Die Christen im Nahen Osten
Erörterungen und Hilfe von
«Kirchen in Not»
pi. Das internationale Hilfswerk «Kirchen in
Not/Ostpriesterhilfe», das sich primär um die
katholischen Ortskirchen in allen Kontinenten
bemüht, zeigt sich beunruhigt über die
Situation der Christen und der Kirchen im Nahen Osten. An
einer Pressekonferenz in Zürich erläuterten
Ghaleb Bader, Priester und Offizial des kirchlichen
Gerichts des lateinischen Patriarchats von Jerusalem
für Jordanien, und der deutsche Pater Stephan
Koster, Verantwortlicher für Pastoralprojekte im
Generalsekretariat von «Kirchen in
Not/Ostpriesterhilfe», anhand theologischer und
praktischer Beispiele den schwierigen Alltag der Christen
in der islamischen Welt.
Feindseligkeit oder Feindbilder?
Bader widmete sich in seinem ausführlichen
Grundsatzreferat vorwiegend dem Koran, weil er alle
Aspekte muslimischen Lebens (religiöse, zivile,
soziale und politische) regle, und leitete daraus die
Haltung der islamischen Welt gegenüber den Christen
ab. Der Referent warnte zwar ausdrücklich vor
Verallgemeinerungen; es wäre ungerecht, aus der
konkreten Situation in einem einzigen Land den Schluss zu
ziehen, das sei der Islam. Da er sich aber
ausschliesslich auf die Gegensätze konzentrierte und
zum Schluss kam, die Christen seien für den Islam
nichts weiter als Abtrünnige und Renegaten, die man
bekämpfen oder bekehren müsse, und die
religiösen wie theologischen Gemeinsamkeiten der
beiden Religionen nicht erwähnte, wurden
gängige Vorurteile und Klischeevorstellungen wie das
«Feindbild Islam» wachgerufen. Unglücklich
waren wohl auch die einleitenden Bemerkungen des
Gesprächsleiters Balz Röthlin, der den
einseitigen, reisserischen Roman «Nicht ohne meine
Tochter» resümierte, um auf die
«Bedrängten Christen in der islamischen
Welt» (Titel der Veranstaltung) hinzuweisen.
Eine der Hauptsorgen Baders ist es, dass die
christliche Minderheit im Nahen Osten eines Tages
verschwinden könnte. Gründe für diese
Annahme gebe es einige: das Verbot, vom Islam in eine
andere Religion überzutreten, mache jede Mission
gegenüber Muslimen unmöglich; die zunehmende
Islamisierung in mehreren Ländern sei für viele
Christen ein Grund zur Emigration; die Geburtenrate in
christlichen Familien sei wesentlich niedriger als in
muslimischen. Die Christen seien überdies im Alltag
tausend Schwierigkeiten und Diskriminierungen ausgesetzt.
Nach Darstellung Baders werden die christlichen Kirchen
in der islamischen Welt trotzdem überleben und ihre
Präsenz in der Wiege des Christentums, im Nahen
Osten, sichern. Sie müssten fortfahren, das
christliche Zeugnis vor einer Welt abzulegen, die ihr
gegenüber feindselig eingestellt sei wie schon seit
dem 7. Jahrhundert.
Engagement für die Einheit der Christen
Stephan Koster wies in seinen Ausführungen darauf
hin, dass die islamische Welt nicht nur der Nahe Osten
sei, sondern auch grosse Teile Nord- und Zentralafrikas,
Zentral- und Südostasiens umfasse; sie sei eine
multiethnische, multikulturelle und vielsprachige
Wirklichkeit, die auf dem Boden des Korans beruhe. In all
diesen Ländern gäben die Christen ein
schweigendes Zeugnis ihres Glaubens unter andersdenkenden
und andersgläubigen Menschen. Im Nahen Osten
konfrontieren laut Koster die Christen eine geschlossene
Gesellschaft mit einem anderen, offeneren Lebensmodell,
das um einiges älter sei als dasjenige des Islams.
Die Situation im Nahen Osten sei besonders kompliziert,
weil Christen aller christlichen Kirchen, die ihren
Ursprung in den Kirchenspaltungen des ersten christlichen
Jahrtausends haben, nebeneinander und miteinander lebten,
ein grosses Mosaik bildeten.
Das Hilfswerk wird sich in Zukunft verstärkt im
biblischen Heiligen Land mit Projekten engagieren, die
der Einheit beziehungsweise der Wiederherstellung der
Gemeinschaft aller alten Kirchen dienen und damit die
Überlebenschancen der Christen in ihrer Urheimat
vergrössern. Diese Kirchen brauchen, so sind Bader
und Koster überzeugt, die Solidarität aller
Christen im Wissen, dass sie zur Weltgemeinschaft der
Kirche Christi gehören. Das Hilfswerk
unterstützt finanziell die Ausbildung des Klerus
sowie den Bau von Kirchen und Pfarrhäusern.
© Neue Züricher Zeitung -
07.05.1999