Ein hartnäckiger Vermittler
Zum Tod von Schalom Ben-Chorin
Ein junger Münchner Jude mit dem Namen Fritz
Rosenthal ging 1934 ins Reisebüro und gab die
Fahrkarte, die ihm die Ausreise zu seiner Schwester in
Argentinien ermöglicht hätte, wieder
zurück. Ein gewagter Akt, zumal Rosenthal schon
mehrmals von der Gestapo verhaftet worden und nur knapp
dem Konzentrationslager entgangen war. Doch eine
«innere Stimme», so erzählte er
später, hatte ihm gesagt, seine Destination
könne nicht Buenos Aires, sie müsse Jerusalem
heissen, und einige Monate später gelang ihm die
Ausreise nach Palästina tatsächlich. Dass er
dort seinen Namen nicht nur hebräisierte, sondern
sich auch noch Ben-Chorin (auf hebräisch: freier
Mann) nannte, lässt auf sein Verständnis der
Auswanderung als eines wahren privaten Exodus in das
verheissene Land schliessen.
Über die Sprache jedoch blieb Schalom Ben- Chorin
mit Deutschland verbunden: «Aus einem Land kann man
auswandern, aus der Muttersprache nicht», hat er
einmal geschrieben. Zwar war es für ihn als jungen
Einwanderer (Jahrgang 1913) mit zionistischer Ausrichtung
kein Problem, das Hebräische in Wort und Schrift
schnell und sehr gut zu lernen, worin er sich von
anderen, viel älteren oder mit innerem Widerwillen
von Deutschland gekommenen Emigranten unterschied. Auch
zu Hause wurde, wie Ben-Chorins Sohn Tuvia, der heutige
Rabbiner der Jüdischen Liberalen Gemeinde in
Zürich, erzählt, konsequent Hebräisch
gesprochen. Doch literarisch und publizistisch blieb
Ben-Chorin dem Deutschen verhaftet: In den Jahren 1936
und 1941 war er Mitherausgeber von deutschsprachigen
Anthologien jüdischer Dichter in Palästina
&endash; das war zu jener Zeit ein mutiger Akt.
Noch in Deutschland hatte Ben-Chorin die ersten
Bände mit Dichtungen veröffentlicht; der erste
von ihnen, den er bereits 1931 vorlegte, war «Martin
Buber, dem Weisen» gewidmet. Als Buber dann 1938
ebenfalls nach Jerusalem kam, war die Basis für
einen intensiven und für Ben- Chorin prägenden
Kontakt gegeben. Gleichzeitig verlagerte Ben-Chorin den
Schwerpunkt seiner Arbeit teilweise vom Literarischen hin
zur theoretischen und essayistischen Behandlung
theologischer Fragen im Judentum.
Als in der Nachkriegszeit die deutschen Kirchen nach
jüdischen Gesprächspartnern zur Aufnahme eines
jüdisch-christlichen Dialogs suchten, fanden sie in
Schalom Ben-Chorin eine glaubwürdige, kritische
Persönlichkeit, die dazu bereit war. In den
frühen sechziger Jahren begann Ben- Chorins
intensive fast vierzig Jahre dauernde Publikations- und
Vortragstätigkeit im Rahmen dieses Dialogs. Dabei
ging es ihm primär um zwei Anliegen: zum einen,
Christen das Judentum aus seinen eigenen Quellen zu
vermitteln, und zum anderen, Jesus in seiner
Übereinstimmung wie in seinem Protest gegenüber
seiner jüdischen Umwelt selbst als Juden
darzustellen. Für Ben-Chorin war es klar, dass die
antijüdischen Stellen im Neuen Testament ihren
Ursprung in den Autoren der Evangelien und nicht in Jesu
Denken hatten.
Obwohl der zeitgenössischen jüdischen
Orthodoxie gegenüber kritisch eingestellt, wertete
Ben- Chorin anders als Buber die rabbinische Tradition
grundsätzlich positiv und bekämpfte auch den
pejorativen christlichen Gebrauch des Begriffs
«Pharisäer». Ein hartnäckiger
Vermittler zwischen Juden und (deutschen) Christen, fand
er in Deutschland eine grössere Resonanz als in
seiner Wahlheimat Israel. &endash; Schalom Ben-Chorin
ist, wie gemeldet, am 7. Mai in Jerusalem im Alter von 85
Jahren gestorben.
Alfred Bodenheimer
© Neue Züricher Zeitung -
10.05.1999