Pressespiegel

Kirche-Religion-Gesellschaft


Direkt zur Online-Ausgabe der NZZ

Aargauer Zeitung

Basler Zeitung

Berner Zeitung

Freiburger Nachrichten

Neue Luzerner Zeitung

Neue Zürcher Zeitung

St.Galler Tagblatt

Tages-Anzeiger

Sonntagszeitung

Weltwoche

Wochenzeitung

 

Die Kreuze von Auschwitz

Ein Kompromiss zwischen Juden und Katholiken

Schon lange wird über die Frage gestritten, ob christliche Symbole Teil des Gedenkens in Auschwitz sein sollen. Bislang waren katholische Kirche und Staat in Polen nicht in der Lage, einen vernünftigen Kompromiss mit der jüdischen Seite einzugehen. Jetzt hat das Parlament ein Gesetz zum Schutz der Gedenkstätten am Ort früherer KZ und Vernichtungslager verabschiedet.

Vom «Todesblock» auf dem Gelände des früheren «Stammlagers» Auschwitz I fällt der Blick unweigerlich auf ein grosses Holzkreuz jenseits der Mauer. Es steht auf dem «Kiesplatz», der den Schergen der SS damals als Hinrichtungsstätte diente. Im «Alten Theater» gleich nebenan wurde das Todesgas Zyklon B gelagert. Seit Monaten logiert der Nationalist und Antisemit Kazimierz Switon in einem kleinen Wohnwagen auf dem Areal und entscheidet als «Hausherr», wer den Platz betreten darf. Bevorzugt werden kleine Reisegruppen aus katholischen Gemeinden im ganzen Land. Ausländische Journalisten sind meistens unerwünscht.

Rund um das «Papstkreuz» haben radikale Katholiken und auch Skinheads trotz gegenteiliger Empfehlung der katholischen Bischöfe seit Sommer letzten Jahres Kreuze aufgestellt, deren Zahl inzwischen auf knapp 300 angestiegen ist. Das grosse Holzkreuz, unter dem Johannes Paul II. 1979 in Auschwitz einen Gedenkgottesdienst abgehalten hatte, wurde 1989 ohne Wissen der Kirchenführung, aber als bewusster Akt des «Religionskrieges» zwischen Katholiken und Juden auf dem Gelände installiert. Pächter des Platzes ist eine höchst umstrittene Kriegsopfer- Vereinigung, deren Chef Mieczyslaw Janosz mit Switon unter einer Decke steckt.

Beide verstehen sich als Vorkämpfer gegen die von jüdischer Seite angestrebte Entfernung des «Papstkreuzes», das für viele polnische Bürger ein wichtiges Symbol des Gedenkens ist. 1941 waren auf dem «Kiesplatz» etwa 150 polnische politische Häftlinge der Nazis und auch polnische Juden erschossen worden, darunter Adam Heydel von der Jagiellonischen Universität in Krakau und auch der prominente Fussballer Atoni Lyko vom Klub Wysla Krakow. Die Juden in aller Welt dagegen verstehen die Kreuze in Auschwitz als christlichen Triumphalismus, als Annexion eines Ortes, der ihr Martyrium und das anderer nationaler und konfessioneller Milieus, nicht nur das der polnischen Katholiken repräsentiere.

Schutzzonen

Wer das Gelände von Birkenau (Auschwitz II) besucht, begreift sehr schnell, wie borniert das Denken von Switon und Janosz sowie ihrer vielen Anhänger ist, die Auschwitz ausschliesslich als Verbrechen gegen das polnische Volk verstehen. In Birkenau finden sich die Reste der Gaskammern und Verbrennungsöfen, in denen während des Zweiten Weltkriegs etwa eineinhalb Millionen Menschen ermordet wurden. «Die meisten von ihnen Juden aus verschiedenen Ländern Europas», wie es dort auf Gedenktafeln in 20 verschiedenen Sprachen heisst. Allein das Ausmass des Geländes zwingt den Besucher zum Nachdenken.

Nun hat es den Anschein, als sei auch eine Lösung für den «Kiesplatz» möglich. Das polnische Abgeordnetenhaus verabschiedete ein Gesetz, das die Gedenkstätten am Ort früherer KZ und Vernichtungslager unter einen besonderen Schutz stellt. Es geht um Auschwitz, Majdanek (bei Lublin), Stutthoff (östlich von Danzig), Gross-Rosen (Niederschlesien), Treblinka (östlich von Warschau), Chelmno (früher Kulm, zwischen Bromberg und Graudenz) sowie Sobibor und Belzec (im Südosten Polens an der Grenze zur Ukraine). Vorgesehen sind Schutzzonen von 100 Meter Breite rund um das jeweilige Gelände, in denen Demonstrationen, kommerzielle Tätigkeit sowie bauliche Massnahmen bestimmten Restriktionen unterworfen werden.

Die jeweiligen Wojwoden (Vorsitzende der regionalen Verwaltung) sollen künftig entscheiden, ob derartige Vorhaben der Würde der Gedenkstätten angemessen sind, und dementsprechend Genehmigungen erteilen oder ablehnen. Abzuwarten bleibt, wie offensiv oder defensiv die katholische Kirche die ihr im Gesetz eingeräumten Ausnahmeregelungen nutzen wird. Kleine Gewerbetreibende, die bislang im Bereich der geplanten Schutzzonen tätig sind, fürchten um ihre Konzessionen. &endash; Von seiten konservativ-nationalistischer Gruppierungen wird dem Gesetzgeber vorgeworfen, er wolle das nationale Gedenken spalten, indem er nur Opferstätten der Juden berücksichtige, nicht aber frühere kommunistisch- stalinistische Lager bzw. Exekutionsstätten, in denen Polen inhaftiert oder umgebracht wurden. Der Lubliner Senatsabgeordnete Ryszard Bender sprach sogar von einem «rassistischen Auschwitz- Gesetz». Ein Regierungssprecher meinte, man habe zunächst die Stätten industriellen Mordes durch die Nazis im Blick gehabt. Ein Gesetz für die anderen Gedenkstätten werde folgen.

Auf jeden Fall machen die immobilienrechtlichen Bestimmungen des Gesetzes eine Beendigung des peinlichen Schauspiels auf dem «Kiesplatz» möglich, wobei vieles vom Durchsetzungsvermögen der politisch Verantwortlichen abhängen wird. Fraglich erscheint allerdings, ob dies auch das «Papstkreuz» betreffen wird, das die Amtskirche mit Blick auf viele ihrer Gläubigen und auch die Regierung unter dem Druck der meisten ihrer Wähler eher am gegenwärtigen Ort erhalten möchten. Wie schwach die Regierung ist, zeigt sich anhand der Tatsache, dass sie das Treiben der Switon und Co. schon vor Monaten hätte beenden können, da das Schüren von Rassenhass laut Gesetz unter schwerer Strafe steht.

Sie hat es nicht getan. Umfragen von Meinungsforschungsinstituten haben ergeben, dass etwa zwei Drittel aller polnischen Bürger für ein Verbleiben des «Papstkreuzes» eintreten und sogar gut 30 Prozent das Aufstellen der übrigen Kreuze befürworten. Schon vor zwei Jahren hatten sich die damalige polnische Regierung, die katholische Kirche und internationale jüdische Organisationen auf ein Verfahren geeinigt, das dann aber wegen innenpolitischer Widerstände nicht realisiert wurde. Vorgesehen war, auf dem gesamten Gelände von Auschwitz-Birkenau keinerlei religiösen, politischen und ideologischen Symbole, weder Kreuze noch Davidsterne, noch sonstiges mehr zuzulassen sowie auf dem «Kiesplatz» ein Denkmal für die erschossenen Polen zu errichten.

Das Erbe der Propaganda

Nach wie vor fällt es vielen Menschen in Polen schwer, Auschwitz nicht nur als Verbrechen gegen das polnische Volk, sondern auch als allgemein menschliche Tragödie zu begreifen, die unermessliche Opfer vor allem für die Juden bedeutete. Dieser Umstand ist nicht zuletzt der diesbezüglichen kommunistischen Propaganda vor 1989 anzulasten, der allerdings auch die katholische Kirche kaum Widerstand geleistet hat. Hinzu kommt die enge Verbindung zwischen Religion und nationaler Identität, für die gerade das Kreuz ein wichtiges Symbol ist.

Es gibt, wie die «Polityka» ausgerechnet hat, mindestens 6000 Plätze im ganzen Land, wo Hitlers verbrecherische Helfer geschlagen, gefoltert, gemordet und vernichtet haben. Nicht überall stehen Gedenkstätten, Museen, Denkmäler und Hinweistafeln. Vielfach waren es schon die abziehenden Deutschen selbst, die möglichst alle Spuren zu verwischen suchten. So geht es heute nicht nur um die Erhaltung und Modernisierung der Gedenkstätten, sondern auch um einen neuen Zugang zu den damaligen Ereignissen in den Medien, in den Schulbüchern und im täglichen Gespräch.

Die Konservierungsarbeiten in Auschwitz, die Neugestaltung der dortigen ständigen Ausstellung, die wissenschaftlichen und publizistischen Bemühungen von Historikern wie Franciszek Piper und die wiederholten öffentlichen Debatten über die Beziehungen zwischen Polen bzw. Katholiken und Juden machen deutlich, dass in dieser Hinsicht schon viel geschehen ist. Andere Gedenkstätten wie die in Majdanek, Belzec, Sobibor, Treblinka und Stutthoff bedürfen zusätzlicher Anstrengungen. Dabei ist Polen ein Land begrenzter finanzieller Mittel, und die internationale Hilfe fliesst nicht so, wie es angebracht wäre.

Reinhold Vetter

 

© Neue Zürcher Zeitung - 12.05.1999

Recherche
Links
Archiv
Suchen
Impressum

Nach oben