Rumänien-Visite Johannes Pauls
II.
Versöhnliche Gesten zwischen
Papst und Orthodoxie
Mit zwei Gottesdiensten unter freiem Himmel ist der
erste Besuch eines Papstes in einem überwiegend von
der Orthodoxie geprägten Land zu Ende gegangen. Die
Divergenzen zwischen den Kirchen wurden in Rumänien,
vor allem von katholischer Seite, offen dargelegt, doch
beide Teile zeigten sich im Verlaufe der dreitägigen
Begegnung versöhnlich.
R. St. Bukarest, 9. Mai
Im vollen, von Weiss und Gold dominierten Ornat und
ihrem Alter entsprechend gemächlich schritten am
Sonntag vormittag die Kirchenfürsten Johannes Paul
II. und Teoctist auf den Feldaltar auf der Piata Unirii
von Bukarest zu. Sie kamen von verschiedenen Seiten, so
dass die erstmalige Begegnung eines Papstes mit einem
orthodoxen Patriarchen ihren vollen Symbolgehalt bekam.
In der Mitte angekommen, wurden beide vom
Präsidenten der Republik, Constantinescu,
begrüsst. Der Papst nahm mit seinem Gefolge auf der
einen Seite der Tribüne Platz, der den Gottesdienst
zelebrierende Patriarch und die vier Metropoliten der
autokephalen rumänischen Kirche auf der anderen. Die
Menge der Gläubigen wurde auf 100 000
geschätzt. Das ist viel, wenn man bedenkt, dass
Liturgien unter freiem Himmel in der Orthodoxie nicht
üblich sind, und wenig, wenn man an die immer wieder
beschworene historische Bedeutung der Zusammenkunft
denkt. Sieben Stunden später fand auf einer jener
Wiesen, auf denen der grössenwahnsinnige Nicolae
Ceausescu sein Regime mit Prachtbauten verewigen wollte,
die katholische Messe statt, der Teoctist als Gast
beiwohnte. Obschon die Katholiken hier nur ungefähr
ein Zehntel der Orthodoxen ausmachen, brachten sie
erheblich mehr Leute auf die Beine.
Schwieriger Dialog
Am Ende der dreistündigen Heiligen Liturgie der
Orthodoxen machten sich bei Johannes Paul auffallende
Konzentrationsschwächen bemerkbar. Sein Widerpart
überstand, obwohl um fünf Jahre älter, die
Messe besser. Die alten Herren schienen einander darin zu
verstehen, dass sie zu Ende des Jahrtausends der Spaltung
ein Zeichen der Versöhnung setzen müssen. In
der breiten Menge schien die Empfänglichkeit
dafür grösser als in der Geistlichkeit, wo
beide Seiten mit einem Rest von Renitenz gegen Neuerungen
zu kämpfen haben. Noch nicht ganz an die neuen
Verhältnisse gewöhnt hatte sich offensichtlich
auch die Polizei, die die Katholiken peinlich genau
kontrollierte.
Der Dialog mit der Orthodoxie wird in Rumänien
durch das Vorhandensein einer katholischen Kirche des
byzantinischen (unierten) Ritus erschwert. Diese wurde
1948 der Orthodoxie zwangsweise einverleibt. Nach dem
Ende der Herrschaft Ceausescus wurde sie
wiederhergestellt und kämpft nun um ihre Rechte und
die Rückgabe von Kirchen und Kirchenbesitz. Das
Geschäft zieht sich dahin. In seiner Rede vor der
Bischofskonferenz sagte der Papst, die Gerechtigkeit
erfordere es, dass alles Weggenommene zurückgegeben
werden müsse, soweit dies möglich sei. Der
unierte Klerus verlange nicht alles aufs Mal, möchte
aber die wichtigsten kirchlichen Gebäude wieder
haben. Die zur Klärung der Besitzfragen eingesetzte
gemischte Kommission habe eine positive Rolle gespielt
und solle sie weiter spielen. Vor dem Diplomatischen
Korps meinte der Papst, die Geschichte könnte zwar
nicht vergessen werden, aber bei der Verwirklichung der
Minderheitenrechte könne sich, wenn der Wille zur
Versöhnung vorhanden sei, eine Partnerschaft, oder
gar eine Bruderschaft entwickeln.
Verneigung vor den Märtyrern
Johannes Paul II. verneigte sich vor kirchlichen
Würdenträgern, die ihren Widerstand gegen die
Kommunisten mit hohen Gefängnisstrafen büssen
mussten, namentlich vor dem 87jährigen, heute
gelähmten Kardinal Todea. Aber wichtiger war
vielleicht sein Hinweis darauf, dass die
Griechisch-Katholiken im rumänischen Nationaldichter
orthodoxen Glaubens Mihail Eminescu in der Romantik einen
bedeutenden Fürsprecher besassen. Im
siebenbürgischen Blaj, dem Zentrum der Unierten,
wurde 1918 die Verfassung von Grossrumänien
ausgerufen. Patriarch Teoctist hat seine negativen
Ansichten über die Unierten begraben. Zu Beginn des
Besuchs lud er den Papst ein, die orthodoxe Kirche
Rumäniens mit ihrer Brückenfunktion zwischen
Ost und West näher kennenzulernen. Während der
Papst mehr auf die lateinischen Wurzeln Rumäniens
zielte (was hierzulande gern gehört wird), legte der
Patriarch Wert darauf, dass Rumänien das Evangelium
zum erstenmal aus dem Mund des Apostels Andreas erfahren
hat.
In tausend Jahren der Trennung haben sich die Kirchen
in verschiedene Richtungen entwickelt. Die
römisch-katholische hat sich des öfteren dem
Staat entgegengestellt, mit ihm Machtkämpfe
ausgetragen und später dann eine Soziallehre
entwickelt, die wiederum, wenn auch in höchst
unterschiedlicher Form, bei weltlichen Herrschern ihre
Spuren hinterliess. Die römisch-katholische Kirche
hat gegen den Kommunismus im östlichen Teil Europas
ihre eigenen Vorstellungen von der Gesellschaft ins Feld
geführt. Solches lag nicht in der Natur der
orthodoxen Kirchen. Teoctist umriss den fundamentalen
Unterschied am Samstag vor dem Heiligen Synod mit den
lapidaren Worten: Die orthodoxe Kirche kann keine
christliche Technik, christliche Industrie oder gar
christliche Wissenschaft kreieren, wohl aber christliche
Gelehrte, Schriftsteller, Industrielle, Ökonomen und
Beamte heranziehen. Diese Menschen müssen dann den
Geist des Evangeliums in die Gesellschaft tragen. Die
Mittel dafür seien bescheiden, und auch die
orthodoxe Kirche sei leider vom atheistischen Staat
geschädigt worden. Nach der Befreiung vom
Kommunismus seien die Beziehungen zu den anderen
christlichen Bekenntnissen wiederaufgenommen worden.
Teoctist hielt die Bildung eines nationalen
ökumenischen Rates für wünschenswert.
Darin sollten die Katholiken beider Riten vertreten sein.
Das ist ein auf die landesinternen Verhältnisse
zugeschnittener Schritt im Hinblick auf die
Überwindung des grossen Schismas; Teoctist
bezeichnete ihn als Vorgeschmack einer geeinten Kirche.
© Neue Züricher Zeitung -
10.05.1999