Ersehntes Treffen des Papstes mit
der Orthodoxie
Dreitägiger Besuch Johannes Pauls
II. in Bukarest
Papst Johannes Paul II. hat eines seiner grossen
Ziele, von einem orthodoxen Kirchenfürsten in dessen
Einflussgebiet eingeladen zu werden, erreicht. Von
Freitag bis Sonntag ist er Gast des rumänischen
Patriarchen Teoctist. Eine Begegnung mit dem Patriarchen
von Moskau lag ausser Reichweite, ein Besuch in
Konstantinopel hätte den dortigen Patriarchen in
Verlegenheit gebracht. Der Weg nach Bukarest war von
vielen Hindernissen verstellt.
R. St. Bukarest, 7. Mai
Die Flugroute von Rom nach Bukarest führt derzeit
kriegsbedingt über Korfu, den schneebedeckten Olymp
und Sofia. Statt nach Ostnordost startet das Flugzeug
nach Südost. Die Flugdauer verlängert sich
gegenüber der normalen um eine knappe Stunde.
Gemessen an den Hindernissen, die sich dem Besuch des
Papstes in der rumänischen Hauptstadt
entgegenstellten, ist die Verzögerung jedoch
belanglos. Einer der lange Zeit unerfüllten
Wünsche Papst Johannes Pauls II. bestand eben darin,
ein Zeichen der Versöhnung mit der Orthodoxie zu
setzen. Dass letztlich der Patriarch von Bukarest die
Einladung zu einem Besuch aussprach, ist das Ergebnis
verschiedener Umstände. Eine Begegnung mit den
historisch oder auf Grund der Anzahl Gläubigen
bedeutsameren Patriarchen von Konstantinopel und Moskau
wäre für die anderen Autokephalen der
orthodoxen Kirchen allerdings eine starke Belastung
gewesen. Rumänien mit offiziell gegen 20 Millionen
orthodoxer Christen nimmt hier eine mittlere Position
ein.
Anpassungsfähiger Patriarch Teoctist
Auch der 84jährige Bukarester Patriarch Teoctist
war nicht sonderlich erpicht darauf als Eisbrecher
gegenüber Rom hervorzutreten. Seine kritischen
Äusserungen gegenüber der Kirchenpolitik des
Vatikans sind noch in Erinnerung, ebenso zahlreiche
abfällige Erklärungen über den Westen. Als
Diktator Nicola Ceausescu die Nöte des hungernden
Volkes missachtete, um seine Machtgelüste ausleben
zu können, schimpfte Teoctist öffentlich
über den Egoismus der westlichen Kapitalisten. In
der häufig zu beobachtenden Manier orthodoxer
Kirchenfürsten lehnte er sich an die kommunistische
Staatsmacht an, auch als deren menschenverachtende
Züge kaum mehr zu übersehen waren. Ob die
Unterwerfung nötig war, um Glauben und Kirche in die
nächste Epoche hinüberzuretten, wird dereinst
von den Historikern überprüft werden. Tatsache
ist, dass die rumänische orthodoxe Kirche vom Staat
profitiert hatte (1948 war ihr die griechisch-katholische
Kirche zwangsweise einverleibt worden). Staat und Kirche
waren von nun an eins im Bestreben, den katholischen
Einfluss zurückzudrängen. Anfang der achtziger
Jahre mutete die Ernennung eines katholischen Bischofs in
Bukarest wie eine Fata Morgana an.
Die unierte Kirche im Schnittpunkt
Unter solchen Voraussetzungen mussten sowohl die
Orthodoxie als auch der Vatikan Konzessionen machen, wenn
ein Treffen überhaupt zustande kommen sollte. Der
Papst verzichtete auf eine Reise durch die Walachei, die
Moldau und Siebenbürgen, wo ihn vielleicht die eine
oder andere grössere Sympathiekundgebung erwartet
hätte. Zumindest im Vorfeld des Besuchs zeigte sich
der Vatikan bei der Geltendmachung der Ansprüche der
Unierten konziliant. Von den Betroffenen nicht vergessen
wird jedoch, dass über den Tod Stalins hinaus
unierte Bischöfe und Pfarrer, die Rom ihre Treue
hielten, gefangengehalten wurden. Ende der siebziger
Jahre bezeichnete Teoctist die staatlichen Massnahmen
gegen die griechisch-katholische Kirche als historisch
richtig. Sie sei nichts anderes als ein
Herrschaftsinstrument in den Händen der Habsburger
gewesen, historisch überholt, wenn nicht gar
disqualifiziert. Ausser Betracht blieb bei dieser
Beurteilung der wichtige Beitrag der Griechisch-
Katholiken in Siebenbürgen bei der rumänischen
Nationwerdung. Die unierten Rumänen waren im 19.
Jahrhundert intellektuell weit aktiver als die
orthodoxen.
Wunsch der Öffnung nach Westen
Es gibt Indizien dafür, dass sich Teoctist
schliesslich auf den nachdrücklichen Wunsch des
Staates zu einer Einladung an das Oberhaupt der
katholischen Kirche durchrang. Die bürgerliche
Regierung Rumäniens versucht mit allen Mitteln, den
Anschluss an den Westen herzustellen. Das Risiko des
Aufflammens eines Konfliktes in der Bevölkerung
wurde dadurch ausgeschlossen, dass der Papst nicht in die
ehemals unierten Kirchenprovinzen fährt, sondern in
Bukarest bleibt, wo die Sensibilität für die
erwähnten Fragen nicht in die breite
Öffentlichkeit eingedrungen ist. Was die Unierten,
die sich seit 1989 wieder zu ihrem Glauben bekennen
dürfen, zu den Konzessionen des Papstes zu sagen
haben, bleibt abzuwarten. Nach eigenen Schätzungen
beläuft sich ihre Zahl im postkommunistischen
Rumänien auf 500 000 bis 600 000; in statistischen
Publikationen ist von nur 200 000 die Rede. Als
römisch-katholisch bekennen sich etwa 1,2 Millionen
rumänischer Staatsbürger, die Zahl der
Reformierten wird von der Statistik mit 800 000
angegeben.
© Neue Züricher Zeitung -
08.05.1999