Die Kreuze von Auschwitz
Ein Kompromiss zwischen Juden und
Katholiken
Schon lange wird über die Frage gestritten, ob
christliche Symbole Teil des Gedenkens in Auschwitz sein
sollen. Bislang waren katholische Kirche und Staat in
Polen nicht in der Lage, einen vernünftigen
Kompromiss mit der jüdischen Seite einzugehen. Jetzt
hat das Parlament ein Gesetz zum Schutz der
Gedenkstätten am Ort früherer KZ und
Vernichtungslager verabschiedet.
Vom «Todesblock» auf dem Gelände des
früheren «Stammlagers» Auschwitz I
fällt der Blick unweigerlich auf ein grosses
Holzkreuz jenseits der Mauer. Es steht auf dem
«Kiesplatz», der den Schergen der SS damals als
Hinrichtungsstätte diente. Im «Alten
Theater» gleich nebenan wurde das Todesgas Zyklon B
gelagert. Seit Monaten logiert der Nationalist und
Antisemit Kazimierz Switon in einem kleinen Wohnwagen auf
dem Areal und entscheidet als «Hausherr», wer
den Platz betreten darf. Bevorzugt werden kleine
Reisegruppen aus katholischen Gemeinden im ganzen Land.
Ausländische Journalisten sind meistens
unerwünscht.
Rund um das «Papstkreuz» haben radikale
Katholiken und auch Skinheads trotz gegenteiliger
Empfehlung der katholischen Bischöfe seit Sommer
letzten Jahres Kreuze aufgestellt, deren Zahl inzwischen
auf knapp 300 angestiegen ist. Das grosse Holzkreuz,
unter dem Johannes Paul II. 1979 in Auschwitz einen
Gedenkgottesdienst abgehalten hatte, wurde 1989 ohne
Wissen der Kirchenführung, aber als bewusster Akt
des «Religionskrieges» zwischen Katholiken und
Juden auf dem Gelände installiert. Pächter des
Platzes ist eine höchst umstrittene Kriegsopfer-
Vereinigung, deren Chef Mieczyslaw Janosz mit Switon
unter einer Decke steckt.
Beide verstehen sich als Vorkämpfer gegen die von
jüdischer Seite angestrebte Entfernung des
«Papstkreuzes», das für viele polnische
Bürger ein wichtiges Symbol des Gedenkens ist. 1941
waren auf dem «Kiesplatz» etwa 150 polnische
politische Häftlinge der Nazis und auch polnische
Juden erschossen worden, darunter Adam Heydel von der
Jagiellonischen Universität in Krakau und auch der
prominente Fussballer Atoni Lyko vom Klub Wysla Krakow.
Die Juden in aller Welt dagegen verstehen die Kreuze in
Auschwitz als christlichen Triumphalismus, als Annexion
eines Ortes, der ihr Martyrium und das anderer nationaler
und konfessioneller Milieus, nicht nur das der polnischen
Katholiken repräsentiere.
Schutzzonen
Wer das Gelände von Birkenau (Auschwitz II)
besucht, begreift sehr schnell, wie borniert das Denken
von Switon und Janosz sowie ihrer vielen Anhänger
ist, die Auschwitz ausschliesslich als Verbrechen gegen
das polnische Volk verstehen. In Birkenau finden sich die
Reste der Gaskammern und Verbrennungsöfen, in denen
während des Zweiten Weltkriegs etwa eineinhalb
Millionen Menschen ermordet wurden. «Die meisten von
ihnen Juden aus verschiedenen Ländern Europas»,
wie es dort auf Gedenktafeln in 20 verschiedenen Sprachen
heisst. Allein das Ausmass des Geländes zwingt den
Besucher zum Nachdenken.
Nun hat es den Anschein, als sei auch eine Lösung
für den «Kiesplatz» möglich. Das
polnische Abgeordnetenhaus verabschiedete ein Gesetz, das
die Gedenkstätten am Ort früherer KZ und
Vernichtungslager unter einen besonderen Schutz stellt.
Es geht um Auschwitz, Majdanek (bei Lublin), Stutthoff
(östlich von Danzig), Gross-Rosen (Niederschlesien),
Treblinka (östlich von Warschau), Chelmno
(früher Kulm, zwischen Bromberg und Graudenz) sowie
Sobibor und Belzec (im Südosten Polens an der Grenze
zur Ukraine). Vorgesehen sind Schutzzonen von 100 Meter
Breite rund um das jeweilige Gelände, in denen
Demonstrationen, kommerzielle Tätigkeit sowie
bauliche Massnahmen bestimmten Restriktionen unterworfen
werden.
Die jeweiligen Wojwoden (Vorsitzende der regionalen
Verwaltung) sollen künftig entscheiden, ob derartige
Vorhaben der Würde der Gedenkstätten angemessen
sind, und dementsprechend Genehmigungen erteilen oder
ablehnen. Abzuwarten bleibt, wie offensiv oder defensiv
die katholische Kirche die ihr im Gesetz
eingeräumten Ausnahmeregelungen nutzen wird. Kleine
Gewerbetreibende, die bislang im Bereich der geplanten
Schutzzonen tätig sind, fürchten um ihre
Konzessionen. &endash; Von seiten
konservativ-nationalistischer Gruppierungen wird dem
Gesetzgeber vorgeworfen, er wolle das nationale Gedenken
spalten, indem er nur Opferstätten der Juden
berücksichtige, nicht aber frühere
kommunistisch- stalinistische Lager bzw.
Exekutionsstätten, in denen Polen inhaftiert oder
umgebracht wurden. Der Lubliner Senatsabgeordnete Ryszard
Bender sprach sogar von einem «rassistischen
Auschwitz- Gesetz». Ein Regierungssprecher meinte,
man habe zunächst die Stätten industriellen
Mordes durch die Nazis im Blick gehabt. Ein Gesetz
für die anderen Gedenkstätten werde folgen.
Auf jeden Fall machen die immobilienrechtlichen
Bestimmungen des Gesetzes eine Beendigung des peinlichen
Schauspiels auf dem «Kiesplatz» möglich,
wobei vieles vom Durchsetzungsvermögen der politisch
Verantwortlichen abhängen wird. Fraglich erscheint
allerdings, ob dies auch das «Papstkreuz»
betreffen wird, das die Amtskirche mit Blick auf viele
ihrer Gläubigen und auch die Regierung unter dem
Druck der meisten ihrer Wähler eher am
gegenwärtigen Ort erhalten möchten. Wie schwach
die Regierung ist, zeigt sich anhand der Tatsache, dass
sie das Treiben der Switon und Co. schon vor Monaten
hätte beenden können, da das Schüren von
Rassenhass laut Gesetz unter schwerer Strafe steht.
Sie hat es nicht getan. Umfragen von
Meinungsforschungsinstituten haben ergeben, dass etwa
zwei Drittel aller polnischen Bürger für ein
Verbleiben des «Papstkreuzes» eintreten und
sogar gut 30 Prozent das Aufstellen der übrigen
Kreuze befürworten. Schon vor zwei Jahren hatten
sich die damalige polnische Regierung, die katholische
Kirche und internationale jüdische Organisationen
auf ein Verfahren geeinigt, das dann aber wegen
innenpolitischer Widerstände nicht realisiert wurde.
Vorgesehen war, auf dem gesamten Gelände von
Auschwitz-Birkenau keinerlei religiösen, politischen
und ideologischen Symbole, weder Kreuze noch Davidsterne,
noch sonstiges mehr zuzulassen sowie auf dem
«Kiesplatz» ein Denkmal für die
erschossenen Polen zu errichten.
Das Erbe der Propaganda
Nach wie vor fällt es vielen Menschen in Polen
schwer, Auschwitz nicht nur als Verbrechen gegen das
polnische Volk, sondern auch als allgemein menschliche
Tragödie zu begreifen, die unermessliche Opfer vor
allem für die Juden bedeutete. Dieser Umstand ist
nicht zuletzt der diesbezüglichen kommunistischen
Propaganda vor 1989 anzulasten, der allerdings auch die
katholische Kirche kaum Widerstand geleistet hat. Hinzu
kommt die enge Verbindung zwischen Religion und
nationaler Identität, für die gerade das Kreuz
ein wichtiges Symbol ist.
Es gibt, wie die «Polityka» ausgerechnet
hat, mindestens 6000 Plätze im ganzen Land, wo
Hitlers verbrecherische Helfer geschlagen, gefoltert,
gemordet und vernichtet haben. Nicht überall stehen
Gedenkstätten, Museen, Denkmäler und
Hinweistafeln. Vielfach waren es schon die abziehenden
Deutschen selbst, die möglichst alle Spuren zu
verwischen suchten. So geht es heute nicht nur um die
Erhaltung und Modernisierung der Gedenkstätten,
sondern auch um einen neuen Zugang zu den damaligen
Ereignissen in den Medien, in den Schulbüchern und
im täglichen Gespräch.
Die Konservierungsarbeiten in Auschwitz, die
Neugestaltung der dortigen ständigen Ausstellung,
die wissenschaftlichen und publizistischen
Bemühungen von Historikern wie Franciszek Piper und
die wiederholten öffentlichen Debatten über die
Beziehungen zwischen Polen bzw. Katholiken und Juden
machen deutlich, dass in dieser Hinsicht schon viel
geschehen ist. Andere Gedenkstätten wie die in
Majdanek, Belzec, Sobibor, Treblinka und Stutthoff
bedürfen zusätzlicher Anstrengungen. Dabei ist
Polen ein Land begrenzter finanzieller Mittel, und die
internationale Hilfe fliesst nicht so, wie es angebracht
wäre.
Reinhold Vetter
© Neue Zürcher Zeitung -
12.05.1999