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Das historische Buch

Von Schwärmerinnen und falschen Prophetinnen

Eine Schmähschrift von 1704

Gott spricht durch den Mund der Unmündigen, der Frauen und Kinder &endash; zumindest dann, wenn die männlichen Autoritäten versagen. Diese Verheissung aus dem Buche Joel wurde im Lauf der Geschichte des Christentums immer wieder zur Rechtfertigung des öffentlichen Auftretens und der religiös-theologischen Lehre von Frauen angeführt. Johann Heinrich Feustking, ein zu seiner Zeit sehr bekannter und angesehener orthodoxer lutherischer Theologe, hat im Jahre 1704 ein Lexikon solcher gottgelehrter Frauen vorgelegt. Er hält sie für Ketzerinnen. Seine Auflistung beginnt mit Eva und endet mit den Quäkerinnen und sogenannten Radikalpietistinnen seiner Zeit. Sie stellt er in die Tradition verurteilter altkirchlicher Häretikerinnen.

Die Absicht des Zerbster Superintendenten, der später Professor zu Wittenberg und dann Oberhofprediger und Oberkonsistorialrat des Herzogs Friedrich II. von Sachsen-Gotha wurde, war, die Pietistinnen und Quäkerinnen seiner Zeit als Betrügerinnen zu entlarven; sie seien nicht von Gott, sondern allenfalls von dessen Widersacher instruiert worden. Mit diesem Argument will er der unter den Frauen und Männern verbreiteten Stimmung eines religiösen Aufbruchs an der Wende des siebzehnten zum achtzehnten Jahrhundert einen möglichst wirksamen Dämpfer versetzen: Die frommen Männer sind von bösen Frauen verführt worden.

Teilungen

So spaltet Feustking das weibliche Geschlecht in gute Frauen &endash; das sind solche, die sich rollenkonform dem Eheherrn wie dem Herrn Pfarrer unterordnen und in der Gemeinde schweigen &endash; und «begeisterte Weiber» oder «Weiblinnen», enthusiastisch-chiliastisch geprägte Frauen mit prophetischem Pathos. Diese fügen Kirche wie Gesellschaft grossen Schaden zu. Wenn der kirchliche Amtsträger sich hauptsächlich gegen die in der pietistischen Bewegung hervorgetretenen Angehörigen des weiblichen Geschlechts wendet, so spiegelt das die bekannte Tatsache, dass Frauen sich in auffällig grosser Zahl und an exponierter Stelle in der pietistischen Frömmigkeitsbewegung engagierten. Der Autor konzentriert sich aber vor allem aus einem zweiten Grund auf die Frauen: Sie bieten ein leichter zu treffendes Ziel als ihre männlichen Gesinnungsgenossen. Angesehene und einflussreiche Pietisten hatten nämlich längst herausragende und unanfechtbare Stellungen inne: Philipp Jakob Spener war zur Zeit der Abfassung des Feustkingschen «Weiber-Lexikons» Propst zu Berlin und brandenburgischer Konsistorialrat, August Hermann Francke, der Vater der Halleschen Anstalten, war nicht nur bei seinen zahlreichen adligen Gönnern und dem Berliner Hof wohlgelitten, sondern wirkte auch als einflussreicher Theologieprofessor. Zugleich hatten &endash; und damit trifft Feustking einen blossliegenden Nerv dieser Leitgestalten des Pietismus &endash; diese Männer selbst ein gespanntes Verhältnis zu den neuen Prophetinnen: Sie hatten zwar die eine oder andere Enthusiastin protegiert und übernahmen wohl auch ihrerseits religiös-theologische Einsichten einzelner herausragender Frauen, waren aber durchaus nicht grundsätzlich der Meinung, dass Frauen in gemischtgeschlechtlichen Versammlungen das Wort ergreifen und Männer in Religionsdingen belehren dürfen. Im Gegenteil: Voraussetzung und Mittelpunkt weiblicher Erziehung sollte nach Francke eine klosterähnliche Klausur sein.

Böse?

Der 1672 geborene und schon 1713 verstorbene Feustking versuchte mit seiner Schrift, die grundsätzliche Kritik auszuhebeln, welche der Pietismus an der etablierten kirchlichen Welt äusserte, indem er behauptete, die Kritikerinnen seien in ihrem Wesen böse, weil vom Teufel verführt. Mit den Argumenten, Wünschen und Forderungen der pietistischen Frauen (und Männer) setzte er sich nicht auseinander. Diese behaupteten, die Reformation habe zwar die rechte Lehre ans Licht gebracht, nicht aber die Verbesserung des Lebens des Einzelnen bewirkt. Es bedürfe deshalb einer «zweiten Reformation», die nicht wieder wie die im sechzehnten Jahrhundert «von oben» erwartet werden könne, sondern beim einzelnen Gläubigen einsetzen müsse. Feustking votierte nicht für das gläubige Individuum, sondern für die Aufrechterhaltung traditioneller Ordnungen. Diese waren aber tatsächlich durch Pietismus und Frühaufklärung in einem folgenschweren Umbruch begriffen.

Sie verhielten sich tatsächlich, gemessen am damals Üblichen, exaltiert: indem sie ihre Aktivitäten nicht auf den heimischen Herd beschränkten, sondern ihr Haus für Konventikel (Versammlungen zur gegenseitigen Erbauung) zur Verfügung stellten und Kreise von Frommen sammelten; sie veröffentlichten Erbauungs- und Werbeschriften, Gedichte und Lieder; sie liessen ihre Einsichten aufzeichnen und brachten ihre Kritik am Bestehenden auch auf allerlei nicht justitiable Weise zum Ausdruck. Für sie war Glauben nicht gleichbedeutend mit dem Auswendiglernen von Katechismen, Repetieren von Beichtformeln und überhaupt dem Fürwahrhalten dessen, was der Herr Pfarrer lehrt, sondern Ausdruck individueller Überzeugung und Übernahme von Verantwortung für den Nächsten und die Welt.

Wenn Feustkings bald dreihundert Jahre altes Schmähwerk im Reprint geboten wird, dann nicht nur deshalb, weil es sich um einen Gegenentwurf zu der radikalpietistischen «Unparteiischen Kirchen- und Ketzerhistorie» Gottfried Arnolds handelt, der seinerseits den Frauen einen Ehrenplatz in der Kirchen- und Frömmigkeitsgeschichte zugewiesen hatte. Das Pamphlet verdient vor allem deshalb einen eigenen Platz in der lange Liste frauenfeindlicher Literatur, weil es auf etwa 170 solcher «Weiblinnen» aufmerksam macht und Aufschluss gibt über deren damals bekannte Werke und zeitgenössische Berichte über sie. Damit bildet diese Zusammenstellung herausragender «begeisterter Weiber» ein Gegenstück zu den Listen gelehrter Frauengestalten, wie sie zur gleichen Zeit grosse Verbreitung fanden.

Für Schmökerbegeisterte ist ein interessantes literarisches Panoptikum, für Lehre und Forschung ein interessanter Quellentext wieder zugänglich. Die beiden Einleitungen von Elisabeth Gössmann und Ruth Albrecht helfen den Lesern mit ihren zweckdienlichen Hintergrundinformationen, sich in der auf den ersten Blick etwas unübersichtlich wirkenden Quelle zurechtzufinden.

Angelika Dörfler-Dierken

 

Johann Heinrich Feustking: Gynaeceum haeretico fanaticum, Oder Historie und Beschreibung Der falschen Prophetinnen / Quäkerinnen / Schwärmerinnen / und anderen sectirischen und begeisterten Weibs=Personen. Nachdruck der Ausgabe Frankfurt u. Leipzig, Zimmermann, 1704. Mit einer Einleitung von Ruth Albrecht (Archiv für philosophie- und theologiegeschichtliche Frauenforschung 7). Iudicium-Verlag, München 1998. XLIII und 672 S., Fr. 68.&endash;.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 12.05.1999

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