Raffaels reine Renaissance
Eine Ausstellung im Palazzo del Te in
Mantua
Unter dem Titel «Roma e lo stile classico di
Raffaello 15151527» würdigt eine
Ausstellung in Mantua den Einfluss des reifen Raffael auf
seine Schule und die Stilentwicklung bis zum Sacco di
Roma. Die Präsentation von Zeichnungen und
Druckgraphiken geht einher mit dem nicht
unproblematischen Versuch, zahlreiche Werke den
Schülern ab- und dem Meister zuzuschreiben.
Zwei Typen von Ausstellungen lassen sich voneinander
unterscheiden: jene für die Spezialisten und jene
für ein breites Publikum. Wenngleich der Name
«Raffael» für die zweite Gattung zu
bürgen scheint, so wendet sich die Ausstellung in
Mantua doch hauptsächlich an den Kenner. Die
Gründe dafür lassen sich unschwer benennen: Zum
einen stellt die Präsentation von über 300
Handzeichnungen und Druckgraphiken, die nur spärlich
von Gemälden durchsetzt ist, höchste
Anforderungen an die visuelle Aufnahmefähigkeit und
Konzentration. Der andere Grund liegt im Anspruch
verborgen, den die Initiatoren erheben. Dargestellt
werden soll die Raffael-Schule in Haupt und Gliedern.
Dabei haben Konrad Oberhuber, Direktor der Wiener
Albertina, und sein Mitarbeiter Achim Gnann zur reinen
Stilanalyse Zuflucht genommen.
Die Kompetenz zweier ausgewiesener Spezialisten ist
zwar nicht in Abrede zu stellen, aber das Resultat
dürfte doch nicht unbestrittene Akzeptanz erfahren.
Zahlreiche Zeichnungen, die bis anhin Schülern
attribuiert waren, werden nunmehr nämlich wieder als
alleinige Äusserung des Meisters aufgefasst. Das
Bild der Raffael-Werkstatt, das diesen Überlegungen
zugrunde liegt, zeichnet einen alles überragenden
Künstler, der als Spiritus rector all seiner
Nachahmer wirkt. Seine Schüler finden
demgegenüber, solange sie als Mitglieder der
Werkstatt arbeiten, zu keiner individuellen Aussage; erst
der Tod Raffaels erlöst sie aus der scheinbar
sklavischen Abhängigkeit. Ob diese Ansicht sich
durchsetzen wird, bleibt abzuwarten. Das Resultat
jedenfalls lässt einige Fragen offen. Um mit einem
Beispiel zu beginnen: Das Tafelbild einer Madonna mit
Jesusknaben und dem heiligen Johannes steht in
unmittelbarem Zusammenhang mit einer Zeichnung, beide im
Louvre. Das Gemälde wurde bis anhin Giulio Romano
zugeschrieben, folglich die Zeichnung ebenfalls, die als
Vorlage für das finale Werk gewertet wurde. Nun soll
sich die etwas platte Madonna mit dem verzeichneten
Jesusknaben auf dem Arm aber dem Rötelstift Rafaels
verdanken. Fast folgerichtig heisst es im Katalogeintrag,
Oberhuber halte laut «mündlicher
Mitteilung» auch das Gemälde für einen
Raffael.
Hoch anzurechnen ist es Achim Gnann, in seinem
Katalogbeitrag die individuellen Stilausprägungen
der Schüler von der Hand Raffaels differenziert zu
haben. Doch jede Stilanalyse bleibt an die subjektive
Wahrnehmung gebunden und bedarf insofern anderer
methodischer Überlegungen zur Fundierung. Die Frage
etwa, wann ein Individualstil angebracht ist und wo ein
Sujetstil angewandt wird, der sich an den äusseren
Gegebenheiten zu orientieren hat, wird nicht gestellt.
Immerhin verdeutlichen die Werke, von denen fast zwei
Drittel aus der Wiener Albertina stammen, was unter dem
«klassischen Stil» zu verstehen ist.
Das Studienblatt, das Raffael Dürer zugesandt
hatte, basiert auf genauester Kenntnis der Antike sowie
auf einem streng normativen Körperkanon. Der
Bildraum wird vornehmlich durch die Überlagerung der
Körper erschlossen, wie Raffael es auf antiken
Sarkophagen hatte sehen können. Gerade die
Figurengruppen erweisen sich denn auch als das
erfolgreichste Thema des Künstlers. Die Erfassung
der Einzelform tritt deutlich dahinter zurück. In
dem Studienblatt mit der Steinigung des Stephanus, das
Giulio Romano später in einen grossformatigen Karton
(Vatikan) übertragen und schliesslich in einem (in
der Ausstellung nicht gezeigten) Gemälde für
Genua verarbeitet hat, verdeutlicht die Kontur, dass ihr
das Hauptinteresse gilt, während die Binnenform nur
angedeutet wird. Gerade die Figurengruppen waren auch
jenes Thema, das im Kupferstich am meisten umgesetzt
wurde. Raffael hatte schnell bemerkt, in welch hohem
Masse die Druckgraphik der Verbreitung seiner Bildideen
dienlich sein konnte, und namentlich in Marcantonio
Raimondi einen fast kongenialen Kupferstecher gefunden.
Andere Druckgraphiker blieben jedoch nicht unbeachtet,
insbesondere der brillante Ugo da Carpi, der den
Chiaroscuro-Holzschnitt in Italien begründete und
Vorzeichnungen Raffaels im Druckverfahren in die
künstlerische Autonomie übergeführt hat.
Die Schüler Raffaels, allen voran Giulio Romano,
aber auch Giovanni Francesco Penni oder Giovanni da Udine
arbeiteten nach dem Tod des Meisters 1520 noch eine Weile
zusammen, namentlich in der letzten grossen Unternehmung
der Werkstatt, der Ausmalung der Sala di Costantino im
Vatikan. Während der herrliche Entwurf für die
Schlacht an der Milvischen Brücke als
eigenhändige Skizze Raffaels gewertet wird, entwirft
Giulio Romano die Darstellung mit Papst Silvester und
Konstantin. Giulio wird auch recht eigentlich der
Spezialist für das mehrfigurige Historienbild
bleiben, dem er in Mantua zu neuen Höhen verhelfen
wird, allerdings um der Effekte willen bisweilen unter
Vernachlässigung des Einzelmotivs. Als er 1524 die
römische Szene verlässt, treten an seine Stelle
neue Raffael-Adepten, besonders der junge Parmigianino,
der Raffaels Hand gleichsam gegen die manieristische
Seite hin umwandelt, indem er ihr elegante Geziertheit
hinzufügt. Die Differenz könnte nirgend
deutlicher ausfallen als in seiner Kopie der «Schule
von Athen». Von hier findet raffaelisches
Kunstschaffen erneut auch auf dem Weg der
Druckgraphik Verbreitung im Kreis der jungen
Manieristen, etwa Rosso Fiorentinos. Die Schule Raffaels
selbst wurde durch den Sacco di Roma 1527 zersprengt.
Polidoro da Caravaggio setzte seine reliefartigen
Fassadendekorationen in Neapel fort, wo auch Giovanni
Francesco Penni arbeitete. Perino del Vaga ging nach
Genua und kehrte erst 1537 nach Rom zurück. Gerade
weil die Werkstatt untergegangen war, verbreitete sich
die Kunst Raffaels in ganz Italien.
Unauslöschlich wird man die Qualität all
jener Stücke im Gedächtnis behalten.
Darüber hinaus werden dem Publikum hinsichtlich
einer Händescheidung innerhalb der Raffael-Werkstatt
die Augen geöffnet. Zurück bleibt allerdings
auch die Frage cui bono: was ist der Sinn der Zu- und
Abschreibungen? Warum muss ein gutes Blatt
zwangsläufig von einem grossen Meister stammen,
warum muss ein offenkundig minderes unbedingt durch den
Namen geadelt werden? Steht diese Konzeption nicht auf
einem methodischen Standpunkt, der ausgehend von
einer altertümlichen Geniekonzeption sich
beharrlich weigert, etwa sozialgeschichtliche,
rezeptionsästhetische oder andere moderne
Ansätze mit einzubeziehen, die zumindest zu Aspekten
der Werkstattbildung und Werkstattorganisation wohl das
eine oder andere mitzuteilen hätten?
Axel Christoph Gampp
Bis zum 30. Mai im Palazzo del Te in Mantua,
anschliessend vom 23. Juni bis zum 5. September in der
Graphischen Sammlung Albertina zu Wien. Der Katalog von
Achim Gnann ist bei Electa Milano erschienen und kostet
L. 80 000..
© Neue Züricher Zeitung -
06.05.1999