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Warten auf die Invasion der Heiligen

Wie sich die Heilige Stadt für das Millennium rüstet

Laut jüngsten Prognosen muss Jerusalem bis zur Jahrtausendwende mit vier Millionen Pilgern rechnen. Für Israel bedeutet das nicht nur, dem massenhaften Andrang mit erhöhten Sicherheitsmassnahmen zu begegnen &endash; der Staat rüstet sich auch für den psychischen Notstand.

Jerusalem 1999. Das amerikanische Konsulat bekommt hohen Besuch &endash; von Jesus Christus. Im weissen Gewand und ledernen Sandalen präsentiert sich der junge Mann dem verblüfften Pförtner: «Er bummelte herein, zeigte uns seine Visitenkarte mit dem Schriftzug ÐJesusð und sagte: ÐIch wollte euch nur Bescheid geben, dass ich angekommen bin.ð»

Jerusalem 1997. «Samson der Starke» versucht mit allen Kräften, der Klagemauer einen Stein zu entreissen, um ihn wieder «auf den rechten Platz zu rücken». Als die Polizei ihn festnimmt, erklärt der junge Kanadier, er handle im Auftrag Gottes. Erst sein Vater schaffte es, den durchgedrehten Sohn zurück nach Hause zu holen.

Der religiöse Wahnsinn trägt einen Namen: Jerusalem-Syndrom.

In der Heiligen Stadt sind Vorfälle dieser Art keine Seltenheit, im Gegenteil. Es sind vor allem Protestanten, die von der emotionalen Intensität der Heiligen Stadt dermassen überwältigt werden, dass sie sich einbilden, selbst eine testamentarische Figur zu verkörpern. Und je näher die Jahrtausendwende rückt, um so mehr verwirrte Pilger finden sich an Jesu Grab ein, fiebern dem Millennium voller messianischer Erwartungen entgegen. Die geballte Erwartungshaltung, so fürchten die Behörden, kann in Frust umschlagen und zu psychischen Turbulenzen führen. Polizei und Sicherheitsdienst haben insbesondere apokalyptische Kulte im Visier; dort gilt es, das Schreckensszenario eines Massenselbstmordes von Sektenanhängern zu verhindern, die sich aus Enttäuschung über das Nichterscheinen des Messias gemeinsam in den Tod stürzen könnten.

Ernsthafte Warnungen

Der Millenniumsforscher des gleichnamigen Instituts der Universität Boston, Professor Richard Landes, warnt in dieser Hinsicht seit langem vor leichtsinniger Ignoranz und spöttischer Beschwichtigung. In einem Interview mit der israelischen Tageszeitung «Haaretz» riet er Israel, sich «auf alle Eventualitäten vorzubereiten». Landes hält es durchaus für möglich, dass einige Verrückte versuchen werden, die Moschee am Tempelberg zu zerstören, um so das Fundament für die Errichtung des dritten Tempels freizulegen &endash; notwendige Voraussetzung für die Wiederauferstehung von Jesus. Spätestens seit der Anfang des Jahres erfolgten Festnahme 14 radikaler Sektenanhänger der «besorgten Christen» in einem Vorort von Jerusalem sind sich die israelischen Behörden des Gefahrenpotentials bewusst.

Um der Mischung zwischen Glauben und Wahn möglichst kompetent zu begegnen, müssen Jerusalemer Polizisten seit neuestem Psychologie- und Sprachkurse belegen. Laut Aussage von Polizeichef Jehuda Wilk werden die Beamten unter anderem gezielt daraufhin trainiert, mit dem Jerusalem-Syndrom umzugehen. Auch das Gesundheitsministerium mobilisiert für den Notfall: der Bettenbestand von Krankenhäusern und Psychiatrie wurde aufgestockt, dem israelischen Roten Kreuz wurde ein Zuschuss von 7 Millionen Schekel für neue Krankenwagen und zusätzliches Personal bewilligt.

Für die betroffenen Touristen nimmt das religiöse Rollenspiel meist ein abruptes Ende &endash; im Mental Health Center von Jerusalem. Zurzeit sind hier nur zwei biblische Gestalten in Behandlung, doch das wird sich wohl bald ändern. Yair Bar-El, der langjährige Leiter der Klinik, schätzt, dass etwa ein Prozent der erwarteten vier Millionen Touristen ärztliche Hilfe benötigen wird &endash; das sind immerhin 40 000 potentielle Patienten, von denen seiner Prognose nach wiederum zwischen 600 und 800 stationär behandelt werden müssen. Fast alle bedeutenden biblischen Gestalten wurden in dieser Klinik bereits therapiert, vor zwei Jahren wandelten gleich zwei heilige Marias durch die Gänge der Notaufnahme. Der 60jährige Psychiater, der vor 35 Jahren aus Argentinien nach Israel auswanderte, gilt in der Fachwelt als Spezialist des religiösen Irrsinns. «Wir wissen, dass strenggläubige Menschen erwarten, Augenzeugen apokalyptischer Ereignisse zu werden», meint er, «wie etwa der Schlacht von Gog und Magog oder der Auferstehung der Toten.»

Bar-El, der in den letzten zwanzig Jahren 470 verschiedene Fälle behandelte, differenziert drei verschiedene Ausprägungen des Jerusalem-Syndroms. Zur ersten Gruppe zählt er psychisch Kranke, die bereits vor ihrer Reise nach Israel unter ärztlicher Aufsicht standen. Die Stadt löst in ihnen ein Trauma aus, sie suchen eine starke Identifikationsfigur und verwandeln sich in biblische Figuren. Spektakulärster Fall dieser Variante war die «Königin der Nacht», eine Amerikanerin, die nackt um die Mauern der Altstadt tanzte und sich lauthals ihrer übernatürlichen Kräfte rühmte. Die zweite Gruppe sind Menschen, die auf einmal Halluzinationen erleiden, darunter auch Juden, die sich einbilden, im Tempel zu arbeiten.

Das klassische Jerusalem-Syndrom schreibt er einer dritten Gruppe zu: «Es sind ganz normale Touristen, sie sind gesund, haben keine Drogen- oder Familienprobleme, kommen meist mit biblischen Gruppenreisen.» Es sei kein Zufall, dass die meisten aus bigotten protestantischen Familien stammen, in deren Haushalt die Bibel oft das einzige Buch war. Anders als die Katholiken haben Protestanten keine dem Papst vergleichbare spirituelle Autorität auf Erden, dafür aber oft einen um so ausgeprägteren Glauben an ein himmlisches Jerusalem; gerade deswegen scheint sie das Syndrom häufiger zu treffen. Der religiöse Wahnsinn verläuft nach festem Muster: Die Betroffenen werden nervös, sondern sich von ihrer Gruppe ab, beginnen sich rituell zu reinigen, murmeln Psalmen, hüllen sich in weisse Bettlaken und geistern in diesem Aufzug durch die Stadt &endash; bis sie in Bar-Els Klinik landen. Dort werden sie mit angsthemmenden Medikamenten und Gesprächstherapien behandelt. Spätestens nach einer Woche ist der Spuk vorbei, und die Patienten finden zurück zur eigenen Identität.

Aussteiger

Fernab von Jerusalem-Syndrom-Patienten und apokalyptischen Fanatikern harren vor allem harmlose Christen im Gelobten Land auf die Rückkunft des Messias. Sie sind Aussteiger, die ihr Hab und Gut verkauft, die Familie verlassen und die Arbeit an den Nagel gehängt haben, um mit einem One-way-Ticket und dem Neuen Testament unterm Arm nach Israel zu fliegen. Einer von ihnen ist der Holländer Grados van Eden. Seit einem Jahr haust der 67jährige in einem winzigen Mietzimmer einer muffigen Pension in der Nähe des Jaffo-Tores. Um die lange Wartezeit bis zur Jahrtausendwende sinnvoll auszufüllen, schreibt van Eden an einem Buch &endash; in Handschrift legt er seine Gedanken zur Weltverbesserung dar. Unheilbare Krankheiten und politische Unterdrückung, Wetterkatastrophen und internationaler Terrorismus sind ihm stichfester Beweis dafür, dass das Weltende naht und die Erlösung durch den Messias bevorsteht. Wenn er auftaucht, will van Eden ihm sein Buch persönlich überreichen.

Auch die «neugeborenen Christen», ein bunter Haufen Amerikaner, Kanadier und Südafrikaner, warten auf die Wiedergeburt Christi. Vorerst predigen sie «love and peace», führen rituelle Tänze auf und stehen im ständigen Zwiegespräch mit Gott. Guru der Sekte ist Brother David, ein ehemaliger Prediger aus Syracuse, New York, den es nach seiner «spirituellen Wiedergeburt» ins Gelobte Land zog. Das war vor 20 Jahren &endash; heute schart Brother David in Bethania, einem schäbigen Vorort von Ostjerusalem, rund 100 «wiedergeborene Christen» um sich. Das von arabischen Muslimen bewohnte Bethania sei ein idealer Ort, um auf Jesu Wiedergeburt zu warten, schliesslich sei er von hier in den Himmel aufgestiegen. «Wir sind friedlich, mit gewalttätigen Verrückten wie den Ðbesorgten Christenð haben wir nichts zu tun», meint Brother David. Wenn er in seinem geschniegelten Anzug und der bunten Krawatte durch das Dorf schlendert, erweisen ihm auch die arabischen Einwohner Respekt &endash; ganz zu schweigen von den Brüdern und Schwestern seiner kleinen Gemeinde.

Naomi Bubis

 

© Neue Zürcher Zeitung - 14.05.1999

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