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Schatten des Zweiten Weltkriegs

Rassismus in den Amtsstuben

Der J-Stempel auf schweizerischen Formularen

Von Guido Koller, Historiker am Schweizerischen Bundesarchiv, Bern*

Vor einem Jahr ist einmal mehr eine Diskussion über die Rolle des seinerzeitigen Chefs der Eidgenössischen Fremdenpolizei, Heinrich Rothmund, bei der Einführung des deutschen J-Stempels entbrannt. Entgegen einer weit verbreiteten Meinung war er nicht dessen Urheber. Dennoch haben sich die schweizerischen Behörden in Schuld verstrickt (NZZ 5. und 25. 5. 98). Dass darüber hinaus die rassistische Ideologie Eingang auch in die Usanzen schweizerischer Amtsstuben gefunden hatte, belegt der vorliegende Artikel.

«Wenn ich mir erlaube, eine solche Bitte an Sie zu richten, so geschieht es, weil ich in Ihrer Person die Verkörperung der Schweizer Freiheit und Gastlichkeit erblicke, der ich mein und der Meinen Schicksal anvertrauen möchte», schrieb Thomas Mann 1933 an Bundesrat Giuseppe Motta und bat ihn, sich bei der Eidgenössischen Fremdenpolizei dafür einzusetzen, dass er und seine Verwandten in der Schweiz verbleiben konnten. Sechs Jahre später ersuchten auch Manns Schwiegereltern um Einreise in die Schweiz. Auf dem Formular, mit dem die kantonale Behörde der Fremdenpolizei die Bewilligung für den Aufenthalt anzeigte, steht unübersehbar ein drei Zentimeter grosses, violettes «J».

Der J-Stempel auf einem amtlichen Formular im Dossier von Dr. Alfred Pringsheim, dem Schwiegervater von Thomas Mann, ist kein Einzelfall. Nachdem das Schweizer Fernsehen DRS am 2. Dezember 1998 und die Tageszeitung «24 heures» am 18. März 1999 von einem drei Zentimeter grossen, violetten J-Stempel auf einer 1937 erteilten Aufenthaltsbewilligung des Kantons Waadt berichtet hatten, wurden im Schweizerischen Bundesarchiv in fünf weiteren Fällen gleiche Stempel auf Formularen gefunden, die zwischen 1936 und 1940 ausgestellt worden waren. Andere Dossiers in diesem Zeitraum tragen ein kleines, maschinengeschriebenes «J», weisen in einer Bemerkung auf die jüdische Konfession hin oder tragen keinen Vermerk.

Wenn demnach kein Zweifel darüber besteht, dass die Behörden Gesuche von Juden und Jüdinnen in verschiedenen, abgestuften Formen spezifisch registrierten, so lassen sich aus den wenigen überprüfbaren Fällen dennoch keine Angaben über die Systematik dieser behördlichen Praxis machen. Ein klares Bild lässt sich deshalb nicht gewinnen, weil die Personendossiers der Eidgenössischen Fremdenpolizei zur Einreise und zum Aufenthalt von Ausländern und Ausländerinnen der dreissiger und vierziger Jahre grösstenteils nach Abschluss dieser Vorgänge zu Beginn der fünfziger Jahre vernichtet worden sind.

Während die Praxis, die Formulare jüdischer Gesuchsteller mit einem kleinen, maschinengeschriebenen «J» oder einem anderen Vermerk zu kennzeichnen, schon vor 1938 auftauchte, ist die Stempelung mit dem grossen, violetten «J» mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit erst 1938 parallel zum Passabkommen mit Deutschland vom 4. Oktober 1938 aufgenommen worden. Ein starkes Indiz dafür ist der Umstand, dass Formulare jüdischer Gesuchsteller, die nach der Einführung der generellen Visumspflicht am 5. September 1939 ausgefüllt wurden, in der Regel nicht mehr gestempelt wurden. Bei Akten, die schon 1936 ausgestellt worden waren und dennoch einen J-Stempel tragen, dürfte dieser höchstwahrscheinlich nachträglich, nämlich 1938, appliziert worden sein, und zwar dann, wenn die Behandlung eines Gesuchs oder ein anderer behördlicher Vorgang zu dieser Zeit noch hängig war.

Antisemitische Züge

Das Stempeln jüdischer Einreise- und Aufenthaltsgesuche 1938/39 ordnet sich in den Überfremdungsdiskurs ein, der seit dem Ersten Weltkrieg verstärkt antisemitische Züge angenommen hat. Es ging den kantonalen und eidgenössischen Behörden darum, den Zuzug von Juden und Jüdinnen insbesondere aus Oststaaten zu begrenzen oder gänzlich zu unterbinden. Das behördliche Vorgehen gegen die sogenannte «Überfremdung» drohte, aus der Sicht Heinrich Rothmunds, des Chefs der Eidgenössischen Fremdenpolizei, zu scheitern, als nach 1933 vermehrt von Nazi- Deutschland verfolgte Juden in die Schweiz flohen. Das Passabkommen mit Deutschland sollte es den Schweizer Behörden ermöglichen, die Einreise von jüdischen Flüchtlingen zu kontrollieren. Die Visumspflicht für Juden aus Österreich und Deutschland erlaubte es, nur noch diejenigen einreisen zu lassen, die über ein Visum für einen Drittstaat verfügten. Die Eidgenössische Fremdenpolizei wollte verhindern, dass jüdische Flüchtlinge ohne eigene Mittel oder enge Beziehungen zur Schweiz hier verblieben, und deshalb in jedem Fall sofort erkennen, wer Jude war.

Der Stempel ist das Instrument der Kategorisierung. Er macht eine Gegebenheit auf den ersten Blick sichtbar und reduziert die Vielfältigkeit an Informationen auf nur ein einziges Merkmal. Der Stempel verschafft vorschnell eine Klarheit, die immer falsch ist, weil sie vereinfacht und es vermeidet, auf weitere Einzelheiten einzugehen. Diese Einzelheiten hätten dazu führen müssen, Juden als politische Flüchtlinge wahrzunehmen. Statt dessen orientierten sich die Behörden an rassischen Kategorien.

«Arier, Nichtarier, Neger»

Der J-Stempel schrieb eine rassische Stigmatisierung in das behördliche Handeln ein. Der behördliche Antisemitismus gestaltete sich implizit bis zur Übernahme der Kategorien der Nürnberger Rassegesetze. Die Karteikarte, die die Eidgenössische Polizeiabteilung für jeden Flüchtling anlegte, enthielt neben der Rubrik «Konfession» die Rubrik «Rasse». In einer Weisung zum Ausfüllen dieser Rubrik hielt Robert Jezler, der stellvertretende Chef der Eidgenössischen Polizeiabteilung, fest: «Diese ist nach Heimatrecht bzw. dem Recht des Herkunftsstaates einzutragen – Arier, Nichtarier, Neger.»

Der Eintrag in der Rubrik «Rasse» war bei der Kategorisierung von jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland und Österreich und später aus den von Nazi-Deutschland besetzten Ländern gleichbedeutend mit einer Angabe zum Fluchtgrund. Dies war in der Weisung von Robert Jezler zwar mitgemeint, aber gleichzeitig durch das Denken in rassischen Kategorien überlagert. Die Eidgenössische Fremdenpolizei hielt daran fest, «die Verjudung der Schweiz zu verhindern» (Heinrich Rothmund), obschon sie die Entrechtung, Verfolgung und später die Ermordung der Juden in Europa kannte. Der Überfremdungsdiskurs behielt in der fremdenpolizeilichen Praxis gegenüber Flüchtlingen in den dreissiger und vierziger Jahren die Oberhand über die humanitäre Tradition.

* Es besteht also kein Grund, am Bekenntnis von Bundesrat Villiger vom 7. Mai 1995 zu rütteln. Auch wenn weder die Schweiz noch Heinrich Rothmund die Erfinder des J-Stempels waren, so kamen die deutschen Behörden mit dem diskriminierenden Vermerk zu diesem Zeitpunkt einem Anliegen der Schweiz entgegen. Und die Schweizer Behörden haben den J-Stempel auch auf eigenen Formularen verwendet. Wir kommen nicht umhin, die sich daraus ergebende historische und moralische Verantwortung wahrzunehmen.

 

* Recherche und Dokumentation: Fabio Gygi.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 17.05.1999

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