in Bausch
und Bogen, sondern kritisiert ihn nur wegen seines
pauschalen und eindimensionalen Islamverständnisses.
Seine Thesen seien zwar zugespitzt formuliert, aber nicht
grundsätzlich falsch. Pott kann die von Huntington
proklamierten blutigen Grenzen des Islam nirgends
ausmachen. Sein Hinweis auf die blutige Geschichte des
Christentums überzeugt.
Was empfehlen die Autoren dem Westen? Lerch verweist
auf die enorme Anzahl von Orientalisten in den USA;
trotzdem gehe das Land mit der orientalischen Frage
dilettantisch um. Der Westen müsse mit der
islamischen Welt ins reine kommen und seine Beziehungen
widerspruchsfrei gestalten. Auf diese heuchlerische
Politik der USA weist Pott des öfteren hin,
insbesondere wenn es um Israels Rolle im Nahen Osten
geht. Beide Autoren fordern ein Ende der doppelten Moral
der USA und der Europäer in bezug auf die Politik
Israels. Pott ist hier wesentlich radikaler als Lerch.
Seine Thesen klingen für deutsche Ohren befremdlich.
Wenn Israel das Völkerrecht missachte,
Menschenrechte verletze, besetztes Land annektiere, den
Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichne, die
Abmachungen von Oslo missachte, eine «ethnische
Säuberung» in den besetzten Gebieten betreibe
und dies von seiten der USA mit israelischem
Sicherheitsinteresse gerechtfertigt werde, verlangten die
arabischen Staaten zu Recht, gleich behandelt zu werden.
Verschwörungsdenken
Pott kritisiert zu Recht das weitverbreitete
Verschwörungsdenken in der arabischen Welt. Aber
sitzt der Autor nicht dem gleichen Denkmuster auf, wenn
er ständig auf den überdimensionierten Einfluss
der amerikanisch-jüdischen Lobby hinweist? Wenn er
schreibt, dass Israel den Holocaust politisch
instrumentalisiere, muss man fragen, welche Politiker
welcher Länder sich erpressen liessen. Das Buch
enthält ein Glossar der wichtigsten islamischen
Begriffe. In einer einprägsamen Sprache bringt der
Autor die Probleme der islamischen Welt für
jedermann auf den Punkt. Die Ausführungen zeigen,
dass man vor dem Islam und dem Islamismus keine Angst zu
haben braucht. Lerchs Buch wird durch eine kommentierte
Auswahlbibliographie abgerundet. Es trägt zur
Entdämonisierung sowohl des Islam als auch seiner
fundamentalistischen Variante bei. Der Autor fordert zu
mehr Gelassenheit und Verständnis des Westens
gegenüber der islamischen Welt auf. Das Feindbild
Islam wird durch beide Bücher gehörig
erschüttert.
Ludwig Watzal
Wolfgang Günter Lerch: Muhammads Erben. Die
unbekannte Vielfalt des Islam. Patmos-Verlag,
Düsseldorf 1999. 200 S., Fr. 37..
Marcel Pott: Allahs falsche Erben. Die arabische
Welt in der Krise. Lübbe-Verlag, Bergisch Gladbach
1999. 351 S., Fr. 39..
© Neue Züricher Zeitung -
05.05.1999