Erzbischof von Canterbury für
mehr Kosovo-Diplomatie
pgp. London, 6. Mai
In einem Artikel in der Londoner «Times» hat
sich der Erzbischof von Canterbury, George Carey, am
Donnerstag erneut zum Krieg auf dem Balkan
geäussert. Der Primas der Church of England und
informelle Führer der Anglikanischen Gemeinschaft,
die weltweit fast 80 Millionen Gläubige zählt,
hatte schon in seiner Osterpredigt die Militäraktion
der Nato gegen das jugoslawische Regime gutgeheissen,
weil sie zum Ausdruck bringe, «dass die zivilisierte
Welt nicht abseits stehen und den Triumph des Bösen
akzeptieren kann». Auch jetzt betont Carey, die
Luftangriffe seien zwar bedauerlich, aber gerechtfertigt.
Er befürchtet jedoch, dass eine Strategie mit dem
Ziel, «die Serben zu bombardieren, bis sie
aufgeben», zu «diplomatischer Taubheit»
führen könne. Er glaube, dass die Suche nach
einem Verhandlungsfrieden klar sichtbar ebenso intensiv
geführt werden müsse wie der Krieg, schreibt
der Erzbischof. Er fügt an, es gehe ihm nicht um
Frieden um jeden Preis; die Flüchtlinge könnten
nicht nach Hause geschickt werden, solange sie dort
Verfolgung und Ungerechtigkeit ausgesetzt seien.
Das Oberhaupt der englischen Staatskirche steht
demnach weiterhin hinter den Kriegszielen, welche die
britische Regierung im Rahmen der Nato energisch
verficht, empfiehlt aber eine grössere
Flexibilität in deren Verfolgung. Careys Haltung
wird von den katholischen Bischöfen Grossbritanniens
nicht geteilt, die in der Kritik am Krieg dem Papst
folgen. Carey steht jedoch mit diesen im Kontakt, ebenso
wie offenbar mit Vertretern der orthodoxen Kirche in
London und Belgrad, der jüdischen Gemeinschaft
Grossbritanniens und Aussenminister Cook.
© Neue Züricher Zeitung -
07.05.1999