Geburtstagsfest für die
Christenheit
Vorbereitungen im Heiligen Land auf
das Millennium
Nazareth, Heimat der Heiligen Familie, Stätte der
Offenbarung. Die mit 60 000 Einwohnern grösste
arabische Stadt in Israel ist in ihrem alten Kern kaum
mehr wiederzuerkennen. Strassen werden verbreitert, neue
Plätze und Gartenanlagen angelegt, der Souk ist
frisch gepflästert, alte Häuser werden
restauriert. Es sind dies sichtbare Auswirkungen der 1991
lancierten und durch den Friedensprozess zeitweise
beflügelten Initiative «Nazareth 2000».
Rund 90 Millionen US-$ werden investiert nicht allein im
Hinblick auf das Jahr 2000: Nazareth will nicht mehr
länger Durchgangsstation zwischen Haifa und dem See
Genezareth sein, sondern sich als eine der grossen
christlichen Pilgerstätten in Israel etablieren.
Besuch des Papstes
Das Jahr 2000 hat eine besondere Magie; die einen
assoziieren sie mit der Zahl an sich, die meisten mit der
christlichen Zeitrechnung. Dass sie nicht stimmt und
längst überholt ist, darauf hat der Vatikan
bereits vor einigen Jahren hingewiesen, doch das tut der
Bedeutung, die man dem beginnenden (oder endenden)
Millennium beimisst, keinerlei Abbruch. So wie sich Rom
auf das kommende «heilige Jahr» vorbereitet, so
bereitet sich auch Israel auf das Jahr 2000 vor.
Über 400 Vertreter verschiedener kirchlicher
Organisationen und Institutionen, Reiseveranstalter und
Journalisten aus aller Welt waren kürzlich zur
«Holy Land 2000 Leaders Conference» eingeladen,
um sich vor Ort über die Vorbereitungen zu
informieren. Ein «Geburtstagsfest» soll es
werden, das Jahr 2000, im Lande selbst für eine
Minderheit, weltweit für die ganze Christenheit. Als
«historisches, religiöses und kulturelles
Ereignis» will es der israelische
Tourismus-Minister, Moshe Katsan, verstanden wissen. Die
Freiheit der Religionen soll gefeiert, die Politik hintan
gestellt werden. Sie wird jedoch sehr wohl eine Rolle
spielen, und der Tourismus wird weiterhin mit
seismographischer Empfindlichkeit reagieren. Im Logo
für das Jahr 2000 steht das Wort Friede in
englischer, hebräischer und arabischer Schrift, und
der Friede wurde in den meisten der zahlreichen Reden
beschworen.
Was Maria in Nazareth offenbart wurde, ging in
Bethlehem in Erfüllung. Die Geburtskirche Jesu liegt
jetzt im Autonomiegebiet der Palästinenser, auch
dies ist im christlichen Verständnis «Heiliges
Land». Wie in Nazareth hofft man auch hier auf einen
Besuches des Papstes. «Das nächste Jahr ist
unsere Chance, um uns zu positionieren und zu profilieren
im internationalen Tourismusgeschäft»,
erklärte ein lokaler Reiseveranstalter. Letztlich
jedoch, fügt er nach einer Pause hinzu, sei das
wirtschaftliche Überleben vom Friedensprozess
abhängig, und wie zügig er vorankomme. Rund 100
Millionen US-$ werden in den Ausbau der lokalen
Infrastruktur investiert, und so gleicht auch Bethlehem
teilweise einer riesigen Baustelle. Autonom &endash; das
gilt auch für Jericho, wo nebst vier neuen Hotels
auch ein Casino in die Wüste gepflanzt wurde. Im
«Oasis» pflegen die Israeli die
Glücksspiele, die ihnen innerhalb ihrer
Staatsgrenzen untersagt sind.
Das Tourismus-Ministerium rechnet mit vier Millionen
Besuchern im nächsten Jahr, fast doppelt soviel wie
1998. Entsprechend wird die Beherbergungskapazität
aufgestockt. Zurzeit stehen im Land rund 48 000 Betten
vor allem in Hotels, aber auch in
Kibbutzgästehäusern, Jugendherbergen und
Hospizen zur Verfügung. Das Angebot wird allein in
Jerusalem, in der Region rund um den See Genezareth und
in Nazareth um rund 4000 Zimmer aufgestockt. Nicht zu
übersehen ist die Bautätigkeit auch in Tel
Aviv. Anfang dieses Jahres ist das
«Intercontinental» mit 600 Zimmern
eröffnet worden, fünf weitere Mittel- und
Erstklasshotels werden nach Aussagen von Eli Ziv,
Präsident der Tel Aviv Hotel Association, im Laufe
dieses Jahres eröffnet werden. Zudem sind im
Hafengebiet von Jaffa und Tel Aviv noch mehr Hotels mit
etwa 2000 Zimmern geplant. Voraussetzung allerdings ist
Friede. Offene Grenzen zu Syrien würden dem
Tourismus Aufschwung bringen, die wirtschaftliche
Situation verbessern.
Hohe Erwartungen
Eine halbe Milliarde US-$ gibt Israels Regierung
für die Promotion des Landes und die Verbesserung
der touristischen Dienstleistungen aus. Falls wie
erwartet vier Millionen Besucher kommen, könnten bis
zu 50 000 neue Arbeitsstellen geschaffen werden und
Israels Ökonomie um drei Prozent wachsen. Parallel
zur Werbung im Ausland läuft in Israel eine
Informationskampagne: Die Bevölkerung wird auf die
wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus aufmerksam
gemacht und zu Verständnis und Toleranz aufgerufen.
Die Leute, die mit Touristen und Pilgern direkt in
Kontakt kommen, werden in Spezialkursen mit den
Grundkenntnissen des Christentums vertraut gemacht. Die
Erwartungen sind hochgesteckt, stossen allerdings
teilweise auf Skepsis, und die ist stets mit der
(Friedens-)Politik verknüpft. Der Besuch von vier
Millionen Besuchern muss geradezu generalstabsmässig
geplant werden, vor allem an hohen christlichen
Feiertagen wie Weihnachten, Ostern oder Maria
Verkündigung. Geprüft werden daher die
Möglichkeiten, Flughäfen in den
Autonomiegebieten, ja selbst in Jordanien in die
Organisation mit einzubeziehen. Auch das &endash;
sicherheitsbedingt &endash; sehr zeitaufwendige Ein- und
Ausreiseprozedere soll vereinfacht werden. Einer
Lösung bedarf auch der Modus des Zimmerbezugs an
Samstagen, wenn Zimmer oft erst nach Sonnenuntergang
freigegeben werden.
Neue Aussichtsterrassen, neue Fusswege werden zwischen
Öl- und Tempelberg, breitere Pfade vom Garten
Gethsemane zum Löwentor geschaffen, die
Fussgängerzone, die Via Dolorosa werden restauriert.
Auch Jerusalem wird für das Jahr 2000 hergerichtet.
Der Basar, quirlig, laut, eng &endash; selbst in
touristisch eher flauen Zeiten stauen sich hier die
Besucherströme. Durch dieses Nadelöhr werden
sich wohl die meisten Touristen und Pilger auch im Jahr
2000 drängen. Geduld wird, trotz neuem Leitsystem,
auch für den Besuch der Grabeskirche notwendig sein,
sie ist eine der grössten Attraktionen in der Stadt,
die nicht allein ein religiöses Zentrum der
Christen, sondern auch der Juden und Muslims ist. Die
Vorbereitungen für das nächste Jahr laufen auf
Hochtouren, und sie basieren auf Optimismus. Dies
bekräftigte zum Abschied der Konferenzteilnehmer
auch Staatspräsident Ezer Weizman. Ein Stoppen des
Friedensprozesses wäre ein Rückschritt; er sei
zuversichtlich und optimistisch, dass dieser Prozess
weitergeführt werde.
Esther Maria Jenny
© Neue Zürcher Zeitung -
14.05.1999