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Glauben à la carte

Die weltanschauliche Individualisierung als Herausforderung für die Volkskirchen

Von Werner Kramer*

Umfragen ergeben immer wieder das gleiche Resultat: Die meisten Menschen bezeichnen sich als religiös, äussern sich aber eher diffus über den Inhalt ihres Glaubens. Spiritualität ist in einem doppelten Sinn zu einer Privatsache geworden: Jeder stellt sich seinen persönlichen Glauben zusammen aus – beispielsweise – Christentum, Buddhismus, Astrologie, Ökologie, Tantra oder Yoga. Die Verkündigung des Gotteswortes von der Kanzel, die im Zentrum der traditionellen, öffentlichen Grosskirche steht, stösst nur noch auf geringes Interesse.

Alle religions- oder kirchensoziologischen Untersuchungen der letzten fünfzehn Jahre ergeben das gleiche Bild: das gemeinsame, öffentliche, von den Grosskirchen geprägte Christentum geht zurück, der einzelne Mensch schafft sich mehr und mehr seine eigene, verborgene Religion, die sich aus Elementen unterschiedlichster Herkunft zusammensetzt. Diese private Religion wird dann als religiöse Bricolage, als Designerreligion, als Religion à la carte, als Patchwork-Religion, als «Do it yourself»-Spiritualität usw. bezeichnet. Eine grosse repräsentative religionssoziologische Untersuchung in der Schweiz (1993) trägt den sprechenden Titel «Jede(r) ein Sonderfall?». Man beachte das Fragezeichen! In der Diskussion seither ist das Fragezeichen vergessen gegangen: Ja, in Sachen Religion und Religiosität erscheint heute jeder Mensch als Sonderfall, als Fall für sich, als Unikat.

Dies trifft, wie die verschiedenen Untersuchungen zeigen, nicht nur auf die Schweiz zu, sondern auch auf Westeuropa insgesamt und die USA, trotz den jeweils unterschiedlichen Strukturen und Mentalitäten von Kirchen und Konfessionen und trotz der unterschiedlichen Regelung des Verhältnisses zwischen Kirchen und Staat. Die Allgemeinheit des Befundes zeigt, dass nicht das Versagen einzelner Kirchen oder einzelner Amtsträger diese gewachsene Distanz und Eigenständigkeit in Sachen Religion verschuldet hat. Diese sind Folge eines umfassenden Wandels der Gesellschaft vor allem der Ersten Welt, also Europas und Nordamerikas, der Stammlande des abendländischen Christentums.

Zwang zur Selbstbestimmung

Der gesellschaftliche Wandel, der sich seit Ende der Nachkriegszeit in den sechziger Jahren rasant beschleunigt hat, wird als Individualisierungsschub wahrgenommen. Dass heute der einzelne Mensch früh und umfassend sein Recht auf Eigenständigkeit und Selbstbestimmung beansprucht, kann täglich erfahren werden. Gewiss ist dies Ausdruck des Individualisierungsschubes, kennzeichnet aber lediglich Oberfläche. Es ist ja nicht so, dass der einzelne sich dieses Recht einfach herausnimmt und niemand wagen würde, ihm Widerstand zu leisten. Vielmehr zwingen ihn die komplex gewordenen Verhältnisse in allen Lebensbereichen, selber zu entscheiden, selber zu wählen. Wo in den früheren, geschlosseneren Gesellschaften der Einzelne in Familie, Schule, Beruf, Staat und Kirche eingebettet war und seine öffentliche und private Rolle in diesen verschiedenen Bereichen vorgelebt und zugewiesen erhielt, nötigen ihn heute die differenzierten Verhältnisse in je neuen Situationen, angemessen zu reagieren, sich angemessen zu verhalten.

So verbindet die Diagnose «Individualisierungsschub» das scheinbar Gegensätzliche: den Zwang der modernen Verhältnisse auf den einzelnen Menschen, zu entscheiden und zu wählen, und zugleich die Freiheit, die Autonomie, das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen. Dies zeigt, dass das stets steigende Mass an Selbstverantwortung in allen Lebensbereichen nicht einfach Anmassung, sondern Notwendigkeit und Selbstverständlichkeit ist. Dies gilt ohne Einschränkung auch für die Religion der Menschen. In einer komplexen Welt, in der die unterschiedlichsten Lebenserfahrungen und die verschiedensten religiösen, weltanschaulichen und therapeutischen Angebote für Sinnerfahrung und Sinndeutung miteinander konkurrenzieren, wählt der einzelne Mensch aus der Angebotspalette das, was sich ihm bewährt, was seiner persönlichen Erfahrung einen Sinnrahmen gibt. Da gestaltet jeder seine eigene Bricolage, zeigt sich jeder als Sonderfall.

In die Augen springt das veränderte Teilnahmeverhalten der Kirchenglieder: Rückgang der Zahl der Gottesdienstbesucher, überhaupt spärliche und selektive Teilnahme an Veranstaltungen der Kirchgemeinden, in urbanen Gebieten beträchtliche Quoten der Kirchenaustritte. Gemäss der Ökumenischen Basler Kirchenstudie 1998 hat die römisch-katholische Kirche Basel-Stadt in den letzten 25 Jahren rund zwei Drittel ihrer Mitglieder verloren; bei der evangelisch-reformierten Kirche waren es mehr als die Hälfte. Als Gründe für einen vollzogenen oder eventuell ins Auge gefassten Kirchenaustritt werden prioritär Enttäuschung, Rückständigkeit und Kirchensteuer genannt, wobei bei den Reformierten im Unterschied zu den Katholiken die Kirchensteuer vor der Rückständigkeit rangiert. Weit seltener wird als Austrittsgrund der Übertritt in eine andere Religion, Konfession oder religiöse Gruppe genannt.

Christen ohne Kirche

Noch viel seltener wird fehlender Glaube als Grund angegeben; nur marginal ist auch, vor allem bei den Reformierten, die Begründung, die Kirche sei zu fortschrittlich. Die Statistik der Kirchenaustritte aus der Evangelisch-Reformierten Landeskirche des Kantons Zürich zeigt, dass in den letzten Jahren jeweils lediglich jeder zehnte Austretende in eine andere religiöse Gemeinschaft übertrat. Im Vordergrund stehen hier Gruppierungen biblizistischer und konservativer Prägung. Rund neunzig Prozent der Austretenden bleiben konfessionslos.

Charakteristisch für die heutige Situation ist, dass die in die Konfessionslosigkeit Austretenden sich keinesfalls als atheistisch oder als nicht religiös empfinden. Nach der Basler Studie bezeichnen sich über 70 Prozent der Bevölkerung als im weitesten Sinn religiös, 73 Prozent der in Basel Wohnhaften beschreiben sich selber als Christinnen und Christen, obwohl der Grossteil von ihnen keiner Kirche mehr angehört. Es täuscht sich, wer annimmt, dass nur diejenigen die Patchwork-Christen seien, die sich von der traditionellen kirchlich-christlichen Vorstellungswelt und Sprache entfernt hätten, während die Kirchenmitglieder noch in Übereinstimmung mit biblischen Vorstellungen und kirchlicher Lehre lebten. Denn innerhalb und ausserhalb der Kirchen findet sich dieselbe Vielfalt religiöser Vorstellungen und Haltungen, wenn auch je in etwas unterschiedlicher Häufigkeit.

Die grosse Sonderfallstudie von 1993 macht das deutlich: Dort werden fünf unterschiedliche Typen religiöser Orientierung entworfen (die eindeutigen Typen «Exklusive Christen» und «Humanisten ohne Religion» sowie die Mischtypen «Allgemein-religiöse Christen», «Religiöse Humanisten» und «Neureligiöse»). Ausser dem Typus «Humanisten ohne Religion» finden sich alle Typen auch unter den reformierten und katholischen Kirchgängern. Also überall die «Sonderfälle», die Patchwork-Christen, die sich ihre religiösen Vorstellungen und den Sinnrahmen für ihre Erfahrungen selber wählen und aus Elementen vieler verschiedener religiöser Vorstellungskreise gestalten.

Dies hat z. B. zur Folge, dass sich bei jeder Abdankung Menschen versammeln, deren religiöse Vorstellungswelt und Semantik rund um den Tod äusserst verschieden ist. Wenn der Pfarrer in biblisch-christlicher Sprache von der Auferstehung spricht, so teilt ein Teil seiner Zuhörerinnen und Zuhörer diese religiöse Vorstellung und Sprache. Ein ebenso grosser Teil versteht ein Leben über den Tod hinaus im Vorstellungskreis der Reinkarnation, während dem grössten Teil ein Weiterleben im Sinne der unsterblichen Seele plausibel ist und für einen weiteren Teil der Tod das Ende allen Lebens bedeutet. Wo jede(r) ein Sonderfall ist, dessen religiöse Erfahrungen je eigene Ursprungsorte haben und deren religiöse Vorstellungen aus unterschiedlichen Quellen stammen, stellt sich die Frage, wie denn Menschen in dieser Situation miteinander religiös kommunizieren können. Und was können Pfarrerinnen und Pfarrer und andere Verantwortliche der Kirchen tun, um Menschen bei ihrer religiös-christlichen Identitätsfindung und der kirchlichen Sozialisierung zu helfen?

Yoga und Astrologie

Die religions- und kirchensoziologischen Untersuchungen weisen auf zwei charakteristische Grundzüge individualisierter Religion hin: auf Häufigkeit und Vielfalt verborgener religiöser Praxis und auf die Distanz der Menschen zu öffentlichen autoritären Belehrungen auf dem Gebiet der Religion.

Das Gebet als private religiöse Praxis ist auch heute noch weit verbreitet. Gemäss der Basler Kirchenstudie von 1998 gibt die Hälfte der Bevölkerung an, im letzten Jahr mindestens einmal pro Woche gebetet zu haben. Nach der Sonderfall- Studie von 1993 beten 30 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen täglich. Am häufigsten sind freie und spontane Gebete. Natürlich ist damit nichts darüber gesagt, wie die Betenden sich das Wesen vorstellen, an das sich die Gebete richten. Zweifellos sind diese Vorstellungen so vielfältig, so klar oder so diffus wie alle Vorstellungen im Rahmen individualisierter Religiosität. In den letzten fünfzehn Jahren haben sich andere Formen individueller religiöser Praxis ausgebreitet. Auf unterschiedliche Art spielt Selbstthematisierung, Selbsterfahrung und Selbstvergewisserung eine entscheidende Rolle: in Yoga oder andern Meditationsformen die Erfahrung des Sicheinfindens in einen umfassenden transzendenten Zusammenhang, in Astrologie und esoterischer Praxis das Erfahren der Übereinstimmung von Mikro- und Makrokosmos, in energietherapeutischen Praktiken die Erfahrung von Stärkung und Entlastung. Die Sonderfallstudie zeigt, dass diese in gewissem Sinne neureligiösen Praktiken bei allen fünf Typen individualisierter Religiosität vorkommen, allerdings unterschiedlich häufig. Alle diese Praktiken haben für die betreffenden Menschen deshalb Gewicht, weil sie individuelle Erfahrung vermitteln und dadurch Evidenz und Gewissheit schaffen.

Demgegenüber hat die öffentliche Belehrung in kirchlichen Veranstaltungen und Gottesdiensten auch unter Berufung auf die Bibel oder auf theologische Autoritäten wenig Chancen. Denn Erklärungen ermöglichen zwar das Verifizieren und Falsifizieren von Kenntnissen der Zuhörer, führen aber nicht zu einer Evidenz schaffenden Erfahrungen. Darum nützt auch das Polemisieren von Theologen und exklusiven Christen gegen Esoterik wenig, denn bei der Auseinandersetzung zwischen religiöser Erfahrung und religiöser Erklärung hat bei der individualisierten Religiosität die Erfahrung alles Gewicht: «Ich habe es erfahren, das kann mir niemand wegdiskutieren.» Erfahrungen können mit biblischer Erfahrung, mit biblischen Bildern, Bildworten und Geschichten zusammengeschaut, beleuchtet, gedeutet und vertieft werden, die so ihrerseits Lebensbedeutung erhalten und Menschen begleiten. Solches geschieht heute wohl am eindrücklichsten in ökumenischen Frauengottesdiensten, die in manchen Gemeinden und Regionen von Frauen, meist Nichttheologinnen, für Frauen vorbereitet und gestaltet werden. Dies sind erste Schritte selbstbestimmter und selbstverantworteter gemeinschaftlicher religiöser Praxis im Zeitalter individualisierter Religion.

Von Luther lernen

Für Theologen und Theologinnen wie auch für eindeutig kirchlich sozialisierte Christen und Christinnen hat diese Situation viel Irritierendes. Wie soll man reagieren? Durch klare Abgrenzung? Durch Profilierung der Theologie? Durch Schaffen von höherer Verbindlichkeit? Durch Konzentration auf den Typus der exklusiven Christen, damit diese nicht in identitätsstärkere christliche Gruppierungen abwandern? Welcher Theologe hätte nicht solche Wünsche, fühlt er sich doch der Wahrheit verpflichtet. Meine Einwände gegen diese Verhaltensstrategien: Ich fürchte, solche Wünsche und Bemühungen führen nicht weiter. Und ist die Wahrheit nicht die menschenfreundliche Wahrheit des Evangeliums?

Luther hat, als er das Neue Testament übersetzte, den Leuten aufs Maul geschaut. Im Zeitalter der Patchwork-Religion und der Sonderfallchristen dasselbe zu tun, auf das Leben der religiös individualisierten Menschen zu schauen, auf ihre Erfahrungen zu hören und dann der eigenen Lebens- und Glaubenserfahrung authentisch Ausdruck zu geben. Die Wiener Praktologin Susanne Heine spricht vom Perspektivenwechsel, der nötig sei: Perspektivenwechsel bedeutet, die Kirchenfernen nicht mehr als ehemalige Christen anzusehen, auch wenn sie getauft sind, auch nicht als abtrünnige Nicht-mehr-Christen, sondern vielleicht als Noch-nicht-Christen, in jedem Fall aber als Menschen, deren Leben Fragen an die Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit der Christinnen und Christen stellt.

 

Literatur:

A. Dubach, R. J. Campiche (Hrsg.), Jede(r) ein Sonderfall? Religion in der Schweiz. Zürich und Basel, 1993.

M. Krüggeler, F. Stolz (Hrsg.), Ein jedes Herz in seiner Sprache, Religiöse Individualisierung als Herausforderung für die Kirchen. Zürich und Basel, 1996.

Ökumenische Basler Kirchenstudie 1998. Amt für Information und Medien, Postfach, 4001 Basel.

 

* Der Theologe Werner Kramer war lange Zeit Direktor des Evangelischen Lehrerseminars in Zürich und danach bis zu seiner Emeritierung Professor für praktische Theologie an der Universität Zürich.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 22.05.1999

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