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Ein Platz in Salamanca

Von Hugo Loetscher (Text) und Fernando Moleres (Bilder)

Als ich den Platz zum erstenmal sah, auf einer Photographie, stand für mich fest: das ist ein Platz für meine Anthologie, eine Sammlung europäischer Plätze, an der ich um so mehr hänge, als ich aus einem Zürich stamme, welches sich um seine Plätze gebracht hat. Aber andererseits ist es wohl nicht zufällig, dass plaza und piazza unsere Sprache bereichert haben, während das Wort «Platz» den romanischen Sprachen kaum etwas eingebracht hätte. Was ich gleich aufsuchte, war dieser Platz vor der Alten Universität. Die Strasse aufgerissen, der Belag wird repariert, die Kanalisation neu verlegt. Die Statue von Fray Luis de Leon steht auf ihrem Sockel in der Schutzhaft eines Gerüsts; unbeeindruckt von Pressluftbohrern, schaut der Dominikaner zum Portal, durch das einst die Studenten in seine Vorlesung kamen.

Mein Platz ist ein Bauplatz.

Nicht anders verhält es sich mit dem Platz, der die grosse Konkurrenz abgibt: Plaza Mayor. Auch andere spanische Städte haben ihren Hauptplatz, aber kaum eine besitzt einen Arkadenplatz, der es an architektonischer Geschlossenheit mit dem von Salamanca aufnimmt. Auch die Plaza Mayor befindet sich in Restauration. Ganze Fassaden eingerüstet oder mit Staubvorhängen bedeckt; doch Baulärm und Umtrieb tun dem Frequentieren der Cafés und der Geschäfte so wenig an wie dem Flanieren.

Salamanca verschönt sich. Nähert man sich der Stadt nach einer Fahrt durch die weite Ebene kastilischer Kargheit, erheben sich hügelhoch über dem Tormes die Kathedralen, um die eine Kuppel ein Baugerüst, weit ins Land hinaus die Frohbotschaft der Erneuerung verkündend. Vor einem Jahr in den Katalog der Kulturgüter der Menschheit aufgenommen, wird Salamanca 2002 europäische Kulturhauptstadt sein. Also richtet es sich her. Mit Hilfe europäischer Gelder. Auch die alte Römerbrücke wird restauriert, sanft, wie man beschwichtigt. Renovieren kann Überraschungen bringen. Seit den Restaurierungsarbeiten an einem Seitenportal der Kathedrale entdeckt man unter den Steinmetzfiguren einen Storch, in Anspielung auf die Vögel, die sich in den letzten Jahren auf Kirchtürmen eingerichtet haben, nachdem man ihnen Nester zur Verfügung stellte. Neu im alten Dekor hat sich als himmlisches Wesen unserer Zeit ein Astronaut eingebettet; er könnte durchaus dem Barock entsprungen sein. Die Frage lautet aber nicht nur, wie kommt etwas hinzu, sondern auch, wie kommt etwas weg. Zum Beispiel das Medaillon von Generalissimo Franco an der Plaza Mayor.

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Bereits ist die Fassade der alten Universität herausgeputzt. Einmal mehr überzeuge ich mich, mit welchem Recht der Begriff «plateresk» aus der Schmiedekunst auf einen Baustil angewendet wird. Ziselierarbeit in Stein. Das Filigran-Platereske wirkt um so stärker, wenn es sich, wie hier, abhebt von schmucklosen Mauern, die sonst den Platz dominieren. Die alte Universität dient heute hauptsächlich Repräsentationszwecken, Feierlichkeiten und Konferenzen. In einem Gebäude befindet sich auch die Bibliothek, mit vierhundert Inkunabeln und 3000 Manuskripten aus dem 16. und 17. Jahrhundert, ein Schatz, nur mit Sonderbewilligung zu sehen.

Die Namen der einstigen Hörsäle erinnern an die Geistesheroen der Bildungsstätte. Nicht ohne Respekt betrete ich den Raum, der mit seinen Holzbänken und der Dozentenkanzel so belassen wurde wie damals, als hier Fray Luis de Leon unterrichtete. Unvermeidlich, an die klassische Episode zu erinnern: der Dominikaner übersetzte das Hohelied des Alten Testaments ins Spanische und verstiess damit gegen den Wortlaut der bis anhin gültigen Übertragung, deswegen wurde er von der Inquisition zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt; nach seiner Freilassung begann er die erste Vorlesung: «Wie wir gestern sagten». Der Satz ist so berühmt, dass man gewöhnlich gar nicht fragt, was dieser Gelehrte unter den Mystikern sonst gesagt oder geschrieben hat, als könnte man nicht Verse zitieren oder aus seinen Predigten Passagen anführen.

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Salamanca fand sich auf meiner intellektuellen Landkarte lange bevor die Stadt auf meine Reiseroute kam.

Als ich mich für Lateinamerika zu interessieren begann, hatte ich mir Geschichtskenntnisse im Do-it-yourself-Studium zu erwerben. Das Wissen um das, was Entdeckerzeit heisst, war schulmässig mehr als dürftig vermittelt worden.

Die Konfrontation mit Völkern, die man bis anhin nicht gekannt hatte, mit Indios, wie sie aus Irrtum heissen sollten, warf nicht zuletzt theologische Fragen auf: Sind diese Wesen Menschen? Bis ihnen eine päpstliche Bulle endlich eine Seele zugestand. Während in der Neuen Welt Konquistadoren eroberten und vernichteten, argumentierte man zu Hause darüber, wie mit diesen Völkern umzugehen sei; die theologischen Fragen waren zugleich solche der politischen Legitimierung.

Damals fand in Valladolid der Disput zwischen Bartolomé de las Casas und Juan Ginés de Sepulveda statt. Dieser, Kanonikus in Salamanca, rechtfertigte Eroberung und Versklavung der amerikanischen Ureinwohner. Seine Argumente aber wurden bald danach von der Universität Salamanca verworfen. Hier dozierte Francisco de Victoria, mit «Relectio de Indis» oder «Über die Freiheit der Indios» ein Begründer des modernen Völkerrechts, der dem Niederländer Hugo Grotius voranging, aber neben ihm selten genannt wird.

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Salamanca war auch wegen eines andern Namens ein Ort auf meiner intellektuellen Landkarte geworden, wegen Miguel de Unamuno.

Eine Diskussion in den sechziger Jahren. Die Auseinandersetzung darüber, ob man noch von Tragik reden dürfe, wenn keine absoluten Werte mehr gelten, zu einem Zeitpunkt, als am Fortschrittsglauben kaum gezweifelt wurde, sich aber erste Stimmen erhoben im Zeichen eines säkularen Pessimismus; Nietzsche war ein möglicher Gewährsmann. Da fiel auch der Name von Unamuno, einem Spanier, der in den zwanziger und dreissiger Jahren weit über Spanien hinaus berühmt war, jedoch nicht nach 1945, im Unterschied zu seinem Gegenspieler Ortega y Gasset. Damals die Frage eines Exilspaniers: «Kennen Sie von Unamuno ‹Del sentimento tragico de la vida›, sein Werk über das tragische Lebensgefühl in den Menschen und in den Völkern?»

Unamuno, aus dem Baskenland stammend, war Anfang des Jahrhunderts die prägende Figur des geistigen Salamanca; er hat die Universität aus der Lethargie geweckt, was wirtschaftliche und demographische Folgen zeitigte. Salamanca zählte um die Jahrhundertwende nicht mehr als 25 000 Einwohner. Die einstige Rektoratswohnung ist in ein Unamuno-Forschungszentrum und Museum umgewandelt worden. Unamuno war zunächst als Altphilologe tätig, am Ende lehrte er spanische Kultur, ein Rektor, der entthront wurde, dann wieder eingesetzt, erneut entlassen und ins Exil geschickt. 1930 kehrte er im Triumph nach Salamanca zurück; sechs Jahre danach war es zu Ende mit seiner Dozententätigkeit; er wurde bis zu seinem Tod unter Hausarrest gestellt. General Franco hatte in Salamanca, im Bischöflichen Palast, dem heutigen Stadtmuseum, sein Hauptquartier eingerichtet. Zu dieser Zeit war Unamuno ein Rektor, der zunächst die neuen Umstände hinnahm, doch dann trotzte er den Falangisten und ihrem Slogan «Es lebe der Tod». Seine Kritik: «Es gibt Zeiten, da heisst Schweigen: Lügen», hinderte die Faschisten nicht an ihrem Ruf: «Abajo la intelligenzia» – ein Slogan, der sich damals gut aus dem Deutschen und ins Deutsche übersetzen liess: «Nieder mit der Intelligenz.» Man hat vom Spanischen Bürgerkrieg gesagt, hier habe man für den Zweiten Weltkrieg geübt; er war auch eine Probebühne für das Gewissen.

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Salamanca, meine ersten Assoziationen und Informationen galten der Universität; so falsch oder einengend erwies sich die Vorstellung nicht. Nach Bologna, Paris und Oxford die älteste Universität Europas, diente sie den Universitäten in Hispanoamerika, für Lima wie für Mexiko, als Vorbild. Eine Bildungsstätte des Renaissance-Humanismus. Im 14. Jahrhundert wurden Lehrstühle für Arabisch, Hebräisch und Griechisch eingerichtet. Die Universität beeinflusste und spiegelte das Goldene Zeitalter wie den Niedergang der Weltmacht Spanien. Und sie hat erstaunliche Kapitel erlebt: Zwischendurch war es möglich, dass Studenten den Rektor stellten und nicht die Professorenschaft.

Dass die studentische Jugend das Strassenbild prägt, könnte man bei Lesage in «Gil Blas de Santillana» nachlesen, auch bei einem Autor davor oder bei einem, der sich danach zu Salamanca äusserte. Alarcon schrieb von der «Anmut» und vom «Mutwillen» der Stadt, von einer «Verrücktheit mit Grösse» und von einem mit «Witz betriebenen Laster». Ganz ohne Frivolität ging Bildung nicht. Man erinnert sich an den alten Volksmund, genauer an den Studentenmund: «A Salamanca putas que ha venido San Lucas.» Am Tag des heiligen Lukas begann das Semester, da kehrten mit den Studenten auch die Prostituierten aus den Semesterferien zurück. Die Prostitution hatte die Sitten zu respektieren. Noch heute wird nach Ostern der «Wasser-Montag» gefeiert, in Erinnerung daran, dass einst die Prostituierten für die Karwoche die Stadt zu verlassen hatten und ans andere Ufer des Tormes gebracht wurden; von dort hat man sie nach Ostern zurückgeholt. Karneval mit Fastendisziplin wurde wörtlich genommen: «Lebewohl Fleisch!» galt nicht nur für den Tisch.

Im Zentrum, in dem alten Teil, der auch «zona monumental» heisst, liegen die wichtigsten historischen Bauten. Mit Plätzen, Strassen und Winkeln ein Schauplatz, auf dem Geschichte und Gegenwart ineinanderspielen. Dies dank einer Jugend, die sich in dem historischen Ambiente ungezwungen einrichtet und es sich zu eigen macht. Und seien es nur die unzähligen Freitreppen, die zum Plaudern und Flirten einladen und zum Diskutieren und Lesen benutzt werden, zum Spielen, Herumlungern und Meditieren.

Dieser Eindruck ändert sich, sucht man den Campus Universitario auf, vorbei an den zwei- und dreistöckigen Sozialbauten aus der Franco-Zeit, auf einem Gelände gegen den Rand hin, beim Busbahnhof. Dort wurden die neuen Institute gebaut, dort befinden sich Fakultäten wie Jurisprudenz, Biologie oder Nationalökonomie und Medizin. Auch Studentenheime und die Sportanlagen, für die es in der «zona monumental» kaum Platz gehabt hätte. Zwar tragen auch dort die Institute die Namen von Luis de Leon, Francisco de Vitoria oder Unamuno. Aber mit seinen Bauten und in seiner Anlage ist es ein Campus wie irgendwo ein zeitgemässer von üblicher Art.

Damit hat sich nur weiter bestätigt, dass Salamanca in erster Linie Universitätsstadt ist. Auf nicht ganz zweihunderttausend Einwohner kommen über sechsunddreissigtausend Studentinnen und Studenten. Nun besitzt Salamanca nicht nur die Universität, die aus der Institution eines «estudio general» hervorgegangen ist. Seit 1940 gibt es auch die päpstliche Universität, die Universidad Pontificia, wo heute über viertausend Studenten eingeschrieben sind, mit einem weiblichen Prozentsatz von 55. Nicht mehr nur «Don Quijote und das Absolute» oder «Die unmögliche Spaltung des Gnostizismus»; die Informatik ist die am meisten belegte Abteilung. Die Universidad Pontificia ist in der Clerecia untergebracht, dem ehemaligen Jesuitenkollegium, dessen Grundriss zweimal so gross ist wie die Plaza Mayor, ein imposantes Bauwerk, das mit dem Ensemble der beiden Kathedralen, der alten und der neuen, die Skyline bestimmt.

Zudem wären neben den beiden Universitäten das Colegio de España zu nennen sowie weitere Sprachschulen für Fremdsprachige. Seit 1964 werden während der Semesterferien Sommerkurse durchgeführt. Der Erfolg war so gross, nicht zuletzt bei den Amerikanern, dass die Sprachkurse das ganze Jahr hindurch abgehalten werden. Zu den verwöhnten Abteilungen der Universität gehört «Traducciones y interpretaciones», für Übersetzer und Dolmetscher.

Sprache und Sprachwissenschaft haben hohe Tradition. 1492 war in Salamanca die erste spanische Grammatik verfasst worden – im gleichen Jahr, als die Juden und Araber vertrieben wurden und Amerika entdeckt wurde. Isabella, die «katholische Königin», fragte den Autor, wozu die «grammatica castellana» gut sein solle. Er meinte: «Um zu herrschen.» Ein Grammatiker, der, ein unfreiwilliger Prophet, begriff, dass Sprachpolitik Machtpolitik ist.

Bis zu achtzig Prozent der Studentenschaft kommen von auswärts. Salamanca wurde stets von Studenten aus den Kanarischen Inseln bevorzugt. Oder von Iren. Der Renaissancebau, in dem die Universität heute ihre Gäste unterbringt, war einst das Colegio der «muy nobres Irlandeses». Aber anderseits profitiert natürlich Salamanca von seiner Lage im Westen des Landes: bei Basken so beliebt wie bei Galiziern und nur hundert Kilometer von der portugiesischen Grenze entfernt, so dass kein geringer Teil der Studenten aus Portugal stammt. Der Fluss von Salamanca, der Tormes, fliesst in den Duero, der in Portugal zum Douro wird. Eines der jüngsten Institute kombiniert auf überraschende Weise, was westlich liegt: «Iberoamerika» mit «Portugal».

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Salamanca ist Universitätsstadt bis zu dem Punkt, dass es sich damit begnügte. Jedenfalls hat es sich nie um weitere Ökonomie oder gar um Industrialisierung, welcher Art auch immer, gekümmert. Wenn in oder um Salamanca ausserhalb der Universität Geld verdient wurde und wird, dann dank den Stierzüchtern, welche die Tiere für die Arena grossziehen. Die «ganadores» treffen sich in den Cafés «Novelty» oder «Escudos» an der Plaza Mayor. So sehr Salamanca sich als urban empfindet, die Bezeichnung für den Bewohner, den «salamanito», ist «charro» und heisst «bäurisch», nicht frei vom Unterton des Tölpelhaften, was mit souveräner Ironie akzeptiert wird.

Was im Lauf der Geschichte an Bauten zusammenkam, an Kirchen, Kollegien und Palästen, an Gassen, Plätzen, Treppen und Winkeln, das bildet ein bewundernswertes urbanistisches Ensemble. Zum Zusammenhalt trägt schon die Beschriftung der Bauten bei: gotische Lettern, für deren Rot einst Stierenblut benutzt wurde. Der Gesamteindruck bestätigt sich um so mehr, als im Zentrum auch für die neuen und neueren Bauten der gleiche Stein verwendet wird, in der Romanik wie in der Renaissance, in der Gotik so gut wie im Barock. Ein Sandstein von jener Weichheit, die sich dem Meissel der Steinmetzen fügt, von rötlicher Färbung, die bei Sonnenlicht golden reflektiert, ein Effekt, der sich auch einstellt, wenn die historischen Bauten übers Wochenende angestrahlt werden.

Salamanca lebt auch vom Tourismus. Vom Kulturtourismus, wie gerne beigefügt wird. So liegen Buchhandlungen und Souvenirshops nebeneinander. Und in den Sommermonaten verkehrt auf den wichtigeren Sightseeing-Strassen ein Touristenzug.

Das Programm ist beeindruckend: die alte und die neue Kathedrale ineinandergeschachtelt, eine Seltenheit wie die Casa de las Conchas mit dem Muscheldekor der Fassade, das Museum Lis, in einem Art-déco-Bau, neben Barcelona die bedeutendste Jugendstilsammlung des Landes, die Bescheidenheit romanischer Kirchen wie des Rundbaus von San Marcos neben der barocken Ornamentik – der Fremdenführer kommt nicht in Verlegenheit.

Auch ich würde mein Sightseeing am Fluss anfangen, bei dem kopflosen Wesen, das als Stier angesprochen wird, aber auch ein Eber sein könnte, jedenfalls eine Steinskulptur aus der iberischen Zeit. Nicht weit davon die Bronzestatue, die an den Roman «Lazarillo de Tormes» erinnert: ein junger Mann an der Hand eines blinden Bettlers; geehrt wird das Buch, nicht der Autor, der unbekannt ist. Ein paar Schritte weiter das Kloster Carmen de Abajo, wo sich Juan de la Cruz versteckte, wieder einmal ein Mystiker auf der Flucht. Und dann den Hügel hinauf, zu den Dominikanerinnen, im oberen Stockwerk des Kreuzgangs gewagte und bizarre Kapitelle. Am Platz gegenüber das Convento San Esteban, im Dominikanerkloster der Saal, in dem Kolumbus versucht haben soll, die Ordensleute vom Vorteil einer Erde in Kugelgestalt zu überzeugen, eine Monumentaltreppe, die überdimensioniert ist, weil sie prächtiger und grösser sein musste als die Monumentaltreppe, die kurz vorher ihre irdischen Konkurrenten, die Jesuiten, errichtet hatten. Und sicher würde ich den Stuhl präsentieren, auf dem der Kandidat vor der Doktorprüfung vierundzwanzig Stunden sass, den Himmel um Beistand fürs Examen bittend, Eingebung von oben für Fragen von unten.

Falls auf der Tour eine Pause verlangt wird: Warum nicht in der Hospedaria Arayna im Keller, wo einst Stallungen waren, die Cafeteria aufsuchen. Das Colegio, wo heute die Fakultät für Philologie untergebracht ist, war einst ein Heim, in das keiner aufgenommen wurde, der auch nur einen Tropfen jüdisches, maurisches oder neuchristlich getauftes Blut aufwies. Oder vielleicht eher in einem der nahegelegenen Lokale ein Glas Wein mit einer Portion «jamón iberico», «Iberischer Schinken» geheissen, weil das schwarzrassige Schwein ausschliesslich mit Eicheln gefüttert wurde – ob Steineichen oder Korkeichen, sie prägen horizontweit das umliegende Land von Salamanca.

Und natürlich gehört zu meinem Sightseeing mein Platz «Escuelas Mayores». In einer Ecke der Durchgang, der zum Kreuzgang der «Escuelas Menores» hinüberführt. Dorthin gehen wir nachher. Vorerst aber der Platz mit der Statue von Luis de Leon. Nach der Restauration wird der Sockel weniger hoch sein. Doch Luis de Leon wird nach wie vor zum Portal der alten Universität schauen. Möglich, dass er nicht nach Studenten Ausschau hält, sondern einen Wandpfeiler im Auge hat und über den Frosch nachdenkt, der dort auf einem Totenschädel hockt.

Ein Platz mehr in meiner Sammlung. Vielleicht auch nur ein Patio, aber auch so Anlass, über das nachzudenken, was einen Platz ausmacht und weshalb ich Plätze liebe – ein Raum, dem abgewonnen, was dem Menschen an Räumlichkeit zur Verfügung steht, der er ausgeliefert ist und in der er sich verlieren könnte; Überblickbarkeit erlangt, indem ein Ort abgesteckt wird, für sich bestehend und nicht eingeschlossen, ein Innenraum, der öffentlich ist, abgeschirmt mit Mauern und zum Himmel offen.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 22.05.1999

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