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Die Daumenschrauben der Moral

Hilaire Bellocs «Abschreckende Geschichten» auf deutsch

Anzuzeigen ist ein Meisterwerk englischer Poesie, das soeben, noch nicht einmal hundert Jahre nach seiner Geburt, den Weg über den Kanal zu uns gefunden hat. Jeder noch so mässig gebildete Brite trägt ein paar Dutzend seiner scharfgeschliffenen Verse bis zur Vergreisung und nicht selten darüber hinaus im Kopf herum, zusammen mit den klassischen Nonsens-Proben von Lear und Carroll. Ja, Hilaire Bellocs «Cautionary Tales» gehören zu den wenigen Texten dieser Welt, die es wagen dürfen, sich mit den Limericks des ersteren und den Alice-Büchern des zweiten zu vergleichen. Dass sie von eben jenem Dichter schwungvoll verdeutscht wurden, der zuvor Lears «Kompletten Nonsens» bei uns eingeschmuggelt hat und dessen Bruder wir die beste deutsche «Alice» verdanken, ist kein zufälliger Glücksfall.

Widersprüchliche Existenz

Hilaire Belloc: der Name bürgt für Paradoxie. Halb Franzose, halb Engländer – sein Vater Malerspross aus der Ile-de-France, die Mutter englische Feministin und katholische Konvertitin; er selbst militanter Katholik im protestantischen England und dabei Verfechter der Französischen Revolution; Chauvinist und glühender Europäer (freilich endet sein Europa da, wo die römische Zivilisation nie so recht Fuss fasste, und sein Sündenfall der Geschichte heisst Reformation); Reaktionär und radikaler Sozialkritiker, der unermüdlich und hemmungslos beredt gegen die Verkümmerung des individuellen Lebens im Zeichen einer puritanisch-jüdischen Kapitalistenverschwörung zu Felde zieht; liberaler M. P. in der als korrupt geschmähten englischen Parlamentsmaschinerie; wesentlicher Bestandteil des Monsters Chesterbelloc, das er laut G. B. Shaw mit seinem Bruder im Geiste, G. K. Chesterton, bildet; Verächter der High-Society, in deren Mitte er als Genie der Konversation und Geselligkeit glänzt . . . Ach ja, und Autor von etwa 150 Büchern: Romanen, Gedichten, Schriften zu Geschichte und Politik, wunderbar lesbaren Reisebildern (darunter der unsterbliche «Path to Rome» von 1902, die Geschichte seiner frühen Wanderung aus dem Moseltal zur Ewigen Stadt), und Essays aller Art, die zu den Kabinettstücken der Gattung gehören. So gut wie nichts ist auf deutsch verfügbar.

Nicht das kleinste Paradox seiner Laufbahn liegt darin, dass die Zeit so gnadenlos – und vielfach so unfair – über den ernsten Belloc hinwegging, während der Spassvogel fröhlich weiterlebt, kongenial bebildert von seinem Freund B. T. B., alias Lord Basil Blackwood. Die «Abschreckenden Geschichten» strotzen vor parodistischem Übermut, der sich den auch in England sehr beliebten Struwwelpeter und seine viktorianischen Entsprechungen vornimmt. Nur ein klein wenig dreht Belloc an der moralischen Schraube, und das Ergebnis ist die schiere Absurdität. Mit seinen satirischen Schlaglichtern auf die gehobene englische Gesellschaft ist das Ganze weit mehr als ein Kinderbuch – aber auch dies, und was für eines!

Im Geist des Originals

Die Strafen, die die jungen Ladies und Gentlemen in diesem Buch für ihre lässlichen Sünden ereilen, sind von exquisit grausamer Unangemessenheit. Da ist der kleine Jim, der seinem Kindermädchen ausbüchst und dafür von einem Löwen verspeist wird: «Wer würde nicht vor Angst vergehen, / wenn jemand ihm zuerst die Zehen, / sodann die Waden, überdies / ein wenig oberhalb des Knies / die besten Stücke vom Gesässe / genüsslich von den Knochen frässe?» Mathilda, die notorische Lügnerin, muss in der Nobelwohnung ihrer Tante verschmoren, weil die genervten Nachbarn ihren Hilferuf «Fire!» im Chor mit «Little liar!» quittieren. In blaublütigen Kreisen, deren Snobismus Belloc so gekonnt aufs Korn nimmt, wird die Todesstrafe durch gesellschaftliche Degradierung ersetzt: Godolphin Horne, hoffärtig und von altem Adel, endet als Schuhputzer, und Lord Lundy, der sich eine vielversprechende Politikerkarriere durch öffentliches Geflenne verpatzt, wird vom herzoglichen Familienoberhaupt als Gouverneur von New South Wales an die Randzonen des Imperiums verbannt.

Enzensberger übersetzt, wie es seine Art ist, frei und brillant, nimmt hier einen Vers weg, setzt dort einen zu, und hält es ebenso mit den Pointen; das heisst, er bleibt ganz unverkrampft dem Bellocschen Stil treu. In einem Fall, wo es um Rebecca Offendort geht, die Tochter eines reichen Bankiers, die ewig die Türen zuknallt und prompt von einer Büste Abrahams auf dem Türsims plattgequetscht wird, hat der Übersetzer seinen leicht anstössigen Text taktvoll desemitisiert: Rebecca endet im Mausoleum mit Messe und Te Deum – aber vielleicht ist ihr Vater ja auch Mitglied der High Church. B. T. B.s Zeichnung jedenfalls zeigt Bellocs antikapitalistischen Affekt unbeschönigt.

Gelegentlich geht den Versen, der flüssigen Lesbarkeit zuliebe, etwas vom satirischen Biss verloren. Augustus Fortescue, ein widerlicher Schleimer, hat es nicht deshalb zu sattem Wohlstand gebracht (es gibt auch «positive» Exempel!), «weil er so brav war», sondern «by Simply Doing Right» – seine puritanische Rechtschaffenheit und Selbstgerechtigkeit hat ihm auf dem Weg innerweltlicher Askese die reiche hässliche Frau samt protziger Residenz beschert. Und ist der deutsche Titel «Bellocs Klein-Kinder-Bewahr- Anstalt» schon das Optimum für dieses Panoptikum? Wie wäre es mit «Geschichten zum Abgewöhnen»? Im Anhang der schön ausgestatteten Ausgabe findet der Leser die englischen Texte, so dass er Enzensbergers luftige Gratwanderung zwischen den Sprachen mit Genuss nachvollziehen kann.

Die «Cautionary Tales», 1907 erschienen, sind unverkennbar ein Produkt der goldenen Dekade vor dem Weltkrieg, der Bellocs beste Werke angehören. Die 1930 im Alter verfasste Fortsetzung funkelt nur im Abglanz ihrer unvergleichlichen Vorgängerin – aber sie funkelt. Auch sie, von Quentin Blake witzig illustriert, hat Enzensberger treffsicher übertragen. Doch das eigentliche Gegenstück der ursprünglichen Sammlung, als Nonsens-Klassiker und Liebling aller Generationen, ist das schon 1896 entstandene «Bad Child's Book of Beasts» mit seiner gleichwertigen Fortsetzung «More Beasts for Worse Children». Auch hier, so hört man, ist eine deutsche Ausgabe in Bälde zu erwarten. Möge sich auch an den kulturellen Randzonen von Bellocs Europa sein Herzenswunsch erfüllen, den die unendlichen Auflagen seines gereimten Nonsens im Stammland längst eingelöst haben: «When I am dead of me may it be said: / His sins were scarlet, but his books were read.» (Und welcher Enzensberger übersetzt uns dieses Distichon?)

Werner von Koppenfels

 

Hilaire Bellocs Klein-Kinder-Bewahr-Anstalt. Aus dem Englischen nachgedichtet von Hans Magnus Enzensberger. Mit Originalzeichnungen von B. T. B. und Quentin Blake. Sanssouci- Verlag, Zürich 1998. 136 S., Fr. 24.90.

 

© Neue Züricher Zeitung - 05.05.1999

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