Einblick in das jüdische Leben
Osteuropas
Jahrestagung des Instituts Glaube in
der Zweiten Welt
Dem Thema Judentum in Osteuropa war die
Jahrestagung des Instituts Glaube in der Zweiten Welt
(G2W), dessen Forschungen Fragen der religiösen
Vielfalt, der Minderheiten und der Menschenrechte in den
Transformationsländern gelten, gewidmet. Gezeichnet
wurde ein facettenreiches Bild zwischen Revitalisierung
der Gemeinden, Besinnung auf die Wurzeln und Auswanderung
unter dem Druck von Antisemitismus und wirtschaftlicher
Not.
He. Mit einer Rückschau auf die Judenpolitik des
Zarenreichs, die sich zwischen den &endash;
widersprüchlichen &endash; Prinzipien Assimilierung
und Ghettoisierung bewegte, leitete der Russlandexperte
des Instituts G2W, Gerd Stricker, seine Skizze
jüdischen Lebens im heutigen Russland ein. Erst mit
den Teilungen Polens Ende des 18. Jahrhunderts gelangte
das Ostjudentum Polen-Litauens zu Russland, das ehedem in
seinem Herrschaftsgebiet nur wenig Juden zählte. Um
1900 lebten dann etwa 3 Millionen Juden unter russischer
Herrschaft. Die russische Verwaltung ordnete zwecks
Assimilation die Säkularisierung jüdischer
Schulen und die Wehrpflicht für Juden an. Aus der
Enge des Schtetls in den Siedlungsgebieten konnte nur
ausbrechen, wer ein Hochschulstudium absolvierte und
dadurch Freizügigkeit im ganzen russischen Reich
erlangte. Diese Politik führte zur Entstehung eines
jüdischen akademischen Proletariates, das sich bald
revolutionären Gruppierungen anschloss.
Von der Bedrängnis zur Auswanderung
Dass aus diesen Kreisen später Lenin Kaderleute
rekrutierte, trug zum auch heute wieder aktivierten
Vorwurf bei, nicht die Russen, sondern die Juden seien an
der bolschewistischen Revolution schuld. Stalins
Säuberungen galten unter anderm der jüdischen
Polit-Elite. Auch jüdische Kulturschaffende wurden
wegen «zionistischer» und
«kosmopolitischer» Umtriebe (Synonyme für
Komplizenschaft mit und Spionage für den Westen)
beseitigt. Es gab aber auch Zugeständnisse an
jüdische Sowjetbürger wie die Schaffung
autonomer jüdischer Verwaltungskreise mit
jiddischsprachigen Schulen und Theatern. Mit dem
Religionsgesetz von 1929 wurde freilich auch die
jüdische Glaubenspraxis verboten. Nach Hitlers
Überfall auf die Sowjetunion missbrauchte Stalin das
antifaschistische jüdische Komitee für die
Mittelbeschaffung bei amerikanischen Juden, um die
Emissäre später, 1952, wegen Spionage für
den Feind (Amerika und England) zu liquidieren. Waren
1950 noch über 450 Synagogen in Betrieb, so blieben
1985 nur noch deren 50 aktiv.
In den siebziger Jahren kam es zu einem Massenexodus,
weil Juden unter amerikanischem Druck die Ausreise nach
Israel gewährt wurde. 1979 lebten noch 1,81
Millionen Juden in der Sowjetunion, bei der letzten
Volkszählung, 1989, bezeichneten sich noch 1,38
Millionen als «jüdisch». Dass die Zahl 300
000 für das Jahr 1997 den tatsächlichen
Verhältnissen entspreche, bezweifelt Stricker, denn
sie beruhe auf Selbstdeklarationen, die zu einer
Verzerrung in beide Richtungen führen können.
Ein verstärktes Interesse gelte heute wieder der
jüdischen Kultur &endash; Judaistik kann inzwischen
in Moskau und in Petersburg studiert werden, Jiddisch
wird vielerorts unterrichtet &endash;, nicht so sehr der
praktizierten Religion. Die jüdische Emigration sei
praktisch zum Stillstand gekommen. Immerhin würden
die Synagogen-Gemeinden Deutschlands, wohin in
jüngster Zeit etwa 70 000 sowjetische Juden
auswanderten, heute von diesen Neuzuzügern
dominiert.
Antisemitismus der orthodoxen Kirche
Der neuerliche Auftrieb der politischen Rechten und
der antiwestlichen Stimmung in Russland äussert sich
auch in verstärktem Antisemitismus. Dieser werde
erstmals in Russland nicht vom Staat geschürt,
sondern gehe von der Bevölkerung aus. Doch
unternehmen laut Stricker die politischen Institutionen
nichts dagegen. Die Palette antisemitischer Traktate und
Periodika ist breit, im kirchlichen Umfeld werden die
«Protokolle der Weisen von Zion» und andere
Hetzschriften herausgegeben. In Sergijew Possad
(während der Sowjetzeit Sagorsk) ausserhalb Moskaus,
dem wichtigsten Zentrum der orthodoxen Kirche, hat sich
unter den Mönchen ein markantes antisemitisches
Zentrum gebildet. Hier werden gemäss Strickers
Beobachtungen «in gewaltigen Auflagen»
antisemitische Pamphlete und Broschüren gedruckt und
unter die zahlreichen Besucher der Klosteranlage
kostenlos verteilt.
Welche Gefahr der im Moskauer Patriarchat stark
vertretene Antisemitismus darstellt, zeigt sich für
den Russlandspezialisten auch in der Ermordung des
fortschrittlich-ökumenisch gesinnten Erzpriesters
Alexander Men &endash; wie Gleb Jakunin und andere
dissidente Kirchenvertreter ursprünglich
jüdischer Herkunft &endash; von 1990, der nie
aufgeklärt wurde, von dem Insider aber zu Protokoll
geben, er sei in rechtsextremen Kirchenkreisen geplant
worden. Als die antisemitische Neigung der orthodoxen
Kirche im Ausland Beunruhigung auszulösen begann,
versuchte Patriarch Alexi II. Ende 1991 in einer Rede vor
amerikanischen Rabbinern den Eindruck zu verwischen und
die russische Kirche als dem Judentum gegenüber
positiv gesinnt darzustellen. In Russland löste die
Kunde von der Rede eine nunmehr offene antisemitische
Welle aus unter Verzicht auf jede Rücksichtnahme auf
die öffentliche Meinung.
Jüdisches Leben manifestiert sich heute in
Ungarn, Polen und in den drei baltischen Republiken je
nach geschichtlichem Hintergrund unterschiedlich. Einen
Einblick in die Vielfalt gab der Gastreferent Stephan
Schreiner, Ordinarius für Religionswissenschaft und
Judaistik an der Universität Tübingen. Seine
numerische Grösse und Vitalität verdankt das
ungarische Judentum vor allem der Tatsache, dass die
sowjetische Befreiung im August 1944 verhinderte, dass
das Budapester Ghetto liquidiert wurde. Jüdische
Schulen, ein jüdisches Krankenhaus sowie ein
Rabbinerseminar &endash; das einzige im damaligen
Ostblock &endash; gab es auch in kommunistischer Zeit.
Nach Habsburger Tradition war jüdisch, wer bei einer
Synagogen- Gemeinde eingeschrieben war. Heute besteht die
Idee der Einheitsgemeinde nicht mehr, Chassidim,
Orthodoxe, Sephardim und Aschkenasim sind separat
organisiert. An der Budapester Konferenz von 1994 ging es
um «jüdische Identitäten» in Ost- und
Mitteleuropa. Ausser 1956 erfuhr die ungarische Judenheit
keine nennenswerte Emigration, obwohl auch in Ungarn der
Antisemitismus zu den «neuen bürgerlichen
Freiheiten» gehöre. 1994 haben sich die
ungarischen Kirchen &endash; Lutheraner, Reformierte und
Katholiken &endash; für ihr Verhalten während
des Zweiten Weltkrieges öffentlich bei den Juden
entschuldigt. Neben den bestehenden wurden zahlreiche
neue Institutionen jüdischer Kultur seit der Wende
geschaffen.
Polen ist zwar die Wiege der aschkenasischen Kultur,
zugleich auch der Ort der Vernichtung des
europäischen Judentums. Nach dem Krieg gab es
widersprüchliche Tendenzen: Stalin repatriierte eine
halbe Million verschleppter Juden zur Besiedlung der
ehemals deutschen, seit 1945 polnischen Gebiete. Gomulka
hat noch 1968 Juden als «Ausländer» aus
Polen ausgewiesen. Heute besinnen sich viele dem Judentum
entfernte Polen der Tradition ihrer Grosseltern. Etwa 50
000 polnische Juden sind in christlichen Familien
aufgewachsen, vielen wurde das erst unlängst
eröffnet, für manche bewirkte das einen
Identitätskonflikt
Auch das Baltikum ist keineswegs ein einheitlicher
Raum, was die Präsenz der jüdischen
Bevölkerung angeht. In Estland hatten Juden bis ins
19. Jahrhundert Siedlungsverbot, und 1943, beim Einmarsch
der Deutschen, war es das erste als «judenfrei»
deklarierte Land. Litauen war wie die Ukraine und
Weissrussland eines der Zentren aschkenasischen
Judentums, aber auch Opfer der Vernichtungsaktionen. Da
bereits zur Sowjetzeit die Jewish Agency in Vilnius eine
Vertretung hatte, ist ein Grossteil der litauischen Juden
mit deren Hilfe emigriert, anders als aus Lettland, wo
keine solche Agentur zugelassen war. Mit der
Auflösung der Sowjetunion wurden viele Juden ihrer
Sprache wegen als «Russen» aus Litauen und
Lettland vertrieben, eine Zwangsmigration, die &endash;
wie die Emigration nach Israel &endash; weitgehend zum
Stillstand gekommen ist.
© Neue Züricher Zeitung -
10.05.1999