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Ost und West

Eine Kulturgeschichte Bosniens und Herzegowinas

Noch vor zehn Jahren war Bosnien-Herzegowina nicht nur als geographischer Begriff, sondern auch als Kulturlandschaft in Westeuropa weitgehend terra incognita. Einen gewissen Bekanntheitsgrad genoss allein das Werk Ivo Andrics, des aus Bosnien stammenden Literaturnobelpreisträgers von 1961. Nach einem über dreijährigen verheerenden Krieg ist Bosnien inzwischen für die meisten Europäer zu einem Synonym für Hass und den Wahn ethnischer Säuberung geworden. Von der faszinierenden kulturellen Vielfalt des Landes, von der allzuviel im Krieg zerstört wurde, wissen nach wie vor nur wenige. Von den zahlreichen in den letzten Jahren in deutscher Sprache erschienenen Büchern hat bisher noch keines sich ausführlicher der Kulturgeschichte des Landes gewidmet. Nun liegt aus der Feder Ivan Lovrenovics auf etwas mehr als 200 Seiten ein kulturhistorischer Überblick vor. Der Slawist und Ethnologe war bis zum Ausbruch des Krieges als Cheflektor verschiedener Verlage in Sarajewo tätig. Nach dem kriegsbedingten Verlust seiner Bibliothek längere Zeit in Zagreb ansässig, ist er nun wieder nach Sarajewo zurückgekehrt und zählt zu den nicht sehr zahlreichen unabhängigen und kritischen Geistern nicht nur Bosniens, sondern des gesamten ehemaligen Jugoslawien, die weniger in ethnischen als in ethischen Kategorien denken.

Die Beschwörung alter Mythen ist nicht Lovrenovics Sache. Die heute noch inner- und ausserhalb Bosniens weitverbreitete Vorstellung, die bosnischen Muslime seien die Nachfahren der mittelalterlichen Bogomilen, verweist er, gestützt auf die Ergebnisse der historischen Forschung, ins Reich der Mythologie. Bosnien war seit dem Mittelalter ein Feld der Begegnung zwischen Ost und West, in dem sich vielfältige kulturelle Einflüsse trafen und zu einer Symbiose zusammenfügten. So verbarg sich hinter der in den mittelalterlichen Quellen genannten Bosnischen Kirche keine dualistische Sekte, sondern eine auf lokalen Traditionen beruhende christliche Kirche mit slawischer Liturgiesprache, die katholische und orthodoxe Elemente vereinte. Den wachsenden Zentralisierungstendenzen Roms wurde sie immer mehr zum Dorn im Auge, weshalb sie häufig als Häresie diffamiert und mit den Bogomilen in Verbindung gebracht wurde. Der Franziskanerorden in Bosnien – bis heute ein Charakteristikum des bis ins 19. Jahrhundert bischofslosen bosnischen Katholizismus – diente anfangs als Instrument der römischen Mission, um die Bosnische Kirche auf römischen Kurs zu bringen. In den Ornamenten der Stecci, der für Bosnien typischen Grabsteine, wollten phantasiebegabte Interpreten geheimnisvolle religiöse Symbole der Bogomilen erkennen; dabei spiegeln sie nichts anderes als die regionale Steinmetzkunst wider, die auch in der osmanischen Zeit, bereichert durch neue Elemente, fortlebte und sich ebenso in den an Bosnien grenzenden Regionen finden lässt.

In der osmanischen Zeit, die uns die meisten Baudenkmäler hinterlassen hat, formte sich das bis heute bekannte und prägende kulturelle Antlitz Bosniens heraus: Islam, orthodoxes und katholisches Christentum, denen sich als zahlenmässig geringeres, aber kulturell kaum weniger bedeutendes Element das sephardische Judentum hinzugesellte. Deutlich voneinander geschieden waren diese drei bzw. vier Gemeinschaften im Grunde nur im Bereich der Hochkultur, während es in der Volks- und Alltagskultur zahlreiche Gemeinsamkeiten gab und gibt. In diesem Zusammenhang macht der Autor zuwenig deutlich, dass in vormoderner Zeit noch kaum von ethnischem Bewusstsein die Rede sein kann: die sich ursprünglich vor allem religiös verstehenden Gemeinschaften wandelten sich erst im 19. und 20. Jahrhundert allmählich zu Nationen.

Lovrenovic versteht Kulturgeschichte auf weite Strecken traditionell als Geschichte der Künste, während Alltags- und Volkskultur nur geringe Aufmerksamkeit geniessen. Er liebt es, in enzyklopädischem Eifer die Leser mit zahlreichen Orts- und Personennamen zu überschütten, die die meisten sicher zum erstenmal hören und wohl auch bald wieder vergessen dürften. Sinnvoller wäre hier eine Beschränkung auf das Wesentliche in Verbindung mit einer jeweils ausführlicheren Darstellung gewesen. Die Fixierung des Autors auf Bosnien und Herzegowina lässt auch kaum Vergleiche mit benachbarten Regionen zu, die deutlich gemacht hätten, dass die Region sich nicht so klar vom umliegenden südslawischen Raum abgrenzen lässt.

Die kroatische Herkunft des Autors trübt seine Wahrnehmung nicht; allerdings ist sein Blick auf die anderen Gemeinschaften trotz allen Bemühungen ein Blick von aussen geblieben, was auch bei einem Serben oder muslimischen Bosniaken kaum zu vermeiden gewesen wäre. Besonders deutlich wird dies in der unterschiedlichen Sicht der osmanischen Vergangenheit, die für Lovrenovic als Kroaten in eher negativem Licht erscheint. Für die Muslime dagegen, die sich zur staatstragenden Schicht des multireligiösen und multiethnischen Osmanischen Reiches zählten, waren die Osmanen keine Besatzer.

Die Übersetzung des Buches aus dem Kroatischen wurde offensichtlich in Windeseile angefertigt und erweist ihm deshalb keinen Dienst: Zu sehr klebt sie am Original, dessen Satzbau nicht selten auch im Deutschen erhalten geblieben ist. Nicht wenige Termini werden falsch oder gar nicht übersetzt. Das Wort «paroh» beispielsweise bedeutet «Pfarrer», mit «Parochius» in der deutschen Übersetzung dürften die wenigsten Leser etwas anfangen können. Vom serbisch-bosnischen Schriftsteller Nicifor Ducic heisst es, er habe an der Belgrader «Theologie» studiert: das Wort «bogoslovija», das hier mit Theologie übersetzt wird, ist jedoch die Bezeichnung für ein kirchliches Gymnasium, für Theologie wird das Wort «bogoslovljc» verwendet. Eine Überarbeitung des deutschen Textes wäre deshalb ein grosser Wunsch des Rezensenten für zukünftige Auflagen.

Ekkehard Kraft

 

Ivan Lovrenovic: Bosnien und Herzegowina. Eine Kulturgeschichte. Aus dem Kroatischen von Klaus Detlef Olof. Folio- Verlag, Wien/Bozen 1998. 239 S., Fr. 34.–.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 19.05.1999

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